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BÜHNE: «Ich habe gerne schöne Sachen»

In seinem 80. Lebensjahr bringt er mit seinem 28-jährigen Enkel Hip-Hop auf die Bühne. Clown Dimitri über seinen Sinn für Ästhetik, Harmonie in der Familie und humorlose Menschen.
Interview Annette Wirthlin
«Tja, was sagt man nicht alles im Vollsuff!», meint Dimitri schelmisch. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

«Tja, was sagt man nicht alles im Vollsuff!», meint Dimitri schelmisch. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Interview Annette Wirthlin

Dimitri, ich habe den Verdacht, dass Sie ein Mensch sind, der den Humor nicht in der Garderobe zurücklässt, wenn er abends das Theater verlässt.

Dimitri: Da liegen Sie richtig. Ich glaube, meine Frau und meine Freunde können bestätigen, dass ich eigentlich immer ein bisschen «s’Chalb» mache.

Sie haben ein sehr ansteckendes, breites Lachen. Haben Sie es schon erlebt, dass das Gegenüber in einem Gespräch partout nicht zum Lächeln ­gebracht werden konnte?

Dimitri: Das kommt schon vor, aber das ist meist sehr betrüblich. Hierzulande ist das Lachen ja meist schon vorprogrammiert, weil mich die Leute kennen. Aber der grösste Erfolg für mich ist es, wenn ich es auch an einem wildfremden Ort schaffe, die Leute zum Lachen zu bringen.

Gibt es Menschen, die für Humor grundsätzlich nicht empfänglich sind?

Dimitri: Das gibt es schon. Zum Glück aber nicht so viele. Ich habe das Gefühl, dass solche Menschen selber auch gar nicht glücklich sind damit, weil sie merken, dass ihnen etwas abgeht. Was es etwas häufiger gibt, sind Menschen, die Humor zwar verstehen und schätzen, ihn aber nicht selber produzieren können. Für unsereins ist dies wiederum ein Segen.

Sie haben bereits als kleines Kind gemerkt, dass Sie andere leicht zum Lachen bringen und glücklich machen konnten. Ist das nicht manchmal auch eine Belastung?

Dimitri: Gute Frage. Als Kind hat mir das sicherlich keinen Druck verursacht. Als Erwachsener kenne ich schon so etwas wie einen Erfolgszwang. Vor allem auf der Bühne. Die Leute erwarten ja immer mehr von einem, je bekannter man wird. Aber ich habe diesen Druck nicht ungern, denn er ist auch eine Art Verpflichtung, dass man seiner Aufgabe treu bleibt.

Als Erstklässler sahen Sie im Zirkus Knie einen Clown und wussten sofort: «Das will ich auch werden.» Sie haben dann aber noch ganz brav eine Lehre als Töpfer absolviert ...

Dimitri: Meine Eltern waren zwar Künstler und sehr aufgeschlossen, aber man muss sich das mal vorstellen: ein Kind, das Clown werden will? Wie macht man das? An der Zirkusschule von Moskau wurden immer gute Clowns ausgebildet, aber es war damals unmöglich, dort reinzukommen. Da fanden meine Eltern halt, wieso nicht eine schöne Berufslehre machen? Das Kunsthandwerk hat mir ja auch immer gut gefallen. Ich konnte daneben trotzdem noch Klarinetten-, Ballett-, Akrobatik- und Schauspielunterricht nehmen.

Das Künstler-Gen scheinen Sie weitergegeben zu haben. Drei Ihrer Kinder schlugen ebenfalls eine artistische Laufbahn ein. Was ist mit den an­deren?

Dimitri: Wir haben fünf Kinder, wobei ich nur von vier der leibliche Vater bin. Der älteste Sohn ist aus der ersten Ehe meiner Frau – er wurde Designer. Der zweit­älteste arbeitet als IT-Engineer und Koordinator beim Roten Kreuz. Alle anderen wurden wie ich Künstler, was mich natürlich freut, aber ich finde auch, jeder darf und soll seinen eigenen beruflichen Weg suchen und gehen.

In Ihrem neusten Programm, das bald Premiere feiert, stehen drei Generationen der Familie Dimitri zusammen auf der Bühne. Was bedeutet das für Sie?

Dimitri: Das ist ein ganz grosses Erlebnis und eine grosse Freude. Wir machten schon einmal eine Familienshow mit drei von meinen Kindern vor einigen Jahren. In der aktuellen Show ist jetzt noch mein Enkel Samuel dabei. Das bringt ein junges, neues Element in unsere mehr poetische Welt, denn er ist auch ein guter Breakdancer. Ich muss noch sagen: Wenn wir gemeinsam auf der Bühne stehen, bin ich nicht mehr Papa oder Nonno, sondern wir sind einfach Kollegen. Und kritisieren uns gegenseitig wie Profis.

Es ist beneidenswert, wenn eine Familie so gut untereinander auskommt und sogar zusammen arbeiten kann. Sind Sie tatsächlich so ein Herz und eine Seele?

Dimitri: Ja, das sind wir tatsächlich. Als das Fernsehen einmal einen Film über unsere Familie drehte, wollten die Macher noch ein bisschen Kontroversen und Spannungen reinbringen, aber wir mussten sagen: «Das gibt es bei uns in Gottes Namen einfach nicht – auch wenn das langweilig ist für die Zuschauer.»

Ist und bleibt der Nonno der Chef der familiären Truppe?

Dimitri: Der absolute Diktator! Nein, im Ernst: Ich habe jetzt so eine lange Karriere hinter mir, da muss ich mich gar nicht gross als Chef aufspielen. Wenn beim Entwickeln des Programms viele verschiedene gute Ideen im Raum stehen, ist es oft automatisch so, dass es heisst: «Nonno» beziehungsweise «Papa, was meinst denn du?»

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihre Kinder eine etwas modernere Auffassung davon haben, wie eine Bühnenshow zu gestalten ist? Finden Sie all die technischen Innovationen nicht furchtbar?

Dimitri: Da muss man einander halt ein bisschen entgegenkommen. Eigentlich verwenden wir prinzipiell nur Livemusik. Ich habe mein Leben lang nie Lautsprecher benutzt. Jetzt haben wir eine Hip-Hop-Nummer eingebaut, in der ich sogar selber mittanze. Dafür machen wir jetzt einen Kompromiss und verwenden Musik ab Konserve. Die Hip-Hopper haben übrigens einige Elemente bei den Pantomimen abgeschaut. Der leider viel zu früh verstorbene Michael Jackson hat seinen «Moonwalk», das Gehen an Ort, bei dem berühmten französischen Pantomimen Marcel Marceau gelernt, der ja auch mein Meister war.

Können Sie es gut mit den heutigen «Jungen»?

Dimitri: Es dünkt mich schon. Wir haben ja seit 40 Jahren eine Theaterschule in Verscio. Das sind alles junge, wunderbare Menschen. Ich habe sehr guten Kontakt mit denen, denn bin kein unansprechbarer Star. Ich habe höchstens Mühe mit denjenigen Jungen, die nur herumlungern oder halb kriminell werden. Aber mit solchen hatte ich kaum je Kontakt. Aber die wenigen Male, wo ich es hatte, habe ich via Humor auch da einen Kontakt aufbauen können. Humor ist bei den allermeisten Menschen ein Türöffner.

Dimitri entschuldigt sich kurz, steht auf und sagt, er müsse sich nun ein Dessert bestellen gehen. Fünf Minuten später kommt er freudestrahlend zurück – mit einem leckeren Brownie auf dem Teller.

Sie scheinen Süsses sehr zu mögen.

Dimitri: Ich habe mit anderen Clown-Kollegen festgestellt, dass wir alle sehr viel und gerne Dessert essen. Das muss damit zu tun haben, dass Clowns im Herzen Kinder geblieben sind.

Wie oft essen Sie Süsses?

Dimitri: Nun, ich habe mir jetzt vorgenommen, dass es am Abend nichts Süsses mehr gibt. Ich muss ein bisschen auf meine Linie achten. (lacht) Aber tagsüber geht es nicht ohne.

Sie leben mit Ihrer Frau zuhinterst im Centovalli, ganz abgeschieden, in einem alten Tessiner Bauernhaus. Hätte sich einer mit Ihrem Erfolg nicht etwas «Feudaleres» leisten können?

Dimitri: Als wir damals als noch kleine Familie ein Haus suchten, suchten wir lange. Bis mir ein alter Kollege begeg­nete, der unterdessen für eine Immobilienfirma tätig war. Er zeigte mir diverse Villen am Lago Maggiore. Aber das war mir zu versnobt. Als ich schon Ciao gesagt hatte, rief er mir nach: «Da wäre noch was, ganz hinten im Centovalli, aber das ist sicher nichts für dich.» Am Tag danach schauten wir es uns an, es war an einem nebligen Novembertag, und es war Liebe auf den ersten Blick. Und dazu noch total billig damals.

Das Haus ist voller Erinnerungsstücke aus aller Welt. Sie haben über 1000 Elefanten gesammelt und alles, was es gibt zum Thema Clown. Verliert man da nicht irgendwann den Überblick?

Dimitri: Ich sammle auch noch Masken, Marionetten und Instrumente. Ich weiss ziemlich genau von jedem Objekt, wer es mir geschenkt hat oder auf welchem Flohmarkt ich es gekauft habe. Jedes Stück hat eine Geschichte.

Haben Sie Messie-Tendenzen?

Dimitri: Oh nein, ich bin sehr ordentlich. Ich liess mir sagen, dass das typisch sei für im Sternzeichen der Jungfrau Geborene. Ich schaue mir die Sachen gerne immer wieder an, staube sie ab und hänge sie wieder etwas anders hin. Ich bin ein Ästhet. Ich habe gerne schöne Sachen. Darin sind sich meine Frau und ich sehr einig. Es ist bei uns sehr künstlerisch und fantasievoll, gar nicht bürgerlich, aber doch ordentlich und ästhetisch.

Sie haben in Verscio ein Theater, eine Theaterkompanie, eine Theaterschule, eine Stiftung, ein Museum und einen Park eröffnet, und Sie haben erst noch das Ehrenbürgerrecht erhalten. Wäre es nicht Zeit, dass das ganze Dorf in Dimitri umbenannt würde?

Dimitri: Da müssen Sie mit dem Sindaco, also dem Gemeindepräsidenten von ­Verscio, reden. Das liegt nicht in meiner Hand. Was es aber bereits gibt, ist eine Dimitri-Strasse. (lacht)

Im Tessin sind Sie sehr verwurzelt, auch wenn Sie auf den Bühnen der halben Welt gestanden sind. Gibt es ein Land, in dem Sie niemals leben könnten?

Dimitri: In Afrika bin ich zwar nie aufgetreten, aber ich war einige Mal dort. Hatte immer das ungute Gefühl, so gerne ich das Land und seine Leute habe, dass wir Weissen in den Augen der Afrikaner etwas Besseres sind. Das würde ich auf Dauer nur schwer aushalten.

Ihre Wege haben sich mit denen unzähliger Berühmtheiten gekreuzt: Marcel Marceau, Max Frisch, Günter Grass, Peter Ustinov, Friedrich Dürrenmatt, Jean Tinguely, Charlie Chaplin, Hans Arp, Eugène Ionesco. Mit ei­nigen waren Sie eng befreundet. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Dimitri: Viel eher mit Ehrfurcht. Ich habe sehr grosse Ehrfurcht vor grossen Künstlern. Denn es gibt kaum grosse Künstler, die nicht auch im übertragenen Sinn grosse Menschen sind. Es hat früher vielleicht schon Momente gegeben, wo ich mich gerne neben diesen Leuten hätte fotografieren lassen. Aber ich hätte nie zu fragen getraut. Heute ist das ja gang und gäbe. Heute werde ich ständig von Leuten gefragt, ob sie ein Selfie mit mir machen dürfen. (schmunzelt)

Im September werden sie 80. Bereitet Ihnen das Bauchschmerzen?

Dimitri: Man weiss ja, wie alt ich bin. Aber ich bin so in Form, dass ich das gar nicht merke. Was mir etwas Angst macht, sind die ganzen Feierlichkeiten mit Gala und Fernsehen und allem Drum und Dran. Aber ich mache gute Miene zum bösen Spiel. (lacht)

Sie bestreiten noch immer weit über 100 Auftritte pro Jahr, wie schaffen Sie das? Machen Sie immer noch täglich den Kopfstand, um fit zu bleiben?

Dimitri: Kopfstand, ich bitte Sie! Ich mache mehrere Handstände pro Tag, so­genannte Ellenbogenhandstände. Dazu Übungen für die Fitness und die Beweglichkeit – und Jonglieren.

Vor vier Jahren hatten Sie einen schweren Sturz auf der Bühne und brachen sich zwei Wirbel. Nach dem Unfall sei es Ihnen jedoch besser gegangen als davor, sagten Sie einmal in der Sendung «Aeschbacher».

Dimitri: Das ist tatsächlich so, bis heute! Man wollte damals schon fast operieren. Dann sagte mir ein Arzt vom Paraplegiker-Zentrum Nottwil, dass man das auch mit einem sogenannten Dreipunktekorsett lösen könne. Das Ding zwang mich vier Monate lang in eine derart schöne ge­rade Haltung, dass ich mich seither tatsächlich besser fühle als vor dem Unfall.

Sie haben einmal gesagt, am liebsten würden Sie dereinst mitten in einer Aufführung einfach sterben.

Dimitri: Tja, was sagt man nicht alles im Vollsuff!

Wie bitte?

Dimitri: Nein, keine Sorge, ich trinke ja überhaupt nichts. Ich muss die Aussage mit dem Sterben auf der Bühne etwas relativieren. Ich meinte damit wohl, dass ich gerne sterben würde, solange ich noch im Beruf stehe und auftreten kann. Lieber so, als Monate lang leidend und krank im Bett zu liegen. Wenn ich es mir jetzt aber so recht überlege, so mitten auf der Bühne ... Für mich wärs ja schon in Ordnung, aber das arme Publikum!

Er hat den Clown im Blut

Zur Person wia. Dimitri (Jahrgang 1935, sein Künstlername ist zugleich Vorname und offizieller Nachname) entschied bereits als Siebenjähriger, Clown zu werden. Er wuchs im Tessin auf, spricht aber auch perfekt Schweizerdeutsch. Er absolvierte eine Töpferlehre und nahm Schauspiel-, Musik-, Ballett- und Akrobatikunterricht. In Paris wurde er Mitglied der Truppe von Marcel Marceau, später arbeitete er als dummer August mit dem berühmten Weissclown Maïss im Cirque Medrano. Er war mehrere Saisons mit dem Circus Knie unterwegs, und eigene Tourneen führten ihn durch ganz Europa, Nord- und Südamerika, China, Japan und Australien. Mit seiner Frau Gunda, seiner Jugendliebe, ist er seit über 50 Jahren verheiratet. 1971 gründeten sie ein eigenes Theater, später dann eine Schule und eine Theaterkompanie. Die beiden leben in Borgnone TI. Gemeinsam haben sie fünf Kinder und neun Enkel. Das Programm «DimiTRIgenerations», dass am 28. Februar im KKL Luzern Premiere feiert, bestreitet Dimitri gemeinsam mit seinen zwei Töchtern und dem Enkel. 2013 wurde er mit dem «Swiss Award» für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Tickets unter: www.famigliadimitri.ch

«Wir sind tatsächlich ein Herz und eine Seele»: Dimitri (rechts) freut sich, demnächst gemeinsam mit seinen Töchtern Masha (links) und Nina sowie Enkel Samuel auf der Bühne zu stehen. An der Pauke: Silvana Gargiulo, eine Freundin der Familie. (Bild: Jean-Daniel von Lerber)

«Wir sind tatsächlich ein Herz und eine Seele»: Dimitri (rechts) freut sich, demnächst gemeinsam mit seinen Töchtern Masha (links) und Nina sowie Enkel Samuel auf der Bühne zu stehen. An der Pauke: Silvana Gargiulo, eine Freundin der Familie. (Bild: Jean-Daniel von Lerber)

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