BERLIN: Eurovision Song Contest: Naidoo fährt nicht

Nach der umstrittenen Nominierung Xavier Naidoos für den Eurovision Song Contest 2016 ist die ARD auf Distanz zum Norddeutschen Rundfunk gegangen. Der NDR sei vorgeprescht, ohne es mit der ihr übergeordnete ARD zu diskutieren, wird der Landesrundfunkanstalt vorgeworfen.

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Xavier Naidoo wird doch nicht für Deutschland am Eurovision Song Contest auftreten. Im Bild: Naidoo an einem Konzert in Mannheim. (Bild: EPA/ Uwe Anspach)

Xavier Naidoo wird doch nicht für Deutschland am Eurovision Song Contest auftreten. Im Bild: Naidoo an einem Konzert in Mannheim. (Bild: EPA/ Uwe Anspach)

Xavier Naidoo habe «mehrfach Äusserungen getätigt, die man nicht gutheissen kann und missbilligen muss», weswegen vor der Nominierung eine senderinterne Debatte notwendig gewesen wäre, sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres der «Welt am Sonntag».
 
«So ist das alles sehr unglücklich gelaufen», sagte Herres. Die ARD hätte zunächst intern diskutieren müssen, ob sich Naidoo wegen bestimmter Äusserungen selbst «für eine Teilnahme am ESC disqualifiziert» habe. Mit der Nominierung durch den NDR seien aber Fakten geschaffen worden.
 
ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber begründete den Rückzug am Samstag mit der heftigen Kritik an Naidoo, dem Homophobie und Rechtspopulismus vorgeworfen werden. «Es war klar, dass er polarisiert, aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt», räumte Schreiber ein. Die laufenden Diskussionen könnten dem ESC ernsthaft schaden. «Aus diesem Grund wird Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten.»
 
Schreiber verteidigte den Sänger gegen den von Kritikern erhobenen Vorwurf, ein Rassist oder homophob zu sein. Der ESC sei jedoch «ein fröhliches Event, bei dem die Musik und die Völkerverständigung im Mittelpunkt stehen sollen», erklärte er. Dieser Charakter müsse unbedingt erhalten bleiben, weshalb nun «so schnell wie möglich» entschieden werden solle, wie der deutsche Beitrag für den ESC in Stockholm gefunden wird.

Naidoo: «ok für mich»

Schreiber hatte Naidoo bei der Verkündung der Nominierung am Donnerstag als «Ausnahmekünstler» gewürdigt, der seit knapp 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben habe. Der 44-jährige Sänger aus Mannheim war ohne den üblichen Vorentscheid nominiert worden. Stattdessen sollte in einer Fernsehshow am 18. Februar nur noch das Lied ausgewählt werden, mit dem er am 14. Mai in Stockholm am ESC-Finale teilnehmen sollte.
 
Naidoo selbst kommentierte die Absage des NDR am Samstag auf Facebook als «ok für mich». «Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst», fügte er hinzu.

Peinliches ESC-Jahr für Deutschland

Schärfere Kritik an dem Hin und Her des NDR äusserten Künstler wie der Comedy-Star Mario Barth in den sozialen Netzwerken: «Die ARD hätte eventuell vorher nachdenken sollen. Ach ne, ist ja staatlich, da wird nicht gedacht», erklärte Barth auf Facebook. Schauspieler Til Schweiger zeigte sich «erschüttert, wie hier mit einem der grössten deutschen Sänger» umgegangen werde.
 
Der Komponist und Produzent Ralph Siegel sagte «Focus»-Online: «Xavier Naidoo kann einem leidtun.» Naidoo habe «ein paar Imageverletzungen» davongetragen, werde sich aber «mit seinen guten Songs und Sendungen» wieder erholen.
 
Das Hin und Her passt zum aus deutscher Sicht peinlichen ESC-Jahr: Beim Vorentscheid für den diesjährigen ESC verkündete Gewinner Andreas Kümmert im März, dass er lieber doch nicht im Finale in Wien auftreten wolle. Die Zweitplatzierte Ann Sophie solle fahren.
 
Zwar fragt sie damals in der Live-Sendung noch unsicher in die Runde, ob das Publikum sie überhaupt wolle, doch sie fuhr und kam mit null Punkten und einem letzten Platz zurück. Nach der Absage des NDR für Naidoo zeigte Ann Sophie nun Humor: «Dann fahr ich halt wieder», schreibt sie auf Facebook und Twitter.

sda