ALLERHEILIGEN: «Sterben wird uns geschenkt»

In diesen Tagen denkt man häufig an die Verstorbenen – und ans eigene Sterben. Dieses bleibe ein Rätsel, sagt die Sterbe­forscherin Monika Renz.

Interview Benno Bühlmann
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Das Tor zu einer neuen Welt? Der Tod bleibt selbst für die Sterbeforscherin unergründlich. (Bild: Getty)

Das Tor zu einer neuen Welt? Der Tod bleibt selbst für die Sterbeforscherin unergründlich. (Bild: Getty)

Monika Renz, Sie haben in den vergangenen Jahren mehr als tausend Menschen beim Sterben begleitet. Machen Sie sich auch über Ihr eigenes Sterben Gedanken?

Monika Renz*: Je länger ich mit Sterbenden arbeite, desto weniger kann ich mir eine Vorstellung von meinem Sterben machen. Eigentlich geht es ja gar nicht darum, dass wir unseren Tod bestimmen können. Denn das Sterben ereignet sich – da findet etwas statt, das uns letztlich geschenkt wird.

Viele Menschen vertreten heute die Meinung, dass ein plötzlicher Tod die angenehmste Art wäre, um aus diesem Leben zu scheiden. Sehen Sie das auch so?

Renz: Interessanterweise stelle ich fest, dass viele Menschen nach der Lektüre meiner Bücher dieses Thema anders gewichten: Sie wünschen sich nicht mehr den plötzlichen Tod, sondern sehen auch die Chancen eines längeren Sterbeprozesses. In der Möglichkeit des behutsamen Abschiednehmens kann man für seinen eigenen spirituellen Reifungsprozess durchaus einen Vorteil erkennen. Oft sind die Angehörigen von einem Todesfall unerbittlicher getroffen, wenn sie keine Gelegenheit erhalten haben, sich von einem Menschen zu verabschieden.

Warum ist das Abschiednehmen so wichtig?

Renz: Abschiednehmen hat immer auch mit Versöhnung zu tun. Angehörige lassen sich kaum je so sehr für Schritte der Versöhnung mobilisieren wie in dieser Phase des Sterbens. Deswegen gehört Familienbegleitung am Sterbebett zu meinen wichtigsten Aufgaben.

Sie beschreiben den Sterbeprozess als wichtige spirituelle Erfahrung. Gilt das auch für Atheisten oder Agnostiker?

Renz: Erstaunlicherweise gibt es hier gerade keinen Unterschied. Bei meiner therapeutischen Arbeit weiss ich oftmals gar nichts über die religiöse Einstellung meines Gegenübers, denn ich werde meistens in einer Notsituation gerufen. Da stelle ich immer wieder fest, dass auf das Sterben hin – egal, ob es sich nun um einen religiösen Menschen oder um einen Atheisten handelt – nochmals eine Verdichtung von Leben stattfindet.

Die bekannte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hatte sich mit ihrem Modell der «fünf Sterbephasen» international einen Namen gemacht. Was halten Sie persönlich von diesem Ansatz?

Renz: Im Unterschied zu Elisabeth Kübler-Ross, die im Sterbeprozess vor allem den Aspekt der Aufbäumung bis hin zur Bejahung sieht, haben mich meine Erfahrungen gelehrt, dass die wichtigste Herausforderung in der Veränderung des Bewusstseinszustandes liegt. Ich selber unterscheide deshalb nicht Sterbephasen, sondern spreche simpel von einem Davor, einem Hindurch und einem Danach. Diese Zustände sind phänomenologisch erkennbar, werden aber auch von vielen Menschen im Nachgang einer Nahtoderfahrung beschrieben.

Mit dem Danach ist aber nicht das Jenseits gemeint ...

Renz: Nein, das Danach ist nach der Schwelle anzusiedeln, ein irgendwie äusserster Zustand unserer irdischen Daseinsweise. Über ein Jenseits kann ich aus phänomenologischer Sicht nichts sagen. Das Danach ist ähnlich der Essenz einer Nahtoderfahrung. Mehr als 50 Prozent aller beobachteten Sterbenden signalisierten deutlich ein Danach, und bei den andern war so etwas nicht sichtbar, aber es ist auch nicht ausgeschlossen. Wir wissen es nicht.

Wie muss man sich diesen Zustand im Bereich von Nahtoderfahrungen vorstellen?

Renz: Es handelt sich um einen Zustand ausserhalb eines Raum- und Zeitgefühls und ausserhalb von Symptomen wie Angst, Schmerz und Ohnmacht. Ein Zustand der Glückseligkeit, ein tief spirituelles Gefühl, atmosphärisch, musikalisch ...

Sterbehilfeorganisationen pochen darauf, dass der Mensch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben habe. Was sagen Sie dazu?

Renz: Wer vom «selbstbestimmten Sterben» spricht, der weiss nicht, was im Sterbeprozess geschieht. Selbstbestimmung ist zwar ein wichtiger Wert im Leben. Doch beim Sterben hört alle Selbstbestimmung natürlicherweise auf. Stanislav Grof spricht von einem Ich-Tod, der dem eigentlichen Tod vorausgeht. Doch damit sind Sterbende nicht einfach leidend, sondern vielmehr ausserhalb unserer Denk- und Erlebnisweise. Eigentlich könnten gerade Sterbende unsere Lehrer sein. Allerdings müssen wir vorerst lernen, uns mit einer grossen Offenheit auf den Prozess des Sterbens einzulassen und genau hinzuhören, was uns Sterbende zu sagen haben.

HINWEIS

* Monika Renz hat Psychologie, Psychopathologie, Theologie und Musikethnologie studiert. In den vergangenen Jahren lancierte sie als Leiterin der Psychoonkologie am St. Galler Kantonsspital diverse Forschungsprojekte zu Erfahrungen mit Sterbenden. Bücher: «Hinübergehen. Was beim Sterben geschieht. Annäherungen an letzte Wahrheiten unseres Lebens» (Kreuz-Verlag); «Zeugnisse Sterbender. Todesnähe als Wandlung und letzte Reifung» (Junfermann-Verlag).

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