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BEZIEHUNGEN: Suche IQ statt Traumbody

Sapiosexuell ist das neue Adjektiv auf dem digitalen Liebesmarkt. Damit bekunden die Nutzer von Dating-Plattformen, dass sie einen hohen IQ einem makel­losen Äusseren vorziehen.
Diana Bula
Belesenheit und Intelligenz sind sexy. Dem kann auch ein schlechter Geschmack punkto Socken nichts anhaben. (Bild: Getty)

Belesenheit und Intelligenz sind sexy. Dem kann auch ein schlechter Geschmack punkto Socken nichts anhaben. (Bild: Getty)

Diana Bula

Kerzenschein, ein Glas Wein, intensive Blicke, ein noch intensiveres Gespräch – und dann sagt das Gegenüber: «Ich bin sapiosexuell.» Gut möglich, dass sich eben diese Szene bei einem nächsten Date zutragen wird. Nach lumbersexuell (Stadtburschen, die im Holzfällerhemd auf Naturbursche machen), gastrosexuell (Männer, die sehr, sehr gerne am Herd stehen) und metrosexuell (Männer, die zu ihrer weiblichen Seite stehen und sie ausleben) scheint sich mit sapiosexuell ein neues Wort für eine Vorliebe in Liebesdingen gefunden zu haben: Die Intelligenz des Gegenübers zählt mehr als dessen Aussehen.

Er soll sie belehren

Vor allem in sozialen Netzwerken geistert der Begriff zurzeit herum. Es gibt Facebook-Gruppen von Sapiosexuellen mit über 50 000 Fans. Sie posten Bilder mit Botschaften wie: «Weisst du, was sexy ist? Eine richtige Unterhaltung.» Und sie verweisen auf Listen, in denen Frauen sich wünschen, dass der Mann an ihrer Seite ihnen täglich Neues beibringt. Auch auf Dating-Portalen wie Tinder bekennen sich immer mehr Menschen zu ihrer Sapiosexualität.

Das erscheint widersprüchlich, ging es doch eben auf diesem Portal bis vor kurzem vor allem um das Aussehen. Das belegen die oft bis ins Detail inszenierten Profilfotos der Flirtwilligen, das belegen aber auch die Nutzer, die Unattraktiven mit nur einem Wisch einen Korb erteilen.

Tinder hat bereits auf den Sapiosexuell-Trend reagiert: Seit einigen Tagen können die Nutzer – dank eines «intelligenten Updates», wie das Unternehmen mitteilte – ihre Profile um Beruf und Ausbildung ergänzen.

Die Sehnsucht nach mehr

Natürlich fühlen sich viele Menschen schon lange zu Intelligenten hingezogen, geistig und körperlich. Nicht erst seit Entstehen der oberflächlichen Dating-Portale, nicht erst seit Sendungen wie «Bachelor», in denen Mann und «Ladys» mit optischen Reizen bestechen wollen und sich deshalb auffallend oft leicht bekleidet vor der Kamera präsentieren. Und nicht erst seit ein durchtrainierter Körper das neue Statussymbol der Teenager ist und Magazinmacher die naturgegebene Schönheit der Models mit Fotoshop perfektionieren. Aber diese Faktoren verstärken wohl das Bedürfnis nach einem Anti-Trend, nach dem Bekenntnis zu inneren statt äusseren Werten.

Körper, Seele – und Geist

«Intelligente Menschen sind oft amüsanter und somit attraktiver. Intelligenz stellt einen hohen langfristigen Unterhaltungswert in Aussicht. Dummheit ist langweilig, besonders daheim und im Bett», sagt der Berner Paartherapeut Klaus Heer. In Wirklichkeit sitze das wichtigste Sexualorgan zwischen den Ohren. «Eine zentrale Funktion der Intelligenz ist die Fantasie. Fantasieschwacher Sex kann nicht gut sein, zumindest nicht auf Dauer», sagt Heer.

So eindeutig sieht die St. Galler Sexualtherapeutin Prisca Walliser den Zusammenhang zwischen Intellekt und guter Sexualität nicht: «Das Phänomen Sapiosexualität greift zu kurz, wie jeder Hype.» Sei der geistige Dialog erfüllend, bedeute das nicht, «dass sich auch das körperliche Zwiegespräch gut anfühlt». Dieses gelinge am ehesten, wenn neben umfangreichem Wissen «auch emotionale und körperliche Intelligenz gegeben sind».

Lustlosigkeit ist Nummer 1

Das meistdiskutierte Thema in Wallisers Praxis: abhandengekommene Lust. Für eine erfüllende Sexualität benötige es alle drei Bereiche, Körper, Seele und Geist. Viele sexuelle Probleme, sagt die Sexualtherapeutin, hängen mit der Paardynamik zusammen, unterschiedlichem Begehren, chronischen Belastungen. Den tieferen Ursprung haben sie jedoch oft in der sexuellen Biografie, «durch Werte, die schon Kindern weitergegeben werden, durch das Klima und den Umgang in der Familie». Oft sei es später dann der Kopf, «der beim Geschlechtsverkehr einen Strich durch die Rechnung» mache. Er analysiere, er bewerte, er denke zu viel. «So gerät man in eine immer engere Spirale nach unten. Man kann nicht mehr loslassen, und eben damit hat guter Sex viel zu tun.»

Dem Wort sapiosexuell misst Walliser denn auch nicht viel Bedeutung bei. «Zumal man Menschen begegnet und sofort spürt, dass da etwas schwingt – obwohl man IQ und Kontostand noch nicht abgefragt hat.»

«Sie stabilisiert ihn»

Laut Paartherapeut Klaus Heer bringt ein Partner im Idealfall «Intelligenz mit Herz» mit sich. Frauen würden jedoch nach wie vor oft einen Mann suchen, der materielle und statusmässige Sicherheit signalisiert. «Männer hingegen sprechen auf Frauen mit intakten Arterhaltungsfähigkeiten an, auf junge und schöne Frauen. Die intellektuelle, starke Frau hat eher schwache Aussichten auf dem Partnermarkt.»

Den Grund dafür kennt der deutsche Sexualtherapeut Ulrich Clement. «Eine Frau, die den Mann aufgrund seiner Fähigkeiten bewundert, stabilisiert ihn in seiner Männlichkeit. Der eine stellt sich grossartig dar, und die andere bewundert ihn in dieser Grossartigkeit. Damit ergänzen sie sich wunderbar», sagte er in einem Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit». Die Gender-Entwicklung, fügt Klaus Heer dem bei, verlaufe erstaunlich schleppend und könne nicht mit der weiblichen Emanzipation Schritt halten. «Reicher Mann, schöne Frau: Auf lange Sicht ist das aber ein Auslaufmodell.»

Stimme als Beziehungsprognose

Forscher der University of Utah haben einen innovativen Computer-Algorithmus entwickelt, der anhand der Kommunikation zweier Partner vorhersehen kann, ob sich die Beziehung verbessern oder doch verschlechtern wird. Das Programm, das die Stimmen analysiert, hat eine Trefferquote von 79 Prozent.
Besser als Therapeuten
Der Algorithmus hat bei seinen Prognosen bei Pärchen mit ernsthaften Problemen besser abgeschnitten als Paartherapeuten. Analysiert wurden akustische Merkmale wie die Intensität oder das Flattern beziehungsweise Schimmern der Stimme. «Bislang waren keine Geräte für solche Messungen vorhanden», meint Studienleiter Brian Baucom.

Nach der Feineinstellung des Algorithmus wurde das Gerät im Wettbewerb gegen menschliche Experten des Behaviorismus getestet. Die Forscher zeichneten über 100 Konversationen von Ehe-Therapiesitzungen auf und überprüften fünf Jahre später ihren Ehestatus. Laut dem Experten lässt das direkte Studieren der Stimmen eine akkuratere Zukunftsprognose des Eheglücks zu als die behavioristischen Codes. Als nächstes plant das Team einen Computer, der gesprochene und nonverbale Informationen verarbeitet, um damit den Erfolg von Behandlungen vorhersehbar zu machen.

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