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AUSMISTEN: Weg damit! Oder doch nicht?

Marie Kondo hat sich in den vergangenen Jahren weltweit einen Namen als Expertin fürs Entrümpeln gemacht. Es gehe nicht darum, einfach möglichst viel loszuwerden, sagt die Japanerin. Wir sollten einfach nur behalten, was uns wirklich wichtig ist.
Ümit Yoker
Laut der Expertin Kondo beginnt das Ausmisten beim Kleiderschrank, dann folgen Bücher, Papiere, Kleinkram und Erinnerungsstücke. (Bild: Getty)

Laut der Expertin Kondo beginnt das Ausmisten beim Kleiderschrank, dann folgen Bücher, Papiere, Kleinkram und Erinnerungsstücke. (Bild: Getty)

Ümit Yoker

Noch nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, ob meine ­Tasche mir etwas übel nehmen könnte. Wenn ich sie nach einem Wochenende weg von zu Hause einfach stehen lasse, zum Beispiel. Nun hatte ich auf einmal ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. «Die Arme», dachte ich vor ein paar Tagen im Schlafzimmer, «den Bauch voller benutzter Kleider, so lässt sich der Tag ja schwer verdauen.» Daran ist natürlich Marie Kondo schuld. Nirgends in ihrem Buch kippt der sanftmütige Ton der Expertin fürs Entrümpeln mehr in den eines aufgebrachten Plädoyers, als wenn es um die ungerechte Behandlung von Socken geht: Gebührte diesen nicht mehr Respekt dafür, dass sie sich jeden Tag klaglos für uns aufreiben? Sei der Dank für ihre Mühen etwa, dass sie ihre Freizeit als unförmige Ballen verbringen müssten? Wer ihnen dann noch den Elastikbund überstülpe, raube seinen Socken selbst die letzte Hoffnung auf etwas Ruhe und Rast.

Das Buch «The Life-Changing Magic of Tidying Up» (in der deutschen Übersetzung deutlich unpoetischer: «Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert») hat die Beraterin aus Japan in den vergangenen Jahren weltbekannt gemacht. Am Animismus führt darin kein Weg vorbei. Doch ihren Ratschlägen kann durchaus auch etwas abgewinnen, wer seine Zweifel wahrt, ob Nylonstrümpfen tatsächlich eine Seele innewohnt.

Nicht Zimmer für Zimmer, sondern nach Kategorie

Aufräumen, sagt Kondo, bedeutet im Wesentlichen: Entscheiden, ob man etwas behalten will, und entscheiden, an welchen Platz etwas gehört, wenn man es gerade nicht benutzt. Aber warum fällt das vielen so schwer? Weil wir dieselbe Art von Dingen an unterschiedlichen Orten verstauen und darum keine Ahnung haben, wie viel wir tatsächlich unser Eigen nennen, ist die Japanerin überzeugt. Sie hält deshalb auch wenig von ausgeklügelten Stauraumlösungen, verschleierten diese doch nur noch mehr, was man alles besitzt. Und Regeln wie «Wirf alles weg, was du ein Jahr lang nicht benutzt hast» könne man sich ebenfalls sparen. Schliesslich gehe es um die Frage, womit man sich zu Hause ­am wohlsten fühle – und nicht einfach darum, möglichst viel loszuwerden.

Ein Leben zwischen Dingen, die uns Freude bereiten. Das verspricht Marie Kondo all denen, die nach ihrer Methode entrümpeln, und natürlich hat auch diese ein paar Regeln: Erstens, das grosse Ausmisten soll in einem Zug durchgeführt werden, seien dies ein paar Wochen oder ein paar Monate. Zweitens, es wird nicht Zimmer um Zimmer aussortiert, sondern Kategorie um Kategorie. Nur so weiss man, wie viele T-Shirts, Ladekabel und Pflegespülungen sich in einer Zweizimmerwohnung verstecken können. Drittens, die Kategorien sind in fester Reihenfolge anzugehen: Kleider, Bücher, Papiere, Kleinkram, Erinnerungsstücke. Die Entscheidung, etwas weg­zuwerfen, fällt nicht bei allem gleich leicht; deshalb lohnt es sich, schon etwas Übung darin zu haben, bevor man sich an die Liebesbriefe von Patrick aus der Oberstufe macht. Viertens, alle Gegenstände werden auf einen Haufen gelegt und jeder wird in die Hand genommen. Nur so wüssten wir, ob uns etwas immer noch Freude bereite, sagt Kondo. Und das sei es schliesslich, was zähle (ausser bei Garantien und Mietverträgen). Fünftens, fürs Erste wird nur aussortiert, das Einräumen kommt später.

«Das könnte ich ja noch zu Hause tragen»

Längst hat Kondo ihre Strategie markenrechtlich schützen lassen. Wer mag, kann sich sogar zur ­zertifizierten Beraterin ausbilden lassen; unter den mehreren Dutzend Absolventinnen bisher sind auch ein paar Schweizerinnen. (Von der Magie des Ausmistens verzauberte Männer hingegen findet man auf der Webseite des Unternehmens bis anhin keine.) Für das Zertifikat wird neben dem Besuch eines dreitägigen Seminars in New York oder London für 2000 Dollar selbstverständlich vor allem eines voraus­gesetzt: Die gründliche Kondoisierung des eigenen Zuhauses.

Wenn Marie Kondo ihre Kundschaft beim Ordnungschaffen berät, beginnt sie beim Kleiderschrank. Jeder Pullover und jeder Gürtel wird befühlt und betrachtet auf die Frage hin, ob man sich noch aufrichtig an ihm ­erfreue. Ausweichstrategien wie «Das könnte ich doch noch zu Hause tragen» oder «Ich hängs mal meiner Schwester in den Schrank» lässt sie nicht gelten. Trennen sollte man sich auch von Kleidungsstücken, an denen nach drei Jahren immer noch das Preisschild hängt. «Viele der Dinge, die wir besitzen, haben ihre Rolle längst erfüllt», schreibt Kondo in ihrem Buch. Der ungetragene Jupe hatte also vielleicht einzig zur Aufgabe, mir vor ­Augen zu führen, dass ich eben doch ein Hosentyp bin.

Halbgelesenes wird auch später nicht fertiggelesen

Nicht anders ist es bei Büchern: Den Roman, den man vergangenen Sommer nicht zu Ende lesen mochte, wird man vermutlich auch kommenden August nicht mehr aufschlagen. Seine Bestimmung als halbgelesenes Buch hingegen hat er vollumfänglich erfüllt. (Es macht den Kauf ja nicht ungeschehen, wenn wir ­etwas aus schlechtem Gewissen behalten.) Was aber ist mit den Ohrringen von Tante Judith zum Geburtstag, die seit Monaten im Schmuckkästchen liegen? «Der wahre Zweck von Geschenken ist, sie zu erhalten», ist sich Kondo sicher. Geschenke seien keine Dinge, sondern Wege, um jemandem seine Gefühle zu vermitteln. Was uns also bleibt, ist Buch und Jupe für ihre Dienste zu danken und Abschied zu nehmen, und die Ohrringe jemandem zu geben, der sie gerne trägt.

Abschied von Entscheiden aus der Vergangenheit

Entrümpeln ist ein simpler Akt, wegwerfen oder behalten. Doch ebendiese Frage bedeutet auch, dass wir uns mit Entscheidungen auseinandersetzen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben. Dass wir hinterfragen, ob die Sachen, die wir besitzen, uns noch immer lieb sind oder es überhaupt einmal waren. Besonders schwer fällt das, wenn wir zu den Kinderzeichnungen, Ferienfotos und einäugigen Teddybären kommen. Wenn es darum gehe, sich von Dingen mit sentimentalem Wert zu lösen, schwinge ­oftmals die Angst mit, auch Erinnerungen zu verlieren, glaubt Kondo. «Doch lohnt es sich, Andenken an Erlebnisse oder Menschen zu bewahren, die man sonst vergessen würde?» Viel entscheidender sei doch, was uns im Hier und Jetzt glücklich mache. Und je weniger Dinge wir besitzen, die keine Bedeutung haben, umso klarer wird, welche für uns wirklich wichtig sind.

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