DAS ANDERE INTERVIEW: «Der Fährifrau wird viel erzählt»

Rotsee-Fährfrau Erika Burkard (49)

Roger Rüegger
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Erika Burkard (49) amtet in ihrer 21. Saison als Fährfrau auf dem Rotsee. (Bild Roger Rüegger)

Erika Burkard (49) amtet in ihrer 21. Saison als Fährfrau auf dem Rotsee. (Bild Roger Rüegger)

Erika Burkard ist in der 21. Saison Fährfrau oder «Fährifrau», wie sie selber sagt, vom Rotsee. Sie weiss vieles von ihren Vorgängern zu berichten etwa vom Fährmann mit der Handprothese, der immer einen dunklen Mantel trug.

Die 49-jährige Luzernerin Erika Burkard wohnt mit ihrem Ehemann Hugo und den zwei Töchtern bei der Fähre am Rotsee. In all den Jahren hat sie lustige, traurige und schaurige Erlebnisse gehabt. Von ihren Vorgängern und zahlreichen Passagieren weiss sie einiges zu berichten.

Ihre Vorgängerinnen sprangen nach spätestens 15 Jahren über Bord. Sie sind in der 21. Saison Fährfrau. Was ist denn so spannend, zu warten, bis jemand mit der Fähre übersetzen will?

Erika Burkard: Für mich ist der Job ideal. Ich bin Hausfrau und Mutter. Als Fährfrau kann ich für meine Familie da sein und gleichwohl arbeiten. Wir wohnen ja auch direkt bei der Fähre.

Dennoch, die Strecke über den See hat man irgendwann gesehen. Die macht den Beruf nicht interessanter.

Burkard: Nein, aber ich bin gerne in der Natur. Die Jahreszeiten erlebe ich intensiver als die meisten. Es hat eine andere Qualität, am Rotsee zu wohnen statt in einer Stadtwohnung. Ausserdem lerne ich fast täglich gut gelaunte Leute kennen.

Das scheint mir auch so. Bei jeder Überfahrt haben die Leute, die Sie offensichtlich nicht kennen, mit Ihnen geplaudert. Was wird so erzählt?

Burkard: Einige Leute berichten, wo sie herkommen und wohin sie ihr Ausflug führt. Andere fragen mich, wie ich zu diesem Job gekommen bin. Wie Sie.

Also?

Burkard: Der war ausgeschrieben. Ich und mein Mann haben uns gegen 99 Bewerber durchgesetzt.

Ein begehrter Arbeitsplatz. Vielleicht einer der schöneren in Luzern?

Burkhard: Mit Sicherheit. Obwohl es Luzerner gibt, die nicht wissen, wie schön es am Rotsee ist, geschweige denn, dass hier überhaupt eine Fähre existiert.

Im Ernst?

Burkard: Ich habe einige überraschte Einheimische getroffen und gefahren. Viele kommen jetzt regelmässig. Ein paar haben sogar ein Abonnement.

Ein Abo? Den Fährmann soll man doch nicht im Voraus bezahlen. Warum eigentlich?

Burkard: Ein Aberglaube. Man bezahlt erst nach erbrachter Leistung. Also wenn man sicher am anderen Ufer ist.

Rund um den Fährmann werden sonderbare Geschichten erzählt. Hatten Sie auch eigenartige Begegnungen?

Burkard: In den Jahren habe ich einige spezielle Personen angetroffen.

Aber nicht solche, die Sie in die Unterwelt oder ins Totenreich übersetzen sollten?

Burkard: Nein, aber da war eine ältere Frau, die alleine mit mir über den See fuhr. Bei der Fahrt sprach sie mit ihrem Ehemann so, als sässe er neben ihr. Er war kurz zuvor verstorben, wie sie mir erzählte.

Jetzt sträuben sich mir die Nackenhaare.

Burkard: Es war tatsächlich etwas unheimlich. Die Frau fuhr wieder mit mir zurück. Dann reichte sie mir die Hand und bedankte sich, weil ich mir Zeit für sie genommen hatte. Sie wirkte erleichtert.

Sie haben ihr aber nicht eine Fahrt für zwei Personen berechnet?

Burkard (lacht): Nein, sie musste nur für sich bezahlen.

Eine seltsame, aber dennoch schöne Begegnung, nicht wahr?

Burkard: Ja, das ist so. Eine andere Frau erzählte mir ihr halbes Leben. Als wir auf der anderen Seite anlegten, wollte sie noch einmal mit zurückfahren und danach erneut hinüber.

Gemäss Motto: Erzähl das dem Fährimaa oder der Fährifrau.

Burkard: Der Fährifrau wird viel erzählt. Aus einem Grund ist der Spruch entstanden.

Kennen Sie Ihre Vorgängerinnen?

Burkard: Nur die Frau, von der ich den Job übernommen hatte. Spannend wäre, den früheren Fährmann Gander zu kennen. Einige alte Leute erzählen manchmal von ihm. Der Mann soll an einem Arm eine Prothese in der Form eines Hakens gehabt haben, an der er das Langruder festmachte. Zudem soll er einen schwarzen Hut und einen Mantel getragen haben.

Das Klischee vom Fährmann wurde voll bedient. Grossartig. Hört sich gefährlich an. Bei Ihnen ist man sicher?

Burkard: Zumindest ist noch nie ein Unfall passiert.

Weshalb dann die Rettungswesten und der Rettungsring?

Burkard: Vorschrift.

Müssen etwa Schulklassen die Westen anziehen?

Burkard: Nein, die Fähre hat eine erhöhte Reling. Zudem gibt es Regeln. Es darf niemand aufstehen, und die Hände hält man auch nicht ins Wasser.

Daran halten sich alle?

Burkard: Genau. Und einige wollen ganz sichergehen. Einmal stand eine Kindergartenklasse am Ufer. Alle Kinder trugen Schwimmflügeli.

Sicher ist sicher.

Burkard: Haha. Ja und alle waren als Piraten verkleidet.

Jöö, herzig.

Burkard: Es wird aber auch übertrieben. Eine grössere Schulklasse hatte einmal eine Lebensretterin dabei. Die war bei jeder Überfahrt dabei.

Wie gut sind Sie ausgelastet?

Burkard: An einem schönen Wochenende bin ich permanent am Fahren.

Und sonst warten Sie auf die Klingel?

Burkard: Ja, es gibt keinen Fahrplan.

Einige Arbeitskollegen joggen am Mittag manchmal um den Rotsee. Kann es sein, dass einige schummeln und sich von Ihnen übersetzen lassen?

Burkard: Das machen Jogger nicht. Aber wenn Schulklassen einen Lauf um den See machen, kommt es vor, dass die Lehrperson bei mir anruft und mich darüber informiert.

Damit Sie ja keinen Fährdienst leisten. Probierens die Kinder trotzdem?

Burkard: Natürlich. Die kommen humpelnd daher und beklagen sich über einen verstauchten Fuss. Wenn ich ablehne, rennen sie wundersam geheilt weiter.

Machen Sie auch Sonderfahrten?

Burkard: Nicht im eigentlichen Sinn. Aber es gibt Brautpaare, die Fotos auf der Fähre machen wollen. Auch Taufen gabs schon. Oder dass die Fähre im Nebel als Sujet für eine Guuggenmusig herhalten musste.

Hat die Fährifrau eine Stellvertretung?

Burkard: Ja, meine Familie hilft aus oder, wenn wir in die Ferien fahren, auch Mitglieder des Quartiervereins Maihof.

Was machen Sie, während sie auf die Klingel warten?

Burkard: Mein Mann ist Rotseewärter. Alles, was rund um den See geschieht, hat in irgendeiner Form mit uns zu tun. Das Schilf am Ufer schneiden, Fischereipatente vergeben, Abfall wegräumen. Wir haben reichlich zu tun, glauben Sie mir.

Hat sich noch nie jemand die Fähre geschnappt, um eine Spritztour zu machen?

Burkard: Die Fähre nicht. Aber jemand hat vor einigen Jahren den Motor gestohlen.

Das ist frech. Hat man das Triebwerk wieder gefunden?

Burkard: Ja, beim Ruderclub. Die Diebe haben unseren Motor dort liegen gelassen und stattdessen einen von den Ruderern mitgehen lassen. Einen mit mehr Power.

Roger Rüegger