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DEUTSCHLAND: Der umstrittene Titan Bayerns

Die einen verehrten ihn, andere hassten ihn. Der CSU-Übervater Franz Josef Strauss wäre morgen Sonntag 100 Jahre alt geworden. Er gilt als Architekt des modernen Bayern.
Der 1988 verstorbene CSU-Politiker Franz Josef Strauss wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden. (Bild: Keystone / Interfoto / Wolfgang Maria Weber)

Der 1988 verstorbene CSU-Politiker Franz Josef Strauss wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden. (Bild: Keystone / Interfoto / Wolfgang Maria Weber)

Carsten Hoefer, DPA/red

Eigentlich war Franz Josef Strauss bereits abgeräumt. Als Günter Beckstein 2007 bayerischer Ministerpräsident für ein Jahr wurde, liess er die Strauss-Büste aus dem Arbeitszimmer in der Münchner Staatskanzlei entfernen. Franz Josef Strauss schien nicht mehr zeitgemäss. Ein Jahr später gab Nachfolger Horst Seehofer Strauss seinen Ehrenplatz zurück, den dieser bis heute innehat. «FJS» blickte ihm bei der Arbeit immer über die Schulter, erzählt Seehofer gerne.

Drei Feiern für Strauss

Der Mythos Strauss lebt auch 27 Jahre nach dem Tod des politischen Schwergewichts. Nun stehen Bayern Tage bevor, in denen der 1988 verstorbene CSU-Patriarch wieder allgegenwärtig sein wird: Morgen, am 6. September, jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Die CSU will ihn in drei Feiern würdigen – gestern fand bereits eine in München statt, morgen wird in Rott am Inn gefeiert und am kommenden Donnerstag in Berlin. Dass die Landtagsopposition den Staatsempfang zu Ehren des grossen Vorsitzenden boykottieren will (siehe Box), dürften die CSU-Granden verschmerzen können.

Es werden wohl Loblieder auf den Münchner Metzgersohn angestimmt werden, der im Nachkriegsdeutschland zu einem heldenhaft verehrten, aber auch gehassten Spitzenpolitiker aufstieg und mehrere Affären überstand. Strauss wird als Visionär bezeichnet werden, der die Grundlage für Bayerns Entwicklung zum wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesland Deutschlands legte. Er förderte die Umwandlung Bayerns vom Agrar- zum Industrieland, wobei er den Schwerpunkt auf Luft- und Raumfahrtindustrie sowie die Rüstungsbranche legte. Der CSU-Chef spielte in den 1960er- und 1970er-Jahren eine wichtige Rolle bei der Gründung des Airbus-Konzerns und der deutschen Beteiligung daran. Er setzte auch den Bau des neuen Münchner Flughafens durch, der 1992 in Betrieb ging und seither zum Wachstumsmotor für Oberbayern geworden ist.

Und obwohl Franz Josef Strauss nie Aussenminister war, hat er die Aussenpolitik der Bundesrepublik Deutschland massgeblich geprägt. So lehnte er in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren eine Sicherheitspartnerschaft Deutschlands mit den USA strikt ab. Er befürchtete, dass mit der Erstarkung der Sowjetunion als Atommacht die Entschlossenheit der USA sinke, ihre europäischen Verbündeten mit Nuklearwaffen zu verteidigen. Später lehnte er die Ostverträge Bonns mit Moskau, Warschau, Prag und Ostberlin ab, weil er fürchtete, so würden zentrale Positionen und Ziele der Deutschland- und Ostpolitik der Unionsparteien aufgeweicht. Strauss war der Überzeugung, ohne die Verträge hätte die deutsche Nation bei einer Wiedervereinigung eine stärkere Position gegenüber der Sowjetunion.

Soldat, Kriegsgefangener, Minister

Strauss’ Karriere hatte ihren Lauf bereits im Zweiten Weltkrieg genommen. Damals hatte er es zum Oberleutnant gebracht, obwohl er nicht Mitglied der NSDAP war. Bei Kriegsende geriet er zunächst in Kriegsgefangenschaft, wurde jedoch bereits 1945 als politisch unbelastet eingestuft. Ein US-Soldat zog ihn aufgrund seiner Englischkenntnisse zur Unterstützung bei Übersetzungen heran. Von der amerikanischen Besatzungsmacht wurde er dann zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau ernannt.

Seine politische Karriere begann und spross: 1949 wurde er zum CSU-Generalsekretär ernannt und in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Im Parlament fiel er rasch wegen seiner rhetorischen Begabung auf. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) machte ihn 1953 zum Bundesminister für Sonderaufgaben; zwei Jahre später wurde der Befürworter der Kernenergie Atomminister. 1956 wechselte er ins Verteidigungsressort und trieb den Aufbau der ein Jahr zuvor gegründeten Bundeswehr energisch voran. Nach mehreren überstandenen Affären wurde er zehn Jahre später Bundesminister der Finanzen. 1980 trat der Kanzlerkandidat als Herausforderer des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) an, scheiterte jedoch. Mittlerweile war er zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt worden. Seitdem war Strauss Landtagsabgeordneter in Bayern, sein Bundestagsmandat legte er am 29. November 1978 nieder. CSU-Parteivorsitzender blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1988.

Ein Paradox der CSU

Strauss’ zahlreiche Affären dürften in der offiziellen Erinnerung eine sehr untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Voraussichtlich nicht erwähnt werden wird auch das Paradox, das die heutige CSU auszeichnet: Einerseits geniesst Strauss in der CSU Heldenstatus. Andererseits hat sich die CSU unter der Regie des Strauss-Bewunderers Seehofer weit von ihm entfernt. Er würde sich sowohl über den heutigen Stil der Partei als auch über ihre Inhalte wohl wundern.

Wo Strauss lustvoll polarisierte und über seine Gegner herzog, versucht Seehofer jede Polarisierung möglichst zu vermeiden. «Die Leute wollen das nicht mehr», sagt Seehofer oft über das früher übliche verbale Geholze. Demonstranten pflegte Strauss bei seinen Kundgebungen zu beschimpfen. Seehofer geht gewöhnlich auf sie zu. Für die Opposition im Landtag macht es das schwieriger, sich an der CSU zu reiben, wie manche Abgeordnete von SPD und Grünen sagen. Inhaltlich hat Seehofer mehrere Glaubenssätze der Strauss-Ära über Bord geworfen. Ein Beispiel: Strauss machte Bayern zum führenden Atomland, Seehofer forcierte 2011 den Atomausstieg.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sieht naturgemäss keinen Widerspruch zwischen der neuen Seehofer-CSU und der alten Strauss-CSU. «Konservativ sein heisst, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren», zitiert er einen Strauss-Lehrsatz. In vielerlei Hinsicht ist die CSU heute weit liberaler als zu Zeiten von Strauss. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptiert die Partei mittlerweile. Und dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, ist Geschichte – heutzutage gilt zumindest verbal die «Willkommenskultur» für qualifizierte ausländische Fachkräfte.

Nur sehr wenige Politiker, die Strauss noch als Ministerpräsidenten erlebt haben, sind heute noch aktiv. Seine Skurrilitäten sind weitgehend in Vergessenheit geraten, die aus heutiger Sicht eher vorgestrig als visionär wirken: So verhinderte Strauss zum Beispiel die Aufnahme von Frauen in den bayerischen Polizeidienst. Die Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause hat Strauss als junge Abgeordnete erlebt: «Ich fand ihn sehr undemokratisch», sagt sie. Strauss weigerte sich nicht nur, die Grünen zu Staatsempfängen einzuladen, obwohl auch sie vom Volk in den Landtag gewählt waren. «Strauss hat auch versucht, Kontakte der Ministerialbeamten zu uns zu verhindern.»

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