APPENZELL AUSSERRHODEN: Rehetobel: Verschanzter Täter telefonierte noch mit Vater

Den ganzen Dienstag über hat ein Mann die Ausserrhoder Kantonspolizei auf Trab gehalten. Er hatte in Rehetobel auf Polizisten geschossen und einen von ihnen lebensgefährlich verletzt. Beim Versuch der Polizei, den 33-Jährigen festzunehmen, hat sich dieser selbst erschossen.

Drucken
Teilen
Die Strasse zwischen Rehetobel und Heiden ist gesperrt. (Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone (Rehetobel, 3. Januar 2017))

Die Strasse zwischen Rehetobel und Heiden ist gesperrt. (Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone (Rehetobel, 3. Januar 2017))

Sichtlich mitgenommen trat die Einsatzleitung gestern Abend um 19.30 Uhr in Herisau vor die Medien: Polizeikommandant Reto Cavelti, flankiert von Staatsanwalt Bruno Werlen, Kripo-Chefin Graziosa Gairing, Verkehrspolizei-Chef Kurt Lutz und Polizeisprecher Marcel Wehrlin. Es galt, «den schlimmen Einsatztag» (Cavelti) zu rekapitulieren.  Am morgen kurz nach 9 Uhr rückten mehrere Kantonspolizisten zu einer Hausdurchsuchung bei Rehetobel aus. Der Grund: Verdacht auf Betrieb einer Indoor-Hanfplantage. Der betreffende Besitzer der Liegenschaft war zuvor auf der Polizeiwache befragt und nach Waffen und anderen gefährlichen Gegenständen untersucht worden. «Der Einsatz verlief zuerst problemlos und der spätere Täter zeigte sich kooperativ», sagt Polizeikommandant Cavelti. Nach der Hausdurchsuchung kam es beim Schopf zwischen Heiden und Rehetobel zu einem Schusswechsel. Der Mann eröffnete das Feuer auf die Polizei und verletzte zwei Beamte im Alter von 29 und 37 Jahren schwer. Die Beamten trugen keine Schutzwesten. Sie mussten mit der Rega und der Ambulanz ins Kantonsspital St. Gallen gebracht werden, wo sie notoperiert wurden. Der 37-jährige Polizist wurde am Bein getroffen, der 29-jährige erlitt einen Herzsteckschuss. Er musste in eine Spezialklinik geflogen werden. Er schwebt noch in Lebensgefahr.

Nach den Schüssen flüchtete der Täter zu Fuss. Mit einem Grossaufgebot wurde nach ihm gefahndet. Im ganzen Kantonsgebiet wurden eiligst schwerbewaffnete Polizeipatrouillen stationiert. Einsatzkräfte aus St.Gallen und Zürich sowie mehrere Feuerwehren kamen zum Einsatz, ein Sondereinsatzkommando rückte an, das Care-Team AR/AI wurde aufgeboten. Polizisten durchsuchten mit Diensthunden das Gebiet. Die Strassen rund um den Tatort wurden gesperrt; Autos und Postautos wurde die Durchfahrt von Heiden nach Rehetobel verweigert, Fussgänger mussten das Gebiet weiträumig umgehen.

Mutmasslicher Schütze ist polizeibekannt

Dann die Meldung kurz vor Mittag: Die Polizei hatte den mutmasslichen Täter bei seinem Wohnhaus lokalisieren und umzingeln können. Zu einer Festnahme kam es vorerst nicht, die Polizei wartete ab und versuchte den mutmasslichen Schützen von einem weiteren Schusswechsel abzuhalten. Bei einem ersten Sichtkontakt habe die Polizei festgestellt, dass der  Täter einen Rucksack auf sich trug. Gesamteinsatzleiter Lutz: «Der Mann gab unmissverständlich zu verstehen , dass er Sprengkörper zünden werde, wenn sich die Polizei nähert.» Zur genaueren Abklärung wurde der Wissenschaftliche Forschungsdienst der Stadtpolizei Zürich angefordert.

Kurz nach Mittag nahm die Verhandlungsgruppe der Kantonspolizei St.Gallen Gespräche mit dem Täter auf. Dieser verlangte ein Handy. Die Polizei kam diesem Wunsch nach. «Telefoniert hat er allerdings nicht mit der Polizei, sondern mit seinem Vater», sagte Cavelti. Der Täter sei zu keinem Zeitpunkt bereit gewesen, sich zu stellen. Um 16 Uhr entschied sich der Gesamteinsatzleiter zur Intervention mit einem Diensthund. Kurz bevor die Beamten den Mann ergreifen konnten, richtete er sich selber. Nach dem Einsatz wurden bei ihm mehrere Magazin Munition sowie eine zweite Schusswaffe gefunden. Der Verdacht auf Sprengstoff erhärtete sich nicht.Beim Schützen handelte es sich um einen 33-jährigen, polizeibekannten Schweizer. Der Mann war 2004 vor Ausserrhoder Kantonsgericht wegen mehrfacher versuchter Tötung, mehrfacher versuchter Körperverletzung und Wiederhandlung gegen das Waffengesetz verurteilt worden. Anschliessend verbrachte er mehrere Jahre in einer Arbeitserziehungsanstalt im Kanton Basel. 2009 wurde er aufgrund eines Gutachtens entlassen. Beim gestrigen Einsatz fand die Polizei keine Hanfplantage, aber Gegenstände, um eine solche zu betreiben. Zudem sei der Täter geständig gewesen.

tagblatt.ch/Maria Kobler-Wyer/Alessia Pagani/Michael Krüsi