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DIGITALISIERUNG: Der Kampf um die Schule von morgen

Die Schweizer Wirtschaft will, dass in den Schulen das individualisierte Lernen gefördert wird. In Niederhasli ist das längst Tatsache – und das Beispiel zeigt, wie steinig der Weg in die digitale Zukunft ist.
Dominic Wirth
Das iPad ist im Sekundarschulhaus Seehalde in Niederhasli allgegenwärtig. (Bild: Sabrina Stübi (Niederhasli, 3. April 2018))

Das iPad ist im Sekundarschulhaus Seehalde in Niederhasli allgegenwärtig. (Bild: Sabrina Stübi (Niederhasli, 3. April 2018))

Dominic Wirth

«Und jetzt alle einloggen», sagt Lehrer Davide Carls, und schon flitzen Dutzende Kinderhände über iPad-Bildschirme. Kurz darauf erscheint die erste Frage auf dem grossen Bildschirm, der in diesem Schulzimmer der Zukunft als Wandtafel dient. Ein Quiz zum Warmwerden, so beginnt Carls seine Deutschstunde an diesem Tag. Seine Schüler antworten mit einem Wisch über den Touchscreen. Später trainieren sie am iPad ihr Lese­verständnis. Carls nutzt sein Gerät, um ihnen über die Schulter zu schauen, für jeden Schüler erscheint ein Balkendiagramm auf dem iPad des Lehrers: Grün für richtig, rot für falsch, eine Prozentzahl für den Lernfortschritt.

Im Trakt C der Sekundarschule Seehalde, der «Lernhaus Flow» heisst, dreht sich alles um das iPad. Das ist im ersten Stock der Schule im Zürcher Dorf Niederhasli so, im Zimmer von Lehrer Carls. Und auch eine Etage höher, wo gerade ein Schar Kinder im Office sitzt. Hier lernen die Schüler selbstorganisiert. Sie entscheiden, was sie mit ihrer Zeit machen; vom einen iPad leuchtet eine Landkarte, vom nächsten ein Dreieck.

Vom Lehrer nur noch Inputs

Von aussen sieht das Schulhaus Seehalde aus wie viele andere: ein- und zweistöckige Gebäude mit flachen Dächern, davor ein grosser grauer Pausenplatz mit Tischtennistischen, daneben ein roter Platz und eine Wiese, auf der Fussballtore stehen. Doch die Seehalde, die dort liegt, wo Niederhasli beginnt, ist vieles. Aber eine normale Schule ist sie nicht. Denn sie geht seit Jahren bei einer grossen Frage voran: Wie umgehen mit der Digitalisierung in der Schule?

Für manche ist das Zürcher Schulhaus ein Ort der Zukunft, ein Vorreiter, an dem sich andere Schulen im Land orientieren sollen. Pädagogische Hochschulen schicken ihre Studenten hierher, und als Economiesuisse kürzlich an einer Pressekonferenz darlegte, wie die digitale Zukunft an den Schulen aussehen soll, spielte der Wirtschaftsdachverband ein Video aus Niederhasli vor. Das individualisierte Lernen ist für ihn die Zukunft, und er setzt sich dafür ein, dass die Schulen dieses Modell forcieren. Doch die Geschichte des Schulhauses Seehalde zeigt, dass dieser Weg ein steiniger werden kann. In Niederhasli hat er zu Widerstand geführt, zu Streit gar. Bald wird diese Geschichte um ein weiteres Kapitel reicher: Am 15. April, wenn die Schulpflege neu gewählt wird. Es steht dann nichts weniger als die Philosophie der Schule auf dem Spiel. Und die Geschichte von Niederhasli ist eine, die sich an vielen Schulen wiederholen könnte, wenn sie tun, was die Wirtschaft fordert – und vermehrt auf das individualisierte Lernen setzen.

Marco Stühlinger sitzt in einer der flachen Seehalde-Bauten an einem Tisch, vor ihm ein Laptop, hinter dem Fenster das Zürcher Unterland, am Himmel ständig Flugzeuge, die den nahen Flughafen Kloten anvisieren. Der Leiter Bildung der Schule gehört zu jenen, die mit aller Kraft hinter dem stehen, was in Niederhasli passiert. Er ist Mitte 30, trägt ein grünes Hemd und einen Fünftagebart; wenn Schüler ihn etwas fragen und er gerade keine Zeit hat, schlägt er vor, man könne ja später noch chatten. Für Besucher hat Stühlinger eine Präsentation vorbereitet, die all das, was in Niederhasli seit 2013 so viel zu reden gibt, auf ein paar Folien zusammenfasst. Begriffe wie Office, Homebase oder selbstorganisiertes Lernen (SOL) schwirren dann durch den Raum, und schnell wird klar: Viel ist hier von der alten Volksschule nicht übrig geblieben. Statt Jahrgangsklassen sitzen in so genannten Homebases je fünf Schüler aus der siebten, achten und neunten Klasse; etwa ein Drittel der Unterrichtszeit der 13- bis 16-Jährigen spielt sich im Office ab, wo sie selbstorganisiert lernen; statt Frontalunterricht gibt es nur noch vereinzelte Input-Lektionen; zentrales Arbeitsinstrument ist das iPad. Mit ihm greifen die Schüler etwa auf digitale Lehrmittel zu, nutzen Lernseiten im Internet oder eine App für den Französisch-Wortschatz.

«Was wir hier machen, ist zeitgemäss und bereitet unsere Schüler für die Zukunft vor», sagt Stühlinger während seiner Präsentation irgendwann. Wenn er an seine eigene Schulzeit denkt und daran, wie er sie in Erinnerung hat, dann kommt er bald einmal auf das «Bulimie-Lernen» zu sprechen. Er meint das Auswendiglernen von Stoff, um ihn nach der Prüfung sogleich wieder zu vergessen. So etwas wollen sie an der Seehalde unbedingt vermeiden, und ihr Zauberwort heisst selbstorganisiertes Lernen. Die Schüler entscheiden selber, wie sie sich einteilen, was sie wann tun, um am Schluss den Stoff zu beherrschen, der auch in der Seehalde mit Prüfungen abgefragt wird. Bei Fragen steht ein Lerncoach bereit. «Unser Modell rüstet die Schüler besser für die moderne Arbeitswelt, weil sie selbständiger werden, zuverlässiger, initiativer», sagt Stühlinger.

Widerstand mit allen Mitteln

Niederhasli ist ein Ort mit vielen Einfamilienhäusern, aber ohne Gesicht; dem grossen Zürich nah und doch fern. Nah, weil das 9000-Seelen-Dorf zum Agglomerationsbrei gehört, der sich um die Stadt ausbreitet. Fern, weil hier im Gegensatz zum rot-grünen Zürich rechtskonservative Werte dominieren. Bei den letzten Parlamentswahlen kam die SVP auf beinahe 50 Prozent der Stimmen. Dass ausgerechnet in diesem Ort jene Schule steht, die landesweit als ein digitaler Vorreiter gilt, liegt an Gregory Turkawka, dem ehemaligen Leiter. Er hat die Seehalde zwar im letzten Jahr verlassen, doch in Niederhasli ist er bis heute präsent geblieben – und zwar bei Marco Stühlinger, der mit ihm gearbeitet hat, genauso wie bei jenen, die seine Ideen seit jeher bekämpfen.

Das Haus von Suzanne Weigelt steht in Sichtweite des Seehalde-Schulhauses. Weigelt war dort einst selbst Lehrerin, doch als Schulleiter Turkawka die digitale Wende ausrief, kündigte sie nach elf Jahren. Seither gehört sie zum Kreis jener, die sich in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen haben – und an dem, was in der Seehalde passiert, kein gutes Haar lassen. Zusammen mit Mitstreiterin Nicole Fuchs sitzt sie jetzt in ihrem Wohnzimmer, auf einer Holzkommode steht Osterschmuck. «Die Schüler an der Seehalde werden überfordert und sich selbst überlassen, sie sind schlicht zu jung, um so viel selbstorganisiert zu erlernen», sagt Weigelt. Sie spricht von «riesigen Stofflücken», mangelnder Kontrolle der Schüler durch die Lehrer und verweist darauf, dass viel weniger Sekschüler den Sprung an Kanti oder BMS schaffen als im kantonalen Durchschnitt. Die Schulleitung erwidert, die kantonale Stellwerk-Tests zeigten, dass die schwächeren Schüler sich seit dem Systemwechsel verbessert hätten – und die guten gleich gut geblieben seien.

Die Gegner haben in den vergangenen Jahren einiges versucht, um den ­digitalen Wandel in Niederhasli auf­zuhalten. Sie haben – erfolglos – eine ­Aufsichtsbeschwerde beim Zürcher Volksschulamt eingereicht, 2015 mit Plakaten wie «SOS=SOL» auf dem Pausenplatz demonstriert und über Budgetkürzungen Druck auf die Schule ausgeübt. Und sie haben auch etwas erreicht: Etwa, dass im zweiten Sekundarschulhaus der Schulgemeinde im benachbarten Niederglatt wegen der Proteste ein Marschhalt ausgerufen wurde; der Systemwechsel, der eigentlich auch dort angedacht war, ist auf Eis gelegt.

Die neuen iPads sind schon bestellt

Doch das genügt den Gegnern nicht, und schon bald steht für sie so etwas wie die letzte Schlacht an: Bei den Sekundarschulpflege-Wahlen am 15. April kandidieren vier IG-Vertreter für die sieben Sitze; Nicole Fuchs will neue Präsidentin werden. Und sie macht klar: Wenn sie gewählt wird, will sie einiges verändern an der Seehalde. «Ich will eine engere Betreuung der Schüler, mehr Kontrolle, das Klassenlehrer-Modell wieder stärken. Und das iPad würde nicht als einziges Lehrmittel zum Einsatz kommen», sagt Fuchs, die selber einen Sohn hat, der bald in die Seehalde kommt – und einen, der die Schule schon besucht hat. Als im Kanton Zürich kürzlich darüber abstimmt wurde, ob der Lehrplan vors Volk soll, haben Fuchs wie auch Weigelt Ja gestimmt; wenn man die beiden fragt, ob sie sich gegen jede Veränderung im Klassenzimmer sträubten, wehren sie sich. «Auch wir wollen den digitalen Wandel, aber massvoll», sagt Weigelt.

Es könnte sich also bald einiges ändern an der Seehalde. Marco Stühlinger glaubt nicht, dass die IG-Vertreter am ­ 15. April eine Mehrheit erringen werden. Doch auch für ihn ist klar: Mehr Veränderung verträgt seine Schule derzeit nicht. Er selber denkt zwar schon an die nächsten Schritte; das pädagogische Konzept der Gamifizierung etwa, bei dem sich die Schüler in höhere Levels vorarbeiten und diese halten müssen. Aber in Niederhasli will er sich jetzt darauf konzentrieren, das System zu optimieren: «Wir haben einen Marathon hinter uns, nun müssen wir zur Ruhe kommen.» Den eingeschlagenen Weg aber will Stühlinger weitergehen, und auch die iPads bleiben. Bereits sind neue bestellt, sie werden im Sommer geliefert.

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