Abschied
«Ich hatte den besten Job der Welt»: Der langjährige Sirnacher Revierförster Claude Engeler ist im Ruhestand

40 Jahre amtete Claude Engeler aus Balterswil als Revierförster. Ende Juli wurde er vom Vorstand des Forstreviers Sirnach geehrt und in den Ruhestand verabschiedet. Wir blicken mit ihm auf vier Jahrzehnte Arbeit im Wald zurück.

Jörg Rothweiler Jetzt kommentieren
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Kurt Baumann, Gemeindepräsident von Sirnach (rechts), überreichte Claude Engeler im Namen der fünf Gemeinden des Forstreviers zum Abschied ein Bäumchen sowie mehrere Reisegutscheine.

Kurt Baumann, Gemeindepräsident von Sirnach (rechts), überreichte Claude Engeler im Namen der fünf Gemeinden des Forstreviers zum Abschied ein Bäumchen sowie mehrere Reisegutscheine.

Bild: Jörg Rothweiler

Am 2. August 1982 wäre der erste Arbeitstag von Claude Engeler als Revierförster gewesen – eigentlich. Doch der Start in das Amt, das er 40 Jahre lang mit Leidenschaft und viel Erfolg ausübte, verlief anders als geplant. «Aufgrund eines perforierten Blinddarms konnte ich erst mit zwei Wochen Verspätung loslegen», erinnert sich Claude Engeler. «Dafür gelang mir der Einsteig dann umso besser.»

Der Grund: Mit dem Meliorationsprogramm erlangte das zuvor stark diversifizierte, nur wenig strukturierte Forstwesen der Region eine stabile Basis. «Mit der Walderschliessung, der Definition eindeutiger Grenzen sowie der Erarbeitung klarer Pläne und Zielsetzungen wurden zentrale Grundlagen für eine zielgerichtete, nachhaltige und effektive Waldbewirtschaftung geschaffen», sagt Claude Engeler.

Für ihn wichtig in dieser Phase – und das zentrale Element seiner 40 Jahre währenden Tätigkeit – war die Wissensvermittlung. «Wer andere von seinen Konzepten überzeugen will, muss zuallererst Aufklärungsarbeit leisten. Denn aus Wissen erwächst Verständnis – und dieses ist die Basis für Motivation und zielgerichtete Veränderung, welche nur gemeinsam gelingen kann», betont Claude Engeler.

Die Vermittlung von Fachwissen an die Waldbesitzer, seine Mitarbeitenden, Kinder, die breite Öffentlichkeit sowie natürlich Fachpersonen – wie hier beim Kurs «Motorsägeneinsatz für Feuerwehren» anno 2019 in Sirnach – war Revierförster Claude Engeler stets ein grosses Anliegen.

Die Vermittlung von Fachwissen an die Waldbesitzer, seine Mitarbeitenden, Kinder, die breite Öffentlichkeit sowie natürlich Fachpersonen – wie hier beim Kurs «Motorsägeneinsatz für Feuerwehren» anno 2019 in Sirnach – war Revierförster Claude Engeler stets ein grosses Anliegen.

Bild: Jörg Rothweiler

Entsprechend engagierte er sich stark in der Zusammenarbeit mit den Waldbesitzern, gab sein Fachwissen an diese weiter, schulte seine Mitarbeitenden und weibelte unermüdlich für innovative Konzepte bei der Pflege und Bewirtschaftung der Wälder. «Ich engagierte mich mehr als 25 Jahre im Rahmen der überbetrieblichen Kurse für den Nachwuchs. Zudem gab ich als Sicherheitsfachmann EKAS und Auditor der Branche in Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz Fachwissen, Tipps und Tricks in der Holzhauerei und der Forstwirtschaft weiter», erklärt Claude Engeler, der im Juni 2008 die Claude Engeler Holzerkurse GmbH gründete, ein heute landesweit bekanntes und geschätztes Kompetenzzentrum für die forstliche Ausbildung. Dieses wird übrigens, verrät er, ab kommendem Jahr vom Kanton weitergeführt.

Claude Engeler gewann zahlreiche Titel im Holzen, unter anderem den WM-Titel im Präzisionsschnitt.

Claude Engeler gewann zahlreiche Titel im Holzen, unter anderem den WM-Titel im Präzisionsschnitt.

Bild: PD

Was Claude Engeler bei der Etablierung fundiert konzipierter und anerkannter Aus- und Weiterbildungskonzepte half, waren nicht zuletzt seine persönlichen Erfolge als Berufssportler. Claude Engeler ist mehrfacher Schweizermeister, war nordischer Meister und Weltmeister, und leitete – von 2000 bis 2020 – das STIHL Schweiz Werksteam, das unter anderem sieben Junioren-Weltmeister hervorbrachte.

Weltmeisterlich gut im Holzen

Von 1987 bis 1999 startete Claude Engeler an gesamthaft fünf Berufs-Weltmeisterschaften sowie diversen nationalen und internationalen Waldarbeiter-Wettbewerben. Seine Bilanz: Mehrfacher Schweizermeister, Weltmeistertitel im Präzisionsschnitt 1997 und Gewinn der nordischen Meisterschaft im Zielfällen anno 1996. Von Januar 2000 bis ins Jahr 2020 amtete er zudem als Leiter des auf seine Initiative hin gegründete STIHL Schweiz Werksteams – und eroberte mit diesem bei der WM 2000 in Norwegen auf Anhieb Gold und Bronze. Am Ende kamen 14 Gold-, 11 Silber- und 10 Bronzemedaillen, zahlreiche Schweizermeister-
Titel sowie der Weltrekord im Kombinationsschnitt, erzielt vom Basler Revierförster Balz Recher bei der Berufs-WM 2016 in Wizla (Polen), zusammen.

«Für mich war es sehr interessant, zu beobachten, wie meine Mitarbeitenden, die Waldbesitzer und der Berufsnachwuchs auf meine Prinzipien und Ideen zuerst oft zurückhaltend, dann mit Verständnis und später mit Überzeugung reagierten», erklärt Claude Engeler. «Unter meiner Philosophie von ‹Weniger ist mehr› konnten sich viele meist erst dann etwas vorstellen, wenn ich ihnen im Wald, vor Ort, zeigte, wie viel einfacher alles wird, wenn man nur das Richtige zur rechten Zeit tut.»

Nicht anders erging es Daniel Böhi, seit 2010 Kantonsforstingenieur des Kantons Thurgau und zuvor, ab November 2005, als Kreisforstingenieur des Forstkreises 1 Claude Engelers direkter Vorgesetzter. Dieser erklärte während der offiziellen Verabschiedung von Claude Engeler am 29. Juli: «Kaum hatte ich mein Amt als Kreisforstingenieur angetreten, nahm mich Claude, dem sein Ruf als Holzer-Weltmeister voraus­eilte, mit in den Wald – und zeigte mir, wie man mit dem Inhalt eines einzigen Kettensägentanks ein Waldstück so verjüngt und pflegt, dass in diesem die nächsten zehn Jahre de facto nichts mehr getan werden muss.»

Das, so Böhi, habe ihn mindestens ebenso beeindruckt wie Claude Engelers Wille zur steten Innovation und persönlichen Weiterbildung. «Claude Engeler hat sich – bis hin zur Jagdausbildung und der Pacht eines Jagdreviers für die Dauer von acht Jahren – in alle relevanten Themen intensiv eingearbeitet. So gelang es ihm, die Sicht Dritter zu verstehen und diesen auf Augenhöhe zu begegnen. Entsprechend wurde er von allen Parteien geschätzt – und respektiert.»

Heute präsentiert sich das Forstrevier Sirnach in bester Verfassung – und geniesst den Ruf eines «Vorzeigereviers» – im Kanton und über dessen Grenzen hinaus. «Im kantonalen Vergleich nimmt das Forstrevier Sirnach einen Podestplatz hinsichtlich Artenvielfalt und Biodiversität ein», erklärt Claude Engeler.

Dafür sorgten, so der Revierförster, zahlreiche in Abstimmung mit dem Kanton, aber auch den Waldbesitzern, getätigte Massnahmen. «Mit Habitatsbäumen, Altholzinseln und Waldreservaten, die dank Verträgen mit den Waldbesitzern während bis zu 50 Jahren nicht mehr als unabdingbar nötig bewirtschaftet werden, haben wir eindeutig messbare Veränderungen zum Besseren erreicht», sagt Claude Engeler.

Was ihn dabei besonders freut: Musste er in früheren Jahren seinen Mitarbeitern jeweils einschärfen, welchen Baum sie beim Aufräumen eines Waldareals bitte stehenlassen sollen, erkennen diese heute selbst, welcher Baum sich als «Paritätspflanze» eignet – und vermeiden es, diesen einfach zu fällen.

Claude Engeler erklärt dazu: «Paritätsbäume, die wir stehen und dem natürlichen Lauf der Dinge überlassen, sind die Eiweissspeicher des Waldes.» Dies, weil auch das sogenannte «Tot­holz» lebt, wie er betont. «Selbst wenn ein Baum stirbt, sein Holz sich zersetzt, bildet ein Paritätsbaum über viele Jahre hinweg einen Hort der Artenvielfalt, an dem sich Insekten wie Spinnen, Milben, Tausendfüssler, Käfer und Maden ansiedeln, welche ihrerseits die Nahrungsgrundlage von Vögeln, Fledermäusen und anderen Tieren bilden.»

Enrico Netzer aus Savognin (links) wurde mit Claude Engeler als Teamleiter 2017 Europameister der Forststudenten, 2018 U24-Weltmeister bei der Holzhauerei-WM im norwegischen Lillehammer und 2019 Schweizermeister in Luzern.

Enrico Netzer aus Savognin (links) wurde mit Claude Engeler als Teamleiter 2017 Europameister der Forststudenten, 2018 U24-Weltmeister bei der Holzhauerei-WM im norwegischen Lillehammer und 2019 Schweizermeister in Luzern.

Bild: PD

Aus diesem und vielen anderen Gründen setzte sich Claude Engeler während seiner gesamten Berufslaufbahn dafür ein, nicht nur in der Natur, sondern vor allem mit der Natur zu arbeiten. Daran habe sich nie etwas geändert, auch wenn sich das von ihm stets erhoffte Verständnis nur sehr langsam, bisweilen gar zögerlich etabliert habe, wie er mit Bedauern eingestehen muss: «Rückblickend auf 40 Jahre Arbeit muss ich sagen, dass sich so manches nicht im von mir erhofften und angestrebten Tempo verändert hat. Natürlich haben wir in unserem Revier grosse Fortschritte erreicht – und der Erfolg gibt uns Recht. Doch ich war all die Jahre immer auch ein Einzelkämpfer.»

Seine Hoffnung ruht entsprechend auf den nachfolgenden Generationen – weshalb er sich stets in der Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit engagierte. Er organisierte 2000 und 2021 die beiden legendären Köhlerfeste auf dem Hackenberg und der Hochwacht – und sensibilisierte unzählige Schulklassen in Exkursionen für die Schönheit und den Erhalt der Natur des Waldes.

Für die Zukunft vertraut er auf die frische Energie seines Nachfolgers, dem 29 Jahre jungen Ramon Ritter, den er die vergangenen drei Monate in die Geheimnisse des Forstreviers Sirnach einweihte. «Ich kann Ramon ein in seiner Art einzigartiges Forst­revier übergeben», sagt Claude Engeler. «Wir können dank den zwei grössten Sägereien des Kantons unser gesamtes Holz im eigenen Revier absetzen, wobei die Nachfrage das Angebot übersteigt. Die Wälder sind gesund und stabil, der Spirit der Waldbesitzer ist hervorragend, die Zusammenarbeit klappt bestens. Alles zusammengenommen verfügt das Revier über eine stabile Basis für eine gute Zukunft.»

Judith und Claude Engeler können künftig auf diesem «Ruhestandsbänkli» das Leben geniessen.

Judith und Claude Engeler können künftig auf diesem «Ruhestandsbänkli» das Leben geniessen.

Bild: Jörg Rothweiler
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