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ANLEITUNG: Eine gepfefferte Antwort

Pfefferspray hat Konjunktur. Zuletzt haben die ­Silvestervorfälle in Köln dafür gesorgt, dass die Nachfrage auch in der Schweiz in die Höhe geschnellt ist. Man sollte den Spray aber richtig benutzen können. Und das geht so.
Susanne Holz
Gar nicht so einfach: Mit welcher Hand wehre ich den Angreifer ab, und mit welcher benütze ich den Pfefferspray? Security-Coach und Sporttherapeut Urs A. Camenzind erklärt, wie es geht. (Bild Roger Gruetter)

Gar nicht so einfach: Mit welcher Hand wehre ich den Angreifer ab, und mit welcher benütze ich den Pfefferspray? Security-Coach und Sporttherapeut Urs A. Camenzind erklärt, wie es geht. (Bild Roger Gruetter)

Susanne Holz

Ob es nun ein Pulk angetrunkener und aggressiver Männer ist, der einem plötzlich gefährlich nahekommt, oder ob der einsame Spaziergänger im Wald in immer kürzerem Abstand hinter einem geht: Fast jeder und jede kennt sie wohl, die Situationen, die man nicht genau einschätzen kann – die sowohl harmlos ausgehen als auch schnell mal gefährlich werden können.

Mag sein, dass der Pulk betrunkener Männer grölend an einem vorbeizieht und lediglich als Bild einer Nacht in Erinnerung bleibt. Sehr wahrscheinlich wird sich auch der Spaziergänger im Wald als harmlos erweisen – er wird einen schlicht und einfach überholen und als Silhouette zwischen den Bäumen verschwinden.

Doch ebenso kann es anders enden. Die Übergriffe an Silvester in Köln haben auch hierzulande klargemacht: Es scheint eine neue Form von Aggressivität zu geben. Das bewusste Einkesseln fremder Personen war bislang zumindest nichts, womit die breite Masse im Ausgang rechnen musste. Und immer schon und immer wieder schockieren einen brutale Vorfälle, bei denen einzelne Täter ihre Opfer überfallen, vergewaltigen, zusammenschlagen oder gar töten. Man stellt sich hier wie dort die Frage: Würde alles ein besseres Ende nehmen, könnten die Angegriffenen sich wehren? Mit Pfefferspray beispielsweise?

Nicht Opfer, sondern Gegner

So sprang mir kürzlich ein Inserat ins Auge: «Sicherer Umgang mit dem Pfefferspray». Als «Alleinjoggerin» denke ich mir: Vielleicht würde mich mit einem Pfefferspray in der Tasche nicht mehr jedes Rascheln im Gebüsch nervös machen. Und weil mein Lieblingsheld Aragorn aus «Herr der Ringe» im Fall der Fälle ganz sicher nicht vorbeigeritten käme, wäre es wohl kein Schaden, mich selbst verteidigen zu können.

Ich melde mich zum Kurs in Cham an und frage mich lediglich: Wieso dauert das Ganze zweieinhalb Stunden? Während des Kurses wird mir klar, warum: Um mit dem Pfefferspray umgehen zu können, muss man nicht nur in der Lage sein, ihn schnell zu zücken und an der richtigen Stelle draufzudrücken, sondern auch, sich gegebenenfalls mit dem Körper zur Wehr zu setzen.

Am Kurs nehmen ausser mir noch drei Männer und zwei Frauen einer Menzinger Sicherheitsfirma teil sowie zwei Frauen mit privatem Interesse. Kursleiter Urs A. Camenzind, Lehrer für Selbstverteidigung, Security-Coach und Sporttherapeut, erklärt einem zunächst einmal die richtige Haltung. Schliesslich soll man sich bei einem Angriff nicht als Opfer, sondern als Gegner fühlen. Selbstbewusstsein ist gefragt. Das bedeutet, aufrecht zu stehen und tief durchzuatmen sowie dem Angreifer ins Gesicht und keinesfalls nach unten zu schauen. Die Arme sind locker, die Füsse stellt man leicht versetzt, so hat man den sichereren Stand.

Dann lernt man, mit einem Bein zurückzugehen und gleichzeitig die Arme nach vorne zu nehmen, um den Gegner abzuwehren. Ein Arm hält den Angreifer ab, der andere schützt den eigenen Bauch. Oder auch: Eine Hand wehrt ab, die andere hält den Pfefferspray. Das Abwehren übt jeder, indem er in ein Schlagpolster boxt. Kursleiter Urs erinnert nochmals daran, den Blick nicht zu senken: «Sonst überrascht einen der Gegner.»

Auch Schreien ist Übungssache

Bevor es an den Einsatz von Pfefferspray geht, probiert man aus, sich mit einfachen körperlichen Mitteln zur Wehr zu setzen. Ein unerwarteter Tritt ins Schienbein kann sehr weh tun und einem die Flucht ermöglichen – eine richtig gesetzte Ohrfeige ebenso. Und: Was man als Laie so gar nicht auf dem Radar hat, was aber laut Urs Camenzind äusserst wirkungsvoll sein kann, ist, laut «Nein», «Stopp» oder «Zurück» zu schreien. Das schreckt den Angreifer und ruft Zeugen auf den Plan. Nur muss man es laut machen, richtig laut. Der Kursleiter demonstriert, wie es geht: Der Ton kommt einer Ohrfeige gleich. Man ist perplex.

Selbst bekommt man diesen Schrei nur kläglich hin, genau genommen gar nicht. «Ich glaub dir nicht», sagt der Coach sogleich. «Noch mal, bitte.» Schnelle und sichere Bewegungen ausführen, laut schreien – die Teilnehmer der Sicherheitsfirma können das weitaus besser: Es ist auch Übungssache. Daniel Schaad ist im Nebenerwerb im Sicherheitsdienst tätig und sagt: «Mit der Selbstverteidigung verhält es sich wie mit dem Autofahren – man muss üben, üben, üben, damit sich ein Automatismus einstellt.» Gerade die Arme nach vorne zu nehmen, vergesse man leicht.

Pfefferspray kann tödlich sein

Nachdem man nun seinen Körper in Alarmbereitschaft gebracht hat, was gar nicht so einfach ist, wenn man es im Alltag vor allem mit Kindern und Buchstaben zu tun hat, geht es an die richtige Handhabung des Pfeffersprays. Sprayen ist hier erlaubt und erwünscht: Die Sprays im Kurs sind zum Üben gedacht und enthalten nur ungefährlichen Ersatzstoff. Ein zweites Mal muss man zerknirscht feststellen, dass man weder sonderlich geistesgegenwärtig noch sehr bestimmt auftritt. Man streckt den rechten Arm mit dem Spray in der Hand aus – und Urs schnappt einem die Dose in Nullkommanichts weg.

Das Argument, man wolle sich schliesslich davor schützen, selbst etwas von der beissenden Substanz abzubekommen, lässt er nicht gelten: «Ist der Gegner nicht ein paar Meter auf Abstand, hat er den Spray am ausgestreckten Arm sofort entwendet.» Auch wichtig: mit einer Hand sprayen, mit der anderen den Angreifer abwehren – genau wie eingangs geübt. Und: Sprayt man in Zickzacklinien, erhöht das die Trefferquote.

Zuletzt geht man, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie ein echter Pfefferspray wirkt, in eine Garage. Sowohl ein Spray, der Nebel auslöst, als auch einer, der im Strahl sprüht, werden in einiger Distanz ausgelöst. Trotz Abstand zur Substanz beginnen einige sofort zu husten und verlassen die Garage. Für Kursleiter Camenzind ist das die Gelegenheit, noch einmal zu betonen, dass man den Spray wirklich nur im Notfall und bei einem direkten Angriff einsetzen darf: «Angerempelt zu werden, genügt nicht.» Für Asthmatiker oder Menschen unter Drogeneinfluss kann der Spray tödlich sein. Urs Camenzind sagt deshalb: «Wenn es zumutbar ist, sollte man den Angreifer überwachen, die Polizei rufen und erste Hilfe leisten oder organisieren.» Einen gebrauchten Spray solle man zudem entsorgen oder gleich der Polizei mitgeben – einmal gebraucht, könne jederzeit ungewollt etwas von der Flüssigkeit austreten.

«Krankenhausreif geschlagen»

Am Ende vom Kurs angelangt, fällt das Resümee der Teilnehmer positiv aus. Für die fünf Teilnehmer der Sicherheitsfirma waren die zweieinhalb Stunden ein Training, um fit für ihren Job zu bleiben. Die ältere der beiden Frauen, die aus privatem Interesse teilgenommen haben, meint: «Ich fühle mich nun sicherer und besser gewappnet.» Warum sie teilgenommen hat? «Die Kriminalität hat zugenommen.» Die Jüngere erzählt, als Teenager von anderen Teenagern am helllichten Tag krankenhausreif geschlagen worden zu sein: «Das prägt. Das bleibt haften.» Von Renie Camenzind, der Frau des Kursleiters, erfährt man: «Gerade jüngere Frauen, die für eine Weile ins Ausland gehen, besuchen zunehmend unser Sicherheitstraining und unseren Pfefferspray-Kurs.»

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