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ALTERSFORSCHUNG: Altersquellen statt Jungbrunnen

Die gesellschaftliche Debatte um das Verhältnis zwischen den Generationen wird von einer neuen Publikation bereichert. Sie weist nach, dass die Sicht auf den letzten Lebensabschnitt angepasst werden muss.
Adrian Zeller
E-Bikes helfen verhindern, dass der Bewegungsradius im Alter immer kleiner wird. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 16. August 2012))

E-Bikes helfen verhindern, dass der Bewegungsradius im Alter immer kleiner wird. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 16. August 2012))

Adrian Zeller

Hans-Werner Wahl ist langjähriger Leiter der Abteilung für Psychologische Altersforschung an der Universität Heidelberg. Er hat ein Buch publiziert, das auf eindrückliche Weise zeigt, dass die gängigen Vorstellungen über das Altern und die Wirklichkeit immer weiter auseinander klaffen. In Zukunft werde sich die Sicht auf das Alter weiter verändern, ist der Altersforscher überzeugt. Das Alter werde sich zu einer eigenständigen und allseits anerkannten Lebensphase mit ganz eigenem Entwicklungspotenzial wandeln. Basis für diesen Perspektivenwandel sind Ergebnisse von wiederholten Untersuchungen der selben Personen. Daten zu diesen Längsschnittstudien seien noch nie so detailliert vorgelegen wie heute, freut sich Wahl. Sie führen «zu einem völlig neuen und oftmals überraschenden Bild unserer längsten Lebensphase».

Eine ganze Reihe von Altersstereotypen erweisen sich gemäss der Publikation als überholt. Da ist etwa das Klischee der abnehmenden zwischenmenschlichen Kontakte, einerseits durch das allmähliche Wegsterben von Bezugspersonen, andererseits durch die altersbedingte eingeschränkte Mobilität. Gemäss gängiger Sicht fördert sie die Einsamkeit im Alter. Tatsächlich reduzieren sich statistisch gesehen die Kontakte.

Was aber auf den ersten Blick wie ein Verlust erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als Wandel. Betagte Menschen legen weniger Wert auf Beziehungen, die dem Austausch von Informationen und der Wissenserweiterung dienen, sie setzen vermehrt auf menschliche Nähe, Intimität und Vertrauen. In Studien konnte kein signifikant höheres Empfinden von Einsamkeit von Senioren im Vergleich zu Jüngeren nachgewiesen werden.

Länger handlungsfähig und selbstbestimmt bleiben

Nicht nur die zwischenmenschlichen Beziehungen werden den sich verändernden Bedürfnissen angepasst, gemäss Wahl hätten ältere Menschen eine «regelrechte Toolbox», um sich mit den Widrigkeiten des Älterwerdens zu arrangieren. Sie entwickeln Selbstregulationsformen, um auf Dinge, Aktivitäten und vor allem Personen zu setzen, die ihnen gut tun, das Übrige wird links liegen gelassen. Bedürfnisse, die sich nicht mehr so leicht erfüllen lassen, werden anders bewertet. Beispielsweise verhilft der aktuelle E-Bike-Boom insbesondere vielen älteren Menschen zu vermehrter Mobilität. Beim Duschen werden vermehrt Griffe genutzt und das Tempo verlangsamt. Das gekonnte Arrangieren, um den Alltag trotz verringerter Beweglichkeit zu bewältigen, trägt zu einem wichtigen Bedürfnis alter Menschen bei: Sie bleiben lange handlungsfähig und weitgehend selbstbestimmt.

Die Wendung «Man ist so alt, wie man sich fühlt» scheint weit mehr zuzutreffen, als gemeinhin angenommen. In Umfragen zum Thema Alter werden als Erstes fast immer Gelenkbeschwerden, Sehschwäche und Gedächtnisverlust und ähnliche Abbauerscheinungen genannt. Das Altern wird vor allem als Abbauprozess verstanden. Wie Experimente und Studien nachweisen, können sich persönliche und gesellschaftliche Altersvorstellungen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen erweisen. So wurde einer Gruppe von Senioren innerhalb einer Studie suggeriert, dass die geistige Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter erheblich nachlasse. Die Versuchspersonen schnitten bei Denksportaufgaben tatsächlich schlechter ab als eine Vergleichsgruppe. «Je stärker jemand davon überzeugt ist, dass Altern einem unkontrollierbaren Abbau und Kontrollverlust gleicht, desto weniger wird er/sie daran glauben, den eigenen Alterungsprozess aktiv mitgestalten zu können – mit fatalen Folgen», schreibt Wahl.

Das Buch des Altersexperten richtet sich nicht vorrangig an ein Fachpublikum, es will der breiten Bevölkerung die neuen Forschungsergebnisse auf verständliche Weise näherbringen.

Hans-Werner Wahl: Die neue Psychologie des Alterns. Kösel Verlag, 224 S., Fr. 30.–

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