BERLIN: «Co-Pilot war 100 Prozent flugtauglich»

Der Co-Pilot der Unglücksmaschine hat seine Ausbildung für mehrere Monate unterbrochen. Das sagte Lufthansa-Chef Spohr an einer Medienkonferenz. Die Luftaufsicht hat beim Co-Piloten keine Auffälligkeiten festgestellt.

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Lufthansa-Chef Carsten Spohr: «Er war 100 Prozent flugtauglich (Bild: Keystone)

Lufthansa-Chef Carsten Spohr: «Er war 100 Prozent flugtauglich (Bild: Keystone)

Zu den Gründen für die Unterbrechung dürfe er keine Auskunft geben. In dieser Zeit habe der spätere Copilot als Flugbegleiter gearbeitet und seine Piloten-Ausbildung später wieder aufgenommen. Seit 2013 sei er als «Erster Offizier» auf einem Airbus A320 eingesetzt gewesen.

Er habe alle Tests und Prüfungen bestanden, versicherte Spohr, der auf den psychologischen Eignungstest der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt verwies. Der Test gelte weltweit als das führende Verfahren zur Auswahl von Cockpit-Personal.

Keine Auffälligkeiten bekannt

«Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit», versicherte Spohr. Er zeigte sich fassungslos über die neuesten Erkenntnisse, wonach der Co-Pilot das Germanwings-Flugzeug absichtlich hatte abstürzen lassen. Lufthansa wähle das Personal sehr sorgfältig aus.

Einmal pro Jahr gebe es Untersuchungen. Explizite psychologische Tests gebe es nach der Ausbildung nicht mehr, führte Spohr aus. Egal wie hoch das Thema Sicherheit hänge, könne man solche Einzelereignisse nicht ausschliessen. «Es galt immer die Regel, Safety ist Nummer Eins, und dass das gerade uns passiert, tut uns sehr, sehr leid.»

«Wir werden uns hinsetzen und sehen: Was können wir besser machen bei der Ausbildung?», sagte Spohr. Das Unglück könne jedoch nicht sein Vertrauen in seine Piloten erschüttern.

Deutsche Experten stützen Co-Pilot-These

Die Darstellung der französischen Staatsanwaltschaft, wonach der Co-Pilot mit einem bewussten Sinkflug den Germanwings-Airbus abstürzen liess, stützen auch deutsche Experten, die an der Auswertung des Stimmrekorders beteiligt sind.

Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt sagte am Donnerstag in Berlin, die Darstellung der französischen Ermittler sei laut den Fachleuten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) nach bisherigen Erkenntnissen plausibel: «Das, was heute die französische Staatsanwaltschaft ausführlich dargestellt hat, ist in der Tat mehr als erschütternd.»

Man hoffe nun, noch die zweite Black Box zu finden, um die Erkenntnisse über die letzten Minuten im Cockpit konkretisieren zu können.

Luftaufsicht stellte bei Co-Pilot keine Auffälligkeiten fest

Bei den routinemässigen Sicherheitsüberprüfungen des Germanwings-Co-Piloten hat die Luftaufsicht keine Auffälligkeiten festgestellt. Zuletzt sei dem Mann Ende Januar bescheinigt worden, dass keine strafrechtlichen oder extremistischen Sachverhalte gegen ihn vorliegen.

Das teilte die Düsseldorfer Bezirksregierung am Donnerstag mit. Die Luftaufsicht habe ihn im Jahr 2008 zum ersten Mal sicherheitsüberprüft und zum zweiten Mal 2010, auch die beiden vorigen Male ohne jede belastende Erkenntnis.

Die Sicherheitsüberprüfungen finden jetzt alle fünf Jahre statt, früher alle zwei Jahre. Die Luftaufsicht überprüft sämtliches Boden-, Kabinen- und Cockpitpersonal der im Rheinland ansässigen Airlines, sowie alles Personal, das den Sicherheitsbereich der Flughäfen Köln/Bonn, Düsseldorf und Weeze betreten darf.

Hausdurchsuchung begonnen

Die Ermittler begannen offenbar mit der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung des verdächtigen Germanwings-Copiloten. Mehrere Ermittler betraten am Donnerstag das Haus am Stadtrand, in dem der 28-Jährige wohnte.

Der Co-Pilot steht im Verdacht, die Germanwings-Maschine mit weiteren 149 Menschen an Bord am Dienstag vorsätzlich zum Absturz gebracht zu haben.

Angehörige gedenken der Opfer

Angehörige der Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen sind am Donnerstag mit sieben Bussen in der kleinen Ortschaft Le Vernet eingetroffen. Dort gedachten sie in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle ihrer toten Kinder, Eltern und Geschwister.

Sie wurden von örtlichen Helfern und Vertretern der Behörden begrüsst und auf einen Platz geleitet, wo sie einen direkten Blick auf den Tête de l'Estrop hatten.

Hinter diesem Berg zerschellte am Dienstagvormittag die Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings mit 150 Menschen an Bord. Am Rande der kleinen Zeremonie hielten Polizisten die Fahnen der Länder, aus denen die Passagiere kamen.

Swiss-Piloten müssen jedes Jahr zum Gesundheitscheck

Die Fluggesellschaft Swiss kontrolliert die Gesundheit ihrer Piloten und Pilotinnen regelmässig - auch die psychische. Jedes Jahr wird ein Gesundheitscheck durchgeführt. Eine Ausbildung zum Piloten beginnen darf überhaupt nur, wer ausführliche psychologische Tests besteht.

«Diese sind ein wichtiger Bestandteil des Assessments», sagte Swiss-Sprecher Mehdi Guenin am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Nachdem die Anwärter für die Ausbildung alle Auswahlverfahren durchlaufen haben, findet ein längeres Interview mit dem Bewerber statt, an welchem auch Psychologen und ein Pilot anwesend sind.

Anschliessend entscheidet ein sogenanntes Board mit Mitgliedern aus den relevanten Fachbereichen von Swiss, ob die Person die ins Ausbildungsprogramm aufgenommen wird, wie Guenin erklärte. Nach der Pilotenausbildung wird ein zweiter, finaler Board-Entscheid gefällt, der die Ausstellung des Arbeitsvertrages bei Swiss beinhaltet.

Ausführlicher Test alle fünf Jahre

Aktive Piloten müssen zwei Mal im Jahr jeweils zwei Tage eine Simulator-Session absolvieren. «Dort müssen sie beweisen, dass sie gute Piloten sind», sagte Guenin. Zusätzlich werden die Piloten einmal pro Jahr einem Gesundheitscheck unterzogen. Dieser beinhaltet auch ein psychologisches Gespräch. Nur wenn der Pilot den Gesundheitscheck besteht, darf er weiter arbeiten.

Alle fünf Jahre werden die Piloten zudem einem ausführlichen medizinischen Test unterzogen. Mitarbeitende könnten selbstverständlich auch melden, wenn sie bei einem Kollegen psychische oder medizinische Probleme bemerkten, sagte Guenin.

Ob der Absturz der Germanwings-Maschine Auswirkungen auf die Tests bei der Swiss haben wird, konnte der Sprecher nicht sagen. Derzeit seien keine Massnahmen geplant. Die Swiss sei von ihrem Auswahlverfahren überzeugt, betonte Guenin. Die Fluggesellschaft habe hohe Sicherheitsstandards, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgingen.

sda/afp/dpa

Ein Bild der gefundenen Blackbox des Airbus A-320 (Bild: Keystone)
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Mitarbeiter der Firma Delphi trauern während einer Schweigeminute in Barcelona um ihre beim Flugzeugabsturz verunglückten Kollegen. (Bild: EPA)
Frankreichs Präsident Françcois Hollande und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel versprachen umfassende Aufklärung. (Bild: Keystone)
Mittwoch, 10.53 Uhr am Schalter der Lufthansa in Düsseldorf: Angestellte gedenken mit einer Schweigeminute der Opfer des Germanwings-Absturzes. (Bild: Keystone)
Die Flaggen in Berlin wurden auf Halbmast gesetzt. (Bild: Keystone)
Schüler trauern im Joseph-König-Gymnasium in Haltern um ihre Kollegen. (Bild: Keystone)
Grosses Medieninteresse in Seyne-les-Alpes, in der Nähe der Absturzstelle. (Bild: Keystone)
Polizisten bei der Arbeit an der Unglücksstelle. (Bild: Keystone)
Unter Hochdruck suchen Ermittler nach der Ursache für den verheerenden Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen: Ermittler haben am Mittwoch das unwegsame Gelände der Absturzstelle durchkämmt und mit der Auswertung des Stimmenrekorders begonnen. (Bild: Keystone)
Nach einem Unterbruch in der Nacht nahmen die Bergungsmannschaften am frühen Morgen ihre Arbeit wieder auf. Mehrere Helikopter starteten zur schwer zugänglichen Unglücksstelle. (Bild: Keystone)
Zugleich setzten rund 50 Spezialkräfte, die die Nacht am Bergmassiv in Biwaks verbracht hatten, ihren Aufstieg zum Absturzort fort. (Bild: Keystone)
Die Bergung der 150 Toten in der Hochgebirgsregion wird nach Einschätzung der Polizei extrem schwierig werden. Am Mittwoch sollten noch keine Opfer geborgen werden. (Bild: Keystone)
Blick auf ein Wrackteil. (Bild: Keystone)
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (3. von links) sprach mit Einsatzkräften und informierte sich aus erster Hand über die schwierige Bergung von Trümmern und Opfern. Sie wird von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und dem französischen Präsidenten François Hollande begleitet. (Bild: Keystone)
«Das war mit Abstand das Schlimmste der letzten 20 Jahre - seit ich in dieser Branche bin», sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwoch nach dem Treffen mit den Angehörigen am Düsseldorfer Airport. (Bild: Keystone)

Ein Bild der gefundenen Blackbox des Airbus A-320 (Bild: Keystone)

Staatsanwalt Brice Robin informiert die Medien. (Bild: Keystone)

Staatsanwalt Brice Robin informiert die Medien. (Bild: Keystone)