ABSCHIED: «Man darf kein Pflänzchen sein»

16 Jahre lang prägte Beatrice Müller das Gesicht der «Tagesschau» mit. Jetzt geht die News-Frau beruflich neue Wege – und pendelt weiterhin zwischen Zürich und der Toskana.

Interview Annette Wirthlin
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Heute hier, morgen dort: Beatrice Müller (hier im Restaurant Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof) liebt es, unterwegs zu sein. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Heute hier, morgen dort: Beatrice Müller (hier im Restaurant Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof) liebt es, unterwegs zu sein. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Frau Müller, wie reagierten Sie als News-Frau darauf, dass in Griechenland vergangene Woche auf einen Schlag das Staatsfernsehen geschlossen wurde?

Beatrice Müller: Ich war völlig verblüfft. Es ist verheerend, wenn eine solche Situation eintritt. Ich bin glühende Verfechterin unserer SRG, und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein Staat über Nacht der grössten Fernsehstation des Landes den Stecker rauszieht. Das griechische ERT-Fernsehen war doch recht unabhängig, kritisch und wichtig für die Demokratie.

Die SRG schliesst ja zum Glück nicht. Sie verlassen das Fernsehen von sich aus. Sie betonen immer wieder, dass Ihr Beruf einer der tollsten überhaupt sei. Wieso hören Sie dann auf?

Müller: Journalismus ist tatsächlich nie langweilig. Es war fantastisch, der grössten News-Sendung dieses Landes ein Gesicht geben zu dürfen. Ich hätte das sicher auch noch zehn Jahre weitermachen können. Aber ich bin jetzt an einen Punkt gekommen, wo ich mich frage: Gibt es noch etwas Neues? Mit 52 habe ich noch viel Energie, um meine langjährigen Erfahrungen an andere weiterzugeben. Ich sehe es als Herausforderung und Bereicherung – als ein «nicht Einschlafen».

Sie machen sich im Kommunikationsbereich selbstständig. Was wollen Sie Firmenchefs mit auf den Weg geben?

Müller: Eine komplexe Botschaft klar verständlich und in ganz kurzer Zeit rüberzubringen – bei den Medien sind es oftmals nur dreissig Sekunden –, ist eine Kunst. Ich habe erlebt, wie gestandene Leute ins Stottern und Zittern geraten, wenn die Kamera mitläuft. Solche Auftritte müssen geübt werden. Darin möchte ich Einzelpersonen, aber auch Unternehmungen unterstützen. Denn es ist wie beim Autofahren: Hat man es nicht geübt, fährt man in den nächsten Baum.

Den Abschied von der Kamera hatten Sie schon vor einigen Wochen. Sie arbeiten jetzt noch bis Freitag beim Fernsehen. Wie sehen diese Tage aus?

Müller: Ich bin ja nicht nur Moderatorin, sondern auch Journalistin, Reporterin, Redaktorin. Diese Aufgaben gehen normal weiter bis zum Ende meines Arbeitsvertrages. Mein Weggang vom Fernsehen wurde offiziell kommuniziert, als ich das letzte Mal vor der Kamera stand. Die Leute meinen immer, ich moderiere nur, dabei war das nur etwa ein Fünftel meiner beruflichen Tätigkeit. Die «Tagesschau» kommt durch ein grosses Team im Hintergrund zu Stande. Die, die gegen aussen «verkaufen», sind einige wenige.

Wie ist das für Sie jetzt, wenn Sie abends vor dem Fernseher sitzen und die Nachrichten schauen?

Müller: Ich werde sicher zeitlebens verbunden bleiben mit dem Sendegefäss, um zu sehen, was meine «Gspänli» so machen. Und ich werde die News weiterhin aktiv mitverfolgen, weil sie mich interessieren und weil es für meine neue Tätigkeit wichtig ist, zu sehen, wie die Leute in den Medien auftreten.

Sind Sie ein News-Junkie?

Müller: News sind sicher ein Bestandteil meines Lebens, jedoch in einem guten Sinn. Von «Sucht» würde ich nicht reden. Ich kann sehr gut auch ohne sein, zumindest eine Zeit lang. Ich schaue nicht jede Minute aufs Handy, aber ich will wissen, was geschieht.

Im Fernsehstudio sind Adrenalinschübe Alltag. Können Sie auch damit umgehen, wenn das Leben mal in ganz ruhigen Bahnen verläuft?

Müller: Wenn man diesen Beruf macht, bei dem man tatsächlich einem sehr starken Zeitdruck ausgesetzt ist, muss man psychohygienisch relativ gut unterwegs sein. Man muss die Fähigkeit besitzen, zwischendurch bewusst Distanz zu nehmen und Pausen einzuschalten. Wenn man das nicht kann, ist es eine schlechte Voraussetzung für den Beruf.

Ein Sommer lang allein in einer Alphütte, wäre das eine Option für Sie?

Müller: Absolut, ich bin sehr gerne auch mal für mich allein. Ziegen melken würde ich eher nicht, dafür viele Bücher lesen.

Werden Sie sich jetzt erstmal eine Weile in Ihre zweite Heimat Italien absetzen und das süsse Nichtstun geniessen?

Müller: Ferien stehen nicht im Vordergrund, denn jetzt bin ich ja selbstständige Unternehmerin und ticke nach dem Markt. Aber ich denke, teilweise wird sich die Arbeit auch von Italien aus machen lassen, nicht zuletzt, weil mein Business auch international ausgerichtet sein wird.

Wie bei vielen Buchautoren steht auch in Ihrem Lebenslauf: «Lebt in Zürich und in der Toskana». Geht das überhaupt?

Müller: Ich behaupte von mir, relativ flexibel zu sein. Das kann bedeuten, dass ich abends um acht noch in die Toskana fahre und zwei Tage später halt wieder zurück. Das Unterwegssein im Zug, Auto oder Flugzeug ist Teil meines Lebens und Teil meiner Lebendigkeit. Es gefällt mir, sagen zu können: «Vielleicht bin ich morgen hier oder auch dort oder ganz woanders.» Wenn ich in Italien bin, setze ich mich nicht einfach in den Liegestuhl, sondern ich nehme genauso aktiv am Leben teil wie hier.

Italien ist Ihre grosse Liebe, und dort hat es auch einst zwischen Ihnen und Ihrem Fernsehkollegen und heutigen Ehemann Heiner Hug gefunkt. Was fasziniert Sie so an dieser zweiten Heimat?

Müller: Durch Recherchen vor Ort – etwa im Rahmen der letzten Wahlen – hatte ich die Gelegenheit, das Land tiefer kennen zu lernen. Zudem nehme ich, wenn ich dort bin, auch am ganz normalen Alltag teil – verhandle mit dem Maurer oder schwatze mit den Leuten in der Bar. So bekomme ich die Sorgen und Nöte der Menschen aus nächster Nähe mit. Das hilft mir, die Schweiz und ihre Probleme wieder schärfer und aus der Distanz zu sehen. In Italien ist man immer wieder überrascht, im Guten wie im Schlechten. Das Land wirklich verstehen zu wollen, ist fast unmöglich. Ich behaupte, dass auch die Italiener ihr Land oft nicht verstehen. Aber auch das hat seinen Charme.

Ist die Arbeit bei zwei Vollblut-Journalisten zu Hause eigentlich andauernd ein Thema?

Müller: Es drehen sich viele Gespräche zwischen mir und meinem Mann um aktuelle Themen, da wir beide politisch interessiert sind. Das sind aber nicht Gespräche übers Geschäft, sondern darüber, was um uns herum passiert.

Einige Jahre lang war Ihr Ehemann «Tagesschau»-Chef. War das nicht problematisch für die Beziehung?

Müller: Ich war meinem Mann zum Glück nie direkt unterstellt. Wir fanden eine andere Lösung im Betrieb. Das wäre sonst wirklich nicht gut gewesen.

Sie beide haben tolle Karrieren hingelegt, Kinder haben Sie keine. Hat Ihnen das nie gefehlt?

Müller: Nein, im Gegenteil. Das war eine bewusste Wahl. Keine Kinder zu haben gibt mir extrem viele Freiheiten. Es erlaubt mir, Dinge zu machen, die man mit Kindern nicht könnte – gerade das viele Herumreisen. Ich koste das voll aus.

Sie haben einst Kindergärtnerin gelernt.

Müller: Ach, das ist schon so lange her. Wenn man jung ist, hat man noch ganz andere Motivationen. Damals ging es mir wohl darum, meine Kreativität auszuleben. Es ist ein spannender und verantwortungsbewusster Beruf, der komplett unterschätzt wird. Aber ich bin froh, gemerkt zu haben, dass es nicht der richtige Weg war für mich. Der Wissensdrang und die Neugier waren bei mir schliesslich stärker als der Wunsch, päd­agogisch tätig zu sein.

Sie machten früher mal Ballett. Wieso wurde aus Ihnen denn keine Primaballerina?

Müller: Ganz einfach: weil ich nie gut genug war. Aber das stand auch nie wirklich zur Diskussion. Für mich war Ballett einfach die Freude am Musischen und an der Bewegung.

Der Journalistenberuf, den Sie vor 29 Jahren ergriffen, hat sich sehr verändert. Anfänglich gab es noch nicht einmal das Internet. Wie war es damals, journalistisch tätig zu sein?

Müller: Die knapp drei Jahrzehnte kommen mir tatsächlich wie drei Jahrhunderte vor. In meinen Anfängen beim Radio war ich mit einem «Uher»-Tonband unterwegs auf Reportage. Das war ein 15 Kilo schweres Ding mit riesigen Spulen. Bei meinem allerersten Interview streikte der Apparat, sodass ich ihn mit Hilfe des Interviewpartners zuallererst in seine Einzelteile zerlegen musste.

War dies der peinlichste Moment Ihrer gesamten Karriere?

Müller: O nein, wenn Sie 30 Jahre Journalistin sind, gibt es viele Ups und Downs. Viele schöne Erlebnisse, aber auch Konflikte und Pannen. Kameras funktionieren nicht, man hat plötzlich den Text vergessen, Interviewpartner brechen zusammen, andere laufen aus dem Interview davon, weil ihnen die Frage zu kritisch vorkam, die Leitung bricht mitten in der Übertragung ab, Sie sagen Million statt Milliarde – und vieles mehr.

Was war der weltbewegendste Moment, den Sie als Fernsehfrau begleitet haben?

Müller: In so vielen Jahren gab es natürlich unzählige Erlebnisse, die unver­gesslich und berührend waren. Ich kann kaum ein einzelnes herausgreifen; ich sehe vielmehr eine ganze Flut von Bildern an mir vorbeiziehen: den Jugoslawienkrieg, den Tsunami, das einstürzende World Trade Center ... Solche Katastrophen mit solch schrecklichen Bildern – das war schon nicht leicht zu verarbeiten. Als im positiven Sinne bewegend bleiben mir wohl meine Berichterstattungen über die beiden Papstwahlen im Vatikan, diese gigantischen Medienveranstaltungen, in Erinnerung. Toll, wenn man das in einem Journalistenleben erleben darf.

Sie haben sehr viele Briefe auf Ihren Abschied beim TV bekommen. Was hat Sie daran besonders berührt?

Müller: Dass mir unzählige Leute Danke sagen für meine Arbeit, das hat mich umgehauen. Ich kriegte einen Haufen Geschenke und Briefe von mir unbekannten Leuten. Als «Tagesschau»-Moderatorin führt man ja vor allem eine Funktion aus, man ist eine Figur. Dass diese Figur so wichtig ist für die Leute, realisiere ich erst jetzt. Manche schrieben mir, dass ich fast ein Familienmitglied geworden sei und dass sie mir jeden Abend Grüezi und Adieu gesagt hätten.

Gab es auch schon negative Kritik?

Müller: Ja, das gehört halt auch dazu, wenn man in der Öffentlichkeit steht. In den letzten Jahren hat sich das durch E-Mail und Internet noch verstärkt beziehungsweise verschnellert. Die Leute hauen heute schnell mal aus dem Affekt in die Tasten, wenn ihnen etwas am Fernsehen nicht gepasst hat. Meistens erschrecken sie dann aber, wenn man ihnen antwortet, und sagen, sie hätten es nicht so gemeint.

Wurden Sie auch persönlich angegriffen?

Müller: Ja, vor allem wegen Äusserlichkeiten. Da schrieb zum Beispiel jemand nach der Sendung, mein Lippenstift habe nicht zum Kostüm gepasst. Dabei hatte ich lang und breit den ganzen Irakkrieg erklärt. Ich fragte mich dann, ob diese Leute inhaltlich überhaupt nichts begriffen haben. Alles in allem kam aber wenig Kritik auf mich in all den Jahren.

Über Ihren Lockenkopf gabs doch sicher auch Diskussionen?

Müller: Ja, ständig, weil die Frisur halt nicht ins Schema X passt. Aber diese Haare sind einfach ein Teil von mir. Ich habe immer dafür gekämpft, authentisch zu bleiben. Früher war das noch etwas schwieriger. Als Neunjährige ist man mit so einem Wuschelkopf völlig out. Aber irgendwann wird man erwachsen und sagt: «Ich bin einfach so, wie ich bin.»

Die «Basler Zeitung» nannte Sie einmal in einem SF-Moderatoren-Ranking «Die Frau ohne Eigenschaften». Tut das weh?

Müller: (lacht) Das habe ich nicht einmal gesehen! Es wird ja viel geschrieben. Wenn man diesen Job macht, ist man exponiert, dann darf man auch kein Pflänzchen sein. Man muss ja nicht allen gefallen. Und Kritik ist legitim.

Welches sind denn Ihre Eigenschaften?

Müller: Ich bin ein lebensfroher Mensch, ich habe viele Freunde, wir sind oft in Paris, London, Rom, New York, Buenos Aires, ich bin neugierig, interessiere mich für Politik, Literatur, das Theater, ich lese und lache auch viel, mir tun die ewig griesgrämigen Leute leid, die immer nur Probleme sehen. Ich glaube auch, dass ich sehr tolerant bin, politisch und gesellschaftlich.

Am Bildschirm kommen Sie fast ein bisschen scheu rüber. Können Sie auch mal so richtig laut und heftig kontern, wenn Ihnen was nicht passt?

Müller: Laut ist überhaupt nicht mein Charakter. Aber ich weiss sehr genau, was ich will. Da geht es schon eher mal darum, auch zuhören zu können, was denn die anderen wollen, und von der eigenen Vorstellung abweichen zu können.

Über Sie konnte man nie gross Homestorys lesen. Trotzdem wissen wir: Sie sind eine leidenschaftliche Köchin.

Müller: Vor allem eine leidenschaftliche Esserin (lacht). Ich liebe einfach die schönen Dinge, und da liegt es auf der Hand, dass auch Essen und Kochen dazugehören. Es ist ein schöner Ausgleich zum hektischen Job.

Mit den Multitasking-Fähigkeiten einer TV-Journalistin bringen Sie locker einen Zehngänger auf den Tisch.

Müller: Ja, das schaffe ich. Das Geheimnis heisst Vorbereitung. Wenn die Gäste da sind, ist es meist zu spät, noch gross zu kochen. Heute ist mein freier Tag, und ich gehe jetzt gleich einkaufen. Mein Mann ist heute für den Hauptgang zuständig. Ich mache den Primo: Ravioli à la Beatrice. Zuerst mache ich den Teig, dann eine Mischung mit Kräutern, Ricotta, gemahlenen Nüssen, Muskatnuss, Parmigiano – und einigen Geheimnissen, die ich hier nicht verrate ... (lacht)