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BEKLEIDUNG: Happy Birthday, Bikini!

Es dauerte, bis sich der 1946 vorgestellte Bikini durchsetzte. Am Anfang wollten ihn nicht mal Models tragen. Was niemanden störte, war nur sein Name: Bikini war ein Atomwaffentestgelände.
Christian Satorius
Sie hatte den Mut, den revolutionären Zweiteiler zu präsentieren: Am 5. Juli 1946 stellte die Revue-Tänzerin Micheline Bernardini den Bikini erstmals im Pariser Schwimmbad Molitor vor. (Bild: Keystone)

Sie hatte den Mut, den revolutionären Zweiteiler zu präsentieren: Am 5. Juli 1946 stellte die Revue-Tänzerin Micheline Bernardini den Bikini erstmals im Pariser Schwimmbad Molitor vor. (Bild: Keystone)

Christian Satorius

Das Schlimmste, was einem Modedesigner überhaupt nur passieren kann, widerfuhr Louis Réard vor genau 70 Jahren: Nur wenige Tage vor der Präsentation seiner allerneuesten Badebekleidung – mit der er nicht weniger vorhatte, als die gesamte Branche zu revolutionieren – kam ein Konkurrent mit der gleichen Idee auf den Markt. Der bekannte Pariser Modepapst Jacques Heim stellte seine allerneueste Kreation «Atome» (dt. «Atom») der Weltöffentlichkeit als «die kleinste Bademode der Welt» vor.

Klein, kleiner, am kleinsten

Der ehemalige Automechaniker Réard, der 1984 im Alter von 87 Jahren in Lausanne verstarb, war allerdings ein PR-Genie. Er nutzte den Werbespruch des Konkurrenten geschickt für sein eigenes Produkt: Am 5. Juli 1946 präsentierte er seinen «Bikini» genannten Zweiteiler kurzerhand als «kleiner als die kleinste Bademode der Welt».

Und das stimmte sogar, denn den Besuchern des Pariser Schwimmbades Molitor klappte angesichts des winzigen neuen Kleidungsstücks erst einmal die Kinnlade herunter: So wenig Stoff in der Öffentlichkeit zu präsentieren, hatte sich zuvor noch niemand getraut. Zwar gab es bereits in der Antike Zweiteiler aus Höschen und Brustbändern. Auch im frühen 20. Jahrhundert gab es eine Bikini-ähnliche Bademode, die laut Wikipedia allerdings vor allem von Anhängerinnen der Freikörperkultur getragen wurde – also eher zur temporären Bedeckung und nicht zur Enthüllung.

Vor allem in Europa wurden in den 1930er-Jahren die Sitten sehr streng, die Nationalsozialisten schrieben sogar zwingend einen Einteiler mit Beinansatz vor, was aber unter anderem Hitlers Gefährtin Eva Braun egal war. Sie trug einen Zweiteiler, der aber längst nicht so viel zeigte wie das, was bald nach dem Kriegsende aufkommen sollte.

Nackttänzerin musste ran

«Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter», sagte Réard 1946. Selbst die Models, die sich damals noch Mannequins nannten, trauten sich nicht, das zu tragen, und lehnten entrüstet ab. So kam es, dass die Revue-Tänzerin Micheline Bernardini die neue Badebekleidung vorstellte, die deutlich weniger Haut bedeckte, als Heims «Atome» es taten. Verruchterweise liess Réards Bikini erstmals den Bauchnabel unbedeckt – damals ein absoluter Tabubruch. Auch hintenrum zeigte die Trägerin nun sehr viel mehr Haut, als alle bis zu diesem Zeitpunkt vorgestellten Zweiteiler es zugelassen hatten. Der Skandal war perfekt.

Anti-Bikini-Verein in Rio

Réard war selbstverständlich klar, dass die Moralapostel nicht begeistert sein würden. Er rechnete von Anfang an mit dem PR-Effekt der öffentlichen Entrüstung. Aber er verrechnete sich. Die Zeitschriften erwähnten das «schamlose» neue Kleidungsstück nur am Rande, wenn überhaupt. In Rio de Janeiro gründete sich 1947 ein Anti-Bikini-Verein. In Rio de Janeiro!

Das Geschäft lief für Louis Réard bald sogar so schlecht, dass er wieder Knickerbocker entwerfen musste, die er in der Boutique seiner Mutter verkaufte, um über die Runden zu kommen.

Den Namen Bikini fand damals übrigens kaum jemand anstössig. Réard hatte ihn bewusst gewählt, weil er hoffte, sein Bikini würde in der Modewelt «einschlagen wie eine (Atom-)Bombe». Die war damals in aller Munde, denn nur wenige Tage vor der Präsentation im Pariser Schwimmbad hatten im Bikini-Atoll der Marshallinseln die ersten Atomwaffentests der Nachkriegszeit stattgefunden. Heute würde wohl niemand auf die Idee kommen, seine allerneueste Bademode nach einem Atomwaffentestgelände zu benennen. Vor 70 Jahren sah das aber anders aus. Damals beurteilte man die Atomkraft noch positiver. Der katastrophalen und langfristigen Folgen von Atombombenabwürfen war man sich noch nicht bewusst. Alles braucht eben seine Zeit.

Durchbruch in den Sechzigern

Auch der Bikini. Schon in den 1950er-Jahren empfand man den aus den Dreissigern stammenden Moralkodex, auf der Leinwand nichts «Unzüchtiges» zu zeigen, als nicht mehr zeitgemäss. Mit der sexuellen Revolution in den 1960ern fielen erst recht Hemmungen und Hüllen. Die Zeiten wurden lockerer, die Frauen emanzipierten sich. Die Zeit des Bikinis war gekommen.

Brigitte Bardot zeigte sich in Cannes im Bikini, Marilyn Monroe, Rita Hayworth und Elizabeth Taylor trugen ihn im Film. Unvergessen sind bis heute Raquel Welchs Steinzeit-Bikini aus Fell und Leder, den sie 1966 im Film «Eine Million Jahre vor unserer Zeit» trug, und natürlich der Bikini, in dem Ursula Andress in «James Bond – 007 jagt Dr. No» 1962 den Fluten entstieg.

Es ging mit noch weniger

Bald kamen zahlreiche Varianten der neuen Bademode auf den Markt. 1964 brachte der Wiener Rudi Gernreich den Monokini ohne Oberteil heraus. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Bikinis mit Tanga und String-Tanga beliebt. Am wenigsten Haut bedecken heutige Microkinis und die aufklebbaren Pasties, am meisten wohl Tankinis (Slip mit Tank-Top) und Skirtinis (Bikini mit Rockunterteil). Auch die Materialien haben sich im Laufe der Zeit geändert. Während die ersten Bikinis noch aus Baumwolle und Jersey waren, konnten bald Kunstfasern durch ihr geringes Gewicht und die schnelle Trocknung überzeugen. Elastan erhöhte die Passform schon Anfang der 1960er-Jahre. Inzwischen kommt der Bikini («N12») auch schon aus dem 3-D-Drucker. Alles völlig normal – ob dieser Alltäglichkeit sehnt man sich manchmal wieder nach den Zeiten zurück, als die Bademode noch aufregend sein konnte.

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