BILDUNG: «Nicht alle Kinder fügen sich brav ein»

Psychologe Allan Guggenbühl kritisiert die aktuellen Schulreformen. Man gehe von einem Idealbild der Schüler aus, das nicht der Realität entspreche. Er schlägt andere Mittel im Unterricht vor.

Lukas Scharpf
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Diese Erstklässler in Suhr strecken im September 2014 brav während des Unterrichts. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Diese Erstklässler in Suhr strecken im September 2014 brav während des Unterrichts. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Allan Guggenbühl, einzelne Störenfriede oder ganze Problemklassen sind eine grosse Belastungsquelle für die Lehrer. Laut Studien sind diese immer mehr an der Grenze zum Burn-out. Wie geht die aktuelle Bildungspolitik mit dem Thema um?

Allan Guggenbühl*: Sie verschärft das Problem eher noch. Heute setzt man auf integrative Schulmodelle. Kinder mit verschiedensten Begabungen, mit Defiziten und auffälligen Verhaltensweisen sollen im gleichen Klassenverband unterrichtet werden. Das ist eigentlich ein lobenswertes Vorhaben, aber es führt zu Schwierigkeiten mit Ordnung und Disziplin. Auf jedes Kind individuell einzugehen und das Vorgehen im Team abzusprechen, ist eine energetische wie auch zeitliche Herausforderung. Oft droht Verantwortungsdiffusion: Niemand fühlt sich für das betreffende Kind zuständig.

Integrative Schule ist vielfach noch relative jung. Wird sich das Problem erledigen, wenn man mehr Erfahrungen mit den neuen Modellen hat?

Guggenbühl: Das Problem wird nicht so rasch verschwinden. Tatsache ist, dass sich nicht alle Kinder brav in den Schulbetrieb einfügen wollen, sei es wegen ihrer Persönlichkeit oder weil sie in einer schwierigen Phase sind. Die Idee des individuumzentrierten Unterrichts ist, dass die Schüler ihre Lernziele eigenständig definieren und Lernprozesse selber organisieren. Auf diese Weise seien sie auch motiviert zu lernen. Die Aufgabe der Lehrpersonen ist, die Schüler zu coachen. Für viele Kinder gilt dies nicht. Der Schulstoff ist für sie persönlich nicht relevant. Sie sind mit sich selbst beschäftigt und werden durch schulfremde Themen absorbiert. Sie können mit dem Freiraum nicht umgehen oder arbeiten selbstständig, doch nicht für die Schule.

Es gibt auch von Seiten der Lehrer viel Widerstand gegen diese Reformen. Woher kommt der Druck dafür?

Guggenbühl: Die aktuellen Reformen stammen nicht von der Basis. Sie wurden von oben herab, von der Erziehungswissenschaft, der Schule aufgezwungen und sind ideell geprägt. In der Theorie klingt vieles sehr gut, in der Praxis läuft es jedoch anders. Wenn zum Beispiel mehrere Lehrpersonen im Schulzimmer sind, dann droht eine Defokussierung. Die Schüler verlieren die Orientierung. Sie brauchen jedoch klare Leitfiguren und nicht eine Auswahl von Coaches. Die Folge ist Unruhe.

Was meinen Sie mit ideell?

Guggenbühl: Man will Chancengleichheit umsetzen, indem man alle Schüler der gleichen Gruppe zuordnet. Es geht um Solidarität. Kinder sollen lernen, auch andersartige Kollegen zu akzeptieren und zu unterstützen. Niemand bestreitet diese Ziele. Der individuum­zentrierte Unterricht und klare Kompetenzumschreibungen sollen eine sogenannte Binnendifferenzierung ermöglichen. Ein Problem ist jedoch, dass die Klasse von den Schülern nicht als Lerngemeinschaft erlebt wird. Die meisten Kinder lernen, weil sie sich mit der Klassengemeinschaft identifizieren. Sie lernen, weil alle es tun. Haben sie individuelle Lernziele, dann fällt die Klasse als Orientierungsgrösse weg, der Stoff wird sozial irrelevant. Es tut sich eine Kluft zwischen den angepassten Schülern und den lernzielbefreiten, schwierigen oder aus der Sicht der Kinder komischen Schülern auf. Schüler gehen wegen ihrer Kollegen, wegen der sozialen Funktion zur Schule und lernen nur unter leichtem Druck. Rituale und eine positive Klassengemeinschaft unter der Führung einer Lehrperson helfen. Wir dürfen nicht vergessen: Bei den Schulen handelt es sich auch um eine Unterwerfungsinstitution. Die Alten zwingen den Jungen ihr Wissen auf.

Jugendliche in der Pubertät sind selten einfach und pflegeleicht. Das ist sicher nicht neu. Können Sie eine Verschärfung in den letzten Jahren beobachten?

Guggenbühl: Es ist normal, wenn Kinder Erwachsenen Schwierigkeiten bereiten. Das gehört zur gesunden Entwicklung. Kinder wollen Grenzen ausloten. Unterrichten ist darum kein Trainingsprogramm, sondern der Versuch, den halbchaotischen Prozess der Schüler in eine positive Richtung zu lenken. Unterricht ist keine exakte Wissenschaft, denn Schüler lernen anders und noch viel mehr, als Standards und Kompetenzen vorgeben. In der Schule versuchen ältere Menschen mit jüngeren einen gemeinsamen Weg zu gehen, das ist das Grossartige der Schule. Lehrpersonen brauchen die Freiheit, ihre persönlichen Begabungen und Interessen einzubringen, damit sie eine Beziehung aufbauen können. Sie sind keine Programmvollstrecker, sondern eher Künstler.

Sie wollen schwierigen Themen in Klassen wie Mobbing, Übergriffen, Störenfrieden usw. mit einem alten Mittel zu Leibe rücken. Mit dem Erzählen von Geschichten. Warum?

Guggenbühl: Ich arbeite schon lange mit Klassen und Jugendlichen in Gruppentherapien, auch im Zusammenhang mit Gewalterlebnissen. Wenn man Schüler zu einem heiklen Thema direkt anspricht, dann verstecken sie sich oft hinter Plattitüden oder weichen aus. Oft passen sie sich der Lehrperson an und geben dann die Antworten, die man von ihnen erwartet. Wenn man also ein konkretes und heikles Thema wirklich ansprechen will, muss man einen Umweg wählen. Geschichten zu erzählen, sie zu dramatisieren und weiterzuspinnen, ist eine Möglichkeit, auch heikle Themen mit den Kindern zu besprechen. Allerdings eignet sich dafür nicht jede Geschichte.

Wie meinen Sie das?

Guggenbühl: Kinder sind von Geschichten fasziniert, die eine Situation radikalisieren oder übertrieben darstellen, politisch inkorrekt sind. Keine braven Moralgeschichten. Spontan berichten Kinder ihren Eltern von aussergewöhnlichen Ereignissen, die sie erlebt oder von denen sie gehört haben, ihr Denkhorizont weitet sich so aus.

Können Sie ein Beispiel geben?

Guggenbühl: Statt das Thema Mobbing direkt aufzugreifen, erzählt die Lehrperson eine Geschichte aus dem Mittelalter, in der jemand krass ausgegrenzt wird. Je packender und übertriebener, desto besser. In der Geschichte wird vielleicht sogar jemand ungerechtfertigt geteert und gefedert, muss in einem Verlies ausharren. Die Schüler sind dann etwas geschockt, werden jedoch indirekt in eine Problematik menschlichen Verhaltens eingeführt und sind bereit, über eigene Erlebnisse zu reden, die viel weniger schlimm sind. Mit solchen Zwischenschritten kann man auch sehr heikle Themen zur Sprache und auch überhaupt in Erfahrung bringen. Man bringt Störenfriede dazu, über sich zu erzählen und selber etwas zu tun. Aber die Lehrperson muss eine aktive Rolle spielen, sich als Geschichtenerzähler einbringen.

Fehlen solche Mittel im Moment?

Guggenbühl: Ja, diesen Eindruck habe ich schon. Ich wurde auch von Lehrern aufgefordert, ihnen konkrete Anleitungen zum Umgang mit Geschichten zu geben. Viele wissen nicht, wie sie mit dem freien Erzählen umgehen sollen, sie haben Angst davor oder das Gefühl, sie könnten nicht frei eine Geschichte erzählen. Sie lesen nur direkt aus einem Buch vor. Das ist aber nicht das Gleiche wie das freie Geschichtenerzählen, das Nähe und Beziehung fördert. Wo man jederzeit auf die Zuhörer reagieren und sie integrieren kann.

Nimmt man im Lehrplan 21 auf Probleme wie schwierige Klassen oder schwierige Schüler genügend Rücksicht?

Guggenbühl: Die Förderung der sozialen Kompetenzen ist im Lehrplan 21 grossgeschrieben, auch als Mittel gegen Mobbing. Sozial kompetent werden wir jedoch vor allem im Umgang mit den effektiven Problemen. Durch den Einsatz von Geschichten kommen die wirklichen Probleme der Kinder zur Sprache, und es bleibt nicht bei schönen Worten.

Sie gehören zu den Gegnern einer «Verbürokratisierung der Schule», wie Sie es nennen. Ist denn alles schlecht?

Guggenbühl: Sicher nicht. Lehrer sind jedoch nicht nur keine Normvollstrecker, sondern lassen sich von Ideen, Leidenschaften leiten und setzen ihre Persönlichkeit ein, damit die Schüler lernen. Den individuellen Schüler im Auge zu haben, finde ich richtig, ebenso die Teambildung. Lehrer sind nicht nur Einzelkämpfer. Klar ist auch, dass man die Leistungen der Schüler und Lehrpersonen durch Ausseninstanzen überprüfen muss. Der Kompetenzbegriff, nach dem sich die Schule richten soll, bringt jedoch nicht einen pädagogischen Mehrwert, sondern reduziert das Schulgeschehen auf durch Tests erfassbare Daten, drückt ein Misstrauen der Schule gegenüber aus, als wären Leistungen bisher nicht wichtig gewesen. Ich kritisiere, dass man die Wichtigkeit einer Klasse unterschätzt. Kinder gehen wegen ihrer Kolleginnen und Kollegen zur Schule. Der Stoff ist oft ein Nebenprodukt des sozialen Geschehens.

Lukas Scharpf

* Allan Guggenbühl (62) ist Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt. Sein neuestes Buch «Von Gangstern, Diven und Langweilern» ist kürzlich im Hep-Verlag erschienen.