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DOPPELGÄNGER: Wie ein Ei dem anderen

Die Idee eines fremden Menschen, der einem aufs Haar gleicht, fasziniert Menschen seit eh und je. Aus Sicht der Genetik ist es nicht unmöglich. Das grosse Kunststück ist, ihn zu finden.
Nein, das sind keine Zwillinge. Rudi Kistler und Maurus Oehman (fotografiert 2012) sind zwar beide aus Mannheim, jedoch nicht verwandt miteinander. (Bild: Dukas/François Brunelle)

Nein, das sind keine Zwillinge. Rudi Kistler und Maurus Oehman (fotografiert 2012) sind zwar beide aus Mannheim, jedoch nicht verwandt miteinander. (Bild: Dukas/François Brunelle)

Doppelgänger-Treffen: Zwei Videos von nicht verwandten «Zwillingen» finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/video

Annette Wirthlin

«Do you know someone who looks like us? Help us find our Twin Strangers», also «Kennst du jemanden, der aussieht wie wir? Hilf uns, unseren fremden Zwilling zu finden». Dazu forderten drei junge Iren, zwei Männer und eine Frau, vor rund einem Monat über sämtliche sozialen Networking-Plattformen und eine eigene Website auf. Ausgehend von der (wo auch immer aufgegabelten) Annahme, dass es auf der Welt sieben Menschen gibt, die so aussehen wie man selbst, starteten sie unter sich einen Wettbewerb, wer zuerst ein überzeugendes Double gefunden hat. Seither wird laufend im Internet (www.twinstrangers.com) kommentiert, wie die Suche vorangeht.

Und es geht so einiges. Nicht nur Harry, Niamh und Terence, so heissen die drei Projektinitianten, haben teils erstaunliche «Zwillinge» kennen gelernt, auch Hunderte von anderen Menschen aus aller Welt haben ihre Fotos hochgeladen und warten gespannt darauf, durch die Community auf einen Doppelgänger irgendwo auf dieser Welt aufmerksam gemacht zu werden. So auch die Autorin dieses Artikels, für die allerdings bis dato noch keine «Matchings» eingegangen sind ausser einem schmeichelhaften, aber ziemlich unzutreffenden Hinweis auf die Schauspielerin Jennifer Aniston, mit welcher sie nicht mehr als Haarfarbe und -länge teilt.

«Genau wie die Mutter»

Es ist offensichtlich: Die Vorstellung, einem fremden Menschen zum Verwechseln ähnlich zu sehen, fasziniert. Aus dem Familienkreis sind sich fast alle von uns mehr oder weniger starke Ähnlichkeiten gewohnt («Du bist deinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten», «Genau wie die Mutter!»), manche werden sogar am laufenden Band mit ihrem Geschwister verwechselt, weil sie als eineiiger Zwilling fast ihr ganzes Erbgut mit ihm teilen. Doch die Vorstellung eines wildfremden Menschen, der unter Umständen am anderen Ende der Welt lebt und von völlig anderen Eltern abstammt, das ist nochmals etwas ganz anderes. Auch nur schon deshalb, weil man einem solchen Menschen im Laufe des Lebens so selten oder auch nie – begegnet. Denn wie oft hört man den Satz «Ich kenne jemanden, der sieht aus wie du», ohne diesem angeblichen «Klon» dann jemals live zu begegnen?

Das Phänomen des «Doppelgängers» übrigens ein Begriff, der in viele andere Sprachen tel quel übernommen wurde – beschäftigt die Menschheit nicht erst, seit es Facebook und Co. gibt. In der Kunst und der Literatur war es, besonders in der Romantik, ein häufiges Motiv. Das Gedicht «Das Spiegelbild» von Annette von Droste-Hülshoff, die Kurzgeschichte «Ein Doppelgänger» von Theodor Storm, die Novelle «Dr. Jekyll and Mr. Hyde» von Robert Louis Stevenson oder «Das Bildnis des Dorian Gray» von Oscar Wilde sind nur einige Beispiele.

Ähnlichkeit bedeutet Harmonie

Hinter der Doppelgänger-Faszination steckt auch die fundamentale Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen. Also ein Überprüfenwollen, ob es mich vielleicht doch noch irgendwo ein zweites Mal gibt. «Wir Menschen sind widersprüchliche Wesen», sagt dazu der Luzerner Philosoph Roland Neyerlin. «Einerseits wollen wir individuell sein, einzig und unverwechselbar, andererseits sehnen wir uns nach Gleichheit als Übereinstimmung oder Deckungsgleichheit. Wir fühlen uns wohl und verstanden, wenn wir auf Menschen treffen, die ähnlich oder noch besser gleich denken, fühlen und handeln wie wir. In unserer Gesellschaft bedeutet Harmonie trügerischerweise vor allem Übereinstimmung.» Und Menschen, die wie Klone von uns selber aussehen, seien natürlich der Inbegriff totaler Gleichheit als Gleichschaltung.

Mit dem Fremden und Andersartigen hingegen würden wir im Allgemeinen eher Mühe bekunden. In diesem Sinne versteht Neyerlin die Sehnsucht nach dem Doppelgänger, der Verdoppelung des eigenen Ichs, auch als Hybris, also eine Art Hochmut: Was mir widerspricht, soll mir gleichgemacht werden.

Frappierende Ähnlichkeiten können auch Angst machen. Man muss sich nur einmal vorstellen, man sitze urplötzlich morgens im Zug seinem perfekten Ebenbild gegenüber und schaue sich quasi selbst in die Augen. «Natürlich erschrecken wir fürchterlich, wenn wir plötzlich nicht mehr einzigartig, sondern bloss Duplikate wären», sagt Roland Neyerlin. «Denn totale Gleichheit bedeutet immer auch den Verlust der Individualität. Gleichheit als Gleichmacherei trägt den Terror schon in sich, das hat mich Hannah Arendt gelehrt. Fundamentalismus jeglicher Provenienz zerstört schlussendlich die Menschlichkeit.»

Unheimliches Gefühl

So weit geht es natürlich nicht bei der Faszination für «fremde Zwillinge». Doch zugegeben, etwas Unheimliches hat es schon, das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man etwa die Bilder des franko-kanadischen Fotografen François Brunelle betrachtet (siehe oben). Über viele Jahre hinweg fotografierte er Menschenpaare, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen ohne miteinander verwandt zu sein, versteht sich. Wie ist das nur möglich?, fragt man sich da unweigerlich und reibt sich verwundert die Augen. Fast möchte man dahinter etwas Übernatürliches vermuten oder zumindest einen fiesen Trick.

In Anbetracht der Tatsache, wie viele total verschieden aussehende Menschen es gibt, mag es überraschen, dass sich jede zwei beliebig ausgewählte Erdenbürger 99,5 Prozent ihres Genoms teilen. So ist es aber! Die Unterschiede in ihrem äusserlichen Erscheinungsbild hingegen liegen in den Informationen des restlichen halben Prozents. «Unser menschliches Erbgut besteht aus drei Milliarden Bausteinen», erklärt die Medizinprofessorin und Direktorin des Instituts für Medizinische Genetik an der Universität Zürich, Anita Rauch. «Unterscheiden tun wir uns aber ‹nur› in ein paar Millionen. Das klingt im Verhältnis nach wenig, erlaubt aber immer noch wahnsinnig viel Variation.»

In verschiedene Familien adoptiert

Wie man weiss, haben eineiige Zwillinge fast zu 100 Prozent die gleichen Geninformationen innerhalb dieses restlichen halben Prozents ihres Genoms. Bei zweieiigen Zwillingen und normalen Geschwistern sind es 50 Prozent. Dasselbe gilt jeweils für Elternteile mit ihren Kindern. Bei Cousins ist es immerhin noch ein Achtel.

Was feststeht, ist, so die Expertin, dass unverwandte Menschen mit ähnlichen Gesichtszügen tatsächlich mehr Gen-Ausprägungen miteinander teilen als solche, die völlig verschieden aussehen. Dass es gar so viele seien wie bei eineiigen Zwillingen, hält sie allerdings für «relativ unwahrscheinlich». Sie selber habe einmal eine Talkshow am Fernsehen gesehen, in der über die grosse Ähnlichkeit zweier Frauen gerätselt wurde. «Am Ende stellte sich heraus, dass es eineiige Zwillinge waren, die nach der Geburt von zwei verschiedenen Familien adoptiert worden waren.»

Wenn Menschen übers Internet einen Fast-Doppelgänger ausfindig machen, könne es gut sein, so die Genetikerin, dass sich deren Gene rein zufällig ähnlich «gemischt» haben. Doch es liege immer auch die Vermutung nahe, dass die Menschen auf gemeinsame Wurzeln zurückzuführen sind wenn auch weit zurückliegende. Anita Rauch: «Forscher gehen davon aus, und das ist kein Märchen, dass alle blauäugigen Menschen von einem und demselben Menschen abstammen, der vor 10 000 Jahren, nordöstlich vom Schwarzen Meer, eine Genmutation hatte», sagt sie. «Ursprünglich hatten nämlich alle Menschen braune Augen.» Zudem wisse man, dass sich in abgeschiedenen Gegenden, wo es wenig genetischen Austausch gibt, die Menschen untereinander ähnlicher sind als anderswo.

Zur öfter gehörten Behauptung, dass jeder Mensch sieben Doppelgänger habe auf der Welt, kann Anita Rauch keine wissenschaftliche Studie nennen. Im Gegenteil sei gerade unter Rechtsmedizinern eine Diskussion darüber im Gange, dass es eben keinerlei Studien darüber gebe, wie viele Menschen auf der Welt zufällig die gleichen Fingerabdrücke oder die gleichen Gebissabdrücke haben (was aber bei der Aufklärung von Verbrechen von Interesse wäre). Anita Rauch vermutet deshalb, dass es sich bei den sieben Doppelgängern eher um eine Art Volksmärchen handelt.

Computer sucht ähnliche Gesichter

Trotzdem, das Suchen lohnt sich. Denn wie cool muss es sein, einen Menschen kennen zu lernen, der fast genauso aussieht wie man selber, und dann herauszufinden, ob er auch das gleiche Bier trinkt oder dieselbe Partei wählt? Zudem kann die Suche an sich schon sehr unterhaltsam sein. Man kann zum Beispiel spasseshalber sein Foto bei Google Images hochladen und den Computer nach ähnlichen Gesichtern suchen lassen. Harry und Terence, die beiden Männer des Twin-Strangers-Projekts, haben es ausprobiert. Unter den Vorschlägen, die der Computer ausspuckte, tauchte sowohl bei Harry als auch bei Terence das Bild ein und desselben europäisch aussehenden Mannes auf. Witzigerweise gleichen sich die beiden aber nicht im Geringsten; Harry ist nämlich weisser und Terence schwarzer Hautfarbe. Auf den Computer ist also diesbezüglich kein Verlass.

Aber auch wenn Menschen die Ähnlichkeiten zwischen anderen Menschen beurteilen, ist Vorsicht geboten. Manchmal sind es kleine Details in der Mimik, die uns und nur uns – den Eindruck geben, dass zwei Menschen Doppelgänger-Potenzial haben. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass die Angesprochenen selber über den Vergleich empört sind, ähnlich wie man jemandem beim Schätzen des Alters zehn Jahre zu viel gegeben hat. Ganz nach dem Motto: «Wie bitte, dem soll ich gleichen? Das ist doch bloss eine miese Kopie!»

Nach gemeinsamer Schminkstunde. Niamh vom TwinStrangers-Projekt (rechts) lernte mit Karen eine verblüffende Doppelgängerin kennen. (Bild: Screenshot twinstrangers.com)

Nach gemeinsamer Schminkstunde. Niamh vom TwinStrangers-Projekt (rechts) lernte mit Karen eine verblüffende Doppelgängerin kennen. (Bild: Screenshot twinstrangers.com)

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