ALLESFRESSER: Neugierig und schlau: Der Fuchs

Wer einen Schuh vermisst, sollte vielleicht den Fuchs fragen. Doch der ist scheu – einerseits. Andererseits treiben sich viele Füchse in der Nähe der Menschen herum. Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen.

Rolf App
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Ob auf dem Feld oder in der Stadt: Den Ohren des Fuchses und seinem Geruchssinn entgeht wenig. (Bild: Raimund Linke/Getty)

Ob auf dem Feld oder in der Stadt: Den Ohren des Fuchses und seinem Geruchssinn entgeht wenig. (Bild: Raimund Linke/Getty)

Rolf App

Wir haben jetzt einen Fuchs. Vor ein paar Wochen ist er über die Wiese bei unserem Haus gestreift, in raschen, jugendlich wirkenden Bewegungen. Einige Tage später jagte er auf dem Garagenvorplatz einem Tannzapfen nach. Und dann häuften sich die auffälligen Signale. Ein Topf, in den Rand­bereich des Teichs gesetzt, lag plötzlich in der Wiese, und zwar gleich zweimal. Bis wir ihn versetzten und mit Dornengeäst ­sicherten. Ein unbekanntes, stark lädiertes Plastikteil fand sich ­hinter dem Haus und auf dem Vorplatz ein halber Apfel.

Beim Fuchsbau fanden sich über hundert Schuhe

Nachdem dann der Fuchs eines Tages ganz ungeniert bei Tage am Wohnzimmer vorbei gestreift war, konnte kein Zweifel mehr bestehen. Seither passen wir auf. Auf den Fuchs. Und auf Schuhe oder andere Gegenstände, die vor allem Jungfüchse in ihrer ­Verspieltheit gern entwenden. Manchmal auch in grösserer Zahl. In Deutschland haben sich vor einigen Jahren die Bewohner eines Dorfes gefragt, wohin alle ihre Gummistiefel-, Garten- und Turnschuhe gekommen sind. Bis der Förster auf einen Fuchsbau stiess – und davor und darin auf über hundert Schuhe.

Hätten wir Hühner, dann würden wir ganz besonders aufpassen. Wenn sie Junge haben, sind Hausgeflügel oder Stall­kaninchen eine willkommene Beute für den Allesfresser, der sonst grossenteils von Mäusen lebt, die er in elegantem Sprung erlegt. Früchte und Beeren liebt er auch. Wie er sie pflückt, haben Klaus Echle und Anna Rummel mit einer besonders zutraulichen Füchsin im Wald erlebt. «Im Sommer blieb sie oft an Himbeer- und Brombeerstauden stehen, streckte vorsichtig die Schnauze in die Zweige, um sich nicht an den Dornen zu piksen, zupfte mit den Schneidezähnen die reifen Beeren vom Strauch und frass sie», schreiben sie in ihrem schönen Buch über diesen jungen Fuchs. «Auch Insekten verschmähte ­Sophie nicht.» Und: «An Regentagen grub Sophie in der Erde nach Regenwürmern.»

Nicht immer frass sie ihre Beute sofort. Oft versteckte sie sie in Erdlöchern, als Vorrat für schlechte Zeiten. Ähnliches hat der Engländer Charles Foster beobachtet bei jenen Füchsen, die zu Stadtfüchsen geworden sind und das Londoner East End besiedelt haben, wo sie zuweilen sogar auf dem Mittelstreifen einer Autobahn schlafen.

«Sobald die Taxis den Grossteil der Banker abgesetzt haben, ­wagen sich die Füchse heraus», beschreibt Foster die Lebens­weise dieser Stadtfüchse in seinem Buch. «Sie suchen ein grosses Gebiet nach Futter ab und zeigen dabei das für Füchse typische Verhalten der Zwischenbevor­ratung.» Ihre Depots legen sie unter Paletten und Kartons an – und finden sie mit traumwandlerischer Sicherheit wieder.

Foster, der wie die Tiere leben will, wühlt sich wie sie durch die Mülltonnen, wo jenes Drittel der Nahrungsmittel landet, das von den Menschen weggeworfen wird. Seinen Versuch allerdings, die Nahrung zu verstecken, gibt er rasch auf, als er bei einem ­Reisvorrat drei braune Ratten vorfindet. «Ein Fuchs, der etwas auf sich hält, hätte sie als Vor­speise verputzt.»

Exzellentes Gehör, ­hervorragende Nase

Füchse sind nicht nur von der Natur hervorragend aufs Überleben vorbereitet worden. Mit einem exzellenten Gehör, mit dem sie sogar das Geräusch eines sich am Boden bewegenden Regenwurms wahrnehmen. Und mit einem Geruchssinn, mit dem ein Fuchs einen Menschen auf achtzig ­Meter Entfernung inmitten eines gerade mit Gülle abgedeckten Feldes wahrnimmt. Der Fuchs bewegt sich denn auch stets mit der Nase nahe am Boden und verfolgt so die Duftspur seiner ­Beute.

Füchse sind aber auch schlau. In seinem Buch über den Rotfuchs berichtet Felix Labhardt von einem Jäger, der in einer Fuchsfalle ein Huhn platzierte. Anderntags war das Huhn weg, die Falltüre aber offen: Der Fuchs hatte wohl den Duft des Menschen erkannt und nicht einfach zugepackt, sondern zuerst jene Schnur abgebissen, welche die Falltür ausgelöst hätte.

Bücher zum Thema: Klaus Echle/Anna Rummel: Fuchs ganz nah (blv 2013); Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde (Malik 2016); Felix Labhardt: Der Rotfuchs (Paus Parey, 1990)