AUFTRITT: Wenn Schönheit zum Bonus wird

Schlanke Figur, tolle Kleider, perfekte Frisur. Sind schöne Frauen und Männer in der Politik erfolg­reicher? Aber sicher, sagt der Polito­loge Georg Lutz.

Flurina Valsecchi
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Ein Abendkleid ganz in Rot: Bundespräsidentin Doris Leuthard wird vom norwegischen König Harald in Oslo zum Galadinner begleitet, fotografiert im Jahr 2010. (Bild: Keystone)

Ein Abendkleid ganz in Rot: Bundespräsidentin Doris Leuthard wird vom norwegischen König Harald in Oslo zum Galadinner begleitet, fotografiert im Jahr 2010. (Bild: Keystone)

«Ich habe festgestellt, wie extrem wichtig das Äussere für Politikerinnen ist», sagte vor einiger Zeit die Genfer SP-Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi der Zeitung «Sonntag», nachdem sie stolze 25 Kilo abgenommen hatte. Sie wirke jetzt wieder sympathischer. Und glaube, dass sie öfter für öffentliche Diskussionen angefragt werde – und dass auch die Männer positiver auf sie reagieren würden. Auch die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala erzählte damals, dass sie 14 Kilo abgenommen und viele Komplimente erhalten habe.

Gehts ums Äussere unserer Politiker – und vor allem unserer Politikerinnen –, so erfahren wir immer wieder ganz viel Persönliches. So etwa titelte der «Blick» vor ein paar Jahren: «Ganz Bern diskutiert: Wer bezahlt Bundesrätin Leuthards Kleider?» Bekannt wurde, dass die CVP-Magistratin sich beim St. Galler Modehaus Akris einkleidet. Ein Hosenanzug kostet dort laut dem Boulevardblatt um die 2500 bis 3000 Franken. Und prompt nahm die Bundesrätin einen Tag später Stellung: «Ich habe alles ordentlich bezahlt, und zwar zum vollen Preis.»

Bereits kurz vor ihrer Wahl zur Bundesrätin liess sich Doris Leuthard in einer Homestory (Titel: «Die neue Helvetia») in der «Schweizer Illustrierten» inmitten ihrer Schuhsammlung fotografieren. Und ein anderes Blatt bezeichnete Leuthard – als wäre das Bundeshaus ein Schönheitswettbewerb – als die «wahre Miss Schweiz».

Frauen sollten diesen Vorteil nutzen

«Natürlich stehen Frauen und ihr Aussehen mehr im Fokus, als dies bei Männern der Fall ist», sagt die Journalistin und Autorin Esther Girsberger. Doch auch bei den Männern werde das Äussere immer wichtiger. Es erstaunt unter diesem Aspekt wenig, dass der ehemalige Fallschirmspringer und heutige SVP-Nationalrat Adrian Amstutz gerne mal als Richard Gere des Berner Oberlands betitelt wird. Und der attraktive Matthias Aebischer (SP), bekannt als Fernsehjournalist, wurde gleich auf Anhieb ohne grosse politische Erfahrung in den Nationalrat gewählt.

Wenn Schönheit nicht das einzige Kriterium bleibe, dann habe dies auch durchaus Vorteile, welche die Frauen nutzen dürften, meint Girsberger. «Frauen haben bezüglich ihres Aussehens mehr Möglichkeiten als Männer. Die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter zum Beispiel ist stets elegant angezogen, das Make-up ist immer perfekt. Das fällt bei ihrem Wählersegment positiv auf.»

Doris Leuthard ist aus Girsbergers Sicht ein Paradebeispiel, wie man die Sympathiekarte gekonnt ausspielen kann. «Sie ist eine sehr gute Kommunikatorin, bei ihr stimmen Äusseres und politisches Verhalten überein. Das ist mit ein Grund für ihren Erfolg.»

Auch Ruth Metzler konnte mit ihrem Auftreten bei vielen bürgerlichen Parlamentariern punkten, das half ihr 1999 sicherlich bei ihrer Wahl in den Bundesrat. Doch dann wendete sich das Blatt zu ihrem Nachteil, «weil sie nicht so handelte, wie es vor allem SVP-Parlamentarier von ihr und ihrem äusseren Image her erwartet hatten», erklärt Girsberger. Metzler wurde 2003 abgewählt.

Dass man wegen seines Äusseren in die Kritik gerät, das musste etwa die frühere Genfer SP-Ständerätin Christiane Brunner in den 1990er-Jahren bitterlich erfahren, als bei ihrer Bundesratskandidatur die Kritik auch auf ihr Auftreten zielte. Und Ruth Dreifuss, damals Bundespräsidentin, musste einmal im «Sonntagsblick» über ihre Garderobe Folgendes lesen: «Trägt gerne Kleider oder Jupes mit Börtchen am Saum. Das wirkt altbacken. Doppelreiher machen breit, die dunklen Haare wirken etwas wuchtig.»

Ist Schönheit also tatsächlich ein Bonus? Diese Frage wurde bereits in einer Studie anhand von Daten der Parlamentswahlen im Jahr 2011 untersucht. Mit dem Resultat: Attraktive Kandidierende machen bei Nationalratswahlen mehr Stimmen – und zwar egal, ob Frau oder Mann. Schon andere Untersuchungen aus unterschiedlichen Forschungsbereichen würden belegen, dass Schönheit in zahlreichen Lebenssituationen Vorteile bringt, und das sei auch in der Politik nicht anders, sagt der Studienautor und Politologe Georg Lutz. «Gut aussehende Menschen fallen auf, und es werden ihnen positive Eigenschaften zugeschrieben, wie mehr Intelligenz und Kompetenz.»

Bei gewissen Wahlen etwa in Parlamente gebe es viele Kandidierende für viele Sitze, und über einzelne Kandidierende wüssten die meisten Wählerinnen und Wähler kaum etwas. «Generell gilt: Je weniger man über einzelne Kandidaten oder Kandidatinnen weiss, desto stärker können Äusserlichkeiten wirken.» Bei solchen Wahlen spielten das Erscheinungsbild und der erste Eindruck eine wichtige Rolle.

Bundesratswahl ist ein Spezialfall

Trotzdem stellt auch Lutz klar, dass mit dem Aussehen allein noch keine Wahl gewonnen ist. Um gewählt zu werden, braucht es eine gute Vernetzung, eine gute Kampagne und die Fähigkeit, Leute zu überzeugen. Insbesondere bei Bundesratswahlen, wo man viel über einzelne Kandidaten weiss und man sie kennt, seien Äusserlichkeiten nur ein Faktor unter vielen. Lutz: «Wenn Aussehen und Attraktivität bei diesen Wahlen so zentral wären, dann hätten wir jetzt Karin Keller-Sutter und nicht Johann Schneider-Ammann im Bundesrat.»

Nicht zu klein, nicht zu dick

Einen anderen Punkt spricht die Politologin Regula Stämpfli an: Hauptsache, man fällt nicht auf. «Angepasste, dem uniformen Bild von Fernsehattraktivität entsprechende Menschen – also nicht zu klein, nicht zu dick, nicht zu jung, nicht zu alt – haben es in den Medien und in der Öffentlichkeit immer leichter. Wer schon äusserlich nicht aneckt, kann auch nicht fertiggemacht werden.» Das Image werde durch ein sympathisches Äusseres geprägt, besonders Frauen könnten sich punkto Auftreten oft weniger erlauben. Und: «Zu viel Schönheit kann wiederum schaden. Anpassung ist gefragt, nicht Extravaganz – in jeder Hinsicht.»

Trotzdem gibt es auch Gegenbeispiele wie die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran, die gerade mit ihrem eigenständigen Aussehen und ihrem ungeschminkten Auftritt eine Ausnahme ist und so auch in den perfekt gestylten Politikerinnen-Reihen punkten kann.

Aber klar, auch Stämpfli sagt: «In den USA wäre ein glatzköpfiger Präsident wahrscheinlich undenkbar.» Obama sei sicher ein gutes Beispiel dafür, wie ein gut aussehender Schönschwätzer Erfolg habe.

Zähne werden fürs Plakat weisser

Politikerinnen und Politiker wissen heute nicht nur in Amerika, dass Äusserlichkeiten wichtig sind, penibel wird bei öffentlichen Auftritten auf alle Details geachtet, man versucht sich zu inszenieren – für ein Wahlplakat wird gerne mal ein bisschen nachgeholfen. Keine Seltenheit ist, dass etwa die Zähne strahlender erscheinen als in der Realität.

Auf solche Diskussionen will sich die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli nicht einlassen. Die junge, dynamische und attraktive Politikerin hat in ihrer Partei das beste Wahlresultat erzielt, noch vor Partei-Übervater Christoph Blocher. Sie teilt unserer Zeitung mit: «Ich nehme nur zu inhaltlichen Fragen zur Volkswahl Stellung.»