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Debri ... Defrib ... Delifibrator

Ansichten von Peach Weber
Peach Weber
Bei einem Notfall muss ein Defibrillator schnell eingesetzt werden. (Archivbild Corinne Glanzmann)

Bei einem Notfall muss ein Defibrillator schnell eingesetzt werden. (Archivbild Corinne Glanzmann)

Wir sassen gemütlich beisammen in einem Restaurant im Zürcher Hauptbahnhof, als mir plötzlich eine lustige Frage in den Sinn kam. Damit diese nicht in meinem Gehirn vermoderte, stellte ich sie in den Raum: «Wenn ich jetzt, mitten im Gespräch, leblos vom Stuhl falle, wo ist dann der Defibrillator?» Das ist jetzt ein bisschen geflunkert, ich kenne keinen Menschen, der dieses Wort auf Anhieb korrekt aussprechen kann. Für einen kurzen Moment war Stille, dann sagte jemand völlig überzeugt: «Das Personal hier weiss garantiert, wo er ist.» Ich behauptete das Gegenteil und machte die Probe.

Ich fragte die Servicebeauftragtenfachangestellte (oder gibt es inzwischen ein vernünftiges Wort für «Fräulein»), wo denn hier im Bahnhof für den Notfall ein Defibrillator sei. Ihr Gesicht sprach Bände: «Keine Ahnung, ich frage den Chef.» Sie kam zurück: «Der Chef fragt, ob Sie einen Ventilator meinen?» Das Experiment gab mir leider Recht.

Letzthin las ich einen Artikel darüber, wie sinnlos diese Aktion war, in der Schweiz etwa 30 000 Defis aufzustellen. Die Bilanz ist erschreckend: Nach drei Minuten ohne Blut­zirkulation entsteht ein bleibender Hirnschaden, nach fünf Minuten ist eine Reanimation praktisch unmöglich.

Maximal 10 Prozent erleben den Spitaleintritt, davon sterben viele noch im Lift oder im OP. Bei manchen, die nach ein paar Tagen noch atmen, wartet das Pflegeheim. Natürlich hat es einige Menschen gegeben, die nach sofortiger Herzmassage gerettet wurden, meistens hatten sie das Glück, dass sie nicht einem absoluten Laien in die Hände fielen. Ich glaube aber, es gibt absolut keinen Beweis, dass einer der aufgehängten Volks-Defis auch nur einen einzigen Menschen gerettet hat. Es würde vielleicht sogar mehr bringen, flächendeckend Bernhardinerhunde mit Schnapsfässlein zu stationieren.

Übrigens: Wann immer ich in letzter Zeit mit Leuten über das Thema «Patientenver­fügung» gesprochen habe, meinten die meisten: «Genau, das werde ich machen, ich habe schon seit drei Jahren das Formular zu Hause.» Aber wenn etwas passiert, was einen unfähig macht, Entscheidungen zu treffen, kann man nicht zwei Tage zurückspulen, um noch schnell eine Verfügung aufzusetzen. Ich bin zwar ein strikter Gegner der heute schon fast gängigen Meinung, man müsse alles perfekt vorbereiten. Früher sind die Leute auch fröhlich vor sich hingestorben, und die Hinterbliebenen haben eben gemacht, was sie gut fanden.

Für mich ist heute ein Exit-Beitritt reine Notwehr gegen die überbordenden medizinischen Möglichkeiten, die uns lange über das Verfallsdatum am Zappeln erhalten können, auch wenn wir eigentlich schon tot sind. Ich will nicht verschweigen, dass Ärzte heute viel offener mit dem Patienten umgehen, mit ihm diskutieren, was für ihn an Lebensqualität wichtig ist und zu welchem Preis. Aber es gibt immer noch viele Menschen, die unsäglich leiden und nicht gehen dürfen.

Dafür braucht es diese Möglichkeit, es ist ja nur eine Option, keine Verpflichtung. Ich bin beigetreten ohne aktuellen Anlass, ich bin weder besonders gesund noch krank, einfach 63 Jahre alt, und da fängt halt manches an zu «lödelen». Ich will mich ja nur für den Fall einer absolut hoffnungslosen Perspektive absichern. Keiner trifft die finale Entscheidung, in den Tod zu gehen, leichtfertig. An diesem Punkt ist man absolut am Boden und sieht keinen rettenden Strohhalm mehr.

Tun wir nicht so, als hätte Exit den Selbstmord erfunden. Die Möglichkeit, seinem Leben ein Ende zu setzen, hat der Mensch, seit es ihn gibt. Er konnte sich schon in der Steinzeit vom Felsen stürzen, wenn ihm sein Leben sinnlos erschien. Das kann man aber nur tun, wenn man noch handlungsfähig ist. Wenn nicht, dann gibt einem Exit die Hilfe, dieses Recht in Anspruch zu nehmen und auf eine ruhige, würdevolle Art zu sterben. Und hier eine Weltpremiere: Ich mache die wohl weltweit erste öffentliche Patientenverfügung, und zwar: Sollten Sie mich jemals irgendwo zusammenklappen sehen und keinen Puls mehr fühlen, dann setzen Sie sich und bleiben Sie einfach bei mir. Erzählen Sie mir etwas Schönes oder singen Sie mir ein Lied, auf dass mein letzter Eindruck dieser Welt nicht ein dilettantisch ausgeführter Elektroschock sei. Danke!

Hinweis Komiker Peach Weber (63) schreibt regelmässig Kolumnen für unsere Zeitung.

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