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AUSSTELLUNG: Aufbruch in die Moderne

Das Landesmuseum in Zürich lässt mit einer facettenreichen Auslegeordnung eine dynamische und faszinierende Epoche aufleben: «Auf der Suche nach dem Stil. 1850 bis 1900».
Urs Bader
Liftkabine aus Mailand (um 1890). (Bild: A Museum London, MTMAD Lyon)

Liftkabine aus Mailand (um 1890). (Bild: A Museum London, MTMAD Lyon)

Urs Bader

Die Schweiz vermag zunächst nicht mitzuhalten mit dem Tempo, mit dem Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Moderne entgegengeht. Was sie an den populären Weltausstellungen zeigt, etwa an jener von 1873 in Wien, fällt bei Fachleuten weitgehend durch. Die Textilindustrie zeige «nichts Eigenes und Eigenthümliches: sie steht hier wie dort auf dem commerciellen Standpunkt, folgt hier der Mode und huldigt dort der Beständigkeit im nationalen oder volksmässigen Geschmack. Nirgends zeigt sie die Tendenz, künstlerisch voranzugehen oder neue Wege einzuschlagen. Dies gilt selbst von der Uhrenfabrication, d. h. von ihrer Verzierung, die uns hier allein interessirt», schreibt der deutsch-österreichische Kunsthistoriker Jakob von Falke. Auch die Holzschnitzereien an Sesseln oder Bilderrahmen würden zeigen, «dass das wahre ästhetische Licht auf diesem Gebiet den Schweizern noch nicht aufgegangen ist».

Tatsächlich hat die erste Weltausstellung von 1851 in London eine neue Epoche eingeläutet. Die Industrialisierung beschleunigte sich und versetzte die Gesellschaften in Bewegung. Es herrschte Aufbruchstimmung. Der Wettstreit der Volkswirtschaften wurde an den Weltausstellungen ausgetragen.

Der technische Fortschritt bewegt die Welt

Die politische und wirtschaft­liche Entwicklung von den gescheiterten europäischen Revolutionen von 1848 – das machte die Schweiz besser und gründete den Bundesstaat – bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte in vielen europäischen Städten zu einer Bevölkerungsexplosion. Und zu Problemen wie Wohnungsnot, ungenügender Infrastruktur, hygienischen Missstände. Rasant war in jenen Jahrzehnten aber auch der technische Fortschritt, der mithalf, diese Probleme zu lösen.

Metropolen wie Paris, London oder Wien erhielten damals ihr heutiges Gesicht; architektonisch wurden die Weichen für die Zukunft gestellt. Prägend waren die Ideen der Architekten und Kunsttheoretiker Gottfried Semper (Erbauer der ETH Zürich) und Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc. Sie orientierten sich an früheren Epochen – Semper an der Antike und der Renaissance, Viollet-le-Duc an der mittelalterlichen Gotik. Sie kombinierten diese historischen Stile jedoch mit neuen Techniken und Baumaterialien.

Der technische Aufschwung, etwa die Elektrifizierung ab den 1880er-Jahren, brachte den Fortschritt auch in die Häuser und Wohnungen – die Glühbirne, das Bügeleisen, den Aufzug, das Telefon. Die Elektrifizierung veränderte aber nicht nur den Alltag der Menschen und das gesellschaftliche Leben, sondern auch die industrielle Produktion. Dies warf wieder neue Fragen auf: ­ Wie sollen seriell hergestellte ­Gebrauchsgüter aussehen? Wie kann ein Produkt gleichzeitig funktional und schön sein? Welche Bedeutung hat das Handwerk noch? In einer Gegenbewegung zu den neuen Produktionsweisen wurde auf das Mittelalter zurückgegriffen mit seinem Prinzip der Symbiose von Handwerk und Kunst. Die Frage nach dem «richtigen Stil» stellte sich.

Eine Vielfalt von Stil- und Kunstrichtungen

Wie in der Architektur gab es bald auch in der Kunst, dem Kunsthandwerk, aber auch bei den Gebrauchsgütern wie Möbel oder Textilien eine Vielfalt von teils historisierenden Stilrichtungen. Man orientierte sich an Renaissance, Gotik oder Barock; in der Kunst entwickelten sich Realismus, Symbolismus und Impressionismus mehr oder weniger gleichzeitig.

Der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818–1897) war gewissermassen Vordenker und Interpret dieses Historismus genannten Stilpluralismus. Gegenüber Rückgriffen auf das Historische in Kunst und Kultur zeigte er sich offen. In der Begleitpublikation zur Ausstellung heisst es dazu: «Renaissancen, Neo-Bewegungen und historische Gesten, namentlich in der Architektur, galten ihm deshalb nicht als Verfehlungen und Rückkehr in frühere stilistisch oder historisch minderwertige Vergangenheiten, sondern als (...) Fortleben der Geschichte bis in die Gegenwart oder umgekehrt als Partizipation der Gegenwart an der Geschichte.»

La Chaux-de-Fonds, St. Gallen, Luzern

Doch die Stilfragen mussten in der Praxis beantwortet werden. An der Londoner Weltausstellung zeigte Frankreich, dass es in Stilfragen führend war. Andere Länder hatten noch Defizite, ihre Produkte galten dem Zeitgeschmack als weniger elegant. Weltweit wurden jetzt Kunstgewerbeschulen gegründet, auch in der Schweiz. Die Ostschweizer Textilindustrie gründete 1867 in St. Gallen eine Zeichenschule, um Dessinateure für die Fein- und Grobstickerei auszubilden. In La Chaux-de-Fonds eröffnete 1873 die erste Kunstgewerbeschule; ihr folgten weitere Schulen wie jene in Luzern 1877. Sie legten unter anderem Muster- und Vorbildsammlungen an, die zur Grundlage für technische und gestalterische Innovationen wurden. Es war der Anfang eines neuen Berufs, des Entwurfskünstlers oder Designers. Und sie waren schon damals gefragt. Der Brite Christopher Dresser war einer der ersten freischaffenden Designer, der für über 30 Auftraggeber Textilien, Möbel, ­Teppiche, Geschirr, Vasen und Tapeten gestaltete.

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