BÜHNE: «Ich langweile mich schnell»

Sie ist 35 und hat schon in 35 Wohnungen gelebt: Die Musical-Darstellerin Eveline Suter aus Zug über Harlem, Heimatgefühle und ihre Hummeln im Hintern.

Interview Annette Wirthlin
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«Ich bin sesshafter geworden»: Eveline Suter zu Hause auf dem Sofa in ihrer Zuger Wohnung. (Bilder Philipp Schmidli)

«Ich bin sesshafter geworden»: Eveline Suter zu Hause auf dem Sofa in ihrer Zuger Wohnung. (Bilder Philipp Schmidli)

Traumhafte Kulisse am Walensee, der zwischen den kantonen St. Gallen und Glarus liegt. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
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Die Zugerin Eveline Suter spielt das arme Blumenmädchen Eliza Doolittle. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Eliza Doolittle (Mitte) singt zusammen mit dem Ensemble auf der Walensee-Bühne. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Szene aus dem Ballsaal: Schau mir in die Augen Kleines: Mrs. Eynsford-Hill (links, gespielt von Dorothee Reize) und Eliza Doolittle (rechts, gespielt von Eveline Suter). (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Freddy (gespielt von Patric Scott) singt vor Higgin's Haus 'In der Strasse wo du wohnst'. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Eliza Doolittle tanzt in der Generalprobe der neuen Produktion der Walensee-Bühne 'My Fair Lady' in Walenstadt. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Geldsegen für Alfred P. Doolittle (Mitte, gespielt von Urs Affolter). Impression von der Generalprobe der neuen Produktion der Walensee-Bühne 'My Fair Lady' in Walenstadt am 15. Juli 2014. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
Eliza Doolittle (links, gespielt von Eveline Suter) und Professor Higgins (rechts, gespielt von Alexander Franzen) im Arbeitszimmer. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)
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Traumhafte Kulisse am Walensee, der zwischen den kantonen St. Gallen und Glarus liegt. (Bild: swiss-image.ch / Andy Mettler)

Eveline Suter, wie geht es Ihnen an diesem verhangenen Regentag?

Eveline Suter: Das ist eigentlich genau mein Wetter: Ich mag es nicht, wenn es zu heiss ist. Marcel, mein Mann, und ich sind totale Winterfans – wir sind immer froh, wenn es wieder Winter ist. Weihnachtsmarkt, Glühwein, heisse Teeli – das ist voll unser Ding.

Dann fahren Sie auch gerne Ski?

Suter: Das nicht, nein. Sonst baue ich nur wieder Unfälle. Ich ziehe die nämlich richtiggehend an: beim Skifahren, Snowboarden, Autofahren, Treppensteigen ... Ich glaube, ich bin einfach zu zerstreut. Auf der Walensee-Bühne bin ich vorletztes Jahr beim Musical «Tell» grindsvoran die Treppe runtergesaust. Die ganze Belegschaft hat Witze gemacht, als wir dieses Jahr auf mögliche Gefahrenzonen auf der Bühne hingewiesen wurden.

Aber Sie sind doch kein Tollpatsch! In Ihrem Steckbrief im Internet steht, Sie können im Handstand gehen.

Suter: Ja, das kann ich. Als Schauspieler ist es gut, wenn man solche ausgefallenen Fähigkeiten anzubieten hat.

Von wegen ausgefallen: Ich habe gelesen, ihr Übername sei «Krümel» ...

Suter: Als Kind schnitt mir immer mein Papi die Haare. Und weil meine Mutter das Gerücht gehört hatte, dass feine Haare voller nachwachsen, wenn man sie ganz zurückschneidet, hat er sie mir wirklich bodeneben abgeschnitten. Ich habe nur noch geheult. Weil eben nur noch Krümel von Haaren übrig waren, nannten mich von da an alle, bis ich etwa 25 war, Krümel. Meiner Schwester rutscht es bis heute noch manchmal raus. Seither wollte ich nie mehr kurze Haare.

Das scheint traumatisch gewesen zu sein.

Suter: Ja, schon. (lacht) Ich sah aus wie ein Bub. Als wir in die Ferien flogen, bekam ich von den Stewardessen Knaben-Spielzeug, diese Holzflieger, während meine Schwester die Malsachen bekam. Und genützt in Sachen Haardichte hats auch nichts.

Stimmt es, dass Ihre Zuger Wohnung schon die 35. in Ihrem Leben ist?

Suter: Ja, das dürfte stimmen.

Und, bleibt es jetzt dabei?

Suter: Das wahrscheinlich nicht. Aber im Moment fühlen wir uns sehr wohl hier.

Werden Sie nervös, wenn Ihr Leben länger in ruhigen Bahnen verläuft?

Suter: Ich bin schon eher die mit Hummeln im Hintern. Ein sogenanntes Long-Run-Musical, wo man also mehrere Jahre lang die gleiche Rolle spielt, wäre zum Beispiel nichts für mich. Ich möchte in Sachen Bühne und Musik noch so viel wie möglich erleben und mich nicht auf irgend einen Langzeitvertrag festlegen müssen. Ich brauche die Herausforderung. Ich bin dann zwar vielleicht total im Stress und wünsche mir, dass es endlich ruhiger wird, wenn es dann aber so weit ist, langweile ich mich schnell.

Es heisst immer wieder, Sie würden zumindest teilweise in New York leben. Wie ist das genau?

Suter: Ich habe eine Green Card, darf also in den USA arbeiten. Seit 2010 kamen aber hier in der Schweiz und in Deutschland immer wieder neue Engagements dazu, zudem war es eine sehr schwierige Phase, da mein Vater krank wurde und gestorben ist. Da war ich sehr froh, hier sein zu können. Jetzt merke ich aber schon, dass ich gerne nochmals nach New York gehen würde. Ich habe mir fest vorgenommen, mir im September zwei Monate dafür freizuhalten.

Sie wohnten während Ihrer Ausbildung in Harlem.

Suter: Ja, das ist mein Viertel. Während meiner Ausbildung lebte ich dort, weil man dort einfach günstige Wohnungen bekam. Aber es ist relativ sicher, wenn man nicht gerade aufgetakelt rumläuft. Ich machte jeweils einfach die Kapuze hoch, wenn ich nachts alleine heimgelaufen bin. Ich hatte höchstens ein-, zweimal etwas Schiss.

Harlem und Zug – das ist ein krasser Gegensatz.

Suter: Naja, man kann auch in Zug mal blöd angemacht werden. Aber klar ist es hier viel ruhiger, und die Lebensqualität ist höher. Ich bin vor einem Jahr in Harlem von einem Taxi angefahren worden – das war eben auch so ein Unfall –, da wurde ich im Spital fast vergessen, obwohl ich recht schlimm auf den Kopf gestürzt war. Als ich kürzlich hier in Zug ins Spital musste – schon wieder ein Autounfall –, haben drei Ärzte gleichzeitig die kleine Verbrennung an meinem Arm untersucht.

Ihren Mann – Sie haben Ende Jahr geheiratet – würden Sie dann schon auch mitnehmen nach New York?

Suter: Klar. Das Problem ist, dass er noch keine Green Card hat. Der Plan ist, dass ich zuerst allein gehe und er nachkommt. Wenn das mit dem Job bei ihm klappt, haben wir die Köfferchen dann ziemlich schnell gepackt.

Ist er sowas wie der ruhige Pol in Ihrem bewegten Leben?

Suter: Er ist sicherlich auch mit ein Grund, weshalb ich jetzt schon so lange wieder in der Schweiz bin. Er ist stärker verwurzelt hier als ich. Ich bin sesshafter geworden, früher war ich kaum zwei Monate an einem Ort, schon musste ich wieder weg. Ich schätze es sehr, eine Wohnung zu haben, die man schön einrichten kann. Durch ihn ist es wirklich ruhiger geworden in meinem Leben. Umgekehrt hat auch er etwas von meinem eher aufbrausenden Temperament übernommen.

Er ist Koch. Womit kann er Ihnen eine besondere Freude bereiten?

Suter: Ich bin schon seit Jahren Vegetarierin. Als ich im Februar in New York war, habe ich mich daran gewöhnt, dass man jetzt alles sogar vegan haben kann: Pizza, Glace, einfach alles. Wir stöbern jetzt gemeinsam in veganen Rezeptbüchern herum, vor allem indisches Essen liebe ich. Das Schöne ist, dass Marcel nie zu faul ist, um zu kochen.

Sie haben vor drei Jahren Ihren Vater und acht Jahre davor auch Ihre Mutter verloren. Was bedeuten für Sie Heimat und Familie?

Suter: Heimat ist dort, wo das Herz pöpperlet, wenn man nach Hause kommt. Wenn ich nach Hamburg fliege für ein Casting, habe ich zwar Freude, aber das ist nie das Gleiche, wie wenn ich wieder hier im Flughafen Kloten lande. Familie, das bedeutet meine Geschwister und meine Grosseltern. Letztere haben einen ganz anderen Stellenwert bekommen, seit ich meine Eltern nicht mehr habe. Es ist mir ein Bedürfnis, sie häufig zu sehen.

Hat man ein grösseres Bedürfnis nach eigenem Nachwuchs, wenn man die Eltern relativ früh verliert?

Suter: Ich bin jetzt 35, und natürlich kommt der Gedanke immer öfter. Aber ich bin jetzt sehr glücklich mit meinem Leben, und der Job ist mir sehr wichtig. Gerade diesen Sommer darf ich so eine tolle Rolle auf einer so schönen Bühne spielen, das ist einfach fantastisch. Es gab auch schon Zeiten, wo ich kein richtiges Zuhause hatte und mich einsam fühlte, da war der Wunsch nach Nachwuchs viel grösser. Im Moment stimmt es für mich völlig. Mit Marcel weiss ich, dass es super wäre, Kinder zu haben, und wenn nicht, dann sind wir auch glücklich. Vielleicht tun wir uns dann noch einen zweiten Hund zu. (lacht)

Sie machten sich schon früh selbstständig. Sie schmissen die Kanti, um nach Wien an die Musicalschule zu gehen. Wussten Sie schon immer genau, was Sie im Leben wollten?

Suter: Zuerst wollte ich Trompeterin werden, weil das etwas Spezielles war für ein Mädchen – ich nahm auch an bedeutenden Wettbewerben teil. Als dann die Idee mit dem Musical aufkam, hatte ich schon Unterricht am Konservatorium in Luzern und hätte dort auch studieren können. Niemand konnte zuerst verstehen, wieso ich unbedingt nach Wien musste. Aber für mich kam nichts anderes in Frage.

Als Trompeterin brauchen Sie eine gute Puste. Haben Sie auch im Übertragenen Sinn einen langen Atem?

Suter: Bei grösseren Dingen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe, habe ich wie gesagt einen langen Atem. Aber bei kleinen Dingen, oooh, da kann ich mich aufregen und quengelig werden. Wenn ich müde bin und etwas nicht sofort finde zum Beispiel. Marcel hat eine Engelsgeduld und lacht in solchen Momenten nur.

Sie haben vor allem in vielen Musicals mitgewirkt. Als Musical-Darstellerin vereint man ja viele Talente. Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Tanzen, Singen und Schauspielern, was würden Sie wählen?

Suter: Tanzen ist das, was man mit zunehmendem Alter immer weniger braucht. Aber es fehlt mir eigentlich, wenn ich das gar nicht habe. Eigentlich liebe ich genau die Kombination der drei Dinge. Als Musical-Darsteller hat man leider einen eher schwierigen Stand, wenn man sich bei Fernsehen und Film bewirbt. Heute würde ich vielleicht eher eine staatliche Schauspielausbildung machen und nebenbei Tanz und Gesang trainieren, was das Zeug hält.

Auf der Walenseebühne spielen Sie demnächst die weibliche Hauptrolle in «My Fair Lady». Was ist bei so einer Open-Air-Vorstellung anders als im Musicaltheater?

Suter: Das Spezielle sind die Wetterumstände. Gerade heute bei der Probe hat es gegossen wie aus Kübeln, und wir mussten alle unser gelbes Ölzeug tragen und sahen aus wie Legomännchen. Da noch das Feeling richtig rüberzubringen, ist schon eine Herausforderung. Und was mir noch mehr leid tut, ist das Publikum. Das sitzt einfach da in seinen Pelerinen und kann sich nicht mal zwischendurch aufwärmen.

In «My Fair Lady» gewinnt ein armes Blumenmädchen die Liebe eines Professors und wird in die High Society aufgenommen. Haben Sie eine Ader für solch romantische Geschichten?

Suter: Ja, total. Wobei man sagen muss, dass es nicht ganz klar ist, ob die beiden wirklich zusammenkommen. Es ist ein bisschen eine Hassliebe. Die geben sich so richtig Tacheles auf der Bühne. So triefend romantisch ist es also gar nicht, das ist eben das Coole daran.

Eliza Dolittle lernt vom Professor erst einmal, in einem gepflegten Akzent zu sprechen. Sie persönlich haben ja gar keine Mühe mit Akzenten ...

Suter: Ich habe fünfeinhalb Jahre in Wien gelebt und das Wienerische total angenommen, denn ich war viel mit Wienern zusammen. Ich liebe den Dialekt. Für die Bühne ist das eigentlich nicht so gut, denn wenn ich in Deutschland an ein Casting gehe, denken die immer, ich sei Österreicherin. Aber wenn man ein gewisses «Musikgehör» hat, übernimmt man Dialekte automatisch. Manchmal fühlen sich Leute etwas veräppelt, weil ich ohne es zu wollen beginne, ihre Dialekte zu übernehmen.

Sie sind momentan täglich am Proben für die Aufführungen von «My Fair Lady», während der Rest der Welt Fussball schaut. Haben Sie dafür auch noch etwas Zeit, oder interessiert Sie das sowieso nicht?

Suter: Der Regisseur hat uns netterweise immer freigegeben, als die Schweiz spielte. Marcel war sehr traurig, als die Schweiz rausgeflogen ist, da musste ich ihn trösten. Für mich persönlich sind aber das Beste an der WM die Pizza und das Bier. (lacht)

Wer Sie im Jahr 2011 in der Sat-1-Telenovela «Anna und die Liebe» gesehen hat, könnte denken, Sie seien ein fieses Weibsstück. Wie viel haben Sie mit der Rolle der Hochstaplerin Sandra Müller alias Fanni Lanford gemeinsam? Können Sie auch böse sein?

Suter: Oh ja. Wenn man mir wirklich lange auf den Füssen herumtritt, kann ich sehr unbequem werden und recht auf den Tisch hauen. Im Freundeskreis bin ich sehr direkt und sage gleich, was ich denke. Mir ist wichtig, dass die immer wissen, wie es mir geht, denn in meinem Beruf muss ich ja auch Lächeln können, ohne dass es mir gut geht.

Ist es einfacher, sich selbst zu spielen oder eine ganz andere Rolle?

Suter: Schwierige Frage. Das miese Ding, das ich in «Anna und die Liebe» gespielt habe, lag mir eigentlich noch gut, obwohl mir die Rolle eigentlich nicht so nahe war. Vielleicht genoss ich es besonders, weil ich im realen Leben gerne mit allen gut auskomme. Wenn man sich stark verstellen muss, fällt es vielleicht einfacher, in die Rolle zu schlüpfen. Ich mag eine Rolle, wenn ich mir daran die Zähne ausbeissen muss. In «My Fair Lady» hätte ich zuerst fast in meinem eigenen Dialekt sprechen sollen, das ging überhaupt nicht. Jetzt wurde es in Sarganserdialekt umgeschrieben, und ich kann endlich schauspielern.

Was wäre Ihre zukünftige Traumrolle?

Suter: Sally Bowles in «Cabaret» – oder fast noch lieber Mary Poppins. Ich habe das Stück am Broadway x-mal gesehen als ich dort Studentin war – immer sobald ich wieder etwas Geld auf der Seite hatte. Es ist so ein Gute-Laune-Stück, und ich könnte auf der Bühne zaubern und fliegen.

Die Musikalische

Zur Person wia. Die in Zug aufgewachsene Eveline Suter (35) spielt diesen Sommer auf der WalenseeBühne die Hauptrolle im Musical «My Fair Lady». Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt sie Ballett, Jazz und Modern Dance, lernte Trompete und Gesang. Mit 18 brach sie die Kantonsschule ab, um sich an den Performing Arts Studios in Wien und später am Lee Strasberg Theatre and Film Institute in New York zur Musical-Darstellerin beziehungsweise zur Schauspielerin ausbilden zu lassen. Suter spielte in einer grösseren Anzahl von Musicals im deutschsprachigen Raum, drehte einige Werbespots und war unter anderem in «Der Landarzt» und der Telenovela «Anna und die Liebe» zu sehen. Seit Dezember ist sie mit dem Koch Marcel Schilliger verheiratet. Die beiden leben – mit einem Jack-Russel-Terrier namens Jack – in der Stadt Zug.

Hinweis: «My Fair Lady» auf der Walensee-Bühne spielt vom 16. Juli bis zum 23. August (am 20. Juli und am 14. August allerdings ohne Eveline Suter). Tickets unter www.walenseebuehne.ch oder Ticketline 0900 313 313 (19 Fr. / Min ab Festnetz).

«Ich bin sesshafter geworden»: Eveline Suter zu Hause auf dem Sofa in ihrer Zuger Wohnung. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

«Ich bin sesshafter geworden»: Eveline Suter zu Hause auf dem Sofa in ihrer Zuger Wohnung. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)