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DER ZWÖLFTE JÜNGER: Judas ist besser als sein Ruf

Ostern sind die Tage der Auferstehung, aber auch die Tage des Verrats. Doch Judas Iskariot, der Jesus seinen Häschern ausliefert, ist keine durch und durch negative Figur. Man kann die Geschichte auch ganz anders sehen.
Rolf App
Der berühmte Judaskuss auf einer Freske des italienischen Malers Giusto de’ Menabuoi (1320–1390) in Padua. (Bild: AKG)

Der berühmte Judaskuss auf einer Freske des italienischen Malers Giusto de’ Menabuoi (1320–1390) in Padua. (Bild: AKG)

Rolf App

1975 hat der deutsche Philologe Walter Jens ein eigenartiges Buch veröffentlicht. In Form mehrerer echt wirkender, aber fiktiver Dokumente stellt «Der Fall Judas» jene Deutung radikal in Frage, die Jesu schlimmster Jünger bis heute erfährt. Denn, argumentiert im Buch der Franziskanerpater Berthold in einem Schreiben an den Patriarchen von Jerusalem, «ihm und keinem anderen ist es zu danken, dass in Erfüllung ging, was im Gesetz und bei den Propheten über den Menschensohn steht. Hätte er sich geweigert, unseren Herrn Jesus den Schriftauslegern und Grossen Priestern zu übergeben: hätte er Nein gesagt. Nein, ich tue es nicht, jetzt nicht und auch in Ewigkeit nicht, als Christus ihn anflehte, barmherzig zu sein und ein Ende zu machen: Er wäre an Gott zum Verräter geworden.»

Denn, fährt Walter Jens fort: «Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann.» Jesus aber wäre nicht gekreuzigt, sondern in Ruhe alt geworden, «ein unter seinesgleichen geachteter Mann, dem die Sprüche längst verziehen waren, die er gemacht hatte, als er jung gewesen war».

Sein Name ist zum Schimpfwort geworden

Judas hat mit anderen Worten «getan, was getan werden musste». Hier aber wird ein Bild gezeichnet, das in seltsamem Kontrast steht zu dem, was wir über Judas denken. Dass er Jesus wegen 30 Silberlingen verraten und ihm jenen Kuss gegeben hat, der zur Verhaftung und zur Hinrichtung führte. Dann hat er sich erhängt, gepeinigt von Gewissensbissen. Judas, das ist die Negativfigur schlechthin. Sein Name ist zum Schimpfwort geworden, seine Figur bis heute zum unerschöpflichen Quell für Schriftsteller und Filmemacher.

Was Judas dabei an Farbe bekommt, das fehlt ihm in auffälligem Mass in der Bibel selbst. Sie sagt nichts über seine Herkunft und sein Motiv. Der Beiname Iskariot könnte auf den Ort Kariot hindeuten, ein Dorf in Judäa. Unter den anderen Jüngern, die alle aus Galiläa stammen, wäre Judas damit ein Aussenseiter gewesen.

Manchmal berichtet die Bibel auch Widersprüchliches. Im Markusevangelium zum Beispiel sind es die Hohepriester, die Judas Geld anbieten, bei Mat­thäus fordert er von sich aus Bezahlung. Nur dort begeht er auch Selbstmord. In der Apostelgeschichte dagegen erwirbt er von den Silberlingen ein Grundstück, auf dem er stürzt und auseinanderbricht.

Stellt man die Schilderungen der Evangelien nebeneinander und berücksichtigt ihre Datierung, dann zeigt sich, was der Historiker Dick Harrison in einer Studie herausgearbeitet hat: In den später verfassten Evangelien wird Judas immer dämonischer, «er wächst schrittweise zu einem entsetzlichen Werkzeug des Teufels heran». Was sich auch in den Übersetzungen manifestiert. Den Kernpunkt der Judasgeschichte markiert das griechische Wort paradidonai, das mit verratenübersetzt werden kann – oder mit dem neutraleren übergeben.

Schon in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts wächst das Bedürfnis, Judas schwarzzumalen. Markus, der sein Evangelium um etwa 60 nach Christus verfasst, berichtet nur knapp über ihn, Johannes wird 40 Jahre später wesentlich ausführlicher. Obwohl 30 Silberlinge eine vergleichsweise niedrige Summe sind, unterstreicht Johannes Judas’ Geldgier in einer Episode, in der er sich beim Besuch bei Lazarus über die Verschwendung von Öl beklagt und erklärt, man hätte es besser verkauft und den Erlös den Armen gegeben. «Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war, er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.»

«Ich bin der elendeste aller Menschen»

Mit solchen Kommentaren setzt eine Dämonisierung ein, die dann im Mittelalter immer wildere Blüten treibt in Geschichten, die sich enormer Popularität erfreuen. Da ist etwa die «Seereise des heiligen Abtes Brendan» aus dem 9. Jahrhundert. Sie handelt von einer Gruppe irischer Mönche, die mit ihren Schiffen immer weiter nach Norden getrieben wird und auf einer riesigen steinigen Klippe einen nach Schwefel stinkenden Wilden antrifft. «Ich bin der elendeste aller Menschen», erzählt er, «denn ich bin Judas Iskariot.» Der Fels aber sei jener Ort, den sein geliebter Erlöser ihm geschenkt habe, um sich auszuruhen. Nachher müsse er wieder hinab in den glühenden Schlund der Hölle.

Nicht nur Judas’ Nachleben wird solcherart ausgeschmückt. 400 Jahre nach Brendans Seereise bekommt er in der «Goldenen Legende» des Jacobus de Voragine Vater und Mutter. Wie in der Ödipussage wird seinen Eltern geweissagt, ihr Kind werde «durch seine Bosheit eine grosse Gefahr für das jüdische Volk werden». In einem Korb lassen sie es deshalb aufs Meer hinaustreiben, doch Judas wird gerettet.

Er tötet seinen Stiefbruder und geht ins Exil zu Pontius Pilatus nach Jerusalem, wo er in Saus und Braus lebt – und nichts ahnend in einem Streit seinen leiblichen Vater erschlägt und dessen Witwe heiratet. Als er erfährt, dass sie seine Mutter ist, schliesst Judas sich voller Reue Jesus und seinen Jüngern an. Doch was gut enden könnte, wird immer schlechter. Judas beginnt zu stehlen. Schliesslich verrät er Jesus, um den Fehlbetrag wieder zu beschaffen.

Das ist die eine, gewissermassen die offizielle Sichtweise. Es gibt aber noch andere Strömungen, innerhalb denen ­Judas’ Handeln einen anderen Sinn bekommt. Oft stehen sie jener Geistesrichtung nahe, die als Gnosis bezeichnet wird und deren Schriften von der sich formierenden Kirche abgelehnt werden.

Viele dieser Schriften sind in den letzten Jahrzehnten überhaupt erst ans Licht der Öffentlichkeit gekommen. 1945 findet ein Kameltreiber in einer Höhle nahe des oberägyptischen Ortes Nag Hammadi einen Tonkrug mit 52 gnostischen Texten, und 1978 taucht ein Band auf, in dem sich das sogenannte Evangelium des Judas findet. Ein Antiquariat in Zürich kommt im Jahr 2000 in seinen Besitz, 2006 wird der Text veröffentlicht, gleichzeitig mit der Filmfassung des «Da Vinci Code». Eine Sensation ist garantiert.

Das wohl im 2. Jahrhundert verfasste Judasevangelium zeigt den «Verräter» als einen Menschen, der Jesu besonderes Vertrauen geniesst. «Du wirst der Dreizehnte sein und wirst von den anderen Geschlechtern verflucht, aber du wirst über sie herrschen», sagt Jesus zu Judas. «In den letzten Tagen werden sie deinen Aufstieg zum heiligen Geschlecht verfluchen.» Judas hilft Jesus, eine durch und durch schlechte Welt zu verlassen.

«Ich werde dir die Geheimnisse des Reiches mitteilen»

In der Welt sein, das bedeutet für die Gnostiker: sich immer weiter vom Ursprung entfernen. Die andern zwölf Apostel – Judas ist nach seinem Verrat schon wieder ersetzt worden – repräsentieren die Grosskirche und ihre Gottesferne. «Trenne dich von ihnen, und ich werde dir die Geheimnisse des Reiches mitteilen», verspricht Jesus. «Du kannst dorthin gelangen, aber durch grosses Leiden.» Dieser Judas wird zum Ver­räter, weil er Jesus erlösen muss.

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