«Was er getan hat, ist unter aller Sau»: Skreinig-Bruder äussert sich zur Circus-Royal-Misere

Der Circus Royal steht vor dem Aus, Zirkusdirektor Oliver Skreinig muss sich wegen Verstössen gegen das Ausländer- und Konkursrecht bald vor Gericht verantworten. Jetzt spricht erstmals Florian Skreinig, der Bruder des Direktors, öffentlich über die letzten Monate im Zirkus. Und er sagt: «Mein Bruder ist für mich gestorben.» Am Wochenende äusserte sich zudem Oliver Skreinig erstmals zu der Situation im Zirkus.

Luca Ghiselli und Dinah Hauser
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Oliver Skreinig, Direktor des Circus Royal, steht unter Beschuss. Die Thurgauer Staatsanwaltschaft hat ihn angeklagt, auch sein Bruder kritisiert ihn scharf.

Oliver Skreinig, Direktor des Circus Royal, steht unter Beschuss. Die Thurgauer Staatsanwaltschaft hat ihn angeklagt, auch sein Bruder kritisiert ihn scharf.

Bild: Walter Bieri/Keystone, (11. Juli 2018)

Was bisher geschah:

  • Mitte Dezember machte diese Zeitung publik, dass Circus-Royal-Direktor Oliver Skreinig in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwunden war. Später heuerte er im Main-Tauber-Weihnachtszirkus als Ringmaster an.
  • Artisten klagen, sie seien von Skreinig gar nicht oder nur teilweise entlöhnt worden. Die Rede ist von Gagenrückständen von bis zu fünf Monaten.
  • Die Angestellten erzählen von der Ausbeutung von Arbeitskräften, von Misswirtschaft und Überforderung der Zirkusdirektion. Einige hätte die Toiletten putzen oder an der Bar arbeiten müssen.
  • Mehrmals beschäftigte der Zirkus ausländische Staatsbürger ohne Arbeitsbewilligung.
  • Die Staatsanwaltschaft Thurgau hat beim Bezirksgericht Kreuzlingen gegen den Direktor des Circus Royal Anklage erhoben. Es geht um Verstösse gegen das Ausländerrecht sowie Betreibungs- und Konkursdelikte.
  • Derweil werden einige Zirkustiere in Roggwil BE zum Verkauf angeboten. Der Berner Veterinärdienst kennt die Situation vor Ort und sucht nach Lösungen für die Tierhaltung.

Eigentlich wurde Florian Skreinig zum Circus Royal zurückgeholt, um das Büro zu machen. Irgendwann war er aber nicht viel mehr als menschlicher Puffer zwischen der Zirkusdirektion, an deren Spitze sein Bruder stand, und den wütenden Artisten, die auf ihren Lohn warteten. «Irgendwann habe ich gesagt: Wir verarschen die Leute, ich mache das nicht mehr mit.»

Angefangen habe das bereits im Frühjahr: Anfang April habe die Berner Kantonspolizei auf einem Rastplatz der A1 an der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Aargau drei Moldawier festgenommen, die beim Auf- und Abbau des Zirkuszelts halfen. Wie jene Landsmänner, die wenige Monate später in Kreuzlingen festgenommen wurden, verfügten auch sie über keine Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung. Die Berner und Aargauer Kantonspolizeien bestätigen den gemeinsamen Einsatz auf Anfrage.

Immer, wenn Florian Skreinig kurz vor dem Aussteigen war, kamen Ausreden, sagt Skreinig. «Wir haben einen Plan B», «wir kümmern uns darum», «mach dir keine Sorgen», habe es jeweils geheissen – auch von seinem Bruder. Wirklich geglaubt hat Florian Skreinig das zwar nicht, aber geblieben ist er trotzdem, bis zum bitteren Ende. Bis zu jener Novembernacht in Vorarlberg, in der sich sein Bruder ohne Vorankündigung aus dem Staub gemacht hat. Gesehen hat er ihn seither nicht mehr.

Oliver Skreinig liess Ultimatum verstreichen

«Ich habe ihm nur geschrieben, dass er in einer Seifenblase lebt, aufwachen müsse. Und ich habe ihm geschrieben, dass er für seine Fehler geradestehen müsse.» Auch darauf wartet Florian Skreinig bis heute – genau wie auf seinen Lohn. Er habe seinem Bruder ein Ultimatum gestellt: «Er sollte einen Vertrag unterschreiben, der besagt, dass er seine Schulden zurückzahlen soll. Was dann übrig bleibt, wird aufgeteilt.» Oliver Skreinig hat das Ultimatum verstreichen lassen.

Ansonsten decken sich Skreinigs Aussagen mit denen anderer Artisten und Zirkusmitarbeiter, die in dieser Zeitung bereits zu Wort kamen. Man habe die Mitarbeiter vertröstet, die Infrastruktur sei in einem schlechten Zustand gewesen, das Loch in der Kasse immer grösser geworden. Auch das Handgemenge in Samedan, das im August 2019 zu einem Polizeieinsatz führte, bestätigt der Bruder des Zirkusdirektors, der im Alter von 19 Jahren bereits zum Circus Royal kam, ihn später wieder verliess, um vor drei Jahren wieder anzuheuern.

«Er hat den Namen unserer Familie kaputtgemacht»

Sein Verhältnis zu seinem Bruder sei bis zur Spielzeit 2019 und dem unrühmlichen Ende «sehr gut» gewesen.

«Jetzt ist er für mich gestorben.»

Zu viel sei vorgefallen, um die Beziehung zu ihm wieder aufzubauen. «Er hat den Namen unserer Familie kaputtgemacht.» Fast noch schlimmer sei, dass er dem 2018 verstorbenen ehemaligen Royal-Direktor Peter Gasser das Ganze in die Schuhe schieben wollte. «Das ist unter aller Sau.» Wo sich Oliver Skreinig aufhält, weiss auch sein Bruder nicht.

Noch am letzten Tag vor dem grossen Eklat in Dornbirn habe er einen Käufer für die Kamele gefunden, sagt Florian Skreinig. 30'000 Franken hätte er gezahlt. Rechnet man die Erlöse aus den Verkäufen von Infrastruktur wie Zugfahrzeugen und Wohnwagen zusammen, hätte man damit die Angestellten bezahlen können. Doch der Verkauf wurde verhindert: Ein Teil der Tiere wurde laut gut unterrichteten Quellen vom Berner Veterinäramt abtransportiert, die Zirkusinfrastruktur ist in der ganzen Schweiz verteilt – unter anderem in Bad Ragaz und St.Fiden.

Dass sein Bruder, der noch vor Weihnachten von der Thurgauer Staatsanwaltschaft angeklagt wurde, unter diesen Umständen noch einmal einen Versuch unternehmen wird, den Zirkus neu zu lancieren, kann sich Florian Skreinig nicht vorstellen.

«Ich wüsste nicht wie. Der Ruf des Zirkus war bereits vor dem desaströsen Ende der Saison 2019 ruiniert.»

Florian Skreinig selbst hofft, dass die geprellten Zirkusmitarbeiter doch noch zu ihrem Geld kommen – vielleicht sogar über ein Crowdfunding-Projekt.

Gerüchte um neuen Zirkus

Ein Insider, der ebenfalls während vieler Jahre im Zirkus engagiert war und aus Angst vor Repressionen anonym bleiben will, hält es zumindest für möglich, dass Skreinig nach dem Konkurs 2018 und dem anschliessenden Neustart nochmals einen Versuch wagt. Es sei nicht auszuschliessen, dass er den Trick mit der Überschreibung der Schulden noch einmal probiere, sagt der Mann. Und: Es sei himmeltraurig, was vorgefallen sei.

«Der wirtschaftliche Schaden ist enorm.»

Man müsse Skreinig das Handwerk legen, ist der Insider überzeugt. Dass dieser von den Schulden nichts gewusst habe, sei ausgeschlossen. Skreinig habe nicht nur davon gewusst, er habe die finanzielle Schieflage aktiv versucht zu vertuschen. Dass er die Verantwortung dann dem verstorbenen Peter Gasser zugeschoben habe, sei eine «Sauerei». Dessen Name müsse reingewaschen werden – im Gegenteil zu jenem Skreinigs.

Ihm persönlich seien beispielsweise die Sozialleistungen und Versicherungsbeiträge nicht bezahlt worden, mehrmals sei das Telefon abgestellt worden, weil Rechnungen nicht bezahlt worden seien. Und die Infrastruktur sei marode. Der ehemalige Zirkus-Mitarbeiter sagt: «Wer mit diesen Transportwägen auf die Strasse geht, ist lebensmüde.»

Oliver Skreinig erklärt sich

Wie Skreinig gegenüber dem Blick sagt, habe er gegen Ende des Jahres 2019 einen Nervenzusammenbruch erlitten und sei seither in psychologischer Behandlung. Er habe sich mit Schlaftabletten versucht das Leben zu nehmen, sei aber gefunden worden und habe überlebt. Ihm gehe der Zerfall seines Zirkus nahe – doch er sehe Licht am Ende des Tunnels. Einige seiner Mitarbeiter haben sich laut Skreinig bereit erklärt, weiterhin freiwillig für ihn zu arbeiten. Skreinig nehme Hilfe in Anspruch: «Ich weiss, dass ich den Zirkus alleine nicht mehr stemmen kann.» In spätestens drei Wochen soll klar sein, ob der Circus Royal verkauft werde oder ob mit einem neuen Partner ein verjüngtes Konzept erarbeitet werde.

Oliver Skreinig war für eine Stellungnahme für das Tagblatt nicht erreichbar. Etliche Versuche, ihn mit den Vorwürfen zu konfrontieren, blieben erfolglos.

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