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ATTACHMENT PARENTING: Ein Kinderarzt zur bedürfnisorientierten Erziehung

Über die bedürfnisorientierte Erziehung streiten sich Eltern, als wäre sie eine Religion. Der deutsche Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster kontert: Nötig sind keine Modelle, sondern leuchtende Augen.
Diana Hagmann-Bula
Tragen, lange stillen, gemeinsam schlafen: Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht es darum, auf die Signale des Kindes zu reagieren. Und so eine gute Bindung sowie emotionale Sicherheit zu schaffen. Bild: Getty (Bild: Getty)

Tragen, lange stillen, gemeinsam schlafen: Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht es darum, auf die Signale des Kindes zu reagieren. Und so eine gute Bindung sowie emotionale Sicherheit zu schaffen. Bild: Getty (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Herbert Renz-Polster, hippe Eltern erachten die bedürfnisorientierte Erziehung (siehe Kasten) als die einzig richtige und verurteilen Anders­denkende. Beunruhigt Sie das?

Ich finde es wunderbar, wenn ­Eltern sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Was mich beunruhigt ist, wenn Eltern sektiererisch denken. In den 1980er-Jahren war das vom US-Kinderarzt William Sears propagierte verbundene Elternsein eine Ge­genposition zum rigiden Grenzensetzen, das verbreitet war. Der körperbetontere, liebevollere Umgang mit Kindern war für viele neu. Vielleicht hat da ein festes Regelwerk geholfen. So ein programmatischer Ansatz kann aber zu einem Hindernis werden.

Weshalb?

Eigentlich ging es William Sears darum, dass Eltern und Kinder echt in Beziehung treten. Nur, wie funktioniert das, wenn ich mit einem Handbuch arbeite? Da kann es leicht passieren, dass es mehr um die Form als um den Inhalt geht. Der Kern der bedürfnisorientierten Erziehung ist nicht, ob wir dem Baby Brust oder Flasche geben, ob wir Tragetuch oder Wagen benutzen, sondern ob wir dem Kind emotionale Sicherheit geben.

Wie gelingt das?

Ich denke, eine gute Voraussetzung ist die eigene Sicherheit: «Hej, ich habe leuchtende Augen. Mir geht es gut. Und deshalb kann ich mich einstellen auf einen kleinen Menschen und den ganzen Stress.»

Attachment Parenting setzt auf starke Bindung. Wie fördert sie die Entwicklung?

So widersprüchlich es klingt: Bindung macht das Kind frei. Dadurch, dass es sich beheimatet und ungestresst fühlt, kann es sich der Welt zuwenden und lernen. Es sperrt die Augen auf, wird mutig. Attachement Parenting zielt keineswegs darauf, wie viele denken, jemanden an sich zu ­fesseln.

Gibt es denn zu viel Nähe?

Nein, das Herz hat ein Überlaufventil. Wenn Kinder sich wohlfühlen, bleiben sie nicht auf dem elterlichen Schoss sitzen, sie krabbeln los. Eine echte Beziehung ist ein Hin und Her.

Dabei heisst es oft, die jetzige Elterngeneration tigere nur um ihre Kinder herum und ziehe lauter Egomanen auf. Sehen Sie das auch so?

Wir brauchen keine Angst zu ­haben, dass wir Kinder falsch ermächtigen, wenn wir auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ein Kind sucht Sicherheit, es sucht keine Macht. Es will die Eltern bei sich haben, damit es sich wohlfühlt und nicht, weil sie nach seiner Pfeife tanzen sollen.

Lange stillen, das Baby tragen, es mit ins Bett nehmen: Das tönt nach wenig Freiheit, besonders für die Frau.

Das wirft man William Sears auch oft vor. Aber wer sagt denn, dass die Mutter das alles alleine machen soll oder gar muss? Dafür ist der Mensch nicht angelegt. Biologisch gesprochen sind wir kooperative Brüter. Für unseren so aufwendigen Nachwuchs braucht es Helfer am Nest, viele Hände, warmen Rückenwind aus dem «Dorf».

Und wenn eine Frau die bedürfnisorientierte ­Erziehung doch alleine ­umsetzt, brennt sie aus, wie das Familienportal ­Swissmom.ch warnt?

Natürlich, aber das ist doch kein Argument gegen einen bedürfnisorientierten Umgang mit einem Baby! Mütter, die keine Hilfe bekommen, haben es immer schwieriger. Egal, welchen Erziehungsstil sie praktizieren.

Grenzen setzen, lautet einer der Punkte, die Sears wichtig waren. Geht dieser bei Attachment-Parenting-Anhängern manchmal ­vergessen?

Sears meinte damit die Kompromisse, die es im Sinne aller braucht. Ein funktionierendes Familiensystem ist letztlich die Entwicklungsressource des Kindes. Wenn es Mama und Papa gut geht, geht es dem Baby gut. Wenn unsere Augen nicht strahlen, können wir machen, was wir wollen. Es wird nicht funktionieren.

Viele Eltern reiben sich aber zwischen Familie und Beruf auf.

Das hat mit den praktisch unvereinbaren Forderungen zu tun, welche die Familie zu erfüllen hat. Sie ist Erwerbsgemeinschaft, Kindererziehungsgemeinschaft und Hort der romantischen Paarbeziehung. Wenn davon eines klappt, ist es schon toll. Zwei ­Ziele: kaum möglich. Dass alle drei klappen: ausgeschlossen! Das hat auch damit zu tun, dass das Mit-Kindern-erfolgreich-Sein und Beruflich-erfolgreich-Sein sehr unterschiedliche Ressourcen braucht.

Und trotzdem kritisieren sich Eltern heute stärker denn je gegenseitig?

Das war schon immer so. Früher war der Erziehungskonsens aber tatsächlich höher als heute. Anfang des 20. Jahrhunderts: acht Stunden Stillpause, die Kinder nachts schreien lassen und nicht hochnehmen. Das war brutale, nicht hinterfragte Unterdrückung. Deshalb: Lasst uns unbedingt streiten!

Was raten Sie Eltern heute?

Herauszufinden, was einen als Eltern trägt. Dann hat man die Kraft, die ganzen Modelle Mo­delle sein zu lassen. Eltern leben heute in einer Diktatur der Angst. Ihnen wird eingetrichtert: Es muss so und so sein. Ich will ihnen sagen: Kinder sind rund um die Welt erfolgreich gross geworden. Ihr habt viel, viel, viel mehr Möglichkeiten. Schöpft sie doch aus!

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