Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ANEKDOTEN: Meine Nachbarn und ich

Fünf Redaktorinnen und Redaktoren erinnern sich an besondere Nachbarschaftserlebnisse. Vom Waschküchendiebstahl, einem brodelnden Date, Lärmklagen und absurden Quartierverbesserungsmassnahmen während der Weihnachtszeit.
Fotoserie von Andreas Herzau über eine Reihenhaussiedlung in Kaiserslautern. (Bild: Andreas Herzau/Soiz Galerie)

Fotoserie von Andreas Herzau über eine Reihenhaussiedlung in Kaiserslautern. (Bild: Andreas Herzau/Soiz Galerie)

Anonym und angenehm

Freiheit Jedem sein Haus am Meer, und dazwischen so viel Abstand, dass soziale Kontrolle unmöglich ist. Dies ist meine Idealvorstellung einer gerechten Welt und angenehmen Nachbarschaft. Mit den Jahren wird klar: Schlussendlich ist sich der Mensch doch selbst der Nächste. Man hat in der Grossstadt gelebt, auf dem Land, im Reihenhaus, im Zweifamilienhaus mit gemeinsamer Gartennutzung. Man hat als Kind halb verstört und halb fasziniert den Vater über Politik streiten sehen – am Gartenzaun. Man hat sich als Erwachsene wieder wie ein Kind gefühlt, wenn Nachbarn ganz unverhofft meinten, man solle mal den Rasen mähen oder den Nachwuchs ausgewogener ernähren. Man hat sich weit weg gewünscht von allen bürgerlichen Quartieren dieser Welt, man hat sich geweigert, auch Rosen zu züchten und seine Kinder um 18 Uhr von der Strasse zu holen. Jetzt wohnt man unbehelligt und ­anonym und geniesst diese Freiheit an der stark befahrenen Strasse, links eine Apotheke, rechts ein Thai, gegenüber eine Bank. Der Beamte hinter der Glasfront im ersten Stock sieht ­einen wohl ab und zu in Unterwäsche durchs Schlafzimmer hetzen. Im Rücken ein Haus, in dem Menschen wohnen, die man nicht kennt. Sie züchten keine Rosen und erwarten nicht, dass man selbst welche züchtet. Man schätzt die unbekannten Nachbarn sehr. Sie wohnen nah und sind doch weit weg. Sie husten viel und streiten manchmal, im Sommer unterhalten sie sich oft bis tief in die Nacht. Kein Problem. Hier ist keiner perfekt, aber alle sind frei.

Susanne Holz

Die Weihnachtskerze in der Badewanne

Licht Da stand sie also, die Kerze. Kaum ins Quartier gezogen, klingelte es schon an der Tür. Ein Mädchen hat uns die Kerze gebracht. Es war Weihnachtszeit. «Licht in die Nachbarschaft» soll sie bringen, stand auf dem Beizettel, dazu die Aufforderung, die Kerze eine Nacht ins Fenster zu stellen und sie danach einem anderen Nachbarn weiterzureichen – auch sollte man sich auf einer Liste eintragen (um zu verhindern, dass die Kerze zweimal an den gleichen Ort gebracht wird). Nach fünf Tagen stand sie bei uns immer noch auf dem Küchentisch. Statt Licht in die Nachbarschaft brachte sie Streit in die Partnerschaft. «Bring du sie!» –«Nein, du!» Im Quartier wanderten andere Kerzen von Fenster zu Fenster, nur unsere blieb, wo sie ist, und brannte nicht mal. Am Ende der Adventszeit kündigte ein Zettel an: Bald soll es eine Zusammenführung aller Kerzen geben. Also liessen wir die Kerze ganztägig brennen (in der Badewanne), damit sie gebraucht aussah, und fälschten auf der Liste allerlei Namen (mit unterschiedlichen Farben und Schriftstilen) und stellten am Abend des Treffens alles in einem Sack an den Ort der Zusammenkunft. In den nächsten Wochen, ja Jahren habe ich mich auch deswegen bemüht, zu allen Nachbarn möglichst freundlich zu sein. Schliesslich wollte ich sicher sein, dass man die nächste Kerze abgeben könnte (es klingelte aber nie mehr). So hat die Kerze vielleicht kein Licht, aber zumindest ein bisschen Freundlichkeit in die Nachbarschaft gebracht.

Michael Graber

In den wildesten Fantasien

Phantom Das Leidige an Nachbarn ist, dass die immer da sind. Man bringt sie einfach nicht weg. Wand an Wand einander ausgeliefert, hört mehr voneinander, als man sieht, das kann zu seltsamen Fantasien führen.

Wir waren drei junge Frauen, mit studieren, leben und lieben beschäftigt. Die Wohnung für unsere WG war nicht besonders schön, aber gut gelegen. Von unseren Nachbarn bekamen wir nichts mit, die ersten Wochen zumindest. Bis ein Zettel durch den Schlitz unter der Haustüre geschoben wurde. Mit kleinen Buchstaben stand dort geschrieben, dass es so nicht weitergehen könne. «Ihr seid zu laut!» Wir würden absichtlich die Ruhe unseres Nachbars eine Etage tiefer stören. Dann folgte eine Liste unseres perfiden Tuns: Mit Absatzschuhen stundenlang den Gang auf und ab stolzieren. Mit metallenen Gegenständen gegen die Heizungsrohre schlagen. Morgens um zwei ausgiebig duschen. Wir hatten den Absender des Schreibens noch nie gesehen. Die Fensterläden der untersten Wohnung blieben auch am Tag fest geschlossen. Unser Nachbar schien seine vier Wände kaum je zu verlassen. Wir trafen ihn weder im Treppenhaus, noch sahen wir ihn je in der Waschküche. Auf dem Balkon stapelte er Bierkartons. Das einzige Lebenszeichen: Der Rauch seiner Zigaretten, der durch den Holzboden in unsere Zimmer zog.

Beste Voraussetzungen, um von diesem Phantom-Nachbarn das Bild eines arbeitslosen, depressiven Mannes zu entwerfen. Einer, der nur darauf wartete, dass wir abends nach Hause kamen. Er tat es uns wohl gleich und hielt uns für verluderte, verzogene Partygören. Je mehr wir lebten, desto mehr bebte er. Was er uns in immer wütenderen Zetteln mitteilte. Zu einer Begegnung kam es nie. Dass der gute Mann auch noch der Sohn unseres Vermieters war, machte die Sache unnötig kompliziert. Wir kapitulierten frühzeitig, weil es sich nicht mehr gut schlafen lässt, wenn man Teil der bösen Fantasien seines Nachbars ist.

In der neuen Wohnung wohnte wieder ein alleinstehender Mann unter uns. Wir klingelten schon am ersten Tag an seiner Türe. Stellten uns vor, er lud uns auch sogleich auf ein Bier ein. Wir atmeten auf. Als ich zwei Nächte später von durchs ganze Haus wummernden Basstönen geweckt wurde, zog ich die Decke über den Kopf und sah mich schon perfide Zettelchen schreiben. Dummerweise mochte ich unseren neuen Nachbarn dafür schon zu sehr.

Katja Fischer De Santi

Daten mit dem Nachbarn

Amor «Du bist ein Vulkan.» Voller Hingabe und mit würdevoller Miene blickte mein neuer Nachbar in eine kleine Kaffeetasse und dann mir mit eindringlichem Blick in die Augen. «Du wirst einen Mann kennen lernen, der (er zeigte mit seinen Armen in die Höhe) etwa so gross ist wie ich und so (er gestikulierte in die Breite) gebaut ist wie ich, ausserdem wird er ungefähr so (er zeigte auf seinen Lockenschopf) Haare haben wie ich.» In mir begann etwas zwischen betretenem Lachen und leichtem Unwohlsein zu brodeln. Vor dieser eindeutig zweideutigen Vorhersage seinerseits hatte ich ihm meinerseits in meiner vielleicht manchmal etwas überschwänglichen Art zu verstehen gegeben, wie offen alle in unserem Haus seien, dass er jederzeit klingeln könne, wenn er etwas brauche und wir manchmal auch Kaffee trinken würden zusammen. Der neue Nachbar interessierte sich von da an mit Begeisterung vor allem für mich. Mittlerweile grüssen wir uns freundlich im Treppenhaus: «Wie gehts?» «Gut, danke und dir? Gut. Tschüss, schönen Tag.» Zugegeben, bevor das neue Vis-à-Vis da war und ich vernahm, dass ein Mann in meinem Alter eingezogen war, ging mir kurz durch den Kopf: «Das wäre ja praktisch, wenn da Amors Pfeil...» Doch das oben erwähnte «Unwohlsein» meinerseits führte irgendwann tatsächlich zu einem Vulkanausbruch, wohl aber nicht in der von meinem Nachbarn prophezeiten Art.

Andrea Portmann

Diebstahl in der Waschküche

Unterwäsche Vielleicht sollte man nicht in einen Ort ziehen, der Dusslingen heisst. Aber in Tübingen war keine bezahlbare Wohnung zu ergattern. Also wichen wir ins fahrradnahe schwäbische Umland aus. Ein Mehrfamilienhaus aus den 1970er- oder 1980er-Jahren, acht Wohnungen, man stellte sich den Nachbarn vor und grüsste fortan im Treppenhaus, in der Waschküche oder beim Treppewischen in der kleinen Kehrwoche. In der grossen Kehrwoche (Mülltonne shamponieren, Kellergang wischen, Trottoir fegen) klapperte man extra laut mit Eimer und Wischmopp, damit alle mitbekamen, dass man sauber machte. Mehr Berührungspunkte gab es nicht. Bis auf einmal Unterwäsche verschwand. Erst fiel es nicht auf. Ich vermutete diesen BH in der Schmutzwäsche, jener musste im Schrank versteckt liegen. Doch als sich fast kein BH mehr fand, wurde ich misstrauisch. Die Suche ergab: sechs waren verschwunden. Mein Aushang an der Pinnwand im Treppenhaus («Hat jemand aus Versehen fremde Unterwäsche im Schrank?») schreckte die Nachbarinnen auf. Eine junge Mutter aus der dritten Etage berichtete, dass ihre teuren Still-BH fehlten, die ja nun wirklich niemand anderes brauchen konnte. Zwei Wochen später klingelte es. Die Nachbarin von nebenan entschuldigte sich, in der Hand einen Büstenhalter. Ihr 12-jähriger Sohn hatte alles gestanden. Er hatte aus dem Trocknungsraum im Keller BH geklaut, um sie auf dem Schulhof zu verticken. Von seinem ersparten Taschengeld kauften wir neue Büstenhalter. Nie war Unterwäschekaufen amüsanter.

Julia Nehmiz

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.