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BUNDESSTRAFGERICHT: Handgranate in der Weinkiste: Anklage wegen versuchtem Attentat vor 15 Jahren

Jetzt ist klar, wem die rätselhafte Anklage der Bundesanwaltschaft wegen Mordversuchs mit Sprengstoff gilt. Es geht um einen gescheiterten Anschlag mit einer Paketbombe im Jahre 2002 in Zürich.
Anstelle von Handgranaten fanden sich Steine in der Munitionskiste (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Anstelle von Handgranaten fanden sich Steine in der Munitionskiste (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Balz Bruppacher

Versuchter mehrfacher Mord, Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht sowie Widerhandlung gegen das Waffengesetz: Diese Anklage der Bundesanwaltschaft (BA) gegen einen Ende Januar dieses Jahres verhafteten Mann wurde letzte Woche bekannt und liess wegen der Schwere der vorgeworfenen Delikte aufhorchen. Nun ist das Rätselraten über den Hintergrund des Falles beendet: Recherchen unserer Zeitung zeigen, dass die Tat fast 15 Jahre zurückliegt.

Paketbombe durch Zufall nicht explodiert

Am 27. September 2002 ging auf der Redaktion der kosovarischen Zeitung „Bota Sot“ in Zürich eine als Weinsendung getarnte Paketbombe ein. Sie enthielt nach damaligen Angaben eine Handgranate russischer Herkunft mit grosser Sprengkraft. Glücklichen Umständen war es zu verdanken, dass der Zündmechanismus beim Öffnen des Pakets nicht aktiviert wurde. Vom Verfahren der Bundesanwaltschaft – sie ist für die Klärung von Sprengstoffdelikten zuständig – war seither nichts mehr zu hören. Bis nun aus zwei Entscheiden des Bundesstrafgerichts und weiteren Informationen hervorgeht, dass der mutmassliche Täter am vergangenen 31. Januar verhaftet wurde.

Zur Identität und zu den Motiven des Beschuldigten ist weder von seinem Pflichtverteidiger, noch vom Bundesstrafgericht oder der Bundesanwaltschaft, noch vom Anwalt eines Geschädigten etwas zu erfahren. Die beiden Entscheide des Bundesstrafgerichts wurden am gleichen Tag - am vergangenen 22. Mai - gefällt, vom Gericht in Bellinzona aber erst jetzt, im Abstand von sechs Tagen zur Veröffentlichung freigegeben. Fehlte es in der am letzten Dienstag zur Publikation freigegebenen Verfügung noch an jeglichen Angaben zum Hintergrund der Tat, zitiert der am Montag veröffentlichte Beschluss Passagen aus der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft.

Tödliche Wirkung der Splitterhandgranate in Kauf genommen

Demnach wird der Anklagepunkt des versuchten mehrfachen Mordes damit begründet, dass der Beschuldigte Personen bei einer Zeitungsredaktion in Zürich töten wollte. Weitere Personen habe der Angeklagte in einer Wohnung in Küsnacht (ZH) im Visier gehabt. Er habe um die tödliche Wirkung der Splitterhandgranate und die mögliche Tötung von Menschen gewusst oder dies zumindest in Kauf nehmen wollen.

Versuchte Anschläge auf Zeitungsredaktionen in Zürich sind in den letzten Jahrzehnten einzig im Falle der kosovarischen Zeitung „Bota Sot“ bekannt. Dass es um diesen Fall geht, wird auch durch den Umstand erhärtet, dass der Anwalt des geschädigten Privatklägers laut Handelsregister Gesellschafter der herausgebenden Bota Sot GmbH mit Sitz in Pfaffhausen (ZH) ist. Es war überdies seine Kanzlei, die im Herbst 2002 als erste über den versuchten Paketbomben-Anschlag auf die Bota-Sot-Redaktion informiert hatte.

Nun wird auch plausibel, dass die Bundesanwaltschaft bereits weniger als vier Monate nach der Verhaftung des mutmasslichen Täters am 5. Mai Anklage in Bellinzona erhob. Offensichtlich war dies aufgrund der vorangegangenen, mehr als 14 Jahre dauernden Ermittlungen möglich. Allerdings monierte das Bundesstrafgericht im jetzt veröffentlichten Beschluss mehrere Mängel in der Anklageschrift und wies diese am 22. Mai an die Bundesanwaltdschaft zurück.

Dem Vernehmen nach sind die Mängel inzwischen berichtigt, so dass es voraussichtlich noch in diesem Jahr zum Prozess in Bellinzona kommen dürfte. Der Angeklagte sitzt inzwischen im vorzeitigen Strafvollzug im Zürcher Flughafengefängnis, wie dies vom Bundesstrafgericht mit dem am letzten Dienstag veröffentlichten Entscheid bewilligt wurde.

„Bota Sot“ kein unbeschriebenes Blatt

Die Zeitung „Bota Sot“ (Welt heute) war in den 1990-er Jahren gegründet worden und erregte hierzulande mehrmals Aufsehen wegen Vorwürfen, Hetzkampagnen gegen Serbien und Mazedonien zu betreiben. Im Juni 2001 intervenierte das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) wegen eines gefälschten Interviews mit  Bundesrat Samuel Schmid. Es gab auch Anzeigen wegen Verletzung der Rassismus-Strafnorm gegen das Blatt. 2008 verurteilte das Zürcher Obergericht einen Bota-Sot-Mitarbeiter wegen übler Nachrede zu einer bedingten Geldstrafe.

(Beschluss SK.2017.25 der Strafkammer des Bundesstrafgerichts vom 22.5.17)

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