BEINE: Krampfadern: Warten oder behandeln?

Über 90 Prozent von uns leiden früher oder später an Krampfadern. Wann muss man sie therapieren lassen? Und wie? Experten des Venenzentrums in Sursee beantworten die wichtigsten Fragen.

Interview Hans Graber
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Wenn Unterschenkel nicht mehr so schön aussehen wie diese hier, liegt das oft an Krampfadern. Gefeit davor ist niemand, aber es gibt diverse Gegenmassnahmen. (Bild: PD)

Wenn Unterschenkel nicht mehr so schön aussehen wie diese hier, liegt das oft an Krampfadern. Gefeit davor ist niemand, aber es gibt diverse Gegenmassnahmen. (Bild: PD)

Warum heissen eigentlich Krampfadern Krampfadern?

Die Bezeichnung leitet sich aus dem mittelhochdeutschen Wort «Krumb- ader» ab und bedeutet «krumme Ader». Der Begriff Krampfader steht in keinem Zusammenhang mit dem Symptom von Beinkrämpfen. Diese zählen auch nicht zu den typischen Krampfaderbeschwerden, können aber auf eine Venenschwäche hinweisen. Das in der Medizin gebräuchliche Wort «Varizen» stammt vom lateinischen «Varix» (Knoten) ab.

 

Wer ist vor allem betroffen?

Die Erkrankungshäufigkeit steigt mit fortschreitendem Alter. Über 90 Prozent der Bevölkerung sind irgendwann von Venenleiden betroffen, wobei diese von leichten Formen wie Besenreisern (59 Prozent) bis zu schweren Folgeschäden wie venösen Beingeschwüren reichen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Krampfadern können sowohl einseitig wie beidseitig auftreten

 

Kann man Krampfadern vorbeugen?

Einen garantierten Schutz gibt es nicht, aber wer die Beinmuskeln stärkt, verbessert auch den herzwärts gerichteten Venenfluss. Schwimmen, Velofahren, Walken, Wandern und Tanzen gehören zu den Sportarten, die die Wadenmuskulatur arbeiten lassen. Da die Bewegung im Sprunggelenk durch das Tragen hoher Absätze eingeschränkt ist, sollten diese bei Krampfadern möglichst wenig getragen werden. Zudem ist es wichtig, das Idealgewicht zu halten. Jedes überflüssige Kilo drückt auf die Venen. Hochlagern der Beine entlastet die Beinvenen.

 

Was ist mit kalten Beinduschen?

Kälte aktiviert die Muskulatur in der Venenwand, wodurch sich der Durchmesser verkleinert. Der Blutrückfluss wird so verbessert. Dies kann vor allem zu einer Linderung des Schwere- und Spannungsgefühls führen. Wärme wiederum erweitert die Venen und ist für die Venenfunktion somit eher ungünstig.

 

Was sind Krampfadern-Symptome?

Typisch sind ein Schwere-, Spannungs- und Müdigkeitsgefühl im betroffenen Bein sowie Schwellungen im Knöchelbereich, darüber hinaus Juckreiz, ziehende und manchmal brennende Schmerzen über den Krampfadern. Üblicherweise nehmen diese Symptome im Lauf des Tages zu und sind abends am stärksten ausgeprägt. Ausserdem verstärkt Wärme oft die Beschwerden. Nachts gehen beim Liegen die Symptome zurück oder verschwinden ganz, wobei wie erwähnt nächtliche Wadenkrämpfe ein Hinweis auf eine Venenschwäche sein können. Lokal erhebliche Schmerzen können im Fall einer Komplikation wie etwa einer oberflächlichen Venenentzündung auftreten.

 

Sind Krampfadern nur ein ästhetisches Problem, oder können sie gefährlich werden?

Die Erkrankung verläuft oft komplikationslos. Durch den chronisch gestörten Blutabfluss kann es aber zu schweren und nicht mehr reparablen Schäden insbesondere am Unterschenkel kommen. Es können sich Vernarbungen und Verhärtungen von Haut und Unterhautgewebe ausbilden. Zudem entstehen Ablagerungen von Blutabbauprodukten, und Entzündungen von oberflächlichen Venen (Thrombophlebitis) treten auf, schliesslich kann sich ein «offenes Bein» (Ulcus Cruris) entwickeln. Im hohen Alter kann die fortgeschrittene Schädigung der Haut nicht selten zur einer Varizenblutung selbst nach Bagatellverletzung führen.

 

Was ist mit den gefürchteten Thrombosen?

Die Gefahr einer Thrombose mit nachfolgender Lungenembolie ist vergleichsweise gering.

 

Kann der Arzt allein aufgrund eines Augenscheins sagen: Ganz klar, Krampfadern?

Krampfadern sind vor allem am Unterschenkel meistens deutlich sicht- und tastbar. Um das Venensystem und die Schlussfähigkeit der Klappen beurteilen zu können, empfiehlt sich jedoch eine genauere Ultraschalluntersuchung der oberflächlichen und tiefen Venen, zumal eben einige Formen von aussen nicht unbedingt erkennbar sind. Auch bei stark übergewichtigen Patienten sind Varizen nicht immer offensichtlich.

 

Muss man Krampfadern zwingend behandeln?

Nein. Dennoch ist es ratsam, zu intervenieren, bevor irreparable Schäden auftreten. Bei Beschwerden mit entsprechendem Leidensdruck sollten die nötigen Massnahmen (Operation, minimalinvasive Verfahren, Verödung) individuell besprochen werden.

 

Was sind mögliche nicht-operative Therapien?

Die konservative Therapie umfasst die Kompressionsbehandlung (Stützstrümpfe), Venengymnastik (zum Beispiel Kreisen der Füsse), Sport sowie Gewichtsreduktion bei Übergewicht. Bei der Kompressionstherapie wird der Venenquerschnitt verringert, der venöse Blutfluss beschleunigt und die freie Flüssigkeit, die sich durch den bei Krampfadern erhöhten Venendruck im Gewebe ansammelt, verringert. Dadurch werden geschwollene Beine wieder schlank beziehungsweise werden stärkere Schwellungen verhindert. Allerdings tritt dieser Effekt nur während des Tragens der Strümpfe auf.

 

Wann sollte operiert werden?

Sind typische Krampfaderbeschwerden vorhanden und/oder haben sich bereits Hautveränderungen entwickelt, so sollte bei nachgewiesener Veneninsuffizienz ein operatives Verfahren durchgeführt werden. Dringend zu empfehlen ist das bei einer höhergradig chronisch venösen Insuffizienz, nach erlittenen Komplikationen wie einer Venenentzündung, nach Varizenblutungen oder zur Sekundärprophylaxe nach Ulcus Cruris. Berücksichtigen bei der Entscheidung sollte man aber immer das Alter und die Begleitkrankheiten des Patienten.

Was, wenn der Patient sagt, er wolle keine Operation?

Als Alternative gibt es immer die Möglichkeit der konsequenten Kompressionsbehandlung, idealerweise mit medizinischen Kompressionsstrümpfen.

 

Wie verläuft eine Operation?

Grundsätzlich wird entweder die kranke Vene entfernt oder von innen verschlossen. Bei der klassischen Operation, wie sie heute bei uns noch an meisten gemacht wird, wird über einen Hautschnitt in der Leiste (oder in der Kniekehle) die Mündung der oberflächlichen Stammvene in die tiefe Vene unterbunden und die Stammvene anschliessend entfernt respektive herausgezogen («gestrippt»). Zudem gibt es verschiedene minimalinvasive Verfahren, die nun immer mehr zur Anwendung kommen. Dabei wird die Stammvene über eine kleine Punktionsstelle entweder thermisch (Laser, Radiofrequenz), chemisch (Sklerothe­rapie) oder mechano-chemisch (Clarivein) von innen behandelt, sodass diese schrumpft und sich verschliesst. Bei der neusten Methode wird die insuffiziente Stammvene mit einem Acrylat-Kleber von innen verschlossen (Sapheon-Closure-System).

 

Wovon ist die gewählte Operationstechnik abhängig?

Entscheidend ist das Ausmass der Erkrankung. Bei uns im Venenzentrum Sursee wird ein individueller Therapieplan erstellt, bei dem die minimalinvasiven Laserverfahren priorisiert werden. Oft werden aber verschiedene Operationstechniken kombiniert.

 

Zahlt die Krankenkasse?

Leider werden minimalinvasive Verfahren von der Grundversicherung nicht abgedeckt, obwohl kontrollierte Studien zeigten, dass die Resultate dieser Verfahren der klassischen Operation ebenbürtig sind. Dies beeinflusst natürlich die Wahl der Operationstechnik, da die Patienten verständlicherweise oft nicht bereit sind, die Kosten der endovenösen Verfahren (Anmerkung der Red.: in der Regel mehrere hundert Franken, je nach Aufwand aber auch mehr) selber zu übernehmen.

 

Wie lange muss man ins Spital?

In der Regel werden die Eingriffe ambulant durchgeführt, es gibt aber Fälle, wo eine Hospitalisation für zwei Tage notwendig ist.

 

Gibt es Operationsrisiken?

Schwerwiegende Komplikationen sind selten. Mögliche Komplikationen bei den konventionellen offenen Verfahren sind lokalisierte Blutungen, Nachblutungen, Wundinfektionen und Läsionen von Hautnerven. Dadurch entstehen Gefühlsstörungen an der Haut der operierten Beine. Selten – in weniger als einem Prozent der Fälle – tritt eine postoperative tiefe Beinvenenthrombose auf.

 

Und bei minimalinvasiven Verfahren?

Bei jenen, die mit Hitzeentwicklung arbeiten, kann es theoretisch zu Verbrennungen kommen. Das haben wir aber in unserer inzwischen mehrjährigen Erfahrung nie beobachten können. Beim Veröden können bräunliche Verfärbungen entstehen, die aber nach ein bis zwei Jahren oft wieder verschwinden.

 

Ist eine Operation schmerzhaft?

Minimalinvasive Verfahren gelten als schmerzarm und gewebeschonend. Schmerzhaft sind meist die Stellen, an denen sogenannte Seitenäste über kleine Hautschnitte entfernt werden sowie der Bereich, an dem die oberflächliche Stammvene gestrippt wurde. Das Veröden (Sklerotherapie) von Krampfadern ist schmerzarm.

 

Wie läuft die Nachsorge?

Nach der klassischen Operation empfehlen wir das Tragen von Kompressionsstrümpfen während 6 Wochen, nach den minimalinvasiven Verfahren während 3 bis 4 Wochen und nach der Verödung von Seitenästen während einer Woche. Bei einem postthrombotischen Syndrom oder einem «offenen Bein» muss eine dauerhafte Kompressionsbehandlung erwogen werden.

 

Operation gelungen – alles gut?

Da es bislang keine Möglichkeit gibt, die Veranlagung zu Krampfadern ursächlich zu behandeln, besteht bei allen Therapieformen das Risiko, dass sich über Jahre wieder neue Krampfadern bilden, oft aber nicht mehr so ausgeprägt. Diese sogenannte Rezidiv-Varicosis tritt in etwa 20 Prozent der Fälle auf.