ALLERHEILIGEN: «Drüben wird schon was sein»

Werner Durrer (64) hat als Friedhof­angestellter jeden Tag mit dem Tod zu tun. Der bodenständige Obwaldner hat ein unverkrampftes Verhältnis zum Leben und zum Sterben.

Interview Pirmin Bossart
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«Es ist ein Kommen und Gehen, das ist der Lauf des Lebens.» (Bild Nadia Schärli)

«Es ist ein Kommen und Gehen, das ist der Lauf des Lebens.» (Bild Nadia Schärli)

Werner Durrer, der Friedhof ist Ihr Arbeitsort. Ist das für Sie ein mystischer Ort?

Werner Durrer: Was meinen Sie mit mystisch? Ich arbeite hier, wie andere auch, aber es ist sicher ein spezieller Ort.

Es ist also nicht ein Ort, wo Sie so etwas wie die Anwesenheit von Seelen oder Geistern spüren?

Durrer: Nicht, dass ich wüsste. Aber es ist sicher nicht jedermanns Sache, hier zu arbeiten. Mir selber macht das gar nichts aus. Es gibt schöne Kontakte mit Leuten, die regelmässig vorbeikommen. Oder man erlebt die Geistlichen und Laientheologen, wenn Sie eine Abdankung abhalten. Der eine ist locker und humorvoll, der andere etwas ernsthafter, es ist immer spannend, mit ihnen zu diskutieren.

Sie sind Friedhofsangestellter der Stadt Luzern: Was gehört zu Ihrer Arbeit?

Durrer: Ich hebe Gräber aus, sowohl für Erdbestattungen wie für Urnenbestattungen. Ich bin bei den Beerdigungen dabei, bereite die Gräber vor, stelle Erde und Weihwasser bereit, kümmere mich um den Blumenschmuck am Grab und helfe dem Pfarrer. Wenn es eine Erdbestattung gibt, wird der Sarg mit drei Kollegen ins Grab hinuntergelassen. Ich bereite neue Grabfelder vor, reinige Wege und Plätze oder wische das Laub weg, wie jetzt im Herbst. Gerade auf die Zeit um Allerheiligen wollen die Besucher natürlich, dass wir einen besonders schön gepflegten Friedhof haben.

Wie kamen Sie zu diesem Job?

Durrer: Ich habe vorher im städtischen Schlachthof gearbeitet. Als dieser 1995 geschlossen wurde, hiess es, dass wir bei der Stadt bleiben könnten, wenn wir Interesse hätten. Zum Beispiel als Trolleybuschauffeur. Auch auf der Friedhofverwaltung war eine Stelle frei. Für diese habe ich mich dann entschieden. Jetzt arbeite ich 20 Jahre auf dem Friedhof. Im nächsten Juni werde ich pensioniert.

Warum Friedhof und nicht VBL?

Durrer: Ich bin ein Naturmensch, gehe gerne auf die Jagd oder verbringe die Zeit in meiner Berghütte. Als Buschauffeur hätte ich unregelmässige Arbeitszeiten gehabt und auch am Wochenende fahren müssen. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Deshalb habe ich mich für den Friedhof entschieden. Man kann draussen arbeiten und ist nah an der Natur.

Freundet man sich mit dem Tod eher an, wenn man – wie Sie – im Friedental quasi zu Hause ist?

Durrer: Ich bin gerne hier. Der Friedhof ist die letzte Ruhestätte von uns Menschen. Jeder muss einmal sterben, warum sich dagegen wehren? Ich kann schon nächste Woche einen Herzschlag haben oder an Krebs erkranken. Gut, dass man das nicht weiss. Mit dem Alter hat man schon etwas mehr Respekt vor dem Tod.

Gibt es auch junge Angestellte in Ihrem Metier?

Durrer: Meine Kolleginnen und Kollegen sind zwischen 25 und 65 Jahren. Als ich die Stelle antritt, wurde ein junger Mitarbeiter verabschiedet. Ich fragte ihn, warum er gehe. Er sagte mir, dass er Mühe mit dieser Arbeit habe. Die Toten würden ihn noch am Abend verfolgen. Er sehe sie manchmal am Bett stehen.

Was dachten Sie?

Durrer: Ich kann nur für mich reden, und ich habe noch nie einen Toten am Bett gesehen. Das sind halt so Fantasien, die man haben kann. Ich glaube nicht, dass Geister erscheinen.

Geht einem bei Ihrer Beschäftigung das Sterben und Trauern noch nahe, oder ist es einfach eine Arbeit wie jede andere auch?

Durrer: Es ist schon Routine dabei. Was mir nahe geht, ist, wenn ein junger Mensch beerdigt wird. Etwa eine junge Frau, und man sieht den Mann und zwei kleine Kinder am Grab stehen, da denkt man schon: Warum hat ER da oben das zugelassen? Wenn zwei Stunden später eine 90-jährige Person beerdigt wird, trifft einen das weniger. Diese Person hat wenigstens das Leben leben können.

Sind Sie durch Ihren Job gelassener geworden gegenüber der eigenen Vergänglichkeit? Oder ist eher das Gegenteil der Fall?

Durrer: Ich befasse mich ja durch die Arbeit jeden Tag mit der Thematik. Aber ich kann nicht immer an den Tod und an das Sterben denken. Wenn ich es nicht verkraften könnte, wäre ich nicht schon 20 Jahre hier. Es ist eine Arbeit wie jede andere auch, aber es braucht sicher viel Fingerspitzengefühl. Ein Automechaniker repariert Autos, oder ein Schreiner stellt ein Möbelstück her. Jeder gibt an seinem Arbeitsplatz sein Bestes.

Was hat sich in den letzten Jahren bei den Bestattungen verändert?

Durrer: Es gab früher viel mehr Erdbestattungen. 1992 wurde das Gemeinschaftsgrab eröffnet. Dieses ist sehr beliebt. Eine Urnenbeisetzung ist viel weniger aufwendig zum Vorbereiten, als wenn man für eine Erdbestattung ein zwei Meter langes, ein Meter breites und 1,50 Meter tiefes Grab ausheben muss.

Machen Sie noch viele Erdbestattungen?

Durrer: Heute sind es noch etwa 15 Prozent. Wo es möglich ist, setzen wir einen Bagger ein, um das Grab zu öffnen. Aber das ist nicht immer möglich. Im Kapuzinerkloster Wesemlin, in der Hofkirche Luzern oder bei den Klosterfrauen von Gerlisberg öffnen wir die Grabstätten noch alle von Hand. Auch bei den Plattengräbern im Friedental können wir die Maschinen nicht immer einsetzen.

Wie haben sich die Abdankungen oder Rituale verändert?

Durrer: Das ist ungefähr gleich geblieben, würde ich sagen. Es hat einfach mehr Laientheologen oder freischaffende Personen, die auch individuelle Abschiedsrituale machen. Die Einsegnungen sind meistens relativ kurz: Da wird die Urne eingesegnet, anschliessend geht man gemeinsam ans Grab. Meistens wird am Grab noch kurz gebetet, danach bestatte ich – auf ein Zeichen des Pfarrers – die Urne im Grab. Abdankungen dauern länger, das ist dann wie eine Messe. Es wird ein Lebenslauf vorgelesen, und oft wird auch Musik ab CD gehört, oder es spielt jemand live. Das kann manchmal bis zu anderthalb Stunden dauern.

Und die Trauernden? Erleben Sie diese gleich wie vor 20 oder 30 Jahren?

Durrer: Da gibt es keine grossen Unterschiede. Stirbt ein junger Mensch, ist die Anteilnahme sicher grösser. Ab und zu geht es auch ziemlich locker zu und her. Da wird am Grab geredet und gelacht. Das gibt mir persönlich zu denken. Wenn ein Kollege von mir stirbt, dann erweise ich ihm die letzte Ehre. Da ist eine gewisse Ehrfurcht dabei, dann lache und schwatze ich nicht. Aber das ist halt nicht bei allen gleich. Die Menschen sind verschieden.

Gibt es auch ganz einsame Beerdigungen, wo fast niemand kommt?

Durrer: Das kann vorkommen. Manchmal sind nur ein oder zwei Personen anwesend. Ich habe auch schon erlebt, dass niemand an die Bestattung kam. Das war bei einem alten Mann. Der Pfarrer und ich waren ganz alleine. Wir haben eine Viertelstunde gewartet, und als niemand auftauchte, haben wir den Mann beerdigt.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Durrer: Er hatte wahrscheinlich keine Angehörigen mehr. Vielleicht waren die Kollegen schon alle gestorben, oder er hatte gar keine. Das weiss man dann halt nicht, da kann man auch nichts machen. Es gibt Verstorbene, die haben kaum ein Blüemli an der Beerdigung, und bei andern sind die Gräber vollgestellt mit Kränzen und Arrangements. Aber das ist oft nur am Anfang so, nachher kommt niemand mehr. Das ist sehr traurig. Dann denke ich manchmal: Man würde den Blumenschmuck besser übers Jahr verteilen, das wäre sinnvoller.

Haben Sie auch den einen oder andern eher kuriosen Fall erlebt, wie eine Trauerfeier abgehalten oder jemand bestattet wurde?

Durrer: Einmal wurde ein Mann bestattet, der war ziemlich reich und zweimal verheiratet. Da standen dann zwei getrennte Gruppen am Grab. Die haben einander ziemlich böse angeschaut. Aber schlussendlich ist es nur meine Aufgabe, die verstorbene Person zu beerdigen. Was die Angehörigen untereinander haben, geht mich nichts an, das ist ihre Sache.

Sonst noch eine Geschichte?

Durrer: Ich erinnere mich an eine Beerdigung, die ein Theologe machte. Er war bekannt dafür, dass er immer sehr lang redete. Es war ein sehr heisser Tag im Sommer. Die Leute standen um das Gemeinschaftsgrab, unter anderem auch vier ältere Frauen. Plötzlich wurde eine Frau ohnmächtig. Ich half ihr und setzte sie aufs Bänkli. Der Theologe hat sich nicht unterbrechen lassen und predigte weiter. Da dachte ich: So, jetzt könnte er wirklich zum Schluss kommen, sonst bricht dann noch jemand zusammen.

Es soll auch Leute geben, die ständig an Beerdigungen gehen, obwohl sie nicht zum Trauerkreis gehören. Kennen Sie das vom Friedental?

Durrer: Ich kenne schon regelmässige Besucher, aber das sind Angehörige, welche ihre Gräber besuchen. Wir sind etwa zehn Personen im Team, von denen jede eine ganze Woche Bestattungen macht. So ist man ungefähr alle zwei Monate an der Reihe. Das gibt schon einen gewissen Rhythmus. Meistens sind es ältere Leute, die mir auffallen, weil sie regelmässig auf dem Friedhof anzutreffen sind. Ich kenne zwei bis drei Paare, die jeden zweiten Tag ins Friedental kommen. Andere vielleicht ein- oder zweimal die Woche.

Arbeiten Sie eigentlich an dem Ort, wo Sie auch mal bestattet werden möchten?

Durrer: Nein. Das heisst, wenn ich in Luzern wohnen würde, wäre das so. Aber ich pendle jeden Tag von Kerns an die Arbeit. Wenn ich sterbe, werde ich in Kerns meine letzte Ruhe finden.

Es gibt heute eine grosse Palette von Bestattungsformen: Wie möchten Sie selber einmal bestattet werden?

Durrer: Ich will kremiert werden. Die Urne soll bei meiner Berghütte beigesetzt werden. Ich bin gerne dort, in der Natur ist es mir wohl. Und wenn es so ist, wie man sich das erhofft, bin ich dort oben auch näher beim Herrgott als unten im Tal.

Heute wird immer wieder beklagt, der Tod werde verdrängt. Ist das nicht ein Stück weit auch völlig normal?

Durrer: In jungen Jahren verdrängt man den Tod mehr. Da will man leben und noch vieles unternehmen. Je älter man wird, denkt man anders. Da stirbt schon der eine oder andere Kollege. Und plötzlich ist es auch für dich so weit. Aber man kann den Tod nicht verdrängen. Der Tod wird einem schon in die Wiege gelegt. Es ist nur richtig, dass jeder drankommt. Alle müssen sterben. Das ist die einzige Gerechtigkeit, die es auf der Welt gibt.

Hatten Sie selber Trauerfälle in der Familie? Wie war das für Sie?

Durrer: 1994 ist mein Vater gestorben, 1998 die Mutter. Der Vater hatte ein böses Krebsleiden. Er war Förster und hat ein Leben lang im Wald gearbeitet und trotzdem, kaum war er pensioniert, ist die Krankheit ausgebrochen. Acht Jahre später ist er gestorben. Er hat viel gelitten. Als er starb, musste man sagen, dass es ihm gut erging. Leider wurde er nur 73 Jahre, das ist doch kein Alter. Aber so ist das Leben, irgendwann bin auch ich dran. Ich habe drei Buben. Die werden auch wieder ihre Familien haben. Es ist ein Kommen und Gehen. Das ist der Lauf des Lebens.

Was lehrt uns der Tod?

Durrer: Ich höre an den Beerdigungen immer, dass wir nur vorübergehend hier sind und dass das Leben eine Vorstation ist. Beim Sterben gebe es die Hoffnung, dass es «drüben» weitergehe. Ob das wahr ist, wer weiss das schon? Wir hoffen jetzt mal, dass das so ist.

Sind Sie gläubig?

Werer Durrer: Ich glaube schon, dass da etwas ist und es den Herrgott gibt. Jemand hat doch das alles erschaffen. Das ist nicht einfach so aus dem Boden gewachsen, oder? Ich bin Christ, aber ich bin aus der Kirche ausgetreten. Das war in der Zeit, als die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche bekannt wurden. Ich habe gewartet, bis meine Söhne 20 Jahre alt waren. Aber dann habe ich gesagt – so, jetzt ist fertig.

Was glauben Sie: Geht es weiter nach dem Tod? Wie stellen Sie sichs vor?

Durrer: Da ich eigentlich glaube, dass drüben noch etwas ist, sollte es wohl weitergehen nach dem Tod. Aber es kam ja noch nie jemand zurück. Niemand weiss es, da ist einfach eine Hoffnung. Was ich mir vorstelle? Hmm, wenn man das sagen könnte. Ob sich alles auflöst oder ob wir zu einem Geist werden, ich weiss es nicht.

Wir haben viel über Ihre Arbeit auf dem Friedhof gesprochen. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Durrer: Da bin ich zu Hause oder in meiner Hütte. Wir haben ein Einfamilienhaus in Kerns, da gibt es immer viel Arbeit. Rasen mähen, Hecken schneiden, dies und das. Früher haben wir mit Holz geheizt, da bin ich holzen gegangen. Jetzt haben wir auf Öl umgestellt, das ist weniger anstrengend.

Und Ihre Hütte, was muss man sich da vorstellen?

Durrer: Das ist eine einfache Jagdhütte im Gebiet Schildberg zwischen Kerns und Melchtal. Ich bin oft an Wochenenden dort, manchmal mit meiner Familie, manchmal gehe ich alleine hin, oder es kommen mich Kollegen besuchen. Auch da gibt es kleine Arbeiten zu verrichten. Im Sommer helfe ich bergheuen. Im Herbst gehe ich auf die Jagd. Ich habe ein Patent für die Hochwildjagd und die Niederjagd.

Haben Sie dieses Jahr Tiere geschossen?

Durrer: Heuer konnte ich eine Gämsgeiss schiessen und ein Murmeltier. Ich hätte auch noch die Bewilligung für einen Hirsch gehabt, aber das hat nicht geklappt. Auf der Niederjagd habe ich einen schönen Rehbock geschossen. Aus 150 Meter Distanz, mit dem Zielfernrohr. Nach dem Abschuss zeige ich die erlegten Tiere dem Wildhüter zur Kontrolle. Dann hänge ich sie ein paar Tage in den Kühlraum. Nachher bearbeite ich sie und mache Pfeffer, Rehschnitzel und Rehrücken.

Sie gehen auch gerne in die Berge. Haben Sie schon Gipfel bestiegen?

Durrer: Mit 52 Jahren bin ich mit einem Kollegen auf dem Matterhorn gestanden. Das war ein einmaliges Erlebnis. Um 4 Uhr morgens wanderten wir mit der Stirnlampe los. Von weitem sah man die andern Bergsteiger wie Glühwürmchen, einer nach dem andern. Nach gut viereinhalb Stunden waren wir oben. Der Sonnenaufgang über dem Monte Rosa, das war irrsinnig. Das Paradies. Heute würde ich wohl langsamer gehen, dafür mehr fotografieren.

Gehen Sie manchmal auch auf eine Reise?

Durrer: Wir waren schon ein paar mal im Südtirol und in Südfrankreich. Aber ich muss eigentlich nicht fort. Mir gefällt es hier gut.

In gut einem halben Jahr werden Sie pensioniert. Haben Sie nicht Angst, dass es Ihnen langweilig wird?

Durrer: Sicher nicht. Es gibt so viele schöne Sachen, die ich noch unternehmen möchte. Dann kann ich mehr in meine Hütte gehen, Pilze und Beeren suchen oder die Natur geniessen. Ab und zu werde ich mit meiner Frau ein Ausflügli ins Tessin oder an einen anderen schönen Ort unternehmen.
 

Interview Pirmin Bossart

 

«Ich glaube nicht, dass einem nachts Geister erscheinen, wenn man diese Arbeit macht»: Werner Durrer im Friedhof Friedental in Luzern. (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)

«Ich glaube nicht, dass einem nachts Geister erscheinen, wenn man diese Arbeit macht»: Werner Durrer im Friedhof Friedental in Luzern. (Bild: Neue LZ / Nadia Schärli)