CIRCUS KNIE: Fredy Knie junior über die Pensionierung: «Das wird nicht mehr lange gehen»

Direktor Fredy Knie junior (66) spricht über den Spagat zwischen Tradition und Moderne – und weshalb der Zirkus nach wie vor sein grosser Traum ist.

Interview Alexander von Däniken
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Ein Leben für den Zirkus: Fredy Knie junior bei einer Generalprobe in Rapperswil. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Ein Leben für den Zirkus: Fredy Knie junior bei einer Generalprobe in Rapperswil. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Fredy Knie junior, seit Ihrer Kindheit stehen Sie in der Manege. Was hat sich im Zirkusleben seit damals am meisten verändert?

Fredy Knie: Es gibt jedes Jahr kleine Veränderungen. Wir wollen ja kein verstaubter Zirkus sein, sondern uns dem Geschmack des Publikums anpassen. Zum Beispiel hat es eine solche Licht- und Tonregie wie heute in meiner Jugendzeit nicht gegeben.

Heute kostet ein Billett für den Zirkusbesuch im Durchschnitt über 45 Franken. Da überlegt sich eine vierköpfige Familie zwei Mal, ob sie sich den Besuch leisten will.

Knie: Gemessen an anderen Freizeitaktivitäten sind wir billig. Bereits für 22 Franken gibt es einen Platz. An Nachmittagsvorstellungen bezahlen Kinder in allen Kategorien die Hälfte. In der günstigsten Kategorie kostet ein Kinderticket so nur 11 Franken. Abgesehen davon sind die Karten der teuersten Kategorie immer schneller ausverkauft als jene der günstigsten. Viele Gäste denken sich: Wenn in den Zirkus, dann richtig. Ausserdem haben wir seit sieben Jahren keine Preiserhöhung gemacht.

Sie haben 220 Mitarbeiter und betreiben einen immensen logistischen Aufwand. Lohnt es sich überhaupt noch, einen Zirkus zu betreiben?

Knie: Es muss sich lohnen. Aber wir müssen sehr hart kalkulieren, um mit der Konkurrenz im Unterhaltungsbereich Schritt zu halten. Dabei geht es auch ums Sparen, aber so, dass sich dies nicht nachteilig aufs Publikum und aufs Programm auswirkt.

Luzern muss für den Circus Knie ein besonderer Ort sein. Dieses Jahr stammt bereits das 22. Knie-Plakat aus der Hand eines Luzerner Künstlers. Ausserdem wurde hier auf der Allmend letztes Jahr Géraldine Knies Tochter Chanel Marie getauft. Was macht diese Stadt denn so speziell?

Fredy Knie junior: Auch Géraldine ist hier getauft worden. Ausserdem habe ich in Luzern geheiratet. Es ist ein angenehmer Ort mit einem jungen Publikum. Wir sind immer zur Ferienzeit hier. Die Leute sind nicht gestresst, sondern locker.

Überträgt sich das auch auf die Artisten und Tiere?

Knie: Weniger. Es überträgt sich generell auf die Stimmung in der Vorstellung.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn – wie am letzten Freitag bei der nordkoreanischen Trapeztruppe – eine akrobatische Einlage misslingt?

Knie: Es klappt nie 100 Prozent. Das ist live. Alle Artisten sind Menschen, die jeden Tag – manchmal zwei Mal bis sogar drei Mal am Tag – Höchstleistungen vollbringen.

Seit Jahren führt der Circus Knie keine Raubtiershows mehr in seinem Programm. Hören Sie noch von Besuchern, welche die Tiger und Löwen vermissen?

Knie: Ja, das kommt immer wieder vor. Aber wenn ich ihnen dann den Grund erkläre, verstehen sie es auch. Wir arbeiten eng mit Verhaltensforschern und dem Schweizer Tierschutz zusammen. Vor allem kümmern wir uns rund um die Uhr um die Tiere. So habe ich schon auf Freilaufboxen für die Pferde gesetzt, noch bevor diese gesetzlich vorgeschrieben wurden.

Wer wie ich in Rapperswil aufgewachsen ist, wird überall in der Schweiz auf den Kinderzoo und den Circus Knie angesprochen. Wie bekannt ist Ihr Unternehmen in den Ländern Ihrer Artisten?

Knie: Ich darf ohne zu prahlen sagen, dass der Circus Knie für die Artisten weltweit eine Visitenkarte ist. Wir können von den besten unsere Auswahl treffen.

Wie kommt es zu Engagements?

Knie: Die Zirkuswelt ist gross – und auch klein. Viele Artisten empfehlen ihresgleichen weiter. Oder man trifft sich an Festivals. Heute funktioniert auch vieles digital. Immer häufiger bewerben sich Artisten über Youtube.

War es aufgrund des Regimes in Pjöngjang schwierig, an die nordkoreanische Trapeztruppe «The Flying Girls» zu kommen?

Knie: Es ist schon extrem schwierig, vor allem im Vergleich zu China. Aber die Koreaner finden den Circus Knie toll. Ausserdem wissen sie, dass im Zirkus nicht politisiert und nicht über Religion diskutiert wird. Trotzdem dauert es bis zu einer Unterschrift rund sechs Wochen. Bei chinesischen Artisten sind es deren zwei.

Einfacher war es wohl, an die Unterschrift von Claudio Zuccolini zu kommen. Nur konnte er das Publikum am Anfang gar nicht überzeugen. Fühlen Sie sich als Direktor verantwortlich?

Knie: Ich fühle mich immer für das Programm verantwortlich. Aber jeder Komiker hatte es am Anfang schwer, weil die Manege anders als die Bühne ist. Claudio Zuccolini war vielleicht etwas zu wenig mutig. Aber schliesslich sind Komiker auch Geschmackssache. Ausserdem gab es eine bösartige Medienkampagne. Das hat er nicht verdient. Claudio hat gut reagiert und seine Nummern umgestellt. Er kommt beim Publikum gut an.

Haben Sie mit Ihrem Cousin Louis Knie senior, der mit dem österreichischen Nationalcircus scheiterte, Kontakt?

Knie: Nein. Er macht sein Ding und wir unseres. Das ist in grossen Familien manchmal so.

Wie sieht eine Vorstellung des Circus Knie in 30 Jahren aus: mit Lasern statt Scheinwerfern und einem DJ statt der Zirkuskapelle?

Knie: Das kann ich nicht beantworten. In 30 Jahren kann so viel passieren. Sowohl Technik als auch die Ansprüche des Publikums können sich über diesen Zeitraum verändern.

Sie sind 66. Wann wollen Sie das Direktorenzepter an die nächste Generation weitergeben?

Knie: Das wird nicht mehr lange gehen. Schon heute machen unsere Jungen viel. Das diesjährige Programm hat zum Beispiel Géraldine eigenhändig zusammengestellt. Und schon jetzt verfügen Géraldine, Franco junior und Doris über sämtliche Vollmachten.

Nennen Sie uns ein Datum?

Knie: Ich weiss selber noch nicht, wann es so weit ist. Das ist ein laufender Prozess. Wichtig ist, dass die Familientradition weitergeführt wird.

Was macht dann ein pensionierter Zirkusdirektor: auf Reisen gehen oder brauchen Sie weiterhin den Geruch von frischem Sägemehl?

Knie: Ich werde immer hier sein und unsere Kinder unterstützen. Das letzte Mal in den Ferien war ich 1998 in Hawaii. Ständig hat das Telefon geklingelt. Und dann auch noch nachts, wegen der Zeitverschiebung. Es war trotzdem sehr schön. Aber mein Platz ist hier, bei den Tieren. Das ist mein Traum. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als einen Beruf auszuüben, der einem keinen Spass macht. Ich denke jedenfalls kaum an Ferien oder freie Wochenenden.

Hinweis:

Fredy Knie junior (66, künstlerischer Direktor) leitet zusammen mit Cousin Franco senior (58, technischer Direktor) seit 1992 den Circus Knie in der sechsten Generation. Fredys Tochter Géraldine (40) und Francos Kinder Franco Junior (34) und Doris (32) werden dereinst das 1806 gegründete und 1919 als Zirkus geltende Familienunternehmen mit Sitz in Rapperswil-Jona in der siebten Generation weiterführen. Der Circus Knie gastiert mit seiner aktuellen Tournee «émotions» noch bis am 4. August auf der Luzerner Allmend. Tickets sind auf www.knie.ch oder an der Abendkasse erhältlich.

Manege frei für die Dickhäuter. (Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch)
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Die Zuschauer sind erstaunt ob dem Können der Elefanten. (Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch)
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Plötzlich kamen die Elefantendamen ganz dicht an ihr Publikum heran und streckten ihre Rüssel aus. (Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch)
Auf gehts zur Fütterung der Elefanten. (Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch)
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Manege frei für die Dickhäuter. (Bild: Stefanie Nopper / luzernerzeitung.ch)

Ein Arbeiter in Aktion: Am Freitagabend muss das Zirkuszelt stehen und alle Arbeiten fertig sein für die grosse Premiere. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
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Vorbereitungsarbeiten am Donnerstag: Ein Pony wird ausgeladen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Zwei Männer bei Vorbereitungsarbeiten am Donnerstag auf der Allmend in Luzern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Elefanten bei der Fütterung. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Vorbereitungsarbeiten am Donnerstagabend: Ein Pony wird ausgeladen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
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Ein Arbeiter in Aktion: Am Freitagabend muss das Zirkuszelt stehen und alle Arbeiten fertig sein für die grosse Premiere. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)