Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Das Aufdecken geschichtlicher Ursachen befreit»

Nachgefragt

Was unsere Vorfahren erlebt haben, kann unser Leben beeinflussen – im Guten wie im Schlechten. Haben Gross- oder Urgrosseltern Traumatisches erfahren, kann das noch Enkel und Urenkel belasten und blockieren. Über die «transgenerationale Traumatisierung» sprachen wir mit Anette Lippeck (im Bild), Psychologin FSP (Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen).

Anette Lippeck, was genau meint der Begriff «transgenerationale Traumatisierung»?

Zu einem Trauma gehört, einem «sehr belastenden Ereignis oder einer Situation mit aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmass ausgesetzt zu sein, die bei fast jedem tiefe Verstörung hervorrufen würde». So die Definition im wissenschaftlichen und international anerkannten Klassifikationsschema ICD-10. Führt nun aber die Tatsache, dass ein Mensch in seinem Leben ein schweres Trauma oder sogar mehrere Traumata erlitten hat, dazu, dass auch die Nachkommen der nächsten oder übernächsten Generation unter den Auswirkungen leiden und ihr Lebensentwurf negativ beeinflusst wird, dann nennt man dies eine transgenerationale Traumatisierung. Dabei können von den Auswirkungen der ursprünglichen Traumata alle psychischen Bereiche der später Geborenen betroffen sein: Gefühle, Verhaltensweisen, Lebenseinstellungen und Grundüberzeugungen, aber auch körperbezogene Vorgänge wie die Tendenz zu psychosomatischen Erkrankungen.

Wie merkt man, dass jemand von einer transgenerationalen Traumatisierung betroffen sein könnte?

Mit einer transgenerationalen Traumatisierung ist oft der Eindruck verbunden, dass das eigene Leben irgendwie «falsch» ist. Manche Menschen haben chronisch das Gefühl, sich selber fremd zu sein und wie im falschen Film zu leben. «Das ist doch nicht mein Leben!», so ein typischer Stossseufzer. Auch Depressionen, Angst- und Panikstörungen sowie krisenhafte Entwicklungen, für die es auf der individuellen Ebene keine hinreichenden Gründe gibt, können Symptome sein. Betroffene zerstören manchmal trotz bester Voraussetzungen realistische Lebensentwürfe oder leben «mit halber Kraft vor sich hin».

Wie ist es möglich, dass etwas, das man nicht selbst erlebt hat, im eigenen Leben negative Auswirkungen hat?

Inzwischen kennt man mehrere Übertragungsmechanismen, und für alle gilt: Menschen, die von schrecklichen Erfahrungen überfordert sind, verändern ihre Lebenseinstellungen und ihre emotionale Grundstimmung in Richtung Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung oder aber in Richtung Wut und Verachtung. Sie schaffen es nicht, mit dem Erlebten allein fertig zu werden und wieder Hoffnung zu gewinnen. Das grundsätzliche Ja zum Leben wurde zerstört. Diese Grundstimmung geben die Opfer an die nächste Generation weiter. Viele Opfer von Schicksalsschlägen beginnen irgendwann, über das Erlittene zu erzählen. Oder aber sie schweigen. Ob Sprechen oder Schweigen: Eltern bereiten ihre Kinder durch das, was sie tun und denken, aufs Leben vor. Sie sind Vorbild – auch wenn sie bewusst oder unbewusst fast nur noch zerstörte Lebenseinstellungen weitergeben.

Ist die Aufarbeitung eines solchen transgenerationalen Traumas eine psychologische Detektivarbeit?

Den Psychotherapeuten, der eine transgenerationale Traumatisierung vermutet, kann man als eine Art seelischen Detektiv sehen, der in einem sensiblen Bereich Nachforschungen anstellt. Er muss behutsam vorgehen, denn es geht ums Aufdecken familiärer Wahrheiten, die per se schwer zu verkraften sind. Die traumatisierende Wahrheit aus der Vergangenheit, die sich abzeichnet, soll keinen neuen Schock auslösen.

Wie sieht die therapeutische Spurensuche aus?

Man schaut sich das geschichtliche Umfeld der Herkunftsfamilie an: Gab es Kriegshandlungen? Flucht und Vertreibung? Einen Völkermord? Todesbedrohung in Bombennächten? Hungersnöte? Oder denken Sie an die sogenannten Verdingkinder, wenn sie körperlich und seelisch misshandelt worden sind – das sind Schicksale, die generationenübergreifend wirken. Dann formuliert die Fachperson eine Arbeitsthese, zum Beispiel: Die Grosseltern des Klienten erlebten eine grosse Hungersnot. Ganze Familien wanderten aus. Das kann erklären, wieso der Enkel – entgegen jeder heutigen Realität – unter chronischen Mangelgefühlen leidet. Er schränkt sich extrem ein und leidet unter seinem Unvermögen, Vertrauen ins Leben zu haben. Erscheinen solche Überlegungen plausibel, wird der Klient ermuntert, innerhalb der Verwandtschaft Ahnenforschung zu betreiben. Doch nicht wie ein Ankläger, sondern mit Respekt vor dem, was die Vorgenerationen geleistet haben. Allein das Aufdecken geschichtlicher Ursachen kann befreiend wirken und positive Veränderungen in Gang setzen. (sh)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.