BLUMEN: Vorhang auf für die Rosen

Die lebenslange Leidenschaft von Kasimir Magyar (78) sind die Rosen. Er hegt und pflegt 200 Arten im eigenen Garten, hat ein dickes Buch über sie geschrieben und verschenkt sie liebend gern – nicht nur am Valentinstag.

Interview Annette Wirthlin
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«Was schenkt man einer Frau, die schon fast alles hat?» Kasimir Magyar (hier in seinem Wohnzimmer) ist nicht um eine Antwort verlegen. (Bilder Stefan Kaiser)

«Was schenkt man einer Frau, die schon fast alles hat?» Kasimir Magyar (hier in seinem Wohnzimmer) ist nicht um eine Antwort verlegen. (Bilder Stefan Kaiser)


«Was schenkt man einer Frau, die schon fast alles hat?» Kasimir Magyar (hier in seinem Wohnzimmer) ist nicht um eine Antwort verlegen. (Bilder Stefan Kaiser)

«Was schenkt man einer Frau, die schon fast alles hat?» Kasimir Magyar (hier in seinem Wohnzimmer) ist nicht um eine Antwort verlegen. (Bilder Stefan Kaiser)



Was schenken Sie Ihrer Frau zum Valentinstag?

Kasimir Magyar: In ihren Lieblingszimmern werden je 15 Rosen in drei Farben auf sie warten, weil wir seit 15 Jahren verheiratet sind. Die weissen stehen für Liebe und Treue, auch über den Tod hinaus, die roten für Verehrung und Begehren, und die orangefarbenen vermitteln die Botschaft: «Deinetwegen steh ich in Flammen.»

Ich bin beeindruckt. Vor einigen Jahren haben Sie sich ja auch schon eine besondere Liebeserklärung für sie ausgedacht ...

Magyar: Ja. Ich fragte mich: Was schenkt man einer Frau, die schon fast alles hat? Ich erwarb bei einem englischen Rosenzüchter eine creme- und champagnerfarbene Duftrose und liess sie als duftende Hommage an meine japanische Gattin Keiko unter dem Namen «Keiko Magyar» beim Europäischen Patentamt eintragen. Der Arbeitstitel der Züchtung lautete «Champagne Brut», was Keikos Lieblingsgetränk ist. Einer der besten Duftforscher der Welt spazierte später durch unseren Rosengarten und fragte: «Soll ich Ihnen daraus ein Parfum machen?» Und so hat die gnädige Frau heute nicht nur eine Rose, sondern auch ein Parfum. Es heisst «KuK», für «Kasimir und Keiko». Ich kann Ihnen nachher etwas davon ans Handgelenk sprühen.

Würden Sie sich als klassischen Rosenkavalier bezeichnen?

Magyar: Ich nicht. Aber ich wurde schon oft so bezeichnet, weil ich Unmengen von Rosen verschenke. Es macht mir aber nicht besonders Eindruck.

Schreiben Sie denn beispielsweise auch romantische Gedichte?

Magyar: Nein, ich bin ein Kunstbanause und habe lieber Rosen als Gedichte über sie. Ich bin froh, dass mein Deutsch gut genug ist, dass ich schon 27-mal Snob spielen konnte. Ein Snob ist einer, der ein Buch schreibt, um endlich ein gutes Buch lesen können. (lacht) Aber ein Romantiker, ja, das bin ich.

Goethe schrieb einst: «Ich liebe die Rose als das Vollkommenste, was unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann.» Hatte er Recht?

Magyar: Er hat Recht, aber die Rose als Kind der deutschen Natur darzustellen, ist reichlich übertrieben. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommen die Rosen aus dem alten China. Aber Herr Goethe und Rosen, das passt zusammen – nicht nur, weil er Wunderschönes über sie dichtete, nein, er hat scheinbar auch Bordelle beschrieben, die damals eine Rose als Logo hatten und als «Rosenhäuser» bezeichnet wurden.

In Ihrem Buch über die Rose steht: «Man kommt der Rose, der Königin der Blumen, nur in der Haltung eines Dieners wirklich nahe.» Was heisst das?

Magyar: Was der Journalist Josef Osterwalder in der Einleitung schrieb, habe ich sehr gerne gehört. Denn ich tue wirklich viel für die Rosen. Ich versuche, sie zu beschreiben und einer breiten Schicht interessantes Rosen-Wissen zu vermitteln. Und ich verpulvere auch viel Geld, um schöne Rosen zu haben.

Die Leidenschaft für die Rosen haben Sie von Ihrem Vater. Erzählen Sie uns, wie es dazu kam?

Magyar: Als mein Vater Ende der 1930er-Jahre als Oberstaatsanwalt nach Budapest berufen wurde, hatten wir dort einen grossen Garten mit vielen Rosen. Als ich vier Jahre alt war, begann er, mich in die Welt der Blumen und Rosen einzuführen. Immer wieder, oft täglich. Bis er 1951 an den Kriegsfolgen verstarb, habe ich sehr viel von seiner Leidenschaft mitbekommen.

Heute findet man in Ihrem Garten mehr als 2000 Rosenstöcke und 200 Rosenarten.

Magyar: Ja. Die Hälfte davon sind Duftrosen. Ich bin ein Riesenfan von ihnen. Übrigens blühen alle 13 Ahnen bis zu den Ururgrosseltern der Rose «Keiko Magyar» in unserem Rosarium. Wussten Sie, dass bei den Rosen wie bei den Menschen manche genetischen Merkmale eine oder mehrere Generationen überspringen?

Nein. Halten Sie den Garten immer noch selber in Schwung?

Magyar: Mein Gärtner kommt zweimal zwei Tage pro Monat, aber alles andere mache ich selber, soweit ich mich nach über zwölf Knieoperationen noch zu bücken vermag. Im Stöckli – wir ziehen bald in unsere Altersresidenz – liess ich die Rosenbeete auf 70 Zentimeter erhöhen, damit ich weiterhin selber an den Rosen herumschnipseln kann.

Der heutige Garten ist so gross und schön angelegt, dass man sich in einem Lustgarten des 18. oder 19. Jahrhunderts wähnt. Man könnte hier glatt einen Kostümfilm drehen ...

Magyar: Sie werden staunen, der Gartenteil vor dem Schwimmbad heisst tatsächlich Versailles-Garten. Kostümpartys gibt es bei uns nicht, aber während der Rosenblütezeit veranstalten wir oft Rosen-Lunches und Rosen-Dinners, das gibt schon einiges an Betrieb. Natürlich kommt auch die Familie immer gerne hierher; gemeinsam mit meiner zweiten Frau bringen wir sechs Kinder und zwölf Enkel auf die Waage.

Verbringen Sie Ihre ganze Freizeit mit den Rosen?

Magyar: Nein, ich habe noch andere Hobbys. Ich mag Leichtathletik und Tennis, und ich werde im Sommer am Eröffnungsspiel der Fussballweltmeisterschaft in Rio de Janeiro dabei sein. Und ich liebe Bücher. Früher hatte ich in meiner Bibliothek 4000 Titel.

1956 flüchteten Sie als 21-Jähriger aus Ungarn. Erzählen Sie uns davon?

Magyar: Die Flucht begann am 19. November, zwei Wochen nach der Niederschlagung der Revolution. Gemeinsam mit sechs Freunden. Zuerst reisten wir per Zug, dann gingen wir die letzten 80 km in vier Tagen zu Fuss, alles bei minus 22 Grad. Wenige Meter vor der österreichischen Grenze schlug ich mir bei einem Sturz, als ich mich vor den Lichtkegeln der Grenzwachen ducken wollte, acht Zähne aus dem Mund, und in einem Strassengraben liegend musste ich zusehen, wie mein Bruder von sowjetischen und ungarischen Soldaten verhaftet wurde. Erst zehn Wochen später erfuhr ich, dass er einem Deportationszug entkommen war und wohlauf in England lebte. Das war schon abenteuerlich.

Wie kamen Sie schliesslich in die Schweiz?

Magyar: Das Glück verfrachtete mich in einen Flüchtlingszug in die Schweiz. Wir waren zuerst auch vor dem amerikanischen Konsulat angestanden, aber dort waren die Menschen so unfreundlich. Angekommen in St. Gallen, empfing man uns Flüchtlinge mit offenen Armen. Ich bekam ein Stipendium, um an der Universität St. Gallen Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Mit Hilfe meiner Gastfamilie, ich wohnte beim Präsidenten der St. Gallischen Metzger, büffelte ich in der ersten Zeit nächtelang Deutsch, um meine Prüfungen zu bestehen.

Wenn man Ihren Lebenslauf liest, fragt man sich: Wie passt so vieles in ein einziges Menschenleben hinein?

Magyar: Mir wurde zu drei verschiedenen Zeitpunkten ein Horoskop ausgestellt, und alle waren sich einig, dass ich in meinem Leben viel Glück haben werde. Und so war es auch. Ich habe auch öfter über meine Verhältnisse gelebt, aber es ist immer gut ausgegangen. Meine Frau sagt immer, ich sei ein «vitaler Elefant».

Sie steuern bereits auf die 80 zu und treten noch heute Abend einen Elf-Stunden-Flug nach Bangkok an. Ist Ruhestand ein Fremdwort für Sie?

Magyar: Na gut, ich beziehe seit zwölf Jahren AHV. Seither spielte ich aber nicht nur Ehemann – meine Frau hat mich zu ihrem Generalsekretär ernannt. Ich musste auch noch meinen Hobbys frönen. Keiko sagte mir in den letzten Jahren öfter und durchaus im Ernst: «Wenn ich gewusst hätte, dass ein Professor so viel liest und schreibt, hätte ich wahrscheinlich keinen Professor geheiratet.»

Was bedeutet Ihnen das Kürzel Prof. Dr. Dr. h. c. vor Ihrem Namen?

Magyar: Wenn man so viele Titel hat wie ich, übrigens auch gesellschaftliche, die ich in der demokratischen Schweiz aber nicht an die grosse Glocke hänge, verlieren die Titel ihre Bedeutung. Da bedeutet mir die im Freundeskreis geborene Bezeichnung «der Rosenflüsterer», die ja zum Titel meines Rosenbuchs wurde, in der Tat mehr.

Unter anderem waren Sie Generaldirektor bei Mövenpick. Haben Sie da mal eine Rosenglace initiiert?

Magyar: Ich habe mitgeholfen, die Mövenpick-Glace in 26 Ländern auf vier Kontinenten einzuführen. Der Gründer Ueli Prager war es, der so ungewohnte Geschmacksrichtungen wie Tomaten- oder Sellerie-Glace erfand. Eine Rosenglace hat es aber nie gegeben.

Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie eine halbe Stunde ohne Unterbruch über die Schönheit einer einzelnen Rose philosophieren können?

Magyar: Nein! Zwei Stunden! Soll ich es Ihnen vormachen? Geben Sie mir mal eine von den Rosen dort in der Vase ...

So viel Zeit haben wir leider nicht. Aber reden wir noch vom Duft der Rosen. Ein Kollege von mir hat Ziegen zu Hause, die mit Genuss seine Rosenbeete abfressen. Haben Sie dafür Verständnis?

Magyar: Und wie! Ich habe von meinem Vater gelernt, was ich Ihnen jetzt vorführen werde. (Nimmt die ihm gereichte Rose, zupft ein Blütenblatt ab und steckt es sich in den Mund, kaut.) Die ist voller Spritzmittel, das war keine gute Idee. Früher war das noch anders. Ich hoffe jetzt mal für die Ziegen, Ihr Kollege spritzt seine Rosen nicht. Aber schauen Sie mal! Wussten Sie, dass eine Rose zwischen fünf und hundert Petalen, also Blütenblätter, hat? Sie können bis zu vierfarbig sein. Wie sich aus einer kleinen Knospe innert Tagen eine wunderschöne Blüte, eine Rosette oder ein Kelch entwickeln kann und wie sich dabei ihr Duft und ihre Farbe verändert, das fasziniert mich.

Was wäre schlimmer, nie mehr eine Rose sehen oder nie mehr eine Rose riechen?

Magyar: Ein kluger Mann – nicht Goethe, aber so ähnlich – hat gesagt: «Die Düfte sind die Seelen der Rosen.» Das ist wie beim Menschen. Die Seele können Sie nicht einfach wegnehmen und sich für das Aussehen entscheiden. Form und Duft gehören zusammen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: «Rosendüfte appellieren direkt an unsere Gefühle.» Wieso ist das so?

Magyar: Weil die Nase das einzige Sinnesorgan ist, das einen direkten Zugang zum limbischen System hat. Das ist der Sitz unserer Emotionen im Gehirn.

Riecht ein Rose für alle Menschen gleich?

Magyar: Nein. Bis zu 25 Prozent der Menschen sind teilweise duftblind. Sie können einzelne Komponenten des Rosendufts nicht wahrnehmen. Also empfinden sie ihn ganz anders als die, die alle Komponenten riechen können. Man sagt ja: «Über Geschmäcker, Frauen, Farben und Düfte kann man nicht diskutieren.» Auf Französisch tönt das noch besser.

Wie die meisten schönen Dinge haben auch Rosen eine Schattenseite, nämlich die Dornen. Wie stehen Sie zu diesen?

Magyar: Ich habe den Spruch von der Urenkelin des ungarischen Generals Bem als Motto meines Buchs übernommen: «Wer die Schönheit und die Düfte der Rosen geniessen will, muss in Kauf nehmen, von den Dornen gestochen zu werden.» Das gefällt mir, obschon «Dornen» aus Sicht der Botaniker – blödsinnigerweise – ein falscher Begriff ist. Botanisch spricht man von «Stacheln». Dornen sind wunderbare Verteidigungsmittel der Rosen; eine Rose ohne Dornen wäre etwas Komisches und kaum Vorstellbares.

«Ich habe auch öfter über meine Verhältnisse gelebt, aber es ist immer gut ausgegangen.» (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

«Ich habe auch öfter über meine Verhältnisse gelebt, aber es ist immer gut ausgegangen.» (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)