90. GEBURTSTAG: Walter Roderer: «Ich wäre bereit für Exit»

Am 3. Juli feiert Walter Roderer seinen 90. Geburtstag. Im Interview blickt der Zürcher Volksschauspieler auf sein bewegtes Leben zurück, spricht über seinen Alltag, den Tod und über die Liebe zu dem Menschen, der ihm am nahesten ist.

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Walter Roderer auf der Terrasse seines Gartens in Illnau. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Walter Roderer auf der Terrasse seines Gartens in Illnau. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Wie geht es Ihnen kurz vor Ihrem runden Geburtstag
Walter Roderer: Es geht mir gut, sehr gut sogar, danke! Ich fühle mich rundum wohl und gesund, auch mein Herz, das schon drei Infarkte erlitt, tut seinen Dienst ausgezeichnet. Einzig auf den Beinen bin ich etwas schwach geworden. Aber ich kann mich überhaupt nicht beklagen.

Brauchen Sie Unterstützung?
Roderer: Ja, hier in meinem Landhaus in Illnau, dessen Pläne ich vor 35 Jahren selber gezeichnet habe und das ich übrigens zuerst im Tessin bauen lassen wollte, bin ich seit zwei Jahren auf eine Haushaltshilfe, die unten in einer Zweieinhalbzimmer-Wohnung lebt, angewiesen.

Wie gestaltet Walter Roderer heute seinen Alltag
Roderer: Vor neun Uhr stehe ich nicht auf, gehe aber auch nicht vor ein Uhr ins Bett. Zuerst geniesse ich in aller Ruhe ein reichhaltiges, immer etwas verschieden zusammen gesetztes Frühstück. Schön langsam essen, das ist ja gesund. Meistens esse ich dann erst am Abend wieder. Am morgen und über den Mittag gehe ich in der Regel runter ins Dorf, lese Zeitungen, hole die Post im Fach, gehe einkaufen und treffe sehr oft am Nachmittag Leute zu einem gemütlichen Schwatz. Am Abend besuche ich ab und zu Veranstaltungen oder schaue Fernsehen.

Was schauen sie denn?
Roderer (lacht): Am liebsten Fussball, da komme ich jetzt ja nicht zu kurz. Schliesslich ist Fussball etwas vom Telegensten, das es überhaupt gibt. Bayern München und St. Gallen sind meine Lieblingsvereine. Dann schaue ich aber auch gerne spannende Krimis und gute Spielfilme. Oder ertappe mich dabei, wie ich bei einem alten Film von mir, den ich lange nicht gesehen habe, über mich selber lache?

Wer bringt Sie zum Lachen am Fernsehen?
Roderer: Es sind jene Künstler, die fähig sind, ein abendfüllendes Programm zu bieten. Solche, die an jeder Pointe feilschen, diese sorgfältig aufbauen und auch auf das Tempo oder den Rhythmus eines Sketsches oder eines Schwankes achten. In Deutschland sind das für mich etwa Gerhard Polt oder Mathias Richling, in der Schweiz der unvergessliche Emil oder etwa Marco Rima, oder Erich Vock, der ein herausragender Komödiant ist.

Gibt es auch schlechte Beispiele für Sie?
Roderer: Namen will ich da keine nennen. Aber es ist schon so, dass es beim bestehenden Überangebot einfach sehr viele Komödianten gibt, die ihre Sache viel zu wenig ernst nehmen. Die arbeiten sehr unsorgfältig, stellen sich auf die Bühne, plaudern einander kreuz und quer drein und «versiechen» am Schluss noch die Pointe.

Gibt?s einen Stammtisch-Jass oder einen Verein, in den Sie mitmachen?
Roderer: Nein, das nicht. So etwas zu pflegen, dazu hatte ich nie Zeit, weil ich während meiner langen Bühnenzeit ja immer sehr, sehr spät nach Hause kam. Ich hätte mich zwar gerne engagiert, etwa in einer Baukommission, aber mein Stundenplan liess das eben nie zu. Auch heute noch pflege ich – ausser natürlich zu meinen Freunden – nur den Kontakt zu meinen unmittelbaren Nachbarn.

Haben sie sich denn nie alleine und einsam gefühlt?
Roderer: Ganz und gar nicht, es war und ist mir auch nie langweilig. Ich war und bin zwar oft alleine, aber einsam fühlte und fühle ich mich nie. Schauen Sie mal hier in meinen Terminkalender: Alles voll! Ich habe immer etwas zu tun und weiss mich auch sehr gut zu beschäftigen.

Sie haben zweimal Ihre Ehefrau durch den Tod verloren. Wie stark fehlt Ihnen eine Ehefrau im Leben?
Roderer: Ja, das ist sicher etwas, das mir fehlt. Es wäre sehr schön, wenn jemand, den ich gern habe, da wäre, wenn ich nach Hause komme. Das hatte ich in der Tat bei meinen beiden Ehefrauen Lenke und Ruth, zu denen ich ein wunderbar schönes und unvergessliches Verhältnis hatte.

Aber ganz alleine sind sie ja nicht?
Roderer: Ja, das ist meine 29-jährige Grossnichte Anina, die Tochter des Sohnes meiner verstorbenen Schwester. Vor sechs Jahren lernte ich Anina an der Beerdigung meiner zweiten Ehefrau Ruth kennen. Da ich ja selber nie Kinder hatte, ist sie jetzt für mich wie eine Tochter. Anina war Tänzerin mit Soloverpflichtung an der Berliner Staatsoper und lebt jetzt hier oder in Florenz, um ihr neu gelerntes Italienisch noch zu perfektionieren. Wir reisen viel miteinander durch die Welt und ich bin stolz, ihr all die schönen Plätze und all meine Lebenserfahrung mit auf den Weg zu geben.

Im Bildband über Ihres Leben schreiben sie über Anina: «Wir schätzen, wir lieben uns». Wie ist das gemeint?
Roderer: Ich weiss, das mag schwer verständlich oder gar anrüchig klingen. Es ist eine tiefe, platonische Liebe. Anina ist der einzige Mensch, den ich noch habe. Sie schaut zu mir, kümmert sich auch um all meine administrativen Dinge. Und ich bin dafür besorgt, dass sie keine Existenzängste hat, auch wenn ich einmal nicht mehr lebe.

Wohin führt Eure nächste Reise?
Roderer: Wir waren gerade in Venedig, einer meiner Lieblingsstädte. Auf dem Programm haben wir Paris – und Dubai. Aber diese Traumstadt ist etwas krisengeschüttelt, deshalb warten wir da lieber noch etwas ab.

Welches ist eigentlich Ihr Rezept, ein so schönes, hohes Alter zu erreichen?
Roderer: Das ist in erster Linie ein Glück und Gottes Segen. Selber kann ich ja nicht viel dazu tun. Ausser natürlich so gesund wie möglich zu leben. Ich kenne keine Exzesse, besaufe mich nicht und rauche auch nicht. Ich habe Gott zu danken, dass ich dieses Alter erreicht habe und würde mich über weitere zehn Jahre riesig freuen, jeden Tag neu. Und wenn ich auch kein Kirchgänger bin, so bin ich doch ein gläubiger Mensch, der an eine höhere Macht glaubt, die uns und die wunderbare Natur mit all ihrem Reichtum lenkt.

Würden Sie gerne auch nochmals auf der Bühne stehen?
Roderer (schmunzelt): Eigentlich schon, ja! Das stelle ich jeweils fest, wenn ich während einer Vorstellung im Publikum sitze. Da packt mich immer wieder das Bühnenfieber und oft möchte ich aufstehen, auf die Bühne gehen und selber eingreifen. Insofern bin ich ein schlechter Zuschauer und Zuhörer. Äusserlich lache ich kaum, aber innerlich verfolge ich das Ganze sehr Emotional, sehr kritisch auch. Und so habe ich jede Menge Spass.

Halten Sie sich oft in Ihrer Wohnung in Chur auf?
Roderer: Diese Wohnung, die als Alterswohnsitz angedacht war, habe ich eben verkauft, da ich mich ja nach wie vor hier in Illnau, wo ich am liebsten bis zu meinem Lebensende bleiben möchte, wohl fühle und auch gut betreut werde. Meine fünf Mietwohnungen, auch hier in Illnau, habe ich aber nach wie vor. Und mein grösster Luxus, mein Auto-Kindertraum, den dunkelgrünen Bentley-Klassiker, auch. Im Winter fahre ich immer noch meinen ebenfalls älteren Vierrad-Audi und bin stolz, gerade einen Sehtest erfolgreich bestanden zu haben.

Haben Sie noch Träume? Unerfüllte Träume?
Roderer: Nein, ausser meinen Reisezielen. Mein grösster Wunsch ist es, möglichst lange noch so gesund weiter leben darf wie jetzt. Nein, ich habe keine Unerfüllten Träume. Ich darf auf ein erfolgreiches, bewegtes Berufsleben zurück blicken und durfte zwei schöne, erfüllte Ehen erleben. Einzig der Kinderwunsch wurde mir nicht erfüllt.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Roderer: Ich mache mir schon Gedanken um den Tod. Aber Angst vor ihm habe ich nicht, höchstens vor dem Sterben, vor einem qualvollen Sterben etwa. Unter diesen grausamen Umständen muss ich sagen, wäre ich bereit, einen Becher von Exit zu trinken. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod und hoffe, dass ich alle meine lieben Leute irgendwo und irgendwann wieder treffen darf. Das wird vermutlich nicht in einer materiellen, sondern in einer geistigen Welt sein.

Sind Sie auch ein politischer Mensch?
Roderer: Ja, ich verfolge die Politik stark. Immer mit den Augen eines Menschen, der sein Land sehr gerne hat. Mir liegt die Schweiz sehr am Herzen, ich bin stolz auf sie. Es ist eine Gnade, Schweizerin und Schweizer sein zu dürfen. Meine politische Botschaft würde lauten: Haltet sorg zur Schweiz! Gebt euch nicht allzu global, seid dankbar für all das, was ihr in diesem schönen Land erreicht habt und verbaut die Schweiz nicht, «verbetonniert» sie nicht!

Was werden Sie denn machen, am 3. Juli 2010, Ihrem 90. Geburtstag?
Roderer: Ich werde mit rund 100 Freunden und Bekannten im zürcherischen Maur feiern. Wir werden eine Schiffsrundfahre auf dem herrlichen Greifensee machen und anschliessend das Fest im Restaurant «Schifflände» mit viel Unterhaltung und Attraktionen bis am Abend begehen. Ich freue mich jetzt schon riesig!

Glaubten Sie immer daran, dass das etwas wird mit der Schauspielerei? Auch damals, als Sie aus finanziellen Gründen in Zürich in einer Fabrik arbeiteten und von Haus zu Haus Bodenwichse verkauften?
Roderer: Ja, ich wusste einfach, dass ich es kann und habe damals alles, wirklich alles unternommen, um endlich einmal Fuss zu fassen in meinem Beruf. Klar war ich am Schauspielhaus in Zürich, aber durfte nur zwei, drei Sätze sprechen – für 30 Franken pro Abend bei ganz wenigen Vorstellungen im Monat, wenn überhaupt. Wie soll man sich so profilieren? Erst 1954, im Zürcher Central-Theater, konnte ich das dann tun, als ich eine tragende Rolle bekam und einen in seine Meisterin unglücklich verliebten Ladenjüngling spielen durfte. Das war für mich ein Fressen und ich musste nicht mehr sagen, ich wolle Pfarrer werden – nur weil es sich in St. Gallen nicht gehörte, zu sagen, man wolle Schauspieler werden?

Unter den vielen Charakteren, die Sie gespielt haben – gibt es da eine Lieblingsfigur?
Roderer: Das ist und bleibt der Mustergatte. Bei dieser Rolle wird mir heute immer mehr klar, warum ich so stark auf die Leute gewirkt habe: Es ist schlicht und einfach meine Ausstrahlung. Als Mustergatte stand ich genau 1288 Mal auf der Bühne. Und ich könnte ihn immer und immer wieder spielen, bis in alle Ewigkeit.

Und mit welchem Mitglied unserer Landesregierung würden Sie am liebsten einmal essen gehen?
Roderer: Da gäbe es einen, der regiert allerdings nicht mehr. Es ist alt Bundesrat Adolf Ogi, einer der besten, engagiertesten und volksnahsten Magistraten, den wir je hatten. Einmal mit ihm gemütlich essen zu gehen, doch, das wäre noch ein Geburtstagswunsch von mir.

Welchen Schauspieler bewundern Sie am meisten?
Roderer: Das war immer Harald Juhnke, für mich der Inbegriff eines kompletten Schauspielers. So wie der auf der Bühne sang, so hätte ich auch gerne gesungen. Schliesslich bin ich ein musikalischer Mensch, mag natürlich auch Frank Sinatra oder etwa Udo Jürgens, vor allem aber klassische Musik von Mozart, Beethoven oder Strauss.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das sie ganz anders machen würden?
Roderer: Eigentlich nicht, nein. Ich hatte zwar ganz zu Beginn meiner Karriere, zehn ganz schlimme Jahre, in denen ich ganz unten durch musste und sogar Selbstmordgedanken hatte. Rückblickend aber bin ich heute selbst auf diese Zeit stolz. Es ist ein Abschnitt, der zu meinem Leben gehört, auch diese Zeit hat mich geformt und geschult. Sie hat mir Bodenhaftung, Bescheidenheit und die Fähigkeit, Dinge auch mit anderen Massstäben zu sehen, mit auf den Weg gegeben.

Verraten Sie uns bitte zum Schluss, wer Fussball-Weltmeister wird.
Roderer: Entweder Deutschland oder Brasilien.

André Häfliger, Illnau