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DEUTSCHLAND: Die verbotene Stadt zerfällt im Wald

80 Kilometer nördlich von Berlin holt sich die Natur eine verlassene Garnisonsstadt zurück. Die UdSSR brachte hier Raketen mit nuklearen Sprengköpfen in höchster Geheimhaltung in Stellung.
Christoph Reichmuth, Zehdenick
Die heruntergekommene Turnhalle in der ehemaligen Garnisonsstadt Vogelsang in Brandenburg soll dereinst ebenfalls rückgebaut werden. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Die heruntergekommene Turnhalle in der ehemaligen Garnisonsstadt Vogelsang in Brandenburg soll dereinst ebenfalls rückgebaut werden. (Bild Rudi-Renoir Appoldt)

Christoph Reichmuth, Zehdenick

Vogelsang bei Zehdenick ist ein verschlafener Ort, kleine Häuschen reihen sich aneinander, einen Ortskern hat es nicht, es gibt eine Gaststätte, aber die ist geschlossen an diesem Dienstagnachmittag. Vogelsang war mit seinen 100 Einwohnern schon immer klein und verschlafen, aber im Wald hinter der Gemeinde, da gab es mal eine Stadt, die hatte Kino, Theater, Sporthalle, Krankenhaus, Schule, Café und Hotel, Plattenbauten und unterirdische Bunkeranlagen. Es war laut und betriebsam an diesem Ort. Die 15 000 Menschen, die dort gelebt haben, sind längst fort. Geblieben ist eine Geisterstadt im dichten Wald, die in sich zerfällt, Villen und Kasernen, Bunkeranlagen und Wachtürme, die heute stille Zeugen des Kalten Krieges sind.

Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt www.rrenoir.com)
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Schule / Gymnasium (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Bäckerei (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassenes Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang (Bilder Rainer Trebels) - Wandmalereien (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang (Bilder Rainer Trebels) - Wandmalereien (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang (Bilder Rainer Trebels) - Wandmalereien (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Garage (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Bäckerei (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Haus wird von Fledermäuse bewohnt. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassenes Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassenes Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Bunker (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Bunker zur Lagerung von Atomwaffen (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda. Im Bild Rainer Trebels (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Café mit politischer Propaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Theater (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Offiziersvilla (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Offiziersvilla (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Gebäude (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Offiziersvilla (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassene Offiziersvilla (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Verlassener Hangar (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Politpropaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Politpropaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Politpropaganda (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
Garnison Vogelsang - Politpropaganda. Hier war die Skulptur einer Kalshnikov die zerstört wurde. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (www.rrenoir.com))
55 Bilder

Eine Geisterstadt aus dem Kalten Krieg

Gross wie 7100 Fussballfelder

Als Reiner Lebelt in den 1960er-Jahren in die brandenburgische Gemeinde gezogen war, war die Welt hinter den eisernen Toren militärische Sperrzone. Nur manchmal durfte der Handwerker Lebelt für Reparaturarbeiten unter strenger Beobachtung russischer Soldaten in Quartiere der abgeriegelten Stadt hinein. «Wir durften unseren Bauwagen nicht verlassen», erzählt Lebelt, «militärische Anlagen haben wir nicht zu Gesicht bekommen». Lebelt hat die wahre Dimension dieser Garnisonsstadt erst erkannt, nachdem die letzten russischen Soldaten Mitte der 1990er-Jahre den Ort verlassen hatten. «Die gingen ohne Ankündigung. Der Letzte machte das Licht aus, und fort waren die Russen», erinnert sich Lebelt, ein Mann mit der Gabe zur lebendigen Beschreibung und einem feinen Sinn für Humor. Erst Tage später hatten sich einige aus der Gemeinde gewagt, durch das Tor, das 40 Jahre lang streng bewacht gewesen war, in die Stadt hineinzugehen. Was sie vorfanden, war ein verlassener Ort, der sich auf einer Fläche von 7000 Hektaren erstreckt, ungefähr so gross wie 7100 Fussballfelder zusammen.

Die Garnisonsstadt Vogelsang, 80 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, war einst der drittgrösste Militärstandort der Gruppen der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), Ende der 1940er-Jahre bis weit in die 1950er-Jahre erbaut. Tausende junger Männer und Frauen der 25. Panzerdivision verbrachten hier ihren Dienst, Offizieren war es erlaubt, ihre Familien mitzubringen, dazu arbeiteten Hunderte russischer Zivilisten in den Lagerhallen, im Café, Krankenhaus oder den Verkaufsstellen. Militärisch war die Garnisonsstadt für die Sowjetunion von höchster strategischer Bedeutung.

Viel stärker als Hiroshima-Bombe

Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau hat die Geschichte der Garnisonsstadt Anfang der 2000er-Jahre in einer Dissertation erforscht. Dabei stiess er auf Dokumente, die belegen, dass in Vogelsang bereits drei Jahre vor der Kuba-Krise unter höchster Geheimhaltung Raketen mit nuklearen Sprengköpfen erstmals ausserhalb der Grenzen der UdSSR stationiert gewesen waren – eine ernsthafte Bedrohung für die Nato-Staaten. «Die Sow­jetunion wollte ihre militärstrategische Überlegenheit auf dem europäischen Kontinent durch Atomwaffen im Gebiet der DDR verstärken», sagt Uhl. Die in Vogelsang in Stellung gebrachten Raketen des Typs R-5M verfügten über eine Reichweite von 1200 Kilometern und waren in der Lage, die wichtigsten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Zentren Westeuropas ins Fadenkreuz zu nehmen. Jede einzelne der zwölf Nuklearraketen besass eine Sprengkraft vom 20-Fachen der Hiroshima-Bombe. Nicht einmal alle in Vogelsang stationierten Soldaten waren eingeweiht, lediglich eine Elitetruppe wusste über das Nuklearprogramm Bescheid.

Lenin weist den Weg

Von 1990 bis 2005 war Reiner Lebelt Bürgermeister seiner Gemeinde, er kennt die Geschichte der Stadt im Wald wie kaum ein anderer. Der rüstige 81-Jährige führt durch diesen gespenstischen Ort, der ihm spürbar ans Herz gewachsen ist. Durch den dichten Wald führt der Weg vorbei an einem ehemaligen Verkaufszentrum und einer Grossbäckerei, hier gab es damals frische Brötchen, Wodka und eine breite Auswahl an Lebensmitteln, wie sie kein Geschäft in der DDR jemals im Angebot hatte. Daran erinnert sich Lebelt gut. Manchmal, wenn er zum Arbeiten in der Stadt war, durfte er sich dort mit Lebensmitteln eindecken.

Weiter geht es durch das Dickicht zum Theater, vorbei an einem ehemaligen Café mit breiter Fensterfront und Gartensitzplätzen, vorbei auch an einem stattlichen Gebäude mit geschwungener Treppe und Säulen vor dem Eingangstor. Die Scheiben sind zerborsten, der Boden teilweise eingebrochen, das Holz morsch, ein Paradies für Spinnen. Nebenan das ehemalige Gymnasium, auch dieses Gebäude holt sich die Natur allmählich zurück, an den Wänden sind bunt bemalte Bilder russischer Märchenfiguren zu sehen. Der Parkettboden in der Turnhalle ist aufgebrochen, der Korb fürs Basketball-Spiel verschwunden. Irgendwann führt der Fussmarsch zu einer lang gezogenen Steinmauer, sie ist versehen mit russischer Propaganda, die Geschichten erzählt von wehrhaften Soldaten und dem tapferen Proletariat. Ein übergrosser, in Stein geschlagener Lenin weist den Weg. Seine Farbe bröckelt ab. Um Lenin herum ist es einsam geworden.

Viele Gebäude der einstigen Garnisonsstadt gibt es heute nicht mehr, die Plattenbauten, Kasernen, das Hotel, die Kläranlage, alles wurde weggesprengt oder zurückgebaut. Auch die heute noch stehenden Häuser sollen bald verschwinden, doch das Geld für den Rückbau fehlt. Lebelt kämpfte als Bürgermeister vergebens für den Erhalt der Anlage, heute hat er diesen Kampf aufgegeben. Vogelsang ist nicht mehr zu retten. Ein Freilichtmuseum hätte sich der Zeitzeuge vorstellen können, es gab auch Investoren, die wollten einzelne Häuser kaufen, doch verwirklicht hat die Pläne am Ende niemand. «Wer will denn hier investieren? In der Region sind viele arbeitslos, die Jungen ziehen doch alle fort», sagt Lebelt, in seinen Worten schwingt Enttäuschung mit.

Zwei Meter dicke Betonwände

Für immer bleiben werden die beiden massiv gebauten Bunker, in denen die Atomsprengköpfe gelagert waren. Die zwei Meter dicken Betondecken lassen sich nicht wegsprengen, Fledermäuse haben heute hier Quartier bezogen, vermutlich werden die Bunker irgendwann einmal einfach zugeschüttet. 1959 lagerten die Atomsprengköpfe nur ein halbes Jahr lang in Vogelsang. Stationiert wurden die Nuklearraketen zur Zeit der Berlin-Krise. Der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow wollte Berlin zu einer freien, entmilitarisierten Stadt erklären, um die Westmächte aus dem Gebiet der DDR zu verdrängen. Das westliche Militärbündnis war zu keinerlei Kompromissen in der Berlin-Frage bereit, dennoch verliess die Raketeneinheit die Stellung in Vogelsang im August 1959 völlig unerwartet und überstürzt in Richtung Kaliningrad.

Chruschtschows Druckmittel

Kurze Zeit später entspannte sich das Verhältnis zwischen den USA und der UdSSR merklich, Chruschtschow wurde im September in Washington durch den damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower herzlich empfangen. Der Russe zog seine Forderungen für Berlin zurück und stimmte Abrüstungsverhandlungen mit den USA zu, als Gegenleistung stellten die USA verbesserte Handelsbeziehungen in Aussicht. Wichtige Dokumente lagern bis heute in Archiven, Matthias Uhl ist aber überzeugt, dass sich die beiden verfeindeten Grossmächte in dieser heiklen Phase nicht zuletzt deshalb angenähert hatten, weil die UdSSR mit den Atomraketen auf dem Gebiet der DDR über ein Druckmittel verfügt hatte. Die tödliche Bedrohung von Vogelsang versetzte Moskau in eine bessere Verhandlungsposition.

Reiner Lebelt steht vor einem der überwucherten Lagerbunker. Er kennt das Gelände wie seine Westentasche, trotzdem hat er jedes Mal, wenn er in das Gebiet vordringt, seine Fotokamera dabei. Er findet immer wieder neue Details, die er mit der Kamera festhält. «Hätte ich damals ein Foto von der Anlage gemacht», sagt Lebelt, «hätten die mich gleich an die Wand gestellt und erschossen.» Reiner Lebelt lacht, wenn er diesen Satz sagt. Gut, dass sich die Zeiten in Vogelsang geändert haben.

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