BÜHNE: «Ich kann das Zeug nicht»

Lorenz Keiser kann nicht Schwyzerörgeli spielen und tut es in seiner neusten Show dennoch. Hier sagt der Kabarettist, was ihn am musikalischen Dilettantismus reizt und weshalb man nicht alle Träume verwirklichen sollte.

Interview Annette Wirthlin
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Lorenz Keiser: «Für das Schwyzerörgeli habe ich mir einfach notiert, welche Knöpfe ich drücken muss, die Logik dahinter habe ich überhaupt nicht begriffen.» (Bilder Pius Amrein)

Lorenz Keiser: «Für das Schwyzerörgeli habe ich mir einfach notiert, welche Knöpfe ich drücken muss, die Logik dahinter habe ich überhaupt nicht begriffen.» (Bilder Pius Amrein)

Lorenz, Keiser, zufällig habe ich Sie fast auf den Tag genau vor zehn Jahren schon einmal interviewt. Gibt es in Ihrem Berufsleben auch solche Momente, wo Sie denken: «Upps, da war ich doch schon einmal»?

Lorenz Keiser: Klar. Wenn ich auf Tournee bin und für ein Einzelgastspiel in irgendeinen Schweizer Provinzort fahren muss, erinnere ich mich zwar nicht daran, jemals dort gewesen zu sein. Wenn ich dann aber das Ortsschild sehe, kann ich wie ein Maulesel den Weg abfahren, ohne die Karte zu konsultieren, und lande genau am richtigen Ort. Ich frage mich dann immer, wo in meinem Gehirn diese Informationen wohl abgelegt waren.

Wie fühlt sich so ein Déjà-vu an?

Keiser: Irgendwie komisch. Man merkt dann, wie die Zeit vergeht und dass man doch immer wieder auf die alten Pfade zurückkommt.

Ich war damals Praktikantin und im Vorfeld schrecklich unsicher, was man denn einen grossen Kabarettisten so fragen soll. Jetzt hält sich die Aufregung ehrlich gesagt in Grenzen.

Keiser: Das geht mir auch so. Ich bin mit den Jahren um ein Vielfaches lockerer geworden. Meine allererste Vorstellung, 1989 im Theater Casino Zug, war für mich selber absolut grauenhaft und entsetzlich. Ich fiel damals auf der Bühne aus dem Text und dachte: Jetzt ist alles zu Ende. Heute weiss ich: So etwas passiert einfach, wenn auch nur selten, aber das Publikum findet es entweder lustig – oder merkt es gar nicht.

Also in meinen Augen treten Sie heute wie damals sehr souverän auf – mir ist noch nie ein Versprecher aufgefallen. Der einzige auffallende Unterschied gegenüber vor zehn Jahren: Ihr Lockenkopf hat obenrum etwas an Volumen verloren.

Keiser: (lacht) Na ja, man wird halt älter. Und man kann es je länger, desto schlechter ignorieren.

Belastet Sie Ihr Alter? Die aktuelle Bühnenshow enthält ein urwitziges Zwiegespräch zwischen Ihnen und Ihrem Körper, in dem Sie sich beklagen, das Sie so vieles für den Körper tun, während er Ihnen nichts als Gebresten und ausfallende Haare zurückgibt.

Keiser: Nein, es ist kein grosses Thema für mich. Aber im Gegensatz zu früher, als man ja noch unsterblich war, merkt man es halt: Der eine von uns beiden geht langsam kaputt, und der andere sagt: «Hallo? Wieso?» (lacht)

Wie kommen Sie eigentlich immer auf diese witzigen Ideen? Die meisten von uns würden doch niemals auf die Idee kommen, dass im Kleingedruckten einer Glühbirnen-Verpackung eine ganze Kabarettnummer steckt ...

Keiser: Wie genau mir die Ideen kommen, will ich, ehrlich gesagt, gar nicht wissen. Ich habe Angst, dass der Mechanismus vielleicht nicht mehr funktioniert, wenn ich ihn durchschaue. Ich weiss aber, was es für Voraussetzungen braucht: Nämlich unter anderem, dass ich eben hingehe und auf allen möglichen Packungen das Kleingedruckte lese. Also irgendetwas zwischen Neugierde und Neurose. Denn viele komische Ideen stecken im Detail. Und was ich auch weiss: Auf eine gute Idee kommen mindestens zehn schlechte. Gerade jetzt gehts mir so mit der Suche nach aktuellen Pointen zum Abstimmungswochenende, die ich in die Show einbauen könnte ...

Ach ja, die Masseneinwanderungsinitiative. Für Sie natürlich gefundenes Fressen.

Keiser: Genau. Das ist wie beim Arzt, der sich freut, wenn der Patient krank ist. Andererseits ärgert es mich persönlich natürlich masslos.

Die 50,3 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die zu der SVP-Initiative Ja gesagt haben, machen wahrscheinlich auch zur Hälfte Ihr Publikum aus.

Keiser: Klar. Aber darauf nehme ich keine Rücksicht. Ich stelle sowieso fest, dass das Publikum nicht dann am wenigsten einverstanden ist mit mir, wenn es um Politik geht.

Sondern?

Keiser: Oft entstehen die grössten fühlbaren Dissonanzen zwischen mir und dem Publikum, wenn ich von der Schweizer Kultur und den Schweizer Kühen rede. Aber ich mache schliesslich kein Bestätigungskabarett, wo sich alle auf die Schenkel klopfen können und sagen: «Recht hat er.»

Wollen Sie Ihr Publikum zum Umdenken bringen?

Keiser: Das ist sicher eine Motivation. Mit fortschreitendem Alter zerstreut sich aber die Hoffnung immer mehr, dass man damit ernsthaft etwas bewirken kann. Heute reicht es mir, dass ich es sage – und zwar es auf lustige Art sage. Ich glaube, wenn man über etwas lachen kann, geht es auch besser in den Kopf rein.

Wann haben Sie zum letzten Mal ausserhalb der eigenen Show so richtig herzhaft lachen müssen?

Keiser: (studiert) Das war, als ich den neuen Roman von Sven Regener las, «Magical Mystery». Einfach grossartig! Eigentlich durfte ich gar nicht lachen, weil meine Frau nebenan im Bett verzweifelt einzuschlafen versuchte. Das machte die Sache noch viel komischer.

Kann es übrigens sein, dass ich beim Besuch Ihrer Show Ihre Mutter, die bekannte Margrit Läubli, im Publikum gesichtet habe? War das Zufall?

Keiser: Am Donnerstag war sie hier, ja. Zufall war das aber nicht. Sie wusste, dass ich hier spiele.

Ich meinte natürlich: Kommt sie in jede Ihrer Vorstellungen – quasi als treuester Fan?

Keiser: Nein, das wäre für sie wohl etwas eintönig.

Hat sie oder hat Ihr verstorbener Vater Cés Keiser jemals zu Ihnen gesagt: «Lorenz, das geht jetzt aber gar nicht», als sie sich Ihre Shows angesehen haben?

Keiser: Meine Eltern bekamen meine Stücke natürlich jeweils in einer frühen Phase in einer Probe zu sehen. Da kam es durchaus vor, dass sie Zweifel daran äusserten, ob eine Nummer beim Publikum ankommen wird. Und Sie wissen ja, wie das ist, wenn die Familie etwas sagt: Man macht es gerade extra anders. Beim aktuellen Stück habe ich dickköpfig an etwas festgehalten, das meine Frau kritisiert hatte – bis ich es nach der Premiere schliesslich rauskippte, weil ich selber merkte, dass es nicht funktioniert.

Vor zehn Jahren sagten Sie: «Theoretisch glaube ich nicht, dass mir je die Themen ausgehen, doch in der Praxis kann man nie wissen.» Wie es scheint, ist der Fall noch nicht eingetreten ...

Keiser: Zum Glück nicht. Ich versuche ja auch immer wieder, Dinge zu machen, die neu sind für mich. Nur dann bleibt es eine Herausforderung, und man lernt etwas dabei. Vor ziemlich genau einem Jahr schrieb ich zwei Monate lang an neuen Nummern herum, die vielleicht noch lustig waren, aber es war das Gleiche wie immer. Dann entschied ich mich, jetzt einmal Musik zu machen, gerade weil ich das überhaupt nicht kann.

Jetzt zieren Sie sich aber!

Keiser: Nein. Ich spiele auf der Bühne zwar alles selber, ich beherrsche das Zeug aber nicht wirklich. Ich kann genau das, was man sieht und hört – und keinen Ton mehr. Würde mich jemand fragen, ob ich das anstatt in D-Dur in g-Moll spielen könnte, müsste ich zurückfragen: «Was heisst überhaupt g-Moll?» Für das Schwyzerörgeli habe ich mir einfach notiert, welche Knöpfe ich drücken muss, die Logik dahinter habe ich überhaupt nicht begriffen. Das bringt mich auf dünnes Eis, aber das ist genau das Spannende daran.

Ging es Ihnen wie all den Skirennfahrerinnen und «Tagesschau»-Moderatoren, die eines Tages entschliessen, jetzt noch Musik zu machen? Oder wollen Sie genau diese «Spätberufenen» auf die Schippe nehmen?

Keiser: Wenn du etwas machst, das du noch nie gemacht hast und auch nicht kannst, dann kommst du natürlich sehr bald darauf, dass ja viele Leute etwas machen, das sie nicht können. Gerade in der Musik gibt es Hunderte von Beispielen. Natürlich ironisiere ich das Rockkonzert-Gehabe mit all den grossen Posen ohne viel Können dahinter. Das Spiel mit dem Dilettantismus ist aber eine Gratwanderung. Und zwar eine gefährliche, denn Dilettantismus ist nur so lange lustig, wie er die Leute nicht zu langweilen beginnt, weil der auf der Bühne es wirklich nicht kann.

Aber ein bisschen Spass haben Sie selber schon auch am Musikmachen?

Keiser: Ja, klar! Was mich am meisten freut, ist, wenn die Leute sagen, ich würde schön singen, oder wenn sie gar meinen, es sei Playback. Denn ich habe nie richtig singen gelernt. Man hat mir immer gesagt, ich sei ein Brummli. Das sagt man in diesem Land allen, deshalb singt unser Volk ja auch nicht.

Welche Musik hören Sie eigentlich privat am liebsten?

Keiser: Die wichtigste Stilrichtung ist für mich der Rock von Ende 60er-, Anfang 70er-Jahre: Beatles, Led Zeppelin, Deep Purple, Pink Floyd, Rory Gallagher und, und, und. Ohne jetzt nostalgisch zu werden, glaube ich, dass dies eine der kreativsten Zeiten in der Musikgeschichte war.

Ihr Sohn soll Ihnen scheints beim Lernen der Gitarrengriffe geholfen haben. Bei mir zu Hause gabs früher immer Krach beim gemeinsamen Musizieren ...

Keiser: Gemeinsam musiziert haben wir in dem Sinne ja nicht. Und wenn sich die Rollen umdrehen und der Kleine für einmal dem Grossen etwas beibringt, dann gibt es eben genau keinen Krach.

Sie spielen sechs Instrumente auf der Bühne. Welches davon haben Sie richtig erlernt?

Keiser: Als Jugendlicher habe ich mal Schlagzeug gelernt. Deshalb fehlt nun auch genau dieses Instrument auf der Bühne. Da steckt eine gewisse Logik dahinter. Wenn ich mich hinsetzen und das Instrument echt beherrschen würde, würde ich die Glaubwürdigkeit der ganzen Show untergraben.

Was ist der nächste Traum, den Sie sich verwirklichen? Kaufen Sie einen Töff, oder laufen Sie einen Marathon?

Keiser: Ja, genau: eine Harley kaufen und zum Nordkap fahren. (lacht) Ich würde nicht im Entferntesten daran denken! Das ist doch Selbstverwirklichungsquark. Der Grund, weshalb ich jetzt Musik mache, war ja nicht, dass ich persönlich unerfüllt war, sondern dass ich mich auf der Bühne weiterentwickeln wollte. Träume habe ich natürlich schon, aber die verwirklicht man besser nicht.

Wieso nicht? Was für Träume denn?

Keiser: Weil der Traum besser ist als die Realität. Ich hätte zum Beispiel gerne ein Schiff, um damit über die Meere zu schippern. Die Vorstellung, in den Hafen von Ushuaia, Argentinien, einzufahren, ist schon toll, in der Realität dauert das aber nur einen kurzen Moment. Vorher hockst du vier Monate lang auf dem Ozean, es stürmt wie die Sau, du hast Schiss, dass du untergehst, alles ist eng, und du hast nicht einmal eine rechte Dusche.

Hinweis

«Chäs, Brot & Rock ’n’ Roll» ist noch bis zum 12. April im Zürcher Theater im Seefeld zu sehen, vom 9. bis 31. Mai im Casinotheater Winterthur und vom 3. bis 5. Juni im Kleintheater Luzern.

Lorenz Keiser: «Für das Schwyzerörgeli habe ich mir einfach notiert, welche Knöpfe ich drücken muss, die Logik dahinter habe ich überhaupt nicht begriffen.» (Bild: Pius Amrein /  Neue LZ)

Lorenz Keiser: «Für das Schwyzerörgeli habe ich mir einfach notiert, welche Knöpfe ich drücken muss, die Logik dahinter habe ich überhaupt nicht begriffen.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)