DEUTSCHLAND: «Er ist uns die Wahrheit schuldig»

Sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden einstige SS-Täter vor Gericht gezogen. Der Auschwitz- Überlebende Henry Schwarzbaum wird gegen einen Ex-Wachmann aussagen.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Der junge Henry mit seinen Eltern Josef und Esthera; stehend sein Onkel Moritz.

Der junge Henry mit seinen Eltern Josef und Esthera; stehend sein Onkel Moritz.

Christoph Reichmuth, Berlin

«Die SS war grausam und sadistisch, die Nazis haben mein Leben zerstört. 35 Angehörige meiner Familie sind ermordet worden. Je älter ich werde, desto mehr muss ich an das Geschehene denken. Ich bin jetzt 95 und träume häufig davon. Warum haben diese Menschen so etwas getan? Warum haben so viele mitgemacht, was war der Grund oder die Motivation? Das möchte ich gerne wissen. Warum so viele Millionen Juden, Sinti, Roma und andere Menschen ermordet worden sind.»

(Notizen von Henry Schwarzbaum für seine Aussage vor Gericht)

Henry Schwarzbaum, 95, wirkt wortkarg, beinahe distanziert. Er bittet in sein mit vielen Antiquitäten eingerichtetes Wohnzimmer in einem schicken Appartement im Berliner Villenviertel Grunewald und reicht ein achtseitiges Dokument herüber. «Lesen Sie das. Wenn Sie dann noch Fragen haben, bitte schön.»

Gesamte Familie ausgelöscht

Das Dokument zeichnet im Zeitraffer eine Lebensphase von Henry Schwarzbaum nach, die ihn in die Hölle von Auschwitz geführt hat. Auf den letzten beiden Seiten hat Schwarzbaum ans Ende seiner Ausführungen sehr oft ein Fragezeichen gesetzt. Es ist die Frage nach dem Warum, die sich wie ein roter Faden durch die letzten Abschnitte zieht und ihn bis heute umtreibt. Vor über 70 Jahren war Schwarzbaums Martyrium in der Todesfabrik Auschwitz zu Ende, die Freiheit hat er bis heute nicht gefunden. Die Nazis haben seine gesamte Familie ausgelöscht im Holocaust.

Die Worte, die Schwarzbaum am Computer niedergeschrieben und mit handgeschriebenen Randnotizen verfeinert hat, will er am 13. April am Landgericht Hanau an Ernst T., heute 93, richten. Ernst T. war, so schreibt es die Anklage, vom 1. November 1942 bis zum 25. Juni 1943 als Mitglied des SS-Totenkopfsturmbannes im Wachtdienst des Konzentrationslagers Auschwitz tätig. Der Mann verrichtete seinen mörderischen Dienst im grössten deutschen KZ genau zu jener Zeit, als Henry Schwarzbaums Eltern Josef und Esthera in der Gaskammer ermordet worden sind. Schwarzbaum ist angespannt. Wird er dem Mörder seiner Eltern gegenübersitzen? Hat Ernst T. mit seinen Eltern gesprochen – hat er sie in die Gaskammer gehen sehen, ihre Leichen vielleicht?

Letzte noch lebende Täter

In Deutschland wird sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Tätern von damals der Prozess gemacht. Sommer 2015: Vier Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen für den ehemaligen SS-Unterscharführer Oskar Gröning, 94 Jahre alt. Noch im Gang ist der Prozess gegen einen früheren SS-Wachmann von Auschwitz, ihm wird Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen zur Last gelegt. Weitere Prozesse folgen, gegen Hubert Z., einst Sanitäter in Auschwitz, Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen, Anklage in Kiel gegen eine 92-jährige Frau, ehemalige Funkerin von Auschwitz. Vorwurf: Beihilfe bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden. Es stehen die letzten noch lebenden Täter von Auschwitz vor deutschen Gerichten.

Alte Rechtsprechung gekippt

Dass es so spät überhaupt zu Verfahren gegen einstige SS-Angehörige kommt, hängt mit einem Urteil aus dem Jahr 2011 zusammen. Damals wurde John Demjanjuk, ehemaliger Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28 000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Erstmals seit Jahrzehnten wurde mit Demjanjuk ein SS-Mitglied für Beihilfe zum Massenmord verurteilt, ohne dass eine konkrete Tötungshandlung nachgewiesen werden konnte. Allein Demjanjuks Anwesenheit in der Todesfabrik und sein Mitwirken im KZ wurden als Beihilfe zu Mord eingestuft. Damit hat das Münchner Gericht eine Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) aus den 1960er-Jahren umgestossen. Die oberste Instanz hielt damals fest, dass eine reine Anwesenheit in Auschwitz für eine Verurteilung nicht ausreicht. Den Angeklagten müssten konkrete Taten nachgewiesen werden können. Infolge dieses Urteils wurden viele ehemalige SS-Schergen nie zur Rechenschaft gezogen, das war nach dem Gusto vieler Juristen, sie waren nicht gezwungen, in die Mitte der damaligen Gesellschaft zu zielen. Alleine in Auschwitz haben zwischen 1940 und 1945 etwa 6500 Männer und Frauen Dienst für die SS geleistet – lediglich 50 von ihnen wurden in Prozessen für ihre Taten verurteilt. Die Taten des überwiegenden Teils der damaligen SS-Angehörigen werden ungesühnt bleiben. Die derzeitigen Prozesse haben symbolischen Charakter.

Henry Schwarzbaum sagt über den Angeklagten Ernst T.: «Ich möchte ihn nicht im Gefängnis sehen. Er soll sagen, was er gesehen und was er getan hat. Und warum er das getan hat. Er ist uns die Wahrheit schuldig.» Schwarzbaum möchte wissen, warum man seine Familie ausgelöscht hat, nur weil sie jüdischen Glaubens war. Schwarzbaum, geboren in Hamburg und als Kleinkind nach Polen übergesiedelt, ist nur 50 Kilometer von Auschwitz entfernt in einer polnischen Stadt in Oberschlesien aufgewachsen. Als Henry Schwarzbaum im August 1943 nach Auschwitz verschleppt wird, sind seine Eltern schon seit fünf Wochen tot – sie wurden direkt nach ihrer Ankunft im KZ in der Gaskammer ermordet.

Angeheuert als Laufbursche

Im Lager wird Schwarzbaum von einem jüdischen Mithäftling die Nummer 132624 auf den Oberarm tätowiert. «Schau, dass du irgendeine Aufgabe bekommst, sonst wirst du sofort sterben», rät ihm der Mithäftling. Der sportliche Henry meldet sich beim Appell am nächsten Tag als Laufbursche. Er steht nun im Dienst eines sadistischen Vorgesetzten, der willkürlich tötet, wenn ihm danach ist. 14 Stunden täglich muss der junge Schwarzbaum melden, was er im Lager sieht, wer ankommt, wer sich vor dem Lager aufhält – einmal kurz einnicken, etwas übersehen, Schwarzbaum wäre auf der Stelle erschossen worden. «Ich hatte jeden Tag den Schornstein des Krematoriums im Blick», erzählt Schwarzbaum, nun weitaus gesprächiger als zu Gesprächsbeginn. Er rückt eine Vase auf die Tischmitte, hält seine flache Hand ungefähr auf doppelter Höhe darüber. Die Vase symbolisiert den Kamin, die mit der Hand gezeichnete Grenze die Höhe der Flammen, die aus diesem herausgeschlagen sind. «Menschen brennen gut. Das weiss jeder, der in Auschwitz war.» Schwarzbaum hört noch heute die Schreie der Frauen und Kinder, die auf dem Weg in die Gaskammer waren, er hat die Klänge der Musik der dazu spielenden Auschwitz-Kapelle noch heute in den Ohren, er kennt das Gefühl der Angst, jeden Moment ermordet zu werden, den Geruch verbrannten menschlichen Gewebes.

«Es kann sich wiederholen»

Schwarzbaum hat Glück, die Leute von Siemens suchen Facharbeiter für ein Nebenlager von Auschwitz, Schwarzbaum wird abkommandiert. Im Januar 1945, als die Rote Armee näherrückt, wird er auf den Marsch nach Gleiwitz und von dort weiter ins Lager in Buchenwald geschickt. Schwarzbaum überlebt den Krieg, kehrt kurz nach Mai 1945 in seine polnische Heimatstadt Bedzin zurück, doch niemand ist mehr hier, keine Menschenseele. Er versucht später sein Glück in den USA, kehrt zurück nach Deutschland, lernt seine Frau kennen und eröffnet einen Antiquitätenladen. Er ist im Land der Täter, aber er kann nichts fühlen, weder Hass noch Freude. Vertrauen in seine Heimat hat er bis heute nicht gefasst. «Es kann sich wiederholen. Die Gefahr geht immer noch von hier aus.»

Auf den Prozess wird er sich gut vorbereiten. Den Text, den er vorlesen wird, wird er noch viele Male überarbeiten. Er weiss nicht, wie er auf Ernst T. reagieren wird, der damals in Auschwitz 19 Jahre alt war und der sich deshalb vor der Jugendkammer zu verantworten hat. Vielleicht wird T. reden, mehr würde Schwarzbaum gar nicht erwarten. Er kann nicht verzeihen, aber er würde ein bisschen Ruhe finden, wenn ihm jemand, der damals Täter war, Antworten auf Fragen geben könnte, mit denen er sich seit über sieben Jahrzehnten auseinandersetzt.