Amy Winehouse – Vorbild wider Willen

Am 23. Juli 2011, vor genau einem Jahr, wurde die britische Soulsängerin Amy Jade Winehouse in ihrem Londoner Apartment mit 4,16 Promille Alkohol im Blut tot aufgefunden.

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Die britische Soulsängerin Amy Winehouse bei ihrem Konzert im Zürcher Volkshaus am 25. Oktober 2007. (Bild: Keystone)

Die britische Soulsängerin Amy Winehouse bei ihrem Konzert im Zürcher Volkshaus am 25. Oktober 2007. (Bild: Keystone)

Jeroen van Rooijen

Die 27-Jährige hinterliess eine geschockte Fangemeinde und der Nachwelt einen unverkennbaren Modestil, der genauso polarisierte wie ihre Musik und ihr Lebensstil. Die wie ein Bienenstock aufgetürmte Frisur, die mit viel Kajal zu Katzenaugen geschminkten Augenlider, ein aufgemalter Schönheitsfleck und ein Outfit zwischen 60's-Nostalgie und Luxusschlampe: Amy Winehouse schuf in ihrer kurzen, aber intensiven Lebenszeit nicht nur grosse Musik, sondern auch einen unverkennbaren Stil. Schon zu Lebzeiten war sie damit eine Inspiration für die Modebranche.

Karl Lagerfeld war einer der ersten, der auf die exaltierte Sängerin aufmerksam wurde und nach ihrem Vorbild 2007 bei Chanel eine ganze Pre-Fall-Kollektion schuf. Lagerfeld engagierte sie auch als «Boschafterin» der Marke Fendi, für die er tätig ist. Steven Meisel fotografiert 2008 für die italienische «Vogue» eine ganze Modestrecke, und John Galliano zog im gleichen Jahr mit einer Herbstkollektion für Christian Dior nach. Sogar Anna Wintour, Chefin der US-Vogue, lobte Amy Winehouse in jener Zeit als neues Modevorbild.

Viel Ehre, doch ihr selbst, so behauptete Amy Winehouse gerne, sei die Mode gänzlich gleichgültig gewesen. Das fällt allerdings schwer zu glauben – immerhin war die Sängerin mit ihrem leicht verrutschten Retro-Stil nicht nur Vorbild für Zehntausende von jungen Frauen, die sie nachahmten, sondern kurz vor ihrem Tod auch selbst «Designerin» einer kleinen Amy-Winehouse-Spezialkollektion des britischen Labels Fred Perry, dessen Polo-Shirts Amy Winehouse stets gerne trug (wenngleich in Kindergrössen). Im Frühjahr 2011 wurde die Zusammenarbeit der Öffentlichkeit vorgestellt – in den Handel kamen die Artikel allerdings erst einige Wochen nach dem Ableben ihrer Schöpferin. Ein halbes Jahr nach ihrem Tod widmete ihr schliesslich auch der französische Couturier Jean-Paul Gaultier eine ganze Kollektion, die aber Fans wie Familie gleichermassen befremdete.

Kritiker monieren gerne, dass Amy Winehouses Kleidungsstil genauso schamlos aus Versatzstücken vergangener Epochen zusammengeklaut gewesen sei wie ihre Musik. Modekritiker Richard Blackwell setzte sie dafür 2007 sogar auf den zweiten Platz seiner jährlichen Liste der am schlimmsten angezogenen Frauen der Welt, direkt hinter Victoria Beckham. Tatsächlich lieh Winehouse die Einzelteile ihrer Outfits wie auch Merkmale ihres Sounds in den fünfziger und sechziger Jahren, bei Motown, der Shirelles oder den Ronettes. Doch mischte Amy Winehouse diese Elemente auf ihre unnachahmlich beiläufige Art mit zeitgenössischen Entwürfen einer Überdosis Sex-Appeal – erst recht seit Oktober 2009, als sie plötzlich Körbchengrösse D statt B trug und entsprechend immer tiefer ins frisch gemachte Dekolleté blicken liess – welches allerdings in zunehmendem Masse in einem ungesunden Missverhältnis zu den immer dürrer werdenden Beinchen stand.