Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BERÜHMT: Von der Bühne ins Grüne

Fast jeder wurde von ihrer Stimme schon einmal freundlich informiert, verärgert oder auch besänftigt. Zum heutigen Fahrplanwechsel erzählt Isabelle Augustin, Durchsagestimme der SBB, wie sie Tierschützerin wurde.
Interview von Julia Stephan
«SBB-Stimme» Isabelle Augustin: Früher hätte sie sich nie vorstellen können, einmal auf dem Land zu leben. Heute geniesst sie die Natur direkt vor ihrer Haustür in Schönenbuch BL. (Bild Corinne Glanzmann)

«SBB-Stimme» Isabelle Augustin: Früher hätte sie sich nie vorstellen können, einmal auf dem Land zu leben. Heute geniesst sie die Natur direkt vor ihrer Haustür in Schönenbuch BL. (Bild Corinne Glanzmann)

Interview Julia Stephan

Die Frau, die den SBB ihre Stimme geliehen hat, lebt fernab vom Schienennetz in einem alten Bauernhaus in Schönenbuch im Baselbiet. Mit Partner, zwei Hunden und sieben Kaninchen. Der blinde Hund Joshi, den Augustin in Spanien vorm Einschläfern gerettet hat, begleitet uns auf dem Spaziergang durchs Grüne. «Manchmal rennt er in die falsche Richtung», verrät seine Besitzerin, die in ihrem Leben auch schon mehrmals die Richtung gewechselt hat.

Isabelle Augustin, vor einer halben Stunde hat mich Ihre Stimme am Bahnhof Basel begrüsst. Hören Sie sich eigentlich noch, wenn Sie selber am Bahnhof stehen?

Augustin: Ich blende das weitgehend aus. Ich habe jahrelang fürs «10 vor 10» und die «Tagesschau» Nachrichtentexte gesprochen und bin es gewohnt, mir selbst zuzuhören. Manchmal höre ich trotzdem wieder hin. Etwa letztens, als ich aus Irland kam. Als ich bei der Ankunft meine Stimme aus dem Lautsprecher hörte, dachte ich dann doch: Ah, welcome home! Das war irgendwie schön.

War Ihnen früh bewusst, dass Sie so eine spezielle Stimme haben? Nicht jeder bekommt die Chance, das öffentliche Leben eines Landes so stark zu prägen wie Sie ...

Augustin: Nein, aber ich singe gern, und habe schon als Kind vor dem Fernseher Texte nachgesprochen. Später erinnerten mich Schulfreundinnen daran, dass mich der Lehrer in der Schule oft wie selbstverständlich zum Vorlesen aufgerufen hatte. Ich hatte das total vergessen.

Wann ist eine Stimme unangenehm?

Augustin: Sobald sie ins Unnatürliche kippt. Klar, können Sie sich beim Sprechen verstellen. Aber selbst, wenn ihr Gegenüber nicht sofort merkt, was an Ihrer Stimme falsch klingt. Dass etwas nicht stimmt, merkt er sofort. Deshalb merkt man einer Stimme oft an, wenn sie lügt.

Was wäre denn die natürlichste Tonlage für eine Verspätungsmeldung?

Augustin: Ich stelle mir immer die Pendler vor, die mir zuhören. Ich kenne das mit den Verspätungsmeldungen ja auch. Ich bin dann wütend, mich ärgert das genauso wie alle anderen auch. Ich will aber, dass es den Leuten, die mir zuhören, grundsätzlich gut geht. Deshalb bringe ich die Botschaft so nett rüber wie möglich. Beim Einsprechen musst du dieses Lächeln wirklich auf den Lippen haben, sonst wirkt es unglaubwürdig. Bei mir stellen sich dann oft innere Bilder ein wie ein rotes Samttuch, Schnee. Oder Wellen.

Klappt dieser Trick auch bei Notfallmeldungen?

Augustin: Nein, für diese «Achtung, achtung»-Durchsagen müssen Sie eine völlig andere Tonlage verwenden. Ich muss mir nur selbst vorstellen, ich stünde am Bahnhof, und irgendwo knallts. Ich bräuchte dann eine durchdringende, beruhigende Stimme, die mir sagt: «Achtung, wichtig. Wir haben alles im Griff!» Das ist dann der schauspielerische Aspekt meiner Arbeit. Zum Glück habe ich so eine Katastrophenmeldung im echten Leben noch nie gehört. Für mich als Tierschützerin wäre der Satz «Tiere auf den Geleisen» besonders schlimm.

Ich nehme an, Sie sind keine Zug-Vernarrte, die sämtliche Haltestellen der Schweiz auswendig kennt?

Augustin: Nein. Was mich bei den Aufnahmen im Tonstudio trotzdem immer wieder fasziniert: die Intensität des Moments. Die intensive Zusammenarbeit mit dem Tontechniker ist fast schon medi­tativ. Es kommen immer wieder Mitarbeiter der SBB ins Aufnahmestudio, um uns bei der Arbeit zuzusehen. Und die sind dann immer wahnsinnig erstaunt, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Wie sieht die aus?

Augustin: Es geht um viele kleine Dinge. Wie man ein «t» ausspricht, damit man es beim Satz «Nächster Halt» auch richtig hört. Oder wie man es schafft, dass das «g» bei einem Wort wie «Glarus» nicht undeutlich wird. Man wiederholt die Wörter manchmal bis zu zehn Mal. Langsam und deutlich reicht nicht aus. Jeder Buchstabe ist wichtig.

Sie waren Theaterschauspielerin, haben später als «Tagesschau»-Sprecherin Nachrichtentexte verlesen. Warum haben Sie aufgehört?

Augustin: Beim Nachrichtensprechen lernt man zwar viel über die Welt. Aber eines Tages habe ich mich bei einem Beitrag über ein fernes Land dann doch gefragt: Warum rieche ich dieses Land nicht, über das ich gerade spreche? Mich hat gestört, dass ich etwas auf einem Bild­schirm sehe, es aber nicht erleben kann.

Was haben Sie im Schauspielberuf gesucht und nicht gefunden?

Augustin: Das Theater hat mich früher total ausgefüllt! Die Emotion in sich suchen, die Auseinandersetzung mit Text, Bühnenpartner, Regisseur. Ich habe das geliebt! Irgendwann hatte ich aber keine Lust mehr auf diese emotionalen Schwankungen. Früher hatte ich diese sehr bewusst gesucht. Plötzlich fragte ich mich: Wozu das alles? Es ist doch schönes Wetter heute, ich will raus ins Freie! Ich habe dann als Bewegungstherapeutin zu arbeiten begonnen, Schauspieler mit Haltungsproblemen therapiert.

Waren Sie während Ihrer Schauspielzeit da selbst betroffen?

Augustin: Von Schauspielern wird immer Präsenz gefordert. Einmal probten wir für ein Musical in Bern, nach den Proben hatte ich ständig Rückenschmerzen, dabei war ich gerade mal 28. Der Grund war einfach: Ich hatte eine fixe Idee von Präsenz, und die hiess: Brust raus, gross machen! Dabei hatte ich mich dann verkrampft. In meiner Arbeit als Therapeutin finde ich es heute noch spannend, wie innere Haltungen die äussere Haltung beeinflussen. Sei es der Lehrer mit seiner Idee von Zuwendung oder der Schauspieler mit seiner Idee von Präsenz.

Beobachten Sie die Menschen auch im Alltag?

Augustin: Klar. Erst beobachtet man sich selbst, und dann andere. Manchmal kann man an den Körperhaltungen erkennen, welche Einstellung die Leute zum Leben haben. Das ist faszinierend.

Wo liegt der grosse Unterschied zwischen der Schauspielkunst und Ihrer heutigen Arbeit?

Augustin: Ich selbst stehe nicht mehr im Zentrum des Geschehens, sondern an­dere Menschen. Ich finde das toll.

Nach der Aufgabe des Schauspielberufs unternahmen Sie mit Ihrem Partner eine Weltreise. Weshalb?

Augustin: Mein Partner und ich waren beide um die 40. Er hatte seinen Job im Marketingbereich gekündigt, ich beim Fern­sehen – und meine Praxis und Wohnung aufgelöst. Es muss mit meinem Charakter zusammenhängen, der immer wieder gerne auf Wanderschaft geht. Ich wollte diesen radikalen Bruch.

Keine Angst dabei?

Augustin: Im Nach­hinein kann ich sagen: Es war schon hart. Wir mussten ja quasi alles wieder neu aufbauen. Auch wenn das in der Schweiz nicht so schwierig ist. Aber «gottseidank» hatte ich mir das vorher nicht überlegt! (lacht)

In der wohlstandsverwöhnten Schweiz muss man sich auf der Weltreise von vielen materiellen Dingen trennen.

Augustin: Das stimmt. Aber ich habe mir vorgestellt: Würde ich jetzt auf dem Totenbett liegen, was hätte ich dann bereut? Es wäre genau der fehlende Mut gewesen, sich aufzuraffen und einmal ein Jahr lang in der Welt herumzureisen.

Wollten Sie sich auf der Weltreise anschauen, wie die Welt hinter den Nachrichtentexten aussieht?

Augustin: Ich war vor meiner Weltreise ein überzeugter Stadtmensch, der sich nie hätte vorstellen können, mal ein Landleben wie dieses hier zu führen. Auf der Weltreise wollte ich in die Natur, hatte deshalb in Tierauffangstationen gearbeitet. Im Vorfeld hatte ich extra ein Praktikum im Zoo bei den Orang-Utans absolviert. Ich habe Käfige geputzt, Tiere gefüttert. Das war sehr beglückend. Texte sprechen und Theaterspielen sind flüchtige Dinge. Du fragst dich: Was bleibt davon?

Was hat Sie auf der Weltreise zu einer Tierschützerin werden lassen?

Augustin: Ich habe realisiert, was da für schreckliche Dinge passieren. Vorher hatte ich bis auf die News-Meldungen mit dem Tierschutz kaum Berührung gehabt.

Nach der – in Anführungszeichen – narzisstischen Selbstbespiegelung im Theater haben Sie mit dem Tierschutz das andere Ende der Skala erreicht. Droht man als Tierschützer nicht, sich manchmal selbst zu vergessen?

Augustin: Ja, auch ich kämpfe damit. Tierschutz kennt keine Bürozeiten. Wie praktisch wäre das! So viele Tierschützer haben ein Burn-out, sind psychisch und physisch am Ende und haben immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht alle Tiere retten können. Und das, während andere Tiere aussetzen und sagen: Warum setzen sich diese Leute so für Tiere ein, die sollen sich mal für Kinder einsetzen! Oft sagen das genau diejenigen, die nur die Schlechtigkeit der Welt beklagen, ohne anzupacken.

Muss man einfach damit leben, dass man das grosse Ganze nicht in einem Menschenleben gemanagt kriegt?

Augustin: Als ich noch in einem Tierheim in Mulhouse arbeitete, hielt ich mir mal folgendes Bild vor Augen: Es ist wie bei den Niagarafällen, die ich auf meiner Weltreise gesehen habe. Da kommen ständig neue Tiere. Und du stehst unten und versuchst, diesen gewaltigen Strom aufzuhalten. Dieses Bild hat mir geholfen, die Beschränktheit meiner Kräfte zu akzeptieren.

Ist das nicht genau der Grund, warum viele Leute bei weltverbessernden Anliegen wie dem Tierschutz resignieren?

Augustin: Ja. Aber ich finde, so eine Haltung kann ganz schnell in Verbitterung umschlagen. Indem du dir zumindest die Option gibst, etwa tun zu können, befindest du dich plötzlich in ei­nem ganz anderen Zustand. Du kannst etwas bewirken.

Auf Ihrer Weltreise haben Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten gehandelt und Hunde adoptiert. Joshy ist blind. Wie kommt er im Leben zurecht?

Augustin: Man merkt kaum, dass er blind ist. Wenn andere Hunde uns begegnen, muss man ein bisschen aufpassen, weil er sich etwas anders verhält. Und wenn er in Aufregung durch die Küche rennt, rennt er unter Umständen auch mal in einen Stuhl. Vielen Hindernissen weicht er aber instinktiv aus. Er besitzt ein spezielles Sensorium.

Sie beschäftigen sich mit angewandter Zoopharmakognosie. Dieser Forschungszweig untersucht, wie kranke Tiere in freier Wildbahn die Natur als Apotheke verwenden. Wir trinken bei einer Erkältung eine heisse Zitrone. Was macht ein Hund?

Augustin: Ein Hund hat Pech, weil ihm in seiner Umgebung gar keine Heilmittel zur Verfügung stehen. Er kann höchstens beim Gassigehen ein wenig Gras fressen. Wildtiere hingegen haben die ganze Palette zur Verfügung.

Das medizinische Angebot in Bezug auf Tiere ist heute gross. Es gibt Farbtherapien für Tiere, TCM-Behandlungen für Tiere. Wo liegt da der Unterschied zu Ihrer Arbeit?

Augustin: Bei anderen Naturheilme­thoden bestimmt der Mensch, was das Tier zu sich nimmt. Bei der Zoopharmakognosie zeigt uns das Tier, was es braucht, und wir folgen ihm. Über diesen Instinkt verfügen nicht nur Wildtiere, son­dern auch unsere domestizierten Tiere.

Wie findet man heraus, was ein Tier braucht?

Augustin: Man bietet ihm eine Palette von Naturheilmitteln an, die zugeschnitten sind auf seine Beschwerden. Das Tier entscheidet dann autonom, was es braucht. Hunde und Pferde inhalieren zum Beispiel ätherische Öle oder nehmen die Moleküle über die Zunge auf. Bei Katzen sieht das total lustig aus. Letztens habe ich mit einem ängstlichen Pferd gearbeitet. Wir haben ihm unter anderem Angst linderndes Weihrauchwasser angeboten. Ich habe mir etwas davon auf die Hand gespritzt, und es ist gekommen und hat den Geruch tief inhaliert und sich an meiner Hand gerieben.

Sie verschreiben also keine Patentrezepte, Sie beobachten!

Augustin: Ich beobachte die Körper­sprache des Tieres ganz genau. Es geht nicht um diese vorschreibende Denk­weise, die wir uns noch aus Kindertagen von unseren Eltern gewohnt sind: «Dir gehts schlecht, du musst einen Pfefferminztee trinken!» Weil wir Menschen uns solche Patentrezepte gewöhnt sind, haben wir Schwierigkeiten, uns überhaupt vorzustellen, dass das Tier nicht nur das Heilmittel, sondern auch die Dosis und die Art der Verabreichung selbst bestimmen kann.

Besitzen wir Menschen diese Veranlagung auch?

Augustin: Leider ist diese Fähigkeit bei uns kulturell überformt. Was Sie machen können, sind Selbstversuche, zum Beispiel mit Süssholzpulver: Je nachdem, wie Ihre physische Verfassung ist, werden Sie das Pulver nach mehrmaliger Einnahme als süss oder bitter empfinden. Die Geschmacksknospen passen sich an die Bedürfnisse an, auch bei uns. Wenn jemand sagt, das kann ich nicht riechen, dann ist das gemeinhin ein guter Indi­kator, dass ihm oder ihr das nicht gut tut. Bei Tieren ist das aber viel ausgeprägter.

Sammeln Sie die Kräuter selbst?

Augustin: Ich bin überhaupt nicht der Typ, der auf Wiesen Löwenzahn sammelt und Tinkturen macht. Nada. Da bin noch ganz die Städterin! (lacht) Da lese ich lieber über die Wirkungsweise von Pflanzen und fahnde nach Produkten von guter Qualität.

Hinweis

Isabelle Augustin, die in Mundart einen Basler Dialekt spricht, ist 2007 über ein Casting zur Deutschschweizer SBB-Sprecherin ausgewählt worden. Die Aufnahmen von rund 6000 Satz-­ ­Se­quenzen und Stationsnamen dauerten rund ein halbes Jahr. Seither gibt es jährlich ein kleines Update (neue Stationsnamen etc.). Die Durchsagen werden per Computer aus den einzelnen Se­quenzen zusammengesetzt.

Isabelle Augustin hören: SRF-Radiobeitrag zur SBB-Stimme www.luzernerzeitung.ch/bonus

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.