AUTO-SALON: Die heimlichen Champions in Genf

In Genf warten kleine Hersteller mit spannenden Neuerungen auf. Ein Schweizer will den Nahverkehr revolutionieren, ein Tessiner den Elektromotor, und ein Deutscher stellt Autos von Hand her.

Hans-Peter Hoeren
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Schweizer Vision: Der Micromax bietet nur für vier Personen Platz – inklusive Fahrer. Dafür gibts Kaffee und Internet. (Bild: Keystone/PD)

Schweizer Vision: Der Micromax bietet nur für vier Personen Platz – inklusive Fahrer. Dafür gibts Kaffee und Internet. (Bild: Keystone/PD)

VW, Ferrari und Jaguar kennt jeder. Entsprechend gross ist das Interesse beim 83. Internationalen Auto-Salon in Genf an den Innovationen der grossen Hersteller, vom Ein-Liter-Auto von VW bis hin zum Hybrid-Supersportwagen La Ferrari mit 963 PS. Aber kennen Sie auch die Schweizer Autotüftler von Rinspeed oder Protoscar oder die deutsche Automanufaktur Wiesmann? Die Hersteller stehen in Genf nicht im Mittelpunkt, sind aber nicht minder innovativ. Dass diese Nischenplayer gleichberechtigt neben den grossen Massenherstellern ausstellen können, gilt als absolutes Markenzeichen des Genfer Salons. Das hängt mit der Neutralität der Schweiz zusammen und damit, dass das Land keine eigene Autoproduktion hat. Entsprechend wird versucht, keinen Hersteller zu bevorzugen. Der diesjährige Salon dauert noch bis zum 17. März.

Mikrobus mit Stehplätzen

Mit der Entwicklung eines neuen Autos ist es für den Zürcher Frank M. Rinderknecht (57) nicht getan. Er will nichts weniger als den Verkehr in den Ballungsräumen revolutionieren. Dazu hat er mit zahlreichen Industriepartnern (vor allem aus Deutschland) ein eigenes Mobilitätskonzept entwickelt und passend ein neues Auto, den MicroMax, der ebenfalls in Genf zu sehen ist.

Gerade mal 3,70 Meter ist der futuristisch anmutende Elektrobus lang. Die Stehsitze bieten Platz für 3 Passagiere und einen Fahrer. Diese können im Fahrzeug Internetanschlüsse, aber auch Kaffeemaschine und Kühlschrank nutzen. Angetrieben wird das Auto von einem Gabelstaplermotor mit 44 PS.

Die Reichweite liegt bei 100 Kilometern, die Höchstgeschwindigkeit bei 95 km/h. Über eine Cloud-Plattform werden alle MicroMax-Mitglieder miteinander vernetzt zu einer Art riesigen Mitfahrbörse. Zu dieser zählen sowohl die registrierten Fahrer und Besitzer und alle, die eine Mitfahrgelegenheit benötigen. Über ein kleines Computerprogramm, eine Smartphone-App, haben alle Mitglieder in Echtzeit Zugriff auf die Informationen über die Fahrzeuge, deren Standorte und Routen und können ihr Fahrtziel eingeben. Entsprechende Mitfahrgelegenheiten werden vom System berechnet und angezeigt. Das System soll vor allem den Nahverkehr weltweit entlasten. Laut den Entwicklern verbindet es die Vorteile des öffentlichen Verkehrs mit denen von Fahrgemeinschaften, Carsharing und Taxis. Es soll auch schlecht ausgelastete Buslinien ersetzen können, ist aber auch auf die Bedürfnisse von Handwerkern, Postboten oder Lieferanten umrüstbar.

Bis zur Serienreife ist es allerdings noch ein Stück Weg. Laut Branchenexperten kostet ein Fahrzeug je nach Ausstattung zwischen 5000 und 10 000 Franken.

Der stärkste Elektromotor

Eine ganz andere Vision hat der Tessiner Tüftler Marco Piffaretti. Geht es nach ihm, dann sollen ab 2050 alle Autos mit Elektromotor fahren. So wie das schnittige Rennauto Lampo 3, das Piffaretti mit seinem Unternehmen Protos-car in Rovio, in der Nähe von Lugano, entwickelt hat. 550 PS hat der Rennschlitten. Gemäss Firmenangaben ist der Lampo 3 der stärkste elektrisch betriebene 2+2-Sitzer der Welt. Dafür sorgen drei Elektromotoren, einer auf der Vorder- und zwei auf der Hinterachse. 200 Kilometer weit kann das Auto mit einer Batterieladung fahren. Innerhalb von 4,5 Sekunden beschleunigt es auf 100 Stundenkilometer, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 Stundenkilometer. In dem Auto steckt viel Know-how aus der Schweiz. Der Elektrostrang ist vom Zulieferer Brusa; ABB und Alpiq entwickelten eine eigene Heimladestation. Das Auto hätte die Reife für eine Kleinserie. Ob es je produziert wird, ist offen.

Jedes Fahrzeug ein Unikat

350 Stunden Arbeit stecken in jedem Sportwagen der deutschen Automanufaktur Wiesmann. Jedes Fahrzeug ist ein Unikat. In Genf präsentiert das Unternehmen zu seinem 25. Jubiläum den Sportwagen GT MF4-CS. Die Auflage ist limitiert. Maximal 25 dieser Modelle werden produziert. Das Sammlerstück hat einen V8-Hochdrehzahlmotor mit 420 PS und erreicht Höchstgeschwindigkeiten von 293 Stundenkilometern. Der Bruttopreis liegt bei 230 000 Euro inklusive Serienausstattung.

Die Manufaktur mit ihren rund 110 Mitarbeitern hat seit ihrer Gründung 1500 Fahrzeuge am Hauptsitz in Dülmen produziert. Die Antriebstechnik stammt von BMW, die restlichen Arbeiten finden in der Manufaktur statt, das Unternehmen hat eine eigene Schlosserei, einen Carrosseriebau, eine Elektrik, Sattlerei und Montage. Die hohe Fertigungstiefe ist das Markenzeichen der Fahrzeuge.

Auto mit Rundumverglasung

Auch Österreich mischt bei den Exoten mit: Ob das Modell Speedi des österreichischen Herstellers EH Line jedoch für den Alltag geschaffen ist, dürfte Ansichtssache sein. Dank eines Bleiakkus mit Niederspannungs-Elektroantrieb (48 Volt) kann daran in praktisch jeder normalen Werkstatt gewerkelt werden. Dafür hat der Wagen aber nur eine Reichweite von rund 60 Kilometern – und fällt ausserdem durch sein Design auf: Wegen seiner Rundumverglasung erinnert der Speedi an das Mobil des Papstes. «Der Witz des Speedi ist doch: Mit dem fallen sie garantiert mehr auf als mit jedem Porsche», so Manuel Santer, der Chef von EH Line.