BERNHARD SENN: «Zum Beten fehlt mir der Adressat»

Wie hält es TV- und Radio-Moderator Bernard Senn ('Sternstunden' aus SF 1 und Radio DRS Basel) in Sachen Religion? Wie denkt er über Gott, die Bibel und das Zölibat? Wir fragten ihn.

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Sternstunden-Moderator Bernard Senn. (Bild SF)

Sternstunden-Moderator Bernard Senn. (Bild SF)

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Bernard Senn
: Nicht gläubig im Sinne von theologisch gebunden. Allerdings glaube ich an einen Gesamtzusammenhang im Sinne des Gaia-Prinzips, wonach alles Existierende eine Art gigantischer Organismus bildet, also alles mit allem zusammen- und von einander abhängt. Das erfüllt mich mit Demut.

Gehen Sie in die Kirche?
Senn: Gelegentlich, da meine Frau gläubig ist und wir unseren Kindern die Kirche als Ort der spirituellen Erfahrung als Option zur Verfügung stellen möchten.

Beten Sie? Wie oft?
Senn: Nein, dazu fehlt mir der Adressat.

Worüber sprechen Sie mit Gott?
Senn: Ohne Adressat lässt sich schlecht beten? Obwohl, als ich einmal wegen eines medizinischen Notfalls um meine Frau bangen musste, habe ich mich dabei beobachtet, wie ich mit einem ER in Verhandlung trat. Es war beruhigend in dieser Extremsituation ein Gegenüber zu haben.

Gibt es spirituelle Orte, die ihnen Kraft geben?
Senn: Jeder Ort, der mir die wahren Relationen vor Augen führt: Der schmale Pfad beim Aufstieg auf einen Berg, das Ufer des Meeres, der Blick in den Sternenhimmel.

Haben Sie die Bibel gelesen?
Senn: Die Ganze? Nein!

Welche Inhalte interessieren Sie in der Bibel besonders?
Senn: Das 1. und das 5. Buch Mose. Einerseits als poetischer Schöpfungsmythos, andererseits als ernstzunehmender Versuch, das menschliche Miteinander verbindlich zu regeln. Das Neue Testament schätze ich als Zeugnis des Widerspruchs gegen eine brüchig gewordene, alte Ordnung, aber auch als wertvoller Impuls, das menschliche Miteinander neu zu definieren, nämlich über die Liebe.

Wie beurteilen Sie den Wahrheitsgehalt der Bibel? Womit haben Sie Mühe?
Senn: Die Bibel scheint mir insofern wahrhaftig, als dass sie mir ein Gegenüber sein kann für Meditation. Und ich halte sie für unwahr, überall dort wo sie als historischer Beleg herangezogen wird.

Hat die Religion für Sie als Profi heute in den Medien noch einen genügenden Stellenwert?
Senn: Philosophie ganz allgemein müsste einen höheren Stellenwert haben im medialen Alltag, Philosophie im Sinne einer Anstiftung zum denken, Religion stelle ich mir dabei als selbstverständlichen Teilaspekt vor. Um auf die Frage zu antworten: Nein!

Welche spirituelle Aufgabe kommt denn den Medien vor allem zu?
Senn: Wahrheiten zu hinterfragen, auch die medial hergestellte. Eine schwierige Sache? Dazu bräuchte es geistige Techniken. Zum Erringen dieser Techniken könnten die Medien verstärkt beitragen, dann wären sie nach meinem Verständnis automatisch auch spiritueller

Welche Radio- und TV-Sendungen interessieren Sie am meisten?
Senn: Im Fensehen sind es Tierfilme, Historische Dokumentationen und natürlich unsere hervorragenden Filme in der Sternstunde Kunst. Im Radio: Alles! Am liebsten weltweit, dank Internetradio.

Was halten Sie vom Papst? Und von der aktuellen Diskussion um die Rehabilitation von erzkonservativen Bischöfen?
Senn: Im Islam nennt man Menschen mit einer ähnlichen Geisteshaltung wie der aktuelle Papst sie vorlebt, ?Fundamentalisten?, im Christentum nennt man sie ?Traditionalisten?. Darüber lohnt es sich nachzudenken, Sprache ist verräterisch.

War die jüngste Nahostreise des Papstes aus Ihrer Sicht ein Erfolg oder ein Flop?
Senn: Das wird die Zukunft zeigen. Wenn der Besuch von Papst Benedikt XVI die Zweitstaatenlösung voran treibt, werde ich seinen Besuch dereinst als Erfolg werten. Spirituell scheint mir seine eher Reise wertlos, Symbolkraft aber hat sie allemal. Immerhin hat der Papst die Deutsche Staatsbürgerschaft.

Was halten Sie von den Themen Zölibat und weibliche Priester?
Senn: Ich sehe nicht ein, weshalb das Ausleben der Lust den Zugang zu Gott verhindern soll. Ist nicht die Lust selber Ausdruck göttlicher Kraft? Immerhin sorgt sie dafür, dass das Menschengeschlecht nicht ausstirbt. Priesterinnen scheinen mir von zentraler Bedeutung für das Überleben der katholischen Kirche. Leider sehen das manche katholischen Herren der Schöpfung ganz anders. Ich frage mich, wovor sie Angst haben.

Wie stehen Sie zum Islam?
Senn: Eine spannende Religion, eine Religion, die sich einst, ähnlich wie das Christentum, in Widerspruch gesetzt hat zur überlieferten Lehre. Sie ist im Kern eine Religion der Freiheit, da sie eben nicht en Detail vorschreibt, wie man zu leben hat, ausser eben im Einklang mit dem Grossen und Ganzen, mit der Schöpfung, mit Gott. Diese Offenheit aber ist es, die sie anfällig macht für Vergewaltiger. Ich habe selten so aufgeschlossene, intellektuell anspruchsvolle Menschen erlebt wie im Islam. Und ich habe selten verbissenere, irrationalere Menschen erlebt als im Islam. Leider bestimmen letztere zur Zeit den islamischen Diskurs und damit auch unsere Wahrnehmung des Islams. Sehr unheilvoll!

Über was würden Sie sich mit dem Dalai Lama unterhalten?
Senn: Über das innere Geheimnis der Blüte, ihr Werden, ihr Vergehen - und über die Zukunftsfähigkeit des Menschen.

Glauben Sie an ein leben nach dem Tod?
Senn: Logisch! Sehen Sie, wir haben ein Komposthaufen im Garten. Was meinen sie, was da los ist? Voller Leben! Nun aber ganz im Ernst: Etwas kann nicht nichts werden? Das Leben geht immer weiter, irgendwie. Das ist seine Bestimmung.

Welches ist Ihr Lebensmotto?
Senn: Liebe und Demut. Klingt simpel, ist es aber nicht! 

André Häfliger