ADIPOSITAS: Dicke Kinder fühlen sich minderwertig

Ein neues Zentralschweizer Zentrum bietet stark übergewichtigen Kindern und Jugendlichen Hilfe. Das sei nötig, sagen die Fachleute. Denn der Leidensweg dieser Kinder starte früh.

Simone Hinnen
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Mehr Bewegung allein hilft Kindern mit einer Adipositas-Krankheit nicht. Sie brauchen ein breit gefächertes Unterstützungsprogramm. (Bild: Keystone)

Mehr Bewegung allein hilft Kindern mit einer Adipositas-Krankheit nicht. Sie brauchen ein breit gefächertes Unterstützungsprogramm. (Bild: Keystone)

Schlanke Kinder und Jugendliche gehen leichter durchs Leben. Das weiss Martin Sykora, Leiter des neuen Adipositaszentrums Zentralschweiz, genau. Da ist der 17-jährige Junge, von dem er irgendwann während des Gesprächs erzählt, der dank einer Magenschlauch-Operation und der erwünschten Gewichtsabnahme plötzlich jene Arbeitsstelle zugesprochen erhielt, die ihm ein Jahr zuvor noch wegen seines starken Übergewichtes verwehrt war. Es sind solche Geschichten, die Martin Sykora stets von neuem anspornen im Kampf um eine breitere Betreuung von stark übergewichtigen Kindern und Jugendlichen.

So setzt er sich mit Eifer zusammen mit dem Kinderspital für das neue Zentrum am Luzerner Kantonsspital ein, das im vergangenen September eröffnet wurde. Rund eine Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beraten Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern bei Fragen rund um Adipositas. Die Zahl der Kinder, die darunter leiden, ist zwar klein. Der Anteil der Kindergärtler und Schulkinder liegt bei unter fünf Prozent. Doch jene, die mit Adipositas irgendwie ihren Alltag meistern müssen, leiden laut Martin Sykora in aller Regel stark. Der Bedarf nach einer solchen Anlaufstelle, in der unter anderem Pädiater und Psychologen gleichermassen zusammenarbeiten, scheint vorhanden. Seit vergangenem Herbst haben die Verantwortlichen zwischen 40 und 50 Zuweisungen von Ärzten erhalten.

Meist genetische Veranlagung

Spricht man von Adipositas, stellen sich viele umgehend die Frage nach dem entsprechenden BMI. Während man bei Erwachsenen ab einem BMI ab 30 von Adipositas redet, so ist laut Martin Sykora ein 11-Jähriger mit einem BMI von 28 bereits nicht mehr nur übergewichtig, sondern stark adipös. Dabei handelt es sich bei Adipositas häufig nicht um ein selbst verschuldetes fehlerhaftes Essverhalten. «Vielmehr ist Adipositas eine anerkannte hormonelle Störung, die genetisch veranlagt ist. Sind Eltern bereits schwerst übergewichtig, besteht die Gefahr, dass es die Kinder ebenfalls sind.»

Stösst die Veranlagung auch noch auf fruchtbaren Boden, indem beispielsweise Eltern zu wenig auf die Ernährung ihrer Kinder achten, so kann das Gewicht quasi «explodieren», sagt Sykora. Darüber hinaus seien es ungünstige Umweltfaktoren, die unser Essverhalten ganz generell negativ beeinflussten. So bewegen wir uns weniger als unsere Vorfahren, wir schauen mehr Fernsehen, sitzen zu viel vor dem Computer, und Eltern fahren ihre Kinder zur Schule.

Interessant: Während man vor einigen Jahren noch davon ausging, dass die Zahl jener, die starkes Übergewicht aufweisen, weiter zunehmen wird, zeigen Beobachtungen aus Amerika und in der Schweiz eine Nivellierung. Die einen Experten gehen davon aus, dass die teuren Massnahmen greifen. Andere sind überzeugt, dass der Personenkreis mit der entsprechenden Veranlagung seinen Höchststand erreicht hat.

Kommt es zur Überweisung ins Zentrum, folgen eine Reihe weiterer Massnahmen, die den Kindern helfen sollen, mit der Krankheit umzugehen. Zum einen erfolgt eine ausgiebige medizinische Untersuchung. Denn unglücklicherweise sind Folgekrankheiten wie Altersdiabetes, Schlafapnoe, Haltungsschäden oder Entwicklungsstörungen eher die Regel. Auch eine auf die Kinder und Jugendlichen abgestimmte Physiotherapie wird angeboten. In diesem Themenbereich geht es darum, den Kindern beizubringen, aufrecht zu gehen und ihnen zu zeigen, dass ihr Körper durchaus in der Lage ist, Leistung zu erbringen. Auch eine psychologische Betreuung ist in der Regel angebracht. «Viele Kinder leiden stark. Sie fühlen sich ausgegrenzt, haben das Gefühl, minderwertig zu sein und zu versagen.» Bei der psychologischen Betreuung gehe es vor allem darum, das Selbstwertgefühl aufzubauen. Dem Kind oder dem Jugendlichen müsse erklärt werden, dass es sich um eine Krankheit handle. Oftmals müssten insbesondere auch die Mütter psychologisch betreut werden. «Sie fühlen sich meist mitschuldig, leiden besonders stark. Denn sie müssen sich auch im Alltag viel Kritik anhören.»

Fragt sich, wo die gezielte Ernährungslehre und die Diät bleiben. «Natürlich ist dies ebenfalls Inhalt der Behandlung», sagt Sykora. Weil es sich bei Adipositas jedoch um eine genetische Veranlagung handle, sei es in der Tendenz die Ausnahme, dass es ohne Operation zu einer massiven, nachhaltigen Gewichtsabnahme komme.

Kinder werden nicht operiert

Neue Richtlinien sind noch in Diskussion, ab welchem Alter eine Operation stattfinden darf. Doch operieren Mediziner in der Regel frühestens nach einem abgeschlossenen Knochenwachstum sowie bei mehr oder weniger abgeschlossener Geschlechtsreife. Während die Krankenkassen bis vor kurzem Behandlungen nur begrenzt übernahmen, so ist es die Zielsetzung der Verantwortlichen am neuen Zentrum, so lange zu behandeln, bis sich der entsprechende Erfolg einstellt. «Erfolg misst sich nicht alleine in Kilogramm, das Ziel ist eine bessere Gesundheit und ein starkes Selbstvertrauen für einen guten Start ins Leben.»

Kassen für spätere Operation

Mit 17 oder 18 Jahren dann kommt es allenfalls zur Operation. Und mit dieser für die Jugendlichen zu einem ganz neuen Lebensgefühl. «Es ist der Wahnsinn, wie sie sich danach positiv entwickeln und mit einem ganz neuen Selbstwertgefühl durchs Leben gehen», sagt Sykora.

Für die Kassen rechnet sich eine Operation laut Sykora ebenfalls. «Bereits nach zwei Jahren ist diese bei Erwachsenen amortisiert.» Entsprechend käme es kaum noch zum Widerspruch seitens der Krankenkassen. Den Kindern und Jugendlichen aber biete man langfristige Chancen auf ein glücklicheres Leben.

Hinweis

Weitere Infos: Telefon 041 205 38 50 oder www.adipositaszentrumzentralschweiz.ch

Besonders dünne Knaben und Mädchen haben es oft nicht einfach

Veranlagung Redet man über das Thema Gewicht, gehts immer darum, dass wir unter den zu vielen Kilos leiden. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich Menschen, die ein paar Kilos zu wenig haben und gerne etwas zulegen würden.

So ergangen ist es Monika (Name geändert), die Zentralschweizerin ist heute 42-jährig. Sie erinnert sich noch gut an ein Erlebnis aus ihrer Mädchenzeit. Sie war damals ungefähr zehn Jahre alt, als sie einen Aufruf im Schweizer Jugendmagazin «Spick» las. Die «Spick»-Redaktion suchte Kinder oder Jugendliche, die sich übergewichtig fühlten und darüber erzählen wollten.

Da dachte sich Monika: «Wieso geht es nur immer um übergewichtige Kinder?» Und so schrieb sie der Redaktion, dass es sehr wohl auch dünne Kinder gebe, die sich wegen ihres niedrig ausfallenden Gewichts grämten. Die «Spick»-Redaktion meldete sich umgehend bei ihr. Und Monika versprach, ihre Sicht der Dinge darzulegen, sofern aus dem Artikel deutlich hervorgehe, dass sie zwar sehr dünn, aber bestimmt nicht magersüchtig sei.

Nachbarin riet zur Hormontherapie

So etwa erzählte Monika damals dem «Spick»-Magazin, dass eine Nachbarin ihre Mutter darauf ansprach, ihre Tochter sei zu dünn, und ihr eine Hormontherapie vorschlug, damit die Tochter an Gewicht zunehme. «Nur logisch, dass meine Mutter mit diesem Ratschlag wenig anfangen konnte», sagt Monika heute.

Tatsächlich aber litt Monika trotz des für ihr Alter niedrigen Gewichts nie unter gesundheitlichen Problemen. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie einfach dünn war und bei ihr die Rippen deutlich sichtbar waren. «Ich wurde deswegen auch nicht gehänselt», erinnert sie sich heute.

Bloss sei es halt einfach so gewesen, dass sie nie viel habe essen können. «Ein Glas Citro vor dem Mittagessen, und mein Magen war voll. Ich brachte fast nichts mehr hinunter. Oder ein Snack zum Apéro, und mein immenser Hunger war vergangen», sagt sie. Das war früher so, und ist in etwas abgeschwächter Form auch heute noch so.

Wie alle Jugendlichen musste sich auch Monika in ihrer Pubertät mit ihrem Körper auseinandersetzen. Und anders als vielleicht heute mit all den dünnen Models und dem Modediktat, dem sich heutige Mädchen in der Tendenz eher unterwerfen, bekundete Monika Mühe mit ihrem wenig weiblichen Körper. Zu wenig Kurven, zu wenig Brüste, kurzum zu burschikos. So fand sie sich damals.

Auch ihre Kinder sind dünn

Inzwischen ist aus dem Teenager eine Frau geworden. Monika hat zwei Kinder, und ihr Körper ist alles andere als unweiblich. Jedoch ist sie nach wie vor sehr schlank. «Heute kommt mir mein schlanker Körper natürlich entgegen», sagt sie. Auch ihre beiden Kinder haben offenbar Monikas Gene geerbt. Beide befinden sich laut der offiziellen Gewichtsstatistik an der unteren Grenze. Monika macht sich deswegen keine Sorgen um ihre Kinder. Schliesslich kenne sie das ja aus ihrer eigenen Kindheit, sagt sie. Auch die Kinderärztin mache deswegen kein grosses Aufheben. Sie halte nicht strikte an irgendwelchen Statistiken fest, sondern orientiere sich eher anhand der familiären Veranlagungen.

Besorgte Schulärztin

Allerdings rief jüngst etwas unerwartet die Schulärztin an und erkundigte sich bei Monika nach dem Reihenuntersuch ihres Sohnes nach dessen Ernährungsgewohnheiten. Monika hatte die Ärztin, die ihren Job gewissenhaft erledigt hatte, schnell beruhigt. Kein Wunder. Schliesslich hatte sie in ihrem Leben schon genügend Gespräche über ihr Gewicht geführt.

Das Gewicht wird zur Schulnote

In Malaysia werden Eltern auf ungewöhnliche Weise dazu angehalten, ihre Kinder gesund zu ernähren. Im südostasiatischen Inselstaat steht der Body-Mass-Index neuerdings neben den traditionellen Schulnoten.

Mit dieser Massnahme will der Staat des Übergewichts von immer mehr Kindern Herr werden. Laut einer Schätzung ist jedes vierte Kind übergewichtig.

Staat nimmt Eltern Kinder weg

Ungewöhnlich hart gingen die Behörden in einem speziellen Fall in Schottland vor. Dort wurden einer Familie die Kinder weggenommen, weil die Eltern trotz Beratung von Fachleuten und obschon sie unter Beaufsichtigung standen, nicht in der Lage waren, Massnahmen einzuleiten, damit ihre Kinder abnehmen. Diese waren stark übergewichtig und wurden später von Pflegeeltern betreut.