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BESINNUNG: Stille Nacht bis es kracht

Weihnachten ist das Fest der Stille. Aber was bedeutet das eigentlich? Ein paar Gedanken über schwer zu ertragendes Schweigen, die Macht des Krachs und den Preis der Stille.
Valeria Heintges
Zur Ruhe kommen ist gar nicht so einfach. Vielleicht gelingt es hier. (Bild: Rolf Asa/Getty)

Zur Ruhe kommen ist gar nicht so einfach. Vielleicht gelingt es hier. (Bild: Rolf Asa/Getty)

Valeria Heintges

Stille Nacht!

Endlich. Weihnachten. Die Zeit der Ruhe und der Besinnung. Die Vorbereitung darauf war zwar wieder alles anders als ruhig und besinnlich. In den Warenhäusern die Geschäftigkeit und der Lärm der vielen Menschen, die noch Geschenke suchten und letzte Einkäufe machten. Dazu: Kaufhausmusik. «Last Christmas, I gave you my heart» zum hundertsten Mal. Staus auf den Strassen, volle Züge, keine Ruhe, keine Besinnung nirgends. Das ist jetzt vorbei. Ab heute ist es still. Ab heute muss es still sein.

Heilige Nacht!

Diese Nacht ist still? Nein, ist sie nicht. Unterm Weihnachtsbaum versammeln sich Familien zum Singen, Geschenke austauschen, miteinander sein. Ruhig soll das gar nicht sein. Im Gegenteil: Gesprächspausen sind oft unangenehm. Schweigen setzt unter Druck, zeigt vielleicht, dass man sich nichts zu sagen hat, lässt den Wunsch aufkommen, das Schweigen zu brechen. Das ist eine beliebte und sehr gut funktionierende Interviewtechnik: Sage nichts, wenn dein Gegenüber schweigt. Lass die Stille mächtig und übermächtig werden. Wenn du schweigst, wird sich dein Gegenüber vielleicht um Kopf und Kragen reden. Nur um die Stille zu vertreiben.

Alles schläft, einsam wacht, nur das traute hochheilige Paar

Nachts wird geschlafen. Da ist es endlich still. Nicht für Schichtbetriebe: etwa Spitäler, Polizei- und Radiostationen. Auch nicht für Nachtschwärmer. Andererseits wirken Geräusche in der Nacht viel lauter. Schritte hallen zwischen Häuserwänden. Autofahrer, die sich was beweisen müssen, preschen über leere Strassen. Das ist Krach.

Holder Knabe im lockigen Haar;

Der holde Knabe schläft. Endlich mal Ruhe. Kein Babygeschrei. Babys haben noch keinen Tag-und-Nacht-Rhythmus, wecken hungrig ihre Eltern. Mütter können nicht schlafen, weil sie von jedem noch so feinen Geräusch ihres Nachwuchses sofort hochschrecken. Schlaf kann tief sein. Und weniger tief, unruhig, nervös. Dann wälzt man sich im Bett hin und her. «Nuits blanches», diese weisse Nächte, dauern gefühlt eine Ewigkeit. Jedes noch so kleinste Geräusch wird zum ruhestörenden Lärm. Wie in einem Zugabteil, in dem alle ermattet schweigen. Aber einer telefoniert am Handy – und alle finden, es sei mal wieder so laut hier.

Schlaf in himmlischer Ruh!

Was ist sie also, diese himmlische Ruh? Herrscht sie in der Natur? Im Wald? Ja, würde man meinen. Aber nur, weil man die Geräusche der Natur nicht als Krach empfindet. Nicht das Gurgeln des Flusses, nicht das Rufen der Vögel (das in Morgenstunden wirklich laut sein kann), nicht das Knacken der Äste. Auch spielende Kinder oder lachende Menschen empfinden viele nicht als Krach. Manche stört Hundegebell, andere finden es sympathisch. Krach ist relativ und subjektiv. Wenn das Motorrad über den Pass gedonnert und in der Ferne verschwunden ist, wird die Stille in der Natur umso schöner.

Aber den Fahrer des Motorrads stört sein eigener Krach nicht. Im Gegenteil. Krach ist auch Macht. Man muss nicht so weit gehen wie die Autorin Sieglinde Geisel. In ihrem Buch «Nur im Weltall ist es wirklich still» bezeichnet sie Lärm als Ersatz für Macht, «die einem im wirklichen Leben versagt bleibt». Lärm sei ein Mittel, schreibt Geisel, um sich zumindest für eine kurze Zeit «von den Hemmungen und Beschränkungen der Zivilisation zu befreien». Frisierte Motorräder und getunte Autos scheinen Sieglinde Geisel Recht zu geben. Dieser Lärm wird den Mitmenschen aufgedrängt, die sich nicht dagegen wehren können. Und also ohnmächtig sind.

Schlaf in himmlischer Ruh!

Manche fliegen oder fahren sehr weit, um zur Ruhe zu kommen. Der norwegische Abenteurer Erling Kagge schreibt in seinem Buch «Stille» von seinen Expeditionen an Nord- und Südpol und auf den Mount Everest. Es mutet ein wenig grotesk an, wenn er die Stille in sich selbst sucht und «die Freude über die kleinen Dinge» preist, etwa zuhören, essen oder «kleine Fische fangen».

Totale Stille wollen wir ohnehin nicht, wie jeder weiss, der mal in einem absolut lärmisolierten Raum war. In seinem wunderbaren Roman «Oben ist es still» beschreibt der niederländische Autor Gerbrand Bakker, wie sein Vater, den er in den ersten Stock geschafft hat, um ihn nicht mehr sehen zu müssen, langsam stirbt. Abgewandelt könnte man sagen: Am Ende ist es wirklich still. Totenstill. Diese Stille suchen wir nicht. Wir wollen zur Ruhe kommen, nicht mehr herumrennen müssen, mal nichts müssen müssen. Wie sagt Loriots Knollenmännchen zu seiner Frau? «Ich will nur hier sitzen.» In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Hinweis: Wie laut die stille Nacht wirklich ist, sehen Sie hier »

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