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Wegen ihm sprach man in St.Gallen auch vom «Kanton Baumgartner»

Am 12. Juli jährt sich zum 150. Mal der Todestag von Gall Jakob Baumgartner, dem einzigartigen St. Galler Politiker.
Meinrad Gschwend
Verehrt und verachtet: Regierungsrat und Ständerat Gall Jakob Baumgartner (1797-1869).

Verehrt und verachtet: Regierungsrat und Ständerat Gall Jakob Baumgartner (1797-1869).

Gall Jakob Baumgartner (1797–1869) war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der prägendsten Gestalten der St. Galler Politik. Es wurde sogar vom «Kanton Baumgartner» gesprochen. Seine Biografie widerspiegelt einerseits die Zerrissenheit des jungen Staatsgebildes und anderseits die grossen Gräben zwischen den beiden politischen Lagern. Baumgartner, der am heutigen 12. Juli vor 150 Jahren gestorben ist, prägte den Kanton in den schwierigen 1830er- und 1840er-Jahren. Zu einer besonderen Persönlichkeit macht ihn auch sein Parteiwechsel. Als Leader der Liberal-Radikalen stieg er rasch die politische Leiter hoch.

Dann erfolgte ein abrupter Bruch, Baumgartner wechselte zu den Konservativen. Und wieder stand er an der Spitze der Partei.

Baumgartner polarisierte wie wenige andere Politiker dieser Zeit. Er wurde verehrt und verachtet. 45 Jahre gehörte er dem Kantonsrat an. Dreimal, jeweils mit mehrjährigen Unterbrüchen, war er Regierungsrat. In den letzten Jahren seiner politischen Laufbahn vertrat er St. Gallen im Ständerat.

Als Student im Gefängnis radikalisiert

Schon sein Werdegang ist speziell: In Altstätten als Sohn eines Schneiders aufgewachsen, entschied er sich für ein Jus-Studium. In Wien, wo der eisige Wind der Restauration wehte, verbrachte er als Student ein knappes Jahr im Gefängnis. Die Erfahrung von Rechtswillkür bestärkte ihn in der Haltung, die ­liberalen Ideale von Recht und Freiheit zur politischen Maxime zu machen. 1820 trat er in den St. Gallischen Staatsdienst ein, wurde Archivar und Regierungssekretär und bald darauf Erster Staatsschreiber.

1828 sorgte er für Aufsehen, indem er die bis dahin geheimgehaltene Staatsrechnung in der «Neuen Zürcher Zeitung» publizierte.

Er berichtete auch über die parlamentarischen Verhandlungen. Wirkungsvoll war vor allem seine Flugschrift «Wünsche und Anregungen eines st. gallischen Bürgers für Verbesse­rungen der Staatseinrichtungen dieses Kantons in 47 Punkten».

Damit initiierte er 1830 die Verfassungsdiskussion.

Als Hauptziele bezeichnete er die Volkswahl des Kantonsrates, die Öffentlichkeit der Verhandlungen und die Unterstellung der Konfessionen unter die Staatsgewalt. Nach Annahme der Verfassung wurde Baumgartner 1831 in den neuen Kantonsrat und von diesem in den Kleinen Rat (Regierung) gewählt. Baumgartner verschafft sich – wie im Historischen Lexikon festgehalten wird – «dank seiner diplomatischen Gewandtheit, Schreib- und Debattierkunst eine beherrschende Stellung in Regierung und Parlament».

Wechsel nach Aargauer Klosterstreit

Er ordnete die Staatstätigkeit durch gesetzgeberische Arbeit und reorganisierte die Verwaltung. Mit der Anstellung ausgebildeter Ingenieure trieb er den Ausbau des Strassennetzes und der Korrektion des Rheins voran.

Bereits 1837 beschäftigte sich Baumgartner mit Plänen für ein Eisenbahnnetz in europäischen Dimensionen.

Von 1831 bis 1841 galt Baumgartner als unbestrittener Führer der liberalen Partei. Wegen der zunehmend radikaleren Kirchenpolitik kam es zu einer Entfremdung zwischen Baumgartner und der liberalen Bewegung. Mit der Eskalation des Aargauer Klosterstreites kam es zum endgültigen Bruch. Er wechselte – religiös motiviert – ins Lager der Konservativen. 1841 trat er aus der Regierung zurück. 1843 konnte Baumgartner erneut in die Kantonsregierung zurückkehren und stieg nun zu einem der führenden Köpfe der konservativen Bewegung in der Schweiz auf.

Er vertrat die Positionen des Sonderbundes, weshalb er 1847 aus der Regierung zurücktrat und zeitweilig die Schweiz verliess. Im Frühjahr 1848 kehrte er zurück und nahm seinen Sitz im Kantonsrat wieder ein. Er lebte nun bescheiden vom Journalismus.

1857 startete er seine dritte politische Karriere als Ständerat.

Schliesslich wurde er 1859 zum dritten Mal und für weitere fünf Jahre in die Kantonsregierung gewählt. Als Verfassungsrat versuchte er erfolglos eine katholisch-konservative Revision der Kantonsverfassung durchzusetzen.

Zeichen der Erinnerung noch in Altstätten

«Baumgartner gehört neben Karl Müller-Friedberg zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Kantons», hielt Silvio Bucher 2004 im Buch «Rheintaler Köpfe» fest.

«Nachdem Karl Müller-Friedberg den äusseren, territorialen Bestand des jungen Kantons St. Gallen gesichert hatte, gelang es Baumgartner, den jungen Kanton auch innerlich zu einem lebensfähigen, politischen Organismus zu gestalten.»

Der breiten Bevölkerung ist Gall Jakob Baumgartner kaum noch ein Begriff. In Altstätten wird die Erinnerung wachgehalten, indem der Nachfolgebau seines Geburtshauses beschriftet ist, aber auch mit einer «Gall Jakob Baumgartner-Strasse» und indem sein Grabstein im Keller des Museums aufbewahrt wird.

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