CHIRURGIE: «Brüste weg» – was heisst das?

Angelina Jolie sorgte mit der Nachricht über ihre Brustentfernung inter- national für Betroffenheit. Was genau wurde bei ihr gemacht? Und was müssen Hoch­risiko-patientinnen wissen?

Annette Wirthlin
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Der Entscheid für eine vorsorgliche Brustentfernung ist zwar radikal, sorgt aber für die höchstmögliche Sicherheit. (Bild: Getty)

Der Entscheid für eine vorsorgliche Brustentfernung ist zwar radikal, sorgt aber für die höchstmögliche Sicherheit. (Bild: Getty)

Diese Woche hat die US-Schauspielerin Angelina Jolie bekannt gegeben, sie habe sich vorsorglich die Brüste entfernen lassen, weil sie Trägerin eines bekannten Risikogens für Brustkrebs sei. Ihr radikaler Entscheid für ihre gesundheitliche Sicherheit wurde zwar von vielen als sehr mutig angesehen, aber er hat auch schockiert und bei anderen Betroffenen womöglich Angst ausgelöst: Ist die bisher kerngesunde Schönheit nun unwiderruflich verstümmelt? Und müsste ich mich dieser Operation nun vielleicht auch aussetzen, wenn es in meiner Familie ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs gibt?

Wir haben Andreas Günthert, Chefarzt der Frauenklinik am Luzerner Kantonsspital, gefragt. Er erklärt: «Bei der sogenannten prophylaktischen Mastektomie – also der vorsorglichen Brustentfernung – werden meist sowohl die Brustwarze als auch die Haut der Brust erhalten. Was vollständig herausoperiert wird, ist die Brustdrüse, denn es ist dort, genauer in den Milchgängen der Brustdrüse, wo Krebs entstehen kann. Indem man die Quelle entfernt, gibt man der Krebsentstehung kaum mehr eine Chance.» Was nach der Entfernung des Drüsengewebes zurückbleibt, ist nur die leere Hülle der einstigen Brust, bestehend aus Haut.

Kein Unterschied sichtbar

Dies heisse aber nicht, dass Angelina Jolie und jene Frauen, die gleich wie sie entschieden haben, nun keinen sichtbaren Busen mehr haben. «Wenn ein guter plastischer Chirurg am Werk war, wird ein Laie von Auge – abgesehen von ein paar winzigen Narben – kaum etwas feststellen können», sagt Günthert. Beim Anfassen spüre man allerdings schon einen Unterschied. Denn das durch die Gewebsentfernung verlorene Volumen wird – sofern dies gewünscht wird – meist durch ein Silikon-Implantat ersetzt. Und dieses sitzt bei der prophylaktischen Mastektomie direkt unter der Haut – im Gegensatz zu einem «normalen» Brustaufbau zur Brustvergrösserung, wo eigenes Brustgewebe vorhanden ist, das zwischen Haut und Implantat zu liegen kommt.

Fehlendes Volumen kann alternativ auch durch dem Rücken entnommene Muskulatur ersetzt oder ergänzt werden. Doch diese Methode kommt heute immer seltener zum Einsatz. «Die eleganteste, sprich natürlichste Lösung ist heute, die Brust mit Eigengewebe aus dem Bauchraum zu rekonstruieren», weiss Günthert. Dies funktioniert allerdings nur bei Patientinnen, die über ein gewisses Fettdepot im Bauch verfügen. Und es hinterlässt dort recht grosse Narben.

Der Wiederaufbau der Brust nach einer vorsorglichen Brustentfernung ist nicht etwa ein Privileg von gut betuchten Hollywoodstars. «Man kann sagen, das ist Standard, auch hierzulande», sagt Günthert. «Es sei denn, eine Frau lehnt das explizit ab.»

Eingriffe nehmen zu

Die prophylaktische Mastektomie ist in den USA seit Jahren sehr verbreitet und in dem Sinne nichts Neues, während bei uns noch kaum darüber berichtet wird – und die Betroffenheit entsprechend gross ist. Doch das Verfahren kommt auch hier zur Anwendung. Absolute Zahlen kann der Experte keine nennen, da diese Eingriffe nicht registriert werden, aber tendenziell nimmt dies zu. «Allein bei uns im Luzerner Kantonsspital operieren wir jährlich über 200 Frauen mit Brustkrebs. Vorsorgliche Brustentfernungen führen wir viel seltener durch, aber immerhin drei bis vier pro Jahr.» Und zwar sei dies in der Regel dann der Fall, wenn eine Frau – wie offenbar auch Angelina Jolie – ein gehäuftes Krebsvorkommen in ihrer Familie hat und selber positiv auf die Brust- und Eierstockkrebs-Risikogene BRCA1 oder 2 getestet wurde.

Es handle sich bei der prophylaktischen Mastektomie um einen höchst geplanten Eingriff, bei dem kein schneller Handlungsbedarf bestehe, sagt Günthert. «Es liegt ja noch keine Erkrankung vor, bloss ein erhöhtes Risiko.» Die scheinbar radikale Entscheidung von Angelina Jolie ist demnach mit Sicherheit über Monate oder gar Jahre gereift. «Betroffene Frauen können sich sehr gründlich über eine eventuelle Rekonstruktion informieren», sagt Andreas Günthert.

Regelmässige Untersuchungen

Erblich vorbelastete Frauen müssen also nicht zwingend gleich entscheiden wie die US-Schauspielerin – und schon gar nicht sofort. «Betroffene sollen sich erst einmal in aller Ruhe beraten lassen», beruhigt der gynäkologische Onkologe. Als Alternative zur vorsorglichen Amputation entscheiden sich schliesslich viele Frauen für eine engmaschige Überwachung der Brust, denn sie wollen sich (noch) nicht operieren lassen. Ein sogenanntes Hochrisiko-Früherkennungsprogramm umfasst jährlich eine Mammografie, einen Ultraschall und eine Magnetresonanztomografie (MRI). Wer an so einem Programm teilnimmt, hat im Falle einer Erkrankung sehr gute Heilungsaussichten. Günthert: «Ein Krebs kann dadurch entdeckt werden, lange bevor er von Hand tastbar würde.» Doch grösstmögliche Sicherheit zur Verhinderung der Krebserkrankung gewährleistet nur die Entfernung der Brust.

Reaktionen sind sehr individuell

Wenn im Sprechzimmer das Wort «Brustentfernung» fällt, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. «Es kommt sehr auf das persönliche Verhältnis einer Frau zu ihren Brüsten und ihrer Krebserkrankung an», sagt Günthert. Für viele Frauen hätten die Brüste eine besonders wichtige Rolle, und sie seien daher verständlicherweise extrem bestürzt. Schliesslich handle es sich auch im Falle einer möglichen Rekonstruktion immer nur um die Wiederherstellung der äusseren Kontur. Die Brust an sich ist dann unwiderruflich weg, egal bei welcher Methode, ob vorsorglich oder nach einem Krebs.

Und die Konsequenzen einer OP sind nicht nur von ästhetischer Natur: Viele Frauen sorgen sich um die Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden. Bei der sogenannten hautsparenden Methode, die bei Angelina Jolie angewandt wurde und bei der die Brustwarze bestehen bleibt, kann man danach mit etwas Glück noch etwas spüren. Günthert: «Es hängt davon ab, wie nahe an die Nerven heranoperiert wurde, die sich direkt unter der Haut befinden.»

Sensitivität geht verloren

Wer bereits eine Brustkrebsdiagnose hat, kann meistens brusterhaltend operiert werden. Bei einem Drittel der Fälle muss jedoch auch heute noch die Brust entfernt werden, und nur in ausgewählten Fällen können Patientinnen dann mit der hautsparenden Methode operiert werden. Nicht selten muss die vollständige betroffene Brust inklusive Haut und Brustwarze entfernt werden. Zudem spielt die Achselhöhle noch eine Rolle, wenn der Krebs bereits in die Lymphknoten gestreut hat. Das hinterlässt grosse, sichtbare, quer über den Brustkasten laufende Narben. Eine nachträgliche Formgebung durch Silikonkissen oder Eigenfett, die zumindest unter der Kleidung nicht auffällt, ist zwar möglich, aber die Sensitivität geht verloren.

Steht die Notwendigkeit – oder der bewusste Entscheid – für eine Brustentfernung einmal fest, tragen es die meisten Frauen laut Andreas Günthert mit Fassung. Und im Nachhinein würden sich die Beeinträchtigungen in der Sexualität bei vielen Frauen sogar weniger dramatisch auswirken als anfänglich befürchtet.

Manche bereits von Brustkrebs betroffene Frauen wünschen sich sogar von sich aus eine komplette Entfernung, auch wenn dies aus Ärztesicht nicht notwendig wäre. Es kommt auch vor, dass brustkrebskranke Frauen nach einer erfolgten Mastektomie auch die Amputation der zweiten, noch gesunden Brust wünschen. Es brauche bisweilen etwas Überzeugungsarbeit, sagt Günthert, um Patientinnen von der Sinnlosigkeit dieser Massnahme zu überzeugen: «In aller Regel bringt das nämlich keinen Vorteil, da das Erkrankungsrisiko bei einer bereits einmal betroffenen Frau auf der anderen Seite bei adäquater Therapie nicht automatisch grösser ist.»

Angst vor dem, was zurückbleibt

Dass Frauen mit Brustkrebs den radikalen Weg wählen, lässt sich einerseits mit der Angst begründen, dass etwas «Böses» im Gewebe zurückbleiben könnte. Andererseits manchmal aber auch mit dem Respekt vor dem oft sehr aufwendigen Wiederaufbau – und einem dann doch nicht unbedingt befriedigenden Ergebnis.