BIOGRAFIE: Der Draufgänger, der Hitler die Stirn bot

Er war nicht nur Sieger über Hitler, sondern auch Literat, Maler und Fitnessfanatiker. Über Winston Churchill gibt es auch 50 Jahre nach seinem Tod immer noch Neues zu entdecken.

Sebastian Borger, London
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Winston Churchill probierte als Premierminister bei einem Besuch im Nordosten Englands am 1. August 1940 eine Maschinenpistole aus. (Bild: AP Photo)

Winston Churchill probierte als Premierminister bei einem Besuch im Nordosten Englands am 1. August 1940 eine Maschinenpistole aus. (Bild: AP Photo)

Als der grosse alte Mann gestorben war, kam das Land zum Stillstand. Wenige Wochen zuvor noch hatte die Insel einen Neuanfang inszeniert und damit dem neuen Lebensgefühl der 1960er-Jahre mit Pille, Beatles und Brutal-Beton Ausdruck verliehen: In der Downing Street residierte nun Harold Wilson, der erste Labour-Premier nach 13-jähriger Tory-Herrschaft. Im kalten Januar 1965 aber blickten die Briten zurück auf eine epochale Figur, die 90 Jahre eines sprichwörtlichen Renaissance-Menschen. Bis zur Zeitenwende im 16. Jahrhundert hatte das Leben des Winston Spencer Churchill (1874–1965) nicht gerade zurückgereicht. Zu Grabe getragen wurde aber einer, dessen Kindheit und Jugend unter Königin Victoria (1837–1901) den damaligen Zeitgenossen schon unvorstellbar weit weg scheinen musste.

Brücke zu vergangenen Zeiten

Der Abkömmling des berühmten Feldherrn John Churchill, des ersten Herzogs von Marlborough, war 1898 Teilnehmer an der letzten Kavallerie-Attacke der britischen Armee. Er befreite sich 1899 aus der Gefangenschaft durch die Buren in Südafrika. Er schaffte, beflügelt vom Ruhm seiner Heldentaten, schon 1900 erstmals eine Wahl ins Unterhaus, dem er dann, mit winzigen Unterbrechungen, bis kurz vor seinem 90. Geburtstag angehörte. Churchill stellte also eine Brücke dar zu einem längst versunkenen Zeitalter, als ein Viertel der Erdoberfläche zum britischen Empire gehörte.

Neigung zum Kriegerischen

An entscheidender Stelle hatte er den Ersten Weltkrieg miterlebt, an alles entscheidender den Zweiten. Man darf sagen: Ohne den halbgebildeten Aristokraten und barocken Schriftsteller mit einer ausgeprägten Neigung zu allem Kriegerischen hätte das längst geschrumpfte Weltreich 1940 die Waffen gestreckt vor dem allmächtig scheinenden deutschen Diktator. Stattdessen blieb Grossbritannien stehen, allein. Nur Churchills mächtige Worte («Blut, Arbeit, Tränen, Schweiss»), ein paar hundert Flugzeuge und ihre blutjungen Piloten, darunter viele Tschechen und Polen, standen zwischen Adolf Hitlers gut geölter Kriegsmaschine und der Insel.

Von einem «späten Helden» spricht Thomas Kielinger im Untertitel seiner im Herbst erschienenen, ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Churchill-Biografie. Mit 65 Jahren, «wenn die meisten Leute in Pension gehen», wurde der Mann Premierminister. Was er im höchsten Amt des Landes leistete, darüber herrscht Einigkeit. Prägnant wie immer fasste der berühmte britische Historiker Alan J. P. Taylor (1906–1990) die Leistung des Kriegspremiers in einer knappen Fussnote zusammen: «Der Retter seines Landes». Der Labour-Minister und Biograf Roy Jenkins beschrieb Churchill als den «grössten Bewohner der Downing Street aller Zeiten».

Merkwürdig verhalten ruft sich das völlig veränderte Grossbritannien dieser Tage den am 24. Januar Verstorbenen in Erinnerung. In seinem Kriegsquartier, den «Churchill War Rooms», treffen sich die Historiker zu einem Symposium, im Parlament gibt es eine Kranzniederlegung bei der Statue, deren Füsse abergläubige Abgeordnete vor einer schwierigen Rede bis heute streicheln, als könnte ihnen der Geist des Toten rhetorische Brillanz und scharfen Witz einhauchen. Fürs Fernsehen wird To­wer Bridge feierlich geöffnet – eine Geste der Trauer wie im Januar 1965, als die damals noch vorhandenen Ladekräne des Londoner Hafens der vorbeigleitenden Barkasse mit dem Leichnam die Ehre erwiesen und ihre Greifarme in die Themse senkten. Und wie damals wird auch heuer dem Toten eine Gedenkmünze gewidmet.

Die Leitartikler werden kopfschüttelnd konstatieren, dass die heutigen Politiker nicht mehr aus diesem Holz geschnitzt seien. Dem Vergleich kann sich kein nachgeborener Regierungschef entziehen – und nicht einmal die «Eiserne Lady» Margaret Thatcher (1979–1990), auch sie im Positiven wie im Negativen eine Ausnahmefigur. Ganz gewiss gilt dies für Boris Johnson, den Londoner Bürgermeister und Möchtegern-Premier, der ebenfalls im Herbst eine Churchill-Biografie mit dem Titel «The Churchill Factor» publizierte. Allzu offensichtlich forderte er damit einen Vergleich zwischen Autor und Gegenstand des Buches heraus. Der Cambridger Historiker Richard Evans entdeckte zahlreiche sachliche Fehler und kam zu einem wenig freundlichen Schluss: Es handle sich um das Werk «über einen, der Geschichte schrieb, verfasst jedoch von einem, der Geschichte offenbar erfindet».

Gut bezahlte Zeitungsartikel

So sehr der konservative Spassvogel Johnson die brutale Kritik für sein Buch verdient – heutige Politiker nur an Churchills Durchhaltewillen, eiserner Konstitution und rhetorischer Brillanz während des Zweiten Weltkriegs zu messen, wird niemandem gerecht. Zum Glück muss sich nicht jede Generation einer Ausnahmefigur wie Hitler stellen, dessen «patriotische Leistung» Churchill übrigens 1937 noch bewunderte. In dieser Zeit schrieb der Sohn einer Amerikanerin fürstlich bezahlte Artikel für Zeitungen auf beiden Seiten des Atlantiks, hielt in den USA wohldotierte Vorträge, schrieb eine vierbändige Biografie über seinen grossen Vorfahren John Churchill. Seine politische Karriere hingegen schien beendet, worauf Kielinger detailreich hinweist. Die Abdankungskrise von 1936, in der Churchill aus falsch verstandener Loyalität viel zu lang dem schwachen Eduard VIII. die Treue hielt, hätte ihn sogar beinahe das Mandat im Unterhaus gekostet.

Selbstverliebter Draufgänger

Immer wieder war der spätere Kriegslöwe Churchill gescheitert, an den Umständen natürlich, aber vor allem doch an sich selbst: an seiner Selbstverliebtheit, seinem Wankelmut, seiner Neigung zum Draufgängertum. Dass er die Konservativen 1904 zu Gunsten der Liberalen verliess und 20 Jahre später die Rückreise antrat, sieht nur im Nach­hinein nach Grösse aus. Kielinger findet dafür das brillante Wortspiel: «Das Schiff verliess die sinkenden Ratten.» Für die Zeitgenossen roch es nach prinzipienlosem Karrierismus. Dass er als Innenminister die Armee gegen streikende Arbeiter zu Hilfe holte, nehmen ihm die Bergarbeitergemeinden von Süd-Wales bis heute übel. Auf der Insel brachte er wichtige Sozialreformen in Gang, aber der Emanzipation der Völker im Empire stand er im Weg. Im Ersten Weltkrieg endete 1915 seine Amtszeit als Marineminister mit der verheerenden Niederlage gegen die Türken bei Gallipoli. Wenn das Scheitern des strategisch ehrgeizigen Abenteuers auch keineswegs allein auf Churchills Konto ging – die Idee stammte von ihm, und er büsste dafür. Gallipoli verfolgte Winston für den Rest seines Lebens, wie seine Witwe später sagte.

Malen gegen Depressionen

Freilich war auch die Reaktion des Gedemütigten typisch: Churchill meldete sich nicht nur an die Westfront, wo er tatsächlich einige Monate als Oberstleutnant diente. Zur Bekämpfung seiner Depression entdeckte der längst etablierte Bestseller-Autor auch das Malen und fand dadurch, so Kielingers poetische Formulierung, «Besänftigung der Unruhe auf dem Grund seiner Seele». Dass der Staatsmann und Gewinner des Literaturnobelpreises (1953) mittlerweile auch zu den anerkannten Malern des 20. Jahrhunderts zählt, verdeutlichte vergangenen Monat eine Auktion bei Sotheby’s: Dort wechselte der «Goldfischteich von Chartwell» für stolze 2,7 Millionen Franken den Besitzer.

Künstlerisch begabt, grosszügig, wankelmütig, heroisch – all dies war Winston Churchill, und schon zu Lebzeiten rankten sich um ihn die schönsten Legenden. Dazu gehört auch jene, der passionierte Zigarrenraucher und Champagner-Trinker habe «no sports» erwidert auf die Frage, wie man denn alt werde. Dabei war er als Jugendlicher Fechtmeister gewesen, Polo spielte er noch als 50-Jähriger, und zum regelmässigen Schwimmen liess sich der stolze Hausbesitzer in Chartwell (Grafschaft Kent) ein damals exotisches, beheizbares Schwimmbad bauen. Churchill als Vorläufer des heutigen Fitnesskults – auch 50 Jahre nach seinem Tod gibt es immer noch Neues zu berichten von dieser wahrhaft geschichtlichen Figur.

Hinweis

Thomas Kielinger: Winston Churchill, der späte Held. Verlag C. H. Beck, 24.95 Euro.

Boris Johnson: The Churchill Factor, Hodder & Stoughton, 25 Pfund.