«Der Reiz liegt darin, etwas Unsichtbarem nachzujagen»

Andreas Gasser (51) ist Präsident des Clubs Schweizer Meerfischer. Den Verein gründeten 1963 Fischer, die am Meerangeln interessiert sind. Im "anderen Interview" erzählt uns der Luzerner, warum die Grösse eines Fisches für ihn uninteressant ist, er aber heuer dennoch mit der Rute einen der Sorte fangen will, die bis zu drei Meter lang und 350 Kilogramm schwer werden ...

Interview Roger Rüegger
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Der Luzerner Andreas Gasser. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Luzerner Andreas Gasser. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Andreas Gasser, Sie fahren jedes Jahr mit Mitgliedern ihres Vereins an die Ostsee oder nach Nordeuropa zum Meeresangeln. Sind die Fische in unseren Gewässern zu klein für Sie?

Andreas Gasser: Das Angeln im Meer ist eine völlig andere Geschichte als das Fischen in unseren heimischen Gewässern, wo die Fangergebnisse in den letzten Jahren vielfach rückläufig sind. Der Reiz am Meeresangeln liegt darin, etwas Unsichtbarem nachzujagen und zu spüren, wie sich das Jagdfieber allmählich entwickelt.

Als Nicht-Angler kann ich nicht ganz folgen. In unseren Gewässern sehen Sie die Fische doch auch nicht?

Gasser: Da irren Sie sich. Die Fische sind mit dem geübten Auge manchmal gut zu sehen. Im Meer suchen wir unsere Beute in 5 bis 200 Metern Tiefe. Es gilt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, die Zeichen der Natur zu deuten, mit dem Spiel des Köders den Zielfisch zu überlisten und ihn sicher an Bord zu bringen. Wer einen Sonnenuntergang nach einem Angeltag auf offener See erlebt hat, kommt immer wieder.

Aber schon auch, weil Sie richtig fette Beute machen?

Gasser: Die Grösse ist für mich persönlich nicht so entscheidend. Jeder Fisch ist für mich einzigartig und ich nehme auch mit weniger grossen Exemplaren Vorlieb.

Das sind jetzt schon eher ungewohnte Aussagen eines Anglers. Oder ist Ihre Beute derart bescheiden, dass Sie nicht darüber reden mögen?

Gasser: Ich bin kein überragender Fischer. Aber bei den meisten unserer Mitglieder zählen ohnehin nicht die Rekorde. Das Big Game Fishing, wie das Angeln von grossen Fischarten wie Haien, Marlinen oder Schwertfischen, das vor allem in den südlichen Gefilden der Hemisphäre praktiziert wird, unterscheidet sich von der Meeresfischerei, die wir praktizieren. Zudem ist es gefühlsmässig gar nicht einfach, einen grossen Fisch zu töten, weil man im wahrsten Sinne des Wortes ein wunderschönes Lebewesen totschlagen muss, bevor man es ausnehmen und verspeisen kann.

Aber bei den Meerfischern kursieren bestimmt auch Geschichten von unglaublichen Fängen. Oder wird bei Ihnen nicht so sehr «plagiert»?

Gasser: Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass man sich stets nur an die grössten Fische erinnert. Aber das gehört dazu. Und eine bekannte Binsenwahrheit besagt, dass Fische die einzigen Lebewesen sind, die nach dem Tod immer weiterwachsen.

Was waren Ihre grössten Fänge?

Gasser: Mein grösster Dorsch mass lediglich 85 Zentimeter an der Ostsee und war rund 15 Pfund schwer. Doch Dorsche können bis zu 150 Zentimeter lang und 40 Kilo schwer werden. Ich habe auch schon einen Seelachs von über einem Meter mit der Rute gefangen.

Sie sprechen immer wieder vom «Fische überlisten». Sind Angler tatsächlich schlauer als die Fische?

Gasser: Nicht alle. Nein das kann man nicht so sagen.

Nehmen Sie die zu Ihren Angelferien auch Anfänger mit?

Gasser: Ohne weiteres. Es kamen schon Leute mit, die noch nie gefischt haben. Ein Handwerker aus einer Luzerner Gemeinde hat uns vor Jahren auf der Clubreise nach La Palma begleitet. Dabei hat er quasi aus Versehen in einem Schwarm von Thunfischen einen über 2,20 Meter langen blauen Marlin mit der Rute gefangen. Als er dieses relativ kleine Exemplar endlich an Bord gehievt hatte, war der Mann total am Ende seiner Kräfte.

Sie sind oft tagelang mit mehreren Männern auf engem Raum in einem Kutter auf See. Da herrscht wohl nicht nur Friede und Harmonie?

Gasser: Für einmal nur unter Männern zu sein, abseits vom beruflichen Alltag und ohne familiäre Verpflichtungen hat durchaus seine angenehmen Seiten. Wir teilen die Sehnsucht nach dem Meer und geniessen es, einfach nur zu Angeln. Doch manchmal gibt es auch Reibereien unter den 12 bis 14 Anglern. Dann liegt es an mir, nötigenfalls vorbeugend zu schlichten oder im Streitfall von einem partnerschaftlichen zu einem autoritären Führungsstil zu wechseln. Wir fischen aber nicht nur auf Kuttern. Auf den Lofoten sind wir in den Fjorden ohne Kapitän in 5,2 Meter langen und 2,2 Meter breiten Silver-Viking-Booten mit 50-PS-Motor unterwegs und wohnen in Fischerhütten. Da sind wir alle aufeinander angewiesen. Jeder Mensch hat verschiedene Talente, die wir beispielsweise auch beim Suchen geeigneter Angelplätze, dem Bootsfahren, beim Kochen sowie dem Fisch filetieren und verpacken einzusetzen können.

Es ist also mehr Arbeit als Ferien?

Gasser: Ich konzentriere mich aufs Angeln und erlebe Ferien. Die Arbeit kommt danach: Wir bewerkstelligen alles von A bis Z gemeinsam. Neben dem Angeln gehören Filetieren, Verpacken und Einfrieren genauso dazu wie das Teilen des Fangs am Schluss. Es bekommt nämlich jeder gleich viel, egal was er gefangen hat. Und es ist manchmal schon schwierig zu sehen, wie der neben einem stehende Kollege mit dem gleichen Köder und der derselben Angeltechnik Fisch um Fisch an der Angel rauszieht und man geht selber leer aus. Im Gegenzug hilft man dem Glücklichen, seine Beute ins Boot zu holen, denn gelegentlich ist der Fang so schwer, dass dies mit dem verwendeten Angelgerät alleine unmöglich ist.

Frauen sind nicht dabei?

Gasser: Wir haben Frauen in unserem Club, aber beim nächsten Ausflug sind keine dabei.

Weil Frauen die schlechteren Fischer sind?

Gasser: Die Frauen, die ich kenne sind das ganz bestimmt nicht. Es gibt einfach viel weniger, die sich für das Meeresangeln interessieren. Warum auch immer.

Gibt es bei Ihren Reisen eigentlich eine Fanggarantie?

Gasser: Zum Glück nicht. Die gibt es nie. Im Gegenteil, wie müssen manchmal demütig akzeptieren, dass das Wetter stärker ist als unser Wille zu angeln. Bei orkanartigen Stürmen legen wir gar nicht erst ab. Wir wollen ja nicht unser Leben für ein paar Fische riskieren. Ob wir mit einem guten Fang wieder in die Schweiz zurückkehren hängt aber zum Glück nicht nur vom Wetter ab, sondern von unserer Angeltechnik, den verwendeten Ködern, unserem «Gspüri» und natürlich auch dem nötigen Quäntchen Glück. Und in der Regel werden wir reichlich beschenkt.Ist die Überfischung der Ozeane für Sie bemerkbar?

Gasser: Es gibt immer wieder gute und schlechte Jahre. Aber die Überfischung der Weltmeere, die vor allem durch die kommerziellen Fangflotten verursachten wird, und die hohen EU-Fangquoten sind ein echtes Problem. Wir Sportfischer halten uns an gesetzliche Vorgaben und werden aus Norwegen herkommend nicht mehr als 15 Kilo selbst gefangene und verarbeitete Fischfilets mit in die Schweiz nehmen.

Was machen Sie mit Ihrem Fang?

Gasser: Ich habe viele glückliche Nachbarn und Bekannte.

Von welchem Fang träumen Sie?

Gasser: Ich würde dieses Jahr gerne einmal einen atlantischen Heilbutt mit einer Rute fangen.

Diese Exemplare können bis zu drei Meter lang und über 350 Kilo schwer werden ...

Gasser: Es muss ja nicht gerade so ein grosses Exemplar sein, sonst müsste ich noch meine Angelschnur durchtrennen, weil ich Angst um meine neue Angelrute hätte.

Sie sind also nicht so versessen wie der alte Mann in Hemingways Roman?

Gasser: Seine Zielstrebigkeit und seine Ausdauer sind bewundernswert. Aber ich bin nicht so wagemutig oder verrückt und würde alleine aufs offene Meer ohne sturmerprobtes Boot und ohne technische Hilfsmittel fahren. Und überdies würde ich einen selbst gefangenen Meeresfisch nie jemandem verkaufen.