BLUES: Guido Schmidt: «Ich habe immer den Blues»

Leidenschaft und eine positive Grundhaltung zeichnen ihn aus: Zum 20. und letzten Mal ist der Luzerner Sanitärunternehmer Guido Schmidt für das Lucerne Blues Festival verantwortlich.

Interview Pirmin Bossart
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Hand in Hand mit den Blues-Grössen: Guido Schmidt mit einem besonderen Erinnerungsstück, einer gleich doppelt signierten LP von Legende John Lee Hooker (1917–2001). (Bild Nadia Schärli)

Hand in Hand mit den Blues-Grössen: Guido Schmidt mit einem besonderen Erinnerungsstück, einer gleich doppelt signierten LP von Legende John Lee Hooker (1917–2001). (Bild Nadia Schärli)

Guido Schmidt, wann haben Sie am ehesten selber den Blues?

Guido Schmidt: (grinst) Entgegen eines landläufigen Vorurteils ist Blues ja keine traurige Musik, sondern mit Freude, Lust und Leidenschaft verbunden. Deshalb habe ich immer den Blues, wenn ich keinen Blues habe, respektive höre.

Wie viel Blues ertragen Sie denn so pro Tag?

Schmidt: Das hängt von der Situation ab. Im normalen Alltag höre ich immer Blues, wenn ich Auto fahre. Abends oder am Wochenende geniesse ich den Blues auch mal zu Hause auf der Anlage. Am Festival sind es rund 14 Stunden pro Tag.

Und das hängt Ihnen wirklich nie zu den Ohren raus?

Schmidt: Nein, ich vermute, ich kann gar nicht genug Blues hören. Nicht einmal nach einem Festival ist er mir verleidet.

Wie sind Sie eigentlich zum Blues gekommen?

Schmidt: Als Jugendlicher habe ich viel Rockmusik gehört. Bands wie Ten Years After, Fleetwood Mac, Led Zeppelin, Rolling Stones. Nur wusste ich damals nicht, dass ich eigentlich Blues hörte. Eines Tages habe ich auf einer Stones-Platte den Namen McKinley Morganfield gelesen und herausgefunden, dass das Muddy Waters war. So kam ich auf die Spur und habe, ausgehend vom elektrifizierten Blues der 1960/70er-Jahre, begonnen, den Blues in all seinen Facetten und faszinierenden geschichtlichen Entwicklungen bis zu seinen Ursprüngen zurückzuverfolgen.

Was hat diese Musik mit Ihrem Leben zu tun?

Schmidt: Blues bringt Ausgleich in mein Leben, gibt mir Freude und Zufriedenheit. Im gestressten Geschäftsalltag entspannt er mich. Es gibt nur eine bluesfreie Phase in meinen Leben: Wenn ich mit meiner Frau Iris auf Reisen bin. Da mich Blues zu fest an meinen sonstigen Alltag erinnern würde, höre ich dann lieber einheimische Musik.

Auch, weil Ihre Frau Ihre Liebe zum Blues nicht teilt?

Schmidt: Doch, doch, auch meine Frau liebt den Blues sehr, sie unterstützt mich tatkräftig und ist auch im OK.

Sie machen regelmässig Reisen in ferne Länder. Was finden Sie dort?

Schmidt: Mich interessieren die verschiedenen Kulturen, Menschen, Religionen. Wir reisen immer auf eigene Faust, und das seit über 30 Jahren. Wir haben den ganzen Himalaya bereist, Bhutan, Sikkim, Ladakh, Mustang, Nepal, Tibet und dort auch mehrere Trekkings gemacht. Wir besuchten China, Japan, Thailand, Burma, Laos, Malaysia oder Indonesien. Dreimal war ich im südlichen Afrika unterwegs. Mit dem Motorhome ging es durch Nordamerika bis hinauf nach Alaska. Wir waren in Mittelamerika und in Australien. Und in der Arktis.

Wie kommen Sie auf neue Reiseziele?

Schmidt: Wenn ich mal Fernsehen schaue, sind es meistens Dokumentarfilme über andere Länder oder gute Reiseberichte. Das inspiriert. Bei dieser Gelegenheit sah ich mal eine Reportage über einen alten Mann, der im Altaigebirge mit dem Adler Jagd macht. Die Abenteuerlust war geweckt. Auf der Reise in die Mongolei kamen wir dann tatsächlich in Kontakt mit einem solchen Jäger. Wir haben bei ihm in der Jurte übernachtet, auf fast 4000 Metern über Meer.

Sie führen ein Sanitärunternehmen. Was machen Sie genau?

Schmidt: Ich führe den Betrieb zusammen mit meinem Bruder Markus. Er ist für den kaufmännischen, ich bin für den technischen Bereich zuständig. Wir beschäftigen rund 70 Mitarbeiter. Die Firma plant und installiert alles, was mit Warmwasser, Kaltwasser und Abwasser zu tun hat, montiert Leitungen, baut Badezimmer, Duschen usw. und ist für den Service und Unterhalt während 24 Stunden an 365 Tagen zuständig.

Wahrscheinlich ist Ihr Badezimmer zu Hause immer auf dem modernsten Stand?

Schmidt: (lacht) Wir haben 1986 das Badezimmer in einer Qualität umgebaut, dass es bis heute intakt und schön geblieben ist.

Als Sanitärunternehmer sind Sie für ein führendes Musik-Festival verantwortlich. Das erstaunt. Sind Sie da in ihrer Branche nicht ein Exot?

Schmidt: Mir ist tatsächlich kein anderer Sanitärunternehmer bekannt, der auch ein Bluesfestival macht. Aber, wenn Sie das meinen: Natürlich kann und soll sich auch ein Unternehmer für Kultur engagieren. Für mich ist das selbstverständlich. Es ist auch schön, ehrenamtlich zu arbeiten und nicht immer nur kommerziell denken zu müssen. Es ist meine Leidenschaft, ein solches Festival zu machen und ein 35-köpfiges Organisationskomitee (OK) zusammenzuhalten und motivieren zu können.

Das ganze Festival basiert auf Ehrenamtlichkeit: Halten Sie nichts von der so genannten «Professionalisierung»?

Schmidt: Die Ehrenamtlichkeit ist einer der Gründe, warum es dieses Festival überhaupt noch gibt und warum es so erfolgreich ist. Wollten wir Geld verdienen damit, wäre alles auf einen Schlag anders. Ich könnte nicht mehr unabhängig programmieren, wir müssten jene Bands nehmen, die in Europa auf Tour sind, und der Fokus wäre mehr auf Stars ausgerichtet. Das Festival würde seinen familiären Charakter verlieren.

Was sind denn Ihre Kriterien beim Programmieren?

Schmidt: Die Blues-Tradition ist das Fundament. Solange es alte Legenden gibt, möchte ich sie am Festival haben. Gleichzeitig will ich möglichst viele Sparten des Blues zeigen, auch akustischen Blues. Dazu gehören immer Musikerinnen, weil Blues nicht nur eine Männerdomäne ist. Auch junge und unbekannte Musiker sind an jedem Festival vertreten. Mit dem härteren und lauten Blues sprechen wir ein jüngeres Publikum an. Jedes Jahr sind mehr Jüngere im Publikum, und sie erleben, dass man technisch hochstehende Musik ohne Netz und doppelten Boden live spielen kann.

Sie gehen auch mit dem Blues in die Schule.

Schmidt: Ja, vor jedem Festival nehmen schwarze Musiker in der Kantonsschule Reussbühl an Englisch- oder Geschichts-Lektionen teil. Sie erzählen ihre Geschichte und was der Blues ist. Am Nachmittag gibt es für die ganze Schule ein Konzert in der Aula. Die Blueskultur zu verbreiten, steht bei uns in den Statuten.

Spielen Sie selber ein Instrument?

Schmidt: Leider nicht, dafür habe ich zu wenig Talent. Ich probierte mal, Blues Harp zu spielen und wollte gleich so tönen wie Jimmy Reed oder Little Walter. Da merkte ich, was das für ein langer Weg wäre, und entschied mich, Blues lieber zu hören.

Könnten Sie sich rein theoretisch ein Leben als Musiker vorstellen?

Schmidt: Einerseits ja. Das ist eine höchst kreative Arbeit, mit der man die Menschen begeistern kann. Aber wenn ich sehe, wie viel die Musiker unterwegs sind und was das alles an Energie und Einsatz mit sich bringt, möchte ich mir das nicht antun.

Sie sind sehr gut vernetzt in der KMU-Szene: Wie gross ist eigentlich in den Handwerker- und Gewerbekreisen das Interesse an Kultur?

Schmidt: Ich kenne viele Unternehmer, die kulturelle Anlässe besuchen. Das geht von Musikfestivals verschiedener Sparten bis zu Kunst- oder Architektur-Veranstaltungen. Sie investieren auch Zeit und Geld, um kulturelle Anlässe grosszügig zu unterstützen. Ich erlebe sie nicht als kulturfeindlich.

Vor 20 Jahren begann das Lucerne Blues Festival mit einem Budget von 35 000 Franken. Mittlerweilen ist es eine Million Franken. Wie bringen Sie dieses Geld zusammen?

Schmidt: Das Sponsoring von Firmen und Unternehmen ist ein ganz wichtiger Teil. Da habe ich als Sanitärunternehmer sicher den Vorteil, dass ich viele andere Firmen kenne und sie für einen Beitrag motivieren kann. Ich wollte nie nur von einem oder zwei Hauptsponsoren abhängig sein, sondern habe immer versucht, ein möglichst breites Netz aufzubauen, in dem dann auch gewisse Fluktuationen möglich sind. Die Sponsoren stellen neben Geld auch Hotelzimmer oder Mittagessen für die Musiker zur Verfügung. Die Grafik- und Druckkosten für unsere Broschüren und Plakate werden uns nicht berechnet. Mit 110 000 Franken seit diesem Jahr – vorher waren es 95 000 – zahlt auch die Stadt Luzern einen schönen Beitrag. Ferner erhalten wir Gelder aus dem Lotteriefonds oder von Luzern Tourismus, bei dem unser Festival zu den Topevents gehört.

Hat es schon mal Momente gegeben, wo das Festival auf der Kippe stand?

Schmidt: Es gab zwei heisse Momente: Der erste fand unmittelbar vor dem 3. Festival 1997 statt. Alle Bands waren gebucht, als der Rollerpalast, der damals unser Festivalort war, den Betrieb einstellen musste. Ich hatte einen guten Draht zum damaligen Direktor des Casinos Luzern. Wir wurden mit offenen Armen empfangen. Seitdem ist das Casino unsere Heimat.

Und die zweite brenzlige Situation?

Schmidt: Die war im Herbst 2001, mit dem Nine-Eleven und dem Grounding der Swissair. Die Flüge mit Swissair waren alle gebucht. Dank einer zufälligen Connection konnten wir innert nützlicher Frist noch alle Plätze auf American Airlines umbuchen. Wir wussten auch lange nicht, ob die Musiker nach dem Nine-Eleven überhaupt noch fliegen wollten und das Festival zu Stande käme.

Was hat Sie so lange dabei gehalten, Jahr für Jahr ein solches Festival zu stemmen?

Schmidt: Das 35-köpfige OK und die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Wir sind nicht nur Kollegen, es sind Freundschaften entstanden. Das ist für mich die Essenz. Wir machen auch schöne Feste miteinander. Zum 20. Festival sind wir dieses Jahr alle nach Chicago ans Bluesfestival geflogen. Finanziert haben das zwei Geldgeber, die uns das ermöglichen wollten.

Sie fliegen jedes Jahr nach Chicago, besuchen die einschlägigen Blues- clubs oder das grosse Festival. Kennt man dort den Schmidt?

Schmidt: Viele Musiker kennen mich. Es wurde auch schon mal ein Konzert unterbrochen, als ich in den Club kam, um mich offiziell zu begrüssen. Es sind in all den Jahren gute Beziehungen entstanden. Auch sind mir einige Musiker sehr ans Herz gewachsen. Zum Beispiel der Sänger und Reverend Otis Clay. Er kommt uns bei jedem Besuch am Flughafen abholen, führt uns ins Hotel, holt uns dort ab, ist unser Begleiter. Der Höhepunkt ist jeweils, wenn wir am Sonntag in seine Kirche gehen. Wir sind dort immer die einzigen Weissen und werden jeweils herzlich empfangen.

Haben, abgesehen vom Blues und vom Reisen, noch andere Interessen in Ihrer Freizeit Platz?

Schmidt: Im Winter stehe ich fast jedes Wochenende auf den Ski. Im Sommer bin ich leidenschaftlicher Segler auf dem Vierwaldstättersee. Ich jogge regelmässig oder mache mal eine Biketour auf die Fräkmüntegg. Ich lese auch gerne. Fachliteratur, Bluesbücher, Biografien oder Krimis von Henning Mankell, Anne Holt, Jussi Adler-Olsen oder Simon Beckett.

Wie können Sie Ihren Einsatz für den Blues mit der Führung des Unternehmens zusammenbringen?

Schmidt: Andere gehen Golf spielen, das braucht auch Zeit. Ich habe ein anderes Hobby und setze die Zeit für den Blues ein. Aber wir sind gut organisiert, und mit all der Erfahrung ist das nicht mehr so ein belastender Aufwand. Da hat der administrative Chef Martin «Kari» Bründler deutlich mehr zu tun.

Martin «Kari» Bründler wird nächstes Jahr Ihr Nachfolger. Was ist das für ein Gefühl, das letzte Bluesfestival als Big Boss präsentieren zu dürfen?

Schmidt: Ich weiss, dass das Festival im gleichen Sinn und Geist weitergeführt wird. «Kari» ist seit 18 Jahren dabei und ein Garant dafür. Zudem bleibt das ganze OK an Bord, und ich selber werde die Organisation auch nicht verlassen, sondern bleibe im Verein. Ich trete einfach etwas kürzer. Insofern kann ich das 20-Jahr-Jubiläum in vollen Zügen geniessen.

Beginn zu dritt

Guido Schmidt (57) wurde in Luzern geboren. Nach einer Ausbildung zum Betriebswirtschafter SIU und dipl. Sanitärplaner übernahm er mit seinem Bruder Markus Schmidt das elterliche Sanitärunternehmen Schmidt AG. 1995 gründete Guido Schmidt mit Fritz Jakober und Jean-Pierre Bohraus das Lucerne Blues Festival (seit 2005 ist Schmidt Alleinverantwortlicher). Es fand zweimal im Rollerpalast statt und wird seit 1997 im Casino Luzern durchgeführt. 2007 ist das Lucerne Blues Festival in Memphis mit dem Keeping the Blues Alive Award ausgezeichnet worden. Als persönlichen Höhepunkt konnte Schmidt dieses Jahr für seine Verdienste den Swiss Blues Lifetime Achievement Award entgegennehmen. Guido Schmidt ist verheiratet und lebt in Luzern.