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ARCHITEKTUR: Big Apple: Das Erbe im neuen Gewand

Fast die Hälfte der Gebäude in Manhattan dürften nach heutigen Bauvorschriften nicht mehr errichtet werden. Wie würde der Big Apple aussehen, wenn man nach derzeitigen Standards baute?
Adrian Lobe
Moderne, asymmetrische Türme setzt das Architekturbüro an die Stelle . . . (Bild: Hollwich Kushner)

Moderne, asymmetrische Türme setzt das Architekturbüro an die Stelle . . . (Bild: Hollwich Kushner)

Adrian Lobe

Die «New York Times» berichtete kürzlich, dass 40 Prozent der Gebäude in Manhattan nach heutigen Bauvorschriften keine Baugenehmigung erhalten würden. Entweder weil sie zu viele Wohneinheiten haben (Washington Heights), zu viele Geschäfte in der Gegend angesiedelt sind (Chinatown) oder sie schlicht zu hoch (Upper East Side) sind. So dicht wie in der Jones Street, deren Backsteinhäuser das Cover von Bob Dylans Album «The Freewheelin’ Bob Dylan» zieren, dürfte man heute nicht mehr ­bauen. Auch das ikonische, aztekisch inspirierte Flatiron Building («Bügeleisengebäude»), das der Architekt Daniel Hudson Burnham schuf, dürfte nicht mehr ­gebaut werden. Ebenso wenig die wuchtigen, kastenförmigen Wohnblöcke an der Park Avenue, die in den 1920er-Jahren nach den Plänen des Architekten Rosario Candela entstanden.

Klar: Damals galten andere Bauvorschriften, die Planer mussten unter dem damals schon grossen Verdichtungsdruck einer rasant wachsenden Metropole noch nicht allen Regulativen Rechnung tragen. Abstandsflächen waren damals ein Fremdwort. Doch wie würde Manhattan aussehen, wenn es den heutigen Standards genügte? Das New ­Yorker Architekturbüro Hollwich Kushner (HWKN) hat dieses Experiment in dem Designprojekt «New(er) York» durchexerziert.

Neue Entwürfe – schlank und modern

Die Architekten haben mit Hilfe eines 3D-Modells verschiedene Renderings erstellt, wie New Yorker Gebäude aussehen würden, wenn sie heutigen Bauvorschriften entsprechen würden. Der Modernisierungsprozess am Computer erfolgte in vier Schritten: Zunächst schufen die Ar­chitekten ein hochauflösendes 3D-Modell der existierenden Strukturen. Dann wurden die komplexen Elemente entfernt, sodass nur Form und Proportionen erhalten blieben. In einem dritten Schritt wurde der Baukörper neu modelliert. Schliesslich wurde die neue Struktur mit einer «zeitgenössischen Fassadentechnik» drapiert.

Die Entwürfe des «New(er) York» sehen verschlankt und ­modernistisch aus. So wurden die im Art-Déco-Stil erbauten, auf einem Gebäudesockel thronenden Zwillingstürme des Eldorado an der Basis miteinander verschmolzen und nach oben hin ausgekurvt, sodass die unterschiedlich hohen und damit asymmetrischen Türme wie tänzelnde Feuerzungen im Wind erscheinen. Diese Stromlinienförmigkeit wird akzentuiert durch kreuzartige Steinmodule, die Fenster an der Fassade rahmen und nach oben hin kleiner werden. Die Glas-Panels sollen zudem die Transparenz des Gebäudes stärken. Den Wolkenkratzer 1 Wall Street dekonstruierte das Studio in vertikale Elemente, die einen leichteren, flüssigeren Übergang zum Turmvolumen bewirken. Insgesamt wirken die Strukturen luftiger und runder, weniger massiv; dafür verspielt, als hätte man bei einem Jenga-Turm ein paar Klötze heraus­genommen. Die Entwürfe sind nicht bloss eine gedankliche Fingerübung, sondern der Versuch, neue Konstruktionstechniken zu ersinnen, die unter Berücksichtigung von Bauvorschriften das architektonische Erbe in ein modernes Gewand kleiden können.

Kein Plädoyer zum Abriss

Das Projekt ist kein Plädoyer dafür, New York zu einem zweiten Singapur zu machen und die Tradition mit Stumpf und Stiel abzureissen, sondern Architekturstile weiterzuentwickeln. «Schönheit ist flüchtig, aber der Charakter überdauert», schreiben die Ar­chitekten. «Unser Ziel war es, die Persönlichkeit und Langlebigkeit dieser Gebäude beizubehalten, ohne ihre Verzierung zu kopieren.» Ästhetik und Baurecht müssen nicht im Widerspruch stehen. Die 3D-Modelle machen deutlich, dass man historische Ge­bäude modernisieren kann, ohne ihre Geschichte preiszugeben. Die Architekten möchten das ewige Lamento widerlegen, wonach nur alte Gebäude eine gewisse Aura und Historizität ausstrahlen und Entwürfe am Computer ohnehin nicht kreativ seien. Ein «Newer York», ein Update der Metropole, die in ihrem alten Stadtkern in Chelsea noch einen analogen Geist atmet, kann durchaus funktionieren.

…wo heute das vom Art-déco-Stil geprägte «The Eldorado» (1931 eröffnet) steht. (Bild: Brian Bumby/Getty)

…wo heute das vom Art-déco-Stil geprägte «The Eldorado» (1931 eröffnet) steht. (Bild: Brian Bumby/Getty)

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