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Spritzen statt niesen: Allergiker finden in der Hyposensibilisierung das Ende ihres Leidens

Der Frühling steht vor der Tür und schon leiden Allergiker unter den Pollen. Um den Beschwerden zu entweichen, unterziehen sich immer mehr einer Hyposensibilisierung. Eine Methode, die anschlägt, wie ein Dermatologe aus Wil erklärt.
Nicola Ryser
Ja dann «Gesundheit»: Je wärmer das Wetter wird, umso mehr müssen Allergiker wegen der Pollen zum Taschentuch greifen. Viele wollen deswegen die Ursache ihrer Beschwerden bekämpfen. Bild:PD

Ja dann «Gesundheit»: Je wärmer das Wetter wird, umso mehr müssen Allergiker wegen der Pollen zum Taschentuch greifen. Viele wollen deswegen die Ursache ihrer Beschwerden bekämpfen. Bild:PD

Es kommt Farbe in die teils noch monotone Winterlandschaft. Das Braun der Wiesen verwandelt sich langsam in ein sattes Grün, Blumen durchstossen die Erde, und Bäume, keineswegs mehr so kahl wie zur Weihnachtszeit, tragen Sprossen auf ihren Astspitzen. Es entsteht die alljährliche Ambivalenz: Während vielen Menschen das wärmer werdende Wetter zusagt, beginnen Allergiker unter der blühenden Natur zu leiden. Aktuell fliegen Hasel- und Erlenpollen durch die Luft, bald kommen Birke und Esche hinzu und Anfang Mai ist die Hauptsaison von Gräsern. Die Folge: brennende Augen, triefende Nasen und teils schwere Atemprobleme. Die klassischen Leiden des Allergikers.

In der Regel hilft bei solchen Problemen nur die Symptombekämpfung mit Hilfe der Einnahme eines Antiallergikums. Doch immer mehr Allergiker haben genug von den Beschwerden, die jährlich von neuem auftauchen, und wählen den Weg, die Ursache zu kurieren. Diese Behandlung heisst Hyposensibilisierung, vor Jahren noch Desensibilisierung genannt. Eine Immuntherapie, die im Prinzip simpel ist. Dem Patienten wird der Stoff, auf den er oder sie allergisch ist, unter die Haut gespritzt oder als Medikament verabreicht. Das Immunsystem muss sich folglich mit dem Allergen auseinandersetzen. Die Dosierung wird langsam gesteigert, sodass der Körper eine Toleranz entwickelt und dadurch weitere allergische Reaktionen verhindert werden können.

Voruntersuchung entscheidet, ob eine Behandlung sinnvoll ist

Der Dermatologe Marcel Müller, der seit 2013 in Wil praktiziert, behandelt zurzeit knapp 35 Patienten mit der Hyposensibilisierung. In den letzten Jahren sei diese Zahl leicht angestiegen. Das habe seinen Grund: «Die Behandlung schlägt an, das spricht sich herum.» Jedoch bedarf es einer sorgfältigen Voruntersuchung, bevor sich Menschen mit Heuschnupfen überhaupt einer Hyposensibilisierung unterziehen können.

«Die Anamnese, also die genaue Erörterung, in welchem Monat welche Beschwerden auftreten, ist besonders wichtig.»

Auch wird die Allergie mit dem Pricktest genauer untersucht und klar bestimmt. Hierfür werden Tropfen von verschiedenen Substanzen, beispielsweise Gräserpollen, auf den Arm getupft. Dann wird dort mit einer sehr feinen Nadel in die Haut gestochen, so dass eine allergische Reaktion entstehen kann. Daraufhin sollte man mit einer Laboruntersuchung mögliche Kreuzallergien ausschliessen. «Erst wenn in der Voruntersuchung alle Komponenten der Diagnostik stimmen, hat man mit der Hyposensibilisierung sehr gute Erfolgsaussichten.»

Erfolg ist abhängig davon, wie lange man die Symptome hatte

Durch die Hyposensibilisierung können in der Schweiz die meisten Pollen- wie auch Milbenallergien behandelt werden. Müller betont jedoch, dass die Behandlung sehr zeitintensiv sei. Die Patienten müssen sich die Frage stellen: sublinguale (Medikament) oder subkutane (Spritze) Behandlung? Vom wissenschaftlichen Standpunkt her sind laut Müller beide Varianten gleich erfolgreich, jedoch ist der Aufwand unterschiedlich gross. Während man das Medikament über längere Zeit einnehmen beziehungsweise unter der Zunge zergehen lassen muss, kann man bei der Spritze wählen, ob einmal alle vier Wochen über zwölf Monate verteilt oder einmal im Jahr sieben- bis achtmal innerhalb einer Woche behandelt wird. Auch hier sieht Müller eine Tendenz:

«Die Leute wollen es lieber innerhalb einer Woche durchziehen und ihren Körper so auf die Blütezeit vorbereiten.»

Heisst: Hasel- oder Erlenallergiker, die schon zu Jahresbeginn am stärksten leiden, müssen spätestens im Dezember mit der Hyposensibilisierung beginnen. «Für Patienten gestaltet sich dadurch die Terminplanung einfacher. Ganzjährig kann das Medikament oder die Spritze schnell mal vergessen gehen. Und dann muss man schlimmstenfalls nochmals von vorne beginnen.»

Die Behandlung dauert bei allen Methoden in der Regel drei Jahre. Und die Erfolgsquote ist hoch. Schweizweit spricht man von bis zu 90 Prozent aller Behandelten, die nach einer Hyposensibilisierung kaum oder keine allergischen Beschwerden mehr verspüren. Und auch bei Marcel Müller sind alle Patienten zufrieden. Doch er warnt: «Die Erfolgsquote ist abhängig davon, wie lange man die allergischen Symptome vor der Behandlung schon hatte. Ein 35-Jähriger, der seit 20 Jahren mit Heuschnupfen kämpft, besitzt weniger gute Chancen wie ein 50-Jähriger, der seine Allergie erst seit fünf Jahren hat.» Vor allem bei Kindern sei die Behandlung bei neuentstandenen Allergien darum äusserst sinnvoll.

Und die Nebenwirkungen? Müller hat bisher keine negativen Erfahrungen gemacht:

«Es ist sogar gut, dass nach einer Spritze Schwellungen oder Ausschläge entstehen. Das zeigt, dass der Körper reagiert und so einen Schutz aufbaut.»

Trotzdem sei man – vor allem bei den ersten Behandlungen – vorsichtig und behalte die Patienten nach dem Verabreichen der Spritze oder der Einnahme des Medikaments grundsätzlich noch eine halbe Stunde in der Praxis. «So können wir im Falle eines allergischen Schocks schnell reagieren.» Das sei aber bisher noch nie passiert.

Sorgt veränderndes Klima bald für Terminverschiebungen?

Und so, dank hoher Erfolgsquote, wenigen Nebenwirkungen und effizienter Behandlung, sieht Müller der Zukunft der Hyposensibilisierung positiv entgegen. «Natürlich wird weiter geforscht und versucht, die Behandlung noch erträglicher zu machen, vor allem bei der medikamentösen Variante. Doch momentan können Allergiker so die Ursache ihres Leidens am besten bekämpfen.»

Interessant könnte der Einfluss des Klimas werden, denn bei den aktuell langen Sommern und eher kurzen Wintern müsste man wohl früher oder später den Behandlungszeitpunkt verschieben. Sprich: «Wenn man wegen der Haselblüten nicht schon im Januar niesen will, sollte man bereits im November die Spritze über sich ergehen lassen.»

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