BERGBÄUERIN: «Ich kam hierher wie die Jungfrau zum Kind»

Luzia, die frühere Weinbäuerin, Zirkusangestellte, Bardame und Sargmacherin, träumte einst von einem Dasein als Domina, Schriftstellerin oder als Nonne. Ihre Erfüllung hat sie auf einer Urner Alp gefunden.

Daniela Schwegler
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«Die Hühner machen mich glücklich, auch wenn es mir mal nicht so gut geht»: Luzia Biber vom Näcki in Intschi/Gurtnellen UR. (Bild: Stephan Bösch/Rotpunktverlag)

«Die Hühner machen mich glücklich, auch wenn es mir mal nicht so gut geht»: Luzia Biber vom Näcki in Intschi/Gurtnellen UR. (Bild: Stephan Bösch/Rotpunktverlag)

Daniela Schwegler

piazza@luzernerzeitung.ch

Nichts liebt Luzia Biber, 54, so sehr wie das Alleinsein! Um sich herum nur ihre Hühner, und überhaupt: die Tiere. Davon abgesehen sind ihre wichtigsten Zutaten für ein glückliches Leben: Kaffee, Kerzen, viel Tabak und Schokolade.

Heute lebt sie im Näcki, hoch überm Urner Reusstal, ganz in der Nähe des Arnisees. Das Näcki ist ihr kleiner Bauernhof, der sich fest in den Steilhang krallt, als hätte er Angst, den Berg hinunterzupurzeln.

Hier hält sie die Stellung, auch winters, wenn ihr Mann Toni, wie alle anderen Bauern auch, mit dem Vieh im Tal ist. Diese stillen Tage, wenn Hirsche, Gämsen und Rehe ihr Gutnacht sagen, sind Luzias Sternstunden. Dann taucht sie ein in ihre Zwergen-, Feen- und Zauberwelt, versorgt dazwischen die drei Kälber, die oben geblieben sind, hätschelt ihre Hühner, den dreibeinigen Kater Carlo oder geht mit der verrückten Hündin Crazy an der frischen Luft spazieren.

An der Bergbahnstation, ihrer Lebensader, holt Luzia über die Wintermonate die Lebensmittel ab, die Tonis Schwester im Tal einkauft und per Gondel hinaufschickt. Von dort geht’s in einer knappen Stunde Fussmarsch über enge Pfädchen, abfallende Hänge und durch dichten Nadelwald hinunter zum Näcki auf der lieblichen Waldlichtung. Unterwegs gerät Luzia ins Erzählen.

«Im Winter sind wir die Einzigen hier oben.Das Weglein zur Gondel ist dann meistens eingeschneit. Den Grosseinkauf an Lebensmitteln machen wir im Herbst, und für die Frischprodukte rufe ich Tonis Schwester Antoinette an oder geh auch mal selber ins Tal hinunter. Aber ich bin kein Freund vom Gondelfahren, gar nicht! Es ist jedes Mal eine riesige Mutprobe, und bei Sturm oder wenn der Föhn bläst, ist’s der Horror!

Hier in der Gegend darf man jagen. Die haben schon direkt vor dem Haus Hirsche abgeschossen. Doch seit ich hier bin, hab ich den Jägern schon einige Male lieb und anständig gesagt: Ich kann es euch nicht verbieten, aber wenn ihr ein bisschen Rückgrat und Respekt habt, dann akzeptiert ihr, dass hier nicht gejagt wird! Ihr könnt jederzeit vorbeikommen, aber das Gewehr wird vor dem Haus abgestellt, es wird nicht geschossen. Ihr kriegt Kaffee und Schnaps, so viel ihr wollt, ich mach euch auch einen Kuchen. Aber wenn ihr denkt, ihr müsstet mir das Wild vor dem Haus abknallen, dann könnt ihr abfahren!

Einmal bin ich auf die Jäger losgegangen, so stinkwütend war ich! Wenn sie im Bündnerland einen Hirsch schiessen, dann binden sie den an einen Ast und tragen ihn zu zweit oder zu viert zum Auto herunter. Und hier? Hier schleifen sie ihn einfach hinter sich her, über die Wege, Steine, überall Blutspuren ...! Wisst ihr was, hab ich dann gesagt, wenn ihr nicht genügend Eier in der Hose habt, geht nicht auf die Jagd! Entweder tragt ihr die toten Tiere heim und erweist ihnen so die letzte Ehre. Oder ihr macht einfach einen grossen Bogen um mich herum! Nein, ehrlich, ich hab’s nicht mehr ertragen! Aber in den letzten zwei Jahren war’s gut. Auch mit dem Bauern, der immer zum Jagen auf die Intschi-Alp raufkommt, komm ich jetzt gut aus. Der war ganz entzückt von meinen Hühnern und wollte mir ein paar befruchtete Eier abkaufen. Ich hab ihm einige mitgegeben, die sind geschlüpft, und jetzt ist er ein Riesenhühnerfan (lacht)!

Tiere hab ich schon immer lieber gemocht als Menschen. Eigentlich lernte ich erst im Erwachsenenalter, Freundschaften zu pflegen. Als Kind war ich extrem isoliert. Ich stotterte wie verrückt, konnte kaum sprechen und hatte immer Angst vor den Lehrern und vor der Schule, weil ich dort gehänselt wurde. Darum war ich jede freie Minute im Wald bei meinen Tieren. Mit 13 bin ich sogar mal ein halbes Jahr abgehauen und hab in Schleitheim im Schaffhausischen im Wald gelebt. Via Vermisstenmeldung über Fernsehen und Radio haben sie mich gesucht …»

Als Luzia beim Gehöft am steilen Hang ankommt, ragt der Bristen vis-à-vis spitz wie eine Pyramide aus den Wolken. Es ist kühl. Kaum tritt man zur Tür herein, wähnt man sich in Alices respektive Luzias Wunderwelt versetzt: Rosa und hellgrün sind die Wände des Häuschens angemalt, überall Feen-, Drachen- und Zwergenwesen, ein Hirschgeweih hängt an der Wand, und auf der Küchenabdeckung dient ein Alienkopf als Kellenhalter. In Luzias kreativer Ecke vor dem Fenster stapeln sich Bastelmaterialien. Das ist Luzias farbenfrohes Zauberreich, über das sie wacht wie eine Königin. Sie setzt Wasser auf und serviert Kaffee und Kuchen.

«Unglaublich, was ichgewerkelt, gespachtelt, geschliffen und gestrichen hab! Ich hab zu Toni gesagt: Wenn du möchtest, dass ich hier einziehe, stell ich dir die Hütte auf den Kopf! Die Wände beim Eingang waren vorher ganz schwarz, die Stube dunkelbraun – wie halt die Bauern hausen. Toni hatte hier mit seiner Mutter gelebt bis zu deren Tod. Früher waren sie sogar zu acht gewesen, sechs Kinder und zwei Erwachsene! Als ich das Häuschen zum ersten Mal sah, dachte ich: Luzi, rette dich! Hau einfach ab, solange es noch geht! Oder musst du dir mit 49 noch mal sooo viel Arbeit aufhalsen (lacht)?

Was die im Laufe ihres Lebens alles zusammengeramscht haben und was ich hier an Gerümpel rausgetragen hab … Fürs Gröbste halfen mir zum Glück zwei Schwestern von Toni. Da kam Zeugs zum Vorschein! Ein Gesichtssolarium zum Beispiel. Was haben wir gelästert – das habe sicher Antoinette gehört, die immer so eitel tat … Und was stellte sich her­aus? Es war Tonis! Ich konnte es nicht glauben! Wozu braucht ein Bergbauer am Südhang ein Gesichtssolarium? Meine Nerven! Das hat er sich noch jahrelang anhören müssen (lacht).

Toni war der erste Bauer hier in Gurtnellen, der mit Bio anfing. Er war auch der erste Gurtneller, der sich ein Silo und Kunststoffpfähle anschaffte. Sie sind nicht so schwer zu tragen wie die aus Holz. Das steile Land zu bewirtschaften, ist ziemlich anstrengend. Ich hab nur diesen kleinen Flecken Garten vor dem Haus, der einigermassen eben ist, sonst ist überall nur Hang. Mit den Jahren spüre ich es in den Beinen. Stellenweise kann man kaum noch stehen. Manchmal geh ich beim Heuen fast auf allen Vieren, so steil ist’s hier.

Auch die Winter sind rau. Alleine könnte ich in einem harten Winter nicht hier oben bleiben, das würde ich nicht schaffen. Als Toni noch mit seiner Mutter hier oben war, lag einmal dermassen viel Schnee, dass die Gemeinde Gurtnellen anrief und fragte, ob es nicht gescheiter wäre, sie würden runterkommen. Mit all dem Schnee kamen sie mit dem Vieh schon gar nicht mehr weg. Aber es ist ihnen nichts passiert, weil sie Karfreitags­eier vergraben hatten, also Hühnereier, die am Gründonnerstag und Karfreitag gelegt worden waren. Das ist so Brauch. Die Karfreitagseier schützen Haus und Hof, dann passiert dir nichts im Urnerland.»

Luzia geht rasch den Stall ausmisten. Danach springt sie kurz unter die Dusche, schlüpft in frische Kleider und beginnt, das Abendessen vorzubereiten. Als sie auftischt, leuchtet ein Meer von Kerzen auf dem festlich geschmückten Tisch.

«Ohne Kerzen fehlt mirdie Seele im Haus. Bei meinem ersten Mann durften Kerzen auch nicht fehlen. Ich war ja schon mal verheiratet, mit einem Weinbauern. Wir hatten uns in Maienfeld kennen gelernt, wo ich aufgewachsen bin, in der Bündner Herrschaft, mitten in den Reben!

Als wir uns trennten, war ich vier-, fünfundzwanzig. Ich ging mit nichts aus der Ehe und fing wieder bei null an. Xenia war noch nicht im Kindergarten und die meiste Zeit bei mir. Ich wohnte in Ringgenberg in einem Schlösschen. Endlich hatte ich das Schlösschen, von dem ich immer geträumt hatte! Aber es war natürlich eine WG, alleine hätte ich mir so was gar nicht leisten können. Als es nach fünf Jahren verkauft wurde, stand ich auf der Strasse.

Die erste Zeit arbeiteteich in Interlaken im «Goldenen Anker» an der Bar, danach drei Monate im Zirkus. Später hielt ich Nachtwache in einem Altersheim, begleitete dort auch Sterbende. An den Abenden, an denen ich frei hatte, arbeitete ich an der Bar. So. Nach acht Jahren war ich ausgelaugt, hatte einen Nervenzusammenbruch, da war fertig.

Ich musste aufs RAV und hab natürlich nicht sofort etwas Neues gefunden; ich ging ein bisschen putzen und Häuser räumen. Und dann wagte ich mich an die Bäuerinnenschule – trotz meiner Angst vor dem Lernen, die ich von Kindsbeinen an hatte, weil ich immer gehänselt worden war. Es war ein Sprung ins kalte Wasser – und es hat mir dermassen den Kopf freigemacht, dass ich von da an einen Kurs nach dem andern besuchte, und ausserdem noch in Sterbebegleitung, und, und, und. Die Bäuerinnenausbildung war das Beste, was mir passieren konnte!»

Luzia zündet sich eine neue Zigarette an und nimmt einen Zug.

«Zur Alp kam ich ebenfalls wie die Jungfrau zum Kind.Z’Alp zu gehen, war schon immer mein Traum. Aber ich dachte immer, Luzia, du hast das nicht gelernt, und als Frau, und so anstrengend, und du kannst ja nicht ... Aber eines Tages, gerade als ich mit meiner Freundin Mägi mal wieder auf die Rossbodner Alp in die Ferien wollte – wir zwei alleinerziehenden Mütter hatten dort mit unsern Kindern immer die Ferien verbracht –, da kam ein Anruf. Der Älpler Kari sei gestorben – mit vierzig, Herzinfarkt. Wir gingen noch an die Beerdigung und dann dort rauf. Einer aus dem Tal war kurzfristig eingesprungen, sonst hätten sie das Vieh wieder runterbringen müssen.

Für mich war diese Alp immer etwas Besonderes gewesen. Ich ging also zum Älpler, der eingesprungen war, und sagte: Hör zu, ich hab keine Alperfahrung, aber ich schlag dir was vor. Ich arbeite jetzt eine Woche lang bei dir mit. Du zeigst mir die Alp und alles. Und nach einer Woche sitzen wir zusammen und ich schau, ob ich die Alp übernehmen will. Er war froh über meinen Vorschlag, denn er hatte ja ein Baugeschäft im Tal.

Am nächsten Morgen stand der Alpvogt Gleis vor unserer Hütte und sagte: Hoi Luzia, ich hab nur Gutes von dir gehört und dass du die Alp übernehmen willst ... Und ich: Stopp, stopp, stopp! Wir haben abgemacht, dass ich eine Woche hier arbeite und dann schauen wir, ob’s gut ist. Doch der Gleis meinte: Nein, der Älpler geht heute! 2700 im Monat – ist das gut? – Und ich: Halt, stopp! – 2700, es ist deine Alp! Ab sofort! ... Ich stand nur dort, am Morgen um halb sechs! Dann drückte er mir den Schlüssel in die Hand und weg war er (lacht)!

Ja, und dann ging das wie Butter. Jeden Abend rief ich das traditionelle Gebet und bat alle Wesen aus der Umgebung um ihre Hilfe und Unterstützung. Das hat in der Regel funktioniert. Ich leg ­ihnen auch immer Geschenke raus, Schnaps und Schokolade. Du musst ihnen Dinge schenken, die du selber auch gern hast. Wenn du ihnen etwas rauslegst, das du selber nicht magst, dann machst du sie stinkwütend! Das ist so was von respektlos! Auf den Alpen, wo ich Kühe oder Geissen molk, habe ich immer ein bisschen frische Milch für die Wesen hingestellt. Und nach meinem ersten Alpsommer konnte ich alle hundert Tierlein wieder gesund abgeben. Danach war mir klar, dass ich weitermachen will.

Zehn Jahre war ich auf der Alp, sechs davon hier oben auf der Intschi-Alp, wo ich Toni kennen lernte. Ich bin Tonis erste Frau. Seine Mutter lebte schon nicht mehr, als wir uns ineinander verliebten. Rundherum hatten alle das Gefühl, sie sei gegangen, damit er endlich seine erste Frau kennen lernen konnte.

Aber manchmal prallen bei uns schon Welten aufeinander. Dann sag ich immer zu ihm: Du bist selber schuld, du hast dir halt keine einfache Frau ausgesucht. Vor allem wenn’s um die Tiere geht, haben wir oft verschiedene Ansichten ... Da kann eine Kuh zwei-, dreimal hintereinander ein Kalb bekommen und schön aufnehmen. Und wenn’s dann im dritten, vierten Jahr mit der Besamung nicht klappt, heisst’s bei Toni gleich: Jetzt ist fertig, ab in die Metzg! Damit habe ich echt Mühe!»

Zu später Stunde holt Luzia ihre alte, sterbenskranke Henne Füessli aus dem Hühnerstall ins Haus herauf und legt sie unter der Treppe unter die Wärmelampe. «Das A und O ist jetzt die Wärme! Aber ich hab wirklich das Gefühl, über diese Nacht ... Gell, Füessli, du musst nicht kämpfen.» Am nächsten Morgen ist die Henne tot. Luzia wickelt sie in Stroh ein und bringt sie hinüber zum Seelenbaum am Rinderstafel, wo sie für jedes verstorbene Tier ein Glöckchen aufhängt.

«Das Sterben und der Todwaren für mich schon immer ein Thema. Ich hab ja lange Zeit Sterbebegleitung gemacht. Mit einer Freundin zusammen versuchten wir uns mit einem Sarggeschäft, ‹Schöner Sterben›. Die Idee war, dass man sich den Sarg selber aussucht und seine Dinge noch zu Lebzeiten regelt. Unterdessen führt Polo Hofers Frau den Laden.

Mir ist bei dieser Arbeit bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass ich zufrieden bin, dass ich in meiner Wahrheit lebe und schaue, dass es für mich stimmt – damit ich nicht am Schluss auf dem Sterbebett noch ganz vielen verpassten Dingen nachweinen muss. Eine gewisse Sicherheit gibt mir auch das Wissen, dass man im letzten Moment nicht allein ist. Man wird abgeholt – vom Tod, oder, wie er sich auch nennt, vom Engel des Wandels.

Er kündigt sich ja vorher schon ein bisschen an, damit du Zeit hast, noch das Letzte aufzuräumen und dich zu verabschieden. Er nimmt dich bei der Hand und begleitet dich nach drüben. Dort bekommst du neue Aufgaben, die du noch zu lösen hast. Wenn du alles gelernt hast, kannst du Engel werden. Das Ziel ist, dass du dem Göttlichen immer näherkommst und am Schluss nur noch reine Liebe bist. Je mehr man sich jedenfalls damit beschäftigt, desto mehr verliert der Tod an Schrecken.»